Alice Küng

Religion im Diversity Management

Religion gehört zu den zentralen Dimensionen von Diversität – und wird im Arbeitsalltag dennoch oft ausgeklammert. Während Unternehmen Vielfalt sonst strategisch managen, gilt Religion bei den meisten weiterhin als Privatsache oder potenzieller Störfaktor. Eine religionswissenschaftliche Studie zeigt, wie Schweizer Grossunternehmen mit religiöser Vielfalt umgehen, welche Folgen dies für Arbeitnehmende hat und warum vermeintliche Neutralität oft Ausschluss reproduziert.

Ein Sommerfest im Innenhof eines Grossunternehmens an einem Donnerstagnachmittag: Auf den Tischen stehen Wasser und Fruchtsäfte, es gibt vegetarische Häppchen. Eine Muslimin trägt Kopftuch, ein jüdischer Mitarbeiter eine Kippa, eine Hinduistin ein Bindi, eine Katholikin ein Kreuz. Der Anlass findet während der regulären Arbeitszeit statt, auf Alkohol und Schweinefleisch wird verzichtet, der Umgang ist respektvoll und wertschätzend. So könnte gelungener Umgang mit religiöser Vielfalt am Arbeitsplatz aussehen. Doch die Realität in Schweizer Unternehmen sieht meist anders aus.

Was Diversity Management bedeutet

Diversity Management bezeichnet die betriebliche Strategie, Vielfalt in der Belegschaft nicht nur zu tolerieren, sondern aktiv zu fördern. Neben Geschlecht, Alter, Herkunft, sexueller Orientierung und Behinderung gehört auch Religion zu den zentralen Diversity-Dimensionen. Ziel ist es, Unterschiede nicht als Problem, sondern als Potenzial zu verstehen und ein inklusives Arbeitsumfeld zu schaffen.

In der Praxis bleibt Religion jedoch oft aussen vor. Zwar wird sie in offiziellen Leitbildern oder Diversity-Statements häufig erwähnt, doch konkrete Massnahmen sind selten. Datenschutzbestimmungen dienen vielen Unternehmen als Vorwand, um keine Daten über die Religionszugehörigkeit ihrer Mitarbeitenden zu erheben. Leidtragende sind vor allem Angehörige religiöser Minderheiten, die mit subtilen oder strukturellen Diskriminierungen konfrontiert sind, etwa spöttischen Bemerkungen oder skeptischen Blicken.

Bild: IRAS COTIS Vorstandsretraite. Foto: @Katja Joho

Auch die Forschung hat das Thema bisher kaum beachtet. Das hat sich durch meine Dissertation geändert. In meiner Studie untersuche ich, wie Schweizer Grossunternehmen mit Religion umgehen, und komme zu einem klaren Ergebnis: In vielen Betrieben gilt Religion als reine Privatsache. Religiöse Symbole, Gebetszeiten oder Speisevorschriften werden oft als Störfaktoren wahrgenommen. Doch diese vermeintliche «Neutralität» ist trügerisch. Sie ignoriert, dass Religion für viele Arbeitnehmende ein zentraler Teil ihrer Identität ist.

Drei Typen von Unternehmen

Für meine Dissertation führte ich 49 Interviews mit Diversity-Managerinnen und -Managern, religiösen Arbeitnehmenden und Gewerkschaftsvertretenden. Daraus entwickelte ich zwei Typologien: Eine für Unternehmen und eine für Arbeitnehmende.

Auf Arbeitgeberseite unterscheide ich drei Haltungen:

  • Religionssensible Unternehmen erkennen Religion als relevante Diversity-Dimension an und versuchen, sie stärker zu berücksichtigen. Etwa, indem sie während des Ramadans kürzere Schichten für muslimische Mitarbeitende planen.
  • Religionsindifferente Unternehmen reagieren situationsabhängig und thematisieren Religion nur, wenn gesellschaftlicher Druck entsteht. In ihren Kantinen gibt es beispielsweise vegetarische, aber keine explizit religionskonformen Mahlzeiten.
  • Religionsdistanzierte Unternehmen schliessen Religion grundsätzlich aus dem Diversity Management aus. Ihr Motto: «We focus on business and performance.»

Bislang habe ich kein Unternehmen gefunden, das Religion aktiv in seine Diversity-Strategie integriert. Auffällig ist aber, dass international tätige und städtisch geprägte Firmen tendenziell religionsensibler sind.

Drei Typen von Arbeitnehmenden

Auch auf Seiten der Arbeitnehmenden lassen sich drei Typen unterscheiden:

  • Religionszeigende Personen leben ihren Glauben offen, tragen Symbole oder sprechen über ihre Religion. «Religion und Beruf müssen schon zusammenpassen», sagt Fabio, «ich würde nichts tun, was meinen Überzeugungen widerspricht.»
  • Religionsnichtzeigende Personen trennen Glauben und Beruf strikt. Sie stellen bei der Arbeit beispielsweise keine sichtbaren religiösen Symbole auf.
  • Religionsversteckende Personen würden ihren Glauben gerne zeigen, tun es aber aus Angst vor negativen Konsequenzen nicht. «Ich möchte nicht verurteilt werden», sagt Ivan. «Dann heisst es vielleicht: Das ist eine Sekte.»

Je höher die berufliche Position, desto eher wird Religion sichtbar gelebt. Besonders schwer haben es dagegen Personen, die auf mehreren Ebenen benachteiligt sind, etwa muslimische Frauen. «Ich habe Angst, meine Stelle zu verlieren, wenn ich das Kopftuch bei der Arbeit trage», sagt Jasmin. «Ich bin noch nicht bereit, diesen Kampf zu kämpfen.»

Religion ist nie ganz privat

Die Studie zeigt: Religion ist in der Arbeitswelt gleichzeitig sichtbar und unsichtbar, erlaubt und tabuisiert. Viele religiöse Arbeitnehmende verschweigen ihren Glauben, um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Besonders Musliminnen und Muslime erleben, dass religiöse Symbole am Arbeitsplatz nicht als Ausdruck ihrer Identität, sondern als Zeichen der Andersartigkeit gesehen werden.

Doch Religion verschwindet nicht, selbst wenn sie unsichtbar gemacht wird. Auch Unternehmen leben Religion etwa durch Weihnachtsfeiern oder die subtile Bevorzugung von Bewerbenden, die dem eigenen kulturellen Hintergrund ähneln. Die vermeintliche Neutralität vieler Betriebe ist somit keine echte Neutralität, sondern reproduziert Ausschlussmechanismen.

Appell an Unternehmen

Religion ist da, auch bei der Arbeit. Sie zu ignorieren heisst, einen zentralen Teil menschlicher Identität auszublenden. Deshalb fordere ich, dass Religion im Diversity Management gleichwertig neben anderen Dimensionen wie Geschlecht, Alter oder Herkunft behandelt wird. Unternehmen sollten Führungskräfte schulen, Unsicherheiten abbauen und eine Sprache für Religion entwickeln.

Eine religionssensible Unternehmenskultur kann Brücken bauen, zwischen Religion und Arbeit, zwischen Differenz und Gemeinsamkeit. Sie schafft Räume, in denen Menschen so sein dürfen, wie sie sind, mit oder ohne Religion.


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Autor:in

  • Alice Küng

    Religionswissenschaftlerin und Diplomassistentin an der Universität Fribourg ||| Alice Küng ist Religionswissenschaftlerin und hat ihre Masterarbeit zum Thema Veganismus geschrieben. Anhand von Interviews mit vegan lebenden Menschen konnte sie Ähnlichkeiten zwischen Veganismus und Religion aufzeigen. Alice Küng promovierte an der Universität Fribourg. In ihrer Dissertation untersuchte sie die Rolle der Religion im Diversity Management von Schweizer Grossunternehmen.  

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