R. al Farid

Von hier – und doch fremd: Ein muslimischer Arbeitnehmer berichtet

Er spricht fliessend Schweizerdeutsch und hat einen Schweizer Pass – seit Geburt. Trotzdem erlebt er täglich stille Ausgrenzung, subtile Diskriminierung und Quiet Firing am Arbeitsplatz. Ein Erfahrungsbericht, der aufrüttelt.

Ich bin in der Schweiz geboren. Mein Name und mein Aussehen können arabisch gelesen werden, doch ich spreche fliessend Schweizerdeutsch und besitze seit Geburt einen Schweizer Pass. Und doch werde ich immer wieder daran erinnert, dass ich nicht als «einer von hier» gelte.

In meiner Laufbahn habe ich in verschiedenen Branchen gearbeitet: unter anderem im Detailhandel und Bildungswesen. Überall gab es unterschiedliche Facetten von Akzeptanz und Diskriminierung.

Warum ich meine Geschichte erzähle

Ich schreibe diesen Bericht, weil ich weiss, dass ich nicht allein bin. Viele muslimische Arbeitnehmende erleben täglich ähnliches – kleine Spitzen, stilles Ausgrenzen, subtile oder offene Diskriminierung. Oft bleiben diese Erfahrungen unausgesprochen, weil die Angst vor negativen Konsequenzen überwiegt. Doch Schweigen ändert nichts.

Mit meinen Worten möchte ich Direktbetroffene ermutigen, ihre Stimme zu erheben. Zu erkennen, dass ihre Wahrnehmung berechtigt ist. Dass sie das Recht haben, respektvoll behandelt zu werden – mit ihrer ganzen Identität. Ich möchte zeigen, dass es möglich ist, Diskriminierung sichtbar zu machen, ohne Hass zu säen, sondern mit dem Ziel, Veränderung anzustossen.

Es ist möglich, Diskriminierung sichtbar zu machen, ohne Hass zu säen.

Gleichzeitig sehe ich darin eine Chance, etwas zu verbessern. Wenn diese Geschichten gehört werden, können sie Diskussionen anstossen. Sie können Mitarbeitende, Teams und Führungspersonen dazu bewegen, innezuhalten und sich zu fragen: Wie würde ich handeln? Was kann ich tun, um ein Arbeitsklima zu schaffen, in dem alle ohne Angst sie selbst sein dürfen?

Denn letztlich ist dieser Erfahrungsbericht auch eine Einladung an Vorgesetzte und HR-Verantwortliche, sich in diesen Themen zu sensibilisieren. Diskriminierung geschieht oft nicht aus bösem Willen, sondern aus Unwissen, Unsicherheit oder gesellschaftlich geprägten Vorurteilen. Doch Führung bedeutet, diese Muster zu hinterfragen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die Fairness und Zugehörigkeit ermöglichen.

Zwischen Regalen und Vorurteilen: Erfahrungen im Detailhandel

Ich erinnere mich an meine Zeit im Detailhandel. Es fiel mir auf, wie muslimische Frauen mit Kopftuch dort eingesetzt wurden. Nicht an der Theke, nicht im Verkauf, sondern im Lager, wo Kundschaft sie nicht sah. Einmal fragte ich dort jemanden, warum das so sei. Die Antwort: «Kopftuch passt nicht zu unserem Image. Im Lager ist das kein Problem.» Es traf mich hart, denn es zeigte, dass Kompetenz keine Rolle spielt, wenn das Äussere nicht ins Bild passt. Zudem finde ich es seltsam, dass deutsche Detailhändler in der Schweiz muslimische Frauen mit Kopftuch im Verkauf arbeiten lassen, während Schweizer Detailhändler fadenscheinige Argumente suchen, um dies nicht zuzulassen.

Als ob ich mich ständig legitimieren muss, Schweizer zu sein.

Oftmals wurde ich von der Kundschaft auf Hochdeutsch angesprochen. Sie gehen davon aus, dass ich keinen Schweizer Dialekt verstehe. Wenn ich antwortete: «Du chasch au Mundart rede, ich bin vo hie», erntete ich überraschte Blicke – selten ein Lächeln, meistens ein peinlich berührtes Schweigen. Es ist, als ob ich mich ständig legitimieren muss, Schweizer zu sein.

Wenn dein Buch zum Problem wird: Diskriminierung im Bildungsbereich

Es folgten weitere Erfahrungen, die den Bildungsbereich betrafen. Ich brachte einen Koran von zu Hause mit, um in diesem während meiner Mittagspause zu lesen. Eine Führungsperson sah es und fragte, ob ich alle Teammitglieder um Erlaubnis gebeten hätte, dieses Buch auf meinem persönlichen Möbel zu hinterlegen. Ich antwortete ruhig, dass ich nicht verpflichtet sei, meine privaten Gegenstände von anderen bewilligen zu lassen. Die Führungsperson bestand jedoch darauf, dass ich das Team hätte fragen müssen. Eine Einigung kam nicht zustande. Einige Zeit später wurde die nächsthöhere Leitung eingeschaltet, die diese Haltung unterstützte, woraufhin es zu einer Mediation mit einer externen Fachperson kam.

Bild: iStock, Foto: @GoodLifeStudio

Die Arbeitsatmosphäre hatte sich dadurch grundlegend verändert. Die Führungsperson bezog mich nicht mehr ein wie zuvor, vergab Aufträge an andere und sprach nur noch das Nötigste mit mir. Es war eine Form von schrittweisem Ausschluss und Entmutigung durch systematisches Ignorieren. Das Team nahm dazu keine Stellung. Ich spürte, dass ich nicht mehr willkommen war.

Beten im Verborgenen: Die stille Belastung

Ein stetiger Begleiter in meinem Werdegang war die Suche nach einem geeigneten Gebetsplatz für die Arbeitspausen. Ich suchte mir Treppenhäuser, Stillräume und Sanitätszimmer, verlassene Gänge – immer mit der Angst, dass ein Kollege oder ein Vorgesetzter kommt und mich sieht.

Ich betete hastig, den Blick zur Tür gerichtet, das Herz klopfend. Wie wäre ich peinlich berührt gewesen! Denn ich wollte nie jemandem mit einer seltsamen Situation zur Last fallen oder «jener mit den Extrawünschen» sein. Die Achtsamkeit des Gebets litt unter all diesen Faktoren.

Zwischen Lichtblicken und Mauern: Begegnungen mit Offenheit und Ablehnung

Doch ich habe auch Positives erlebt. Vorgesetzte, die gelassen fragten: «Sag mir einfach, was du brauchst, wir schauen das an.» Arbeitskollegen, die neugierige Fragen stellten, ohne Wertung, einfach echtes Interesse: «Was bedeutet dieses Gebet für dich?», «Wie fühlt sich Fasten an?» Manchmal betete ein muslimischer Kollege in den Arbeitspausen mit mir. Das ermutigte mich, dass ich nicht allein in dieser Situation bin.

Angst schuf Mauern.

Es gab Teams, in denen man offen über Religion sprach, in denen verschiedene Weltanschauungen nebeneinander Platz fanden. Doch genauso gab es Gesprächsrunden, in denen sofort eine verkrampfte Stille entstand, wenn das Wort Islam fiel. Man spürte die Angst vor dem Tabu, vor der Unsicherheit, was man sagen darf und was nicht. Diese Angst schuf Mauern.

Es gab auch Personen im selben Unternehmen, die mir das Gefühl gaben, als wäre ich ein Fremdkörper im Gefüge, als wäre mein Gesicht ein Störfaktor. Ich versuchte stets, mit Humor zu reagieren, um die Situation zu entschärfen. Doch es war ein unschönes Gefühl, insbesondere wenn diese Personen schweizerisch gelesene Personen neben mir komplett anders behandelten.

«Zum Glück kein Kopftuch» – Über männliche und weibliche Angreifbarkeit

Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken: Zum Glück bin ich keine Frau mit Kopftuch. Ich sehe, wie schwer es meine muslimischen Kolleginnen im Arbeitskontext haben. Sie werden noch stärker bewertet, kontrolliert, beurteilt. Ich bin «nur» ein muslimischer Mann mit Bart. Sie sind sichtbarer. Angreifbarer. Verletzbarer. Werden teilweise aus Berufsbereichen ausgeschlossen.

Ich habe alle Facetten erlebt: Menschen, die mich willkommen heissen. Menschen, die mich dulden. Menschen, die mich ablehnen. Menschen, die mich ausgrenzen. Menschen, die mich stärken.

Müde, aber nicht verbittert: Das Fazit der Hoffnung

Ich bin nicht verbittert oder traurig, aber müde und erschöpft. Müde, mich jeden Tag neu zu beweisen. Müde, jeden Tag zu hoffen, nicht auf Ablehnung zu stossen. Ich wünsche mir eine Arbeitswelt, in der ich einfach sein darf, wer ich bin – ohne Angst, ohne Misstrauen, ohne Rechtfertigung. Eine Arbeitswelt, in der Kompetenz wichtiger ist als Name, Hautfarbe oder Religion. Eine Arbeitswelt, in der muslimische Menschen nicht unterschätzt werden oder doppelt so viel leisten müssen, um sich zu beweisen und sich zu legitimieren.

Und ich weiss: Diese Welt ist möglich. Denn ich habe sie schon erlebt – in kleinen Momenten voller Respekt, Empathie und Menschlichkeit. An diesen Momenten halte ich fest und hoffe, dass wir in eine Zukunft gehen, die solche Momente zum Alltag macht.

Juristisches Nachwort: Religionsfreiheit ist kein Bonus – sie ist Grundrecht

Der Erfahrungsbericht zeigt, wie alltäglich strukturelle Diskriminierung am Arbeitsplatz für muslimische Personen sein kann – auch in der Schweiz, die sich in ihrer Bundesverfassung zu Religionsfreiheit, Rechtsgleichheit und Menschenwürde verpflichtet hat.

Art. 15 BV garantiert die Glaubens- und Religionsfreiheit. Jede Person hat das Recht, ihre Religion frei zu bekennen und auszuüben – dazu gehört auch das Tragen religiöser Symbole, das Gebet während Pausen oder das Mitführen eigener persönlicher Gegenstände, wie z.B. religiöser Schriften. Einschränkungen sind nur dann zulässig, wenn sie auf einer gesetzlichen Grundlage beruhen, einem öffentlichen Interesse dienen und verhältnismässig sind. Persönliche Befindlichkeiten von Vorgesetzten oder Teamkollegen stellen in diesem Fall kein überwiegendes öffentliches Interesse dar.

Art. 8 BV schützt die Rechtsgleichheit und verbietet Diskriminierung. Diskriminierung aufgrund der religiösen Zugehörigkeit, sei es durch Benachteiligung, stille Ausgrenzung oder Quiet Firing, kann einen Verstoss gegen dieses Grundrecht darstellen.

Auch das Arbeitsrecht verpflichtet Arbeitgeber zu Gleichbehandlung. Das Gleichstellungsgesetz (GlG) verbietet Benachteiligungen aufgrund persönlicher Merkmale, soweit sie nicht sachlich gerechtfertigt sind. Religion ist ein besonders geschütztes Merkmal. Arbeitgeber haben zudem eine Fürsorgepflicht (Art. 328 OR). Diese umfasst den Schutz der Persönlichkeit der Arbeitnehmenden. Erniedrigende Handlungen wie wiederholte Hänseleien, Isolation oder systematisches Nichtberücksichtigen bei Aufträgen können Mobbing darstellen und sind unzulässig.

Religion am Arbeitsplatz ist kein «privates Problem». Arbeitgeber sind verpflichtet, bei Arbeitsorganisation, Pausenregelung und Arbeitseinsatz auf religiöse Bedürfnisse angemessen Rücksicht zu nehmen, soweit dies betrieblich möglich ist. Kurze Gebete in Pausen sollten nicht untersagt werden, solange keine berechtigten betrieblichen Interessen überwiegen.

Der Erfahrungsbericht macht deutlich: Nicht die Religionszugehörigkeit des Arbeitnehmers war das Problem, sondern fehlendes Wissen, Unsicherheiten und Vorurteile. Anstatt Konflikten auszuweichen oder sie durch Ausgrenzung «zu lösen», ist Dialog und Verständigung der zentrale Schlüssel zur Lösung von Spannungskonflikten bei Religion am Arbeitsplatz.


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