Alessia S.

Hinter den Kulissen des Grossmünsters

Was es braucht, bevor die Orgel erklingt – ein Blick hinter die Kulissen eines Gottesdienstes mit Pfarrer Christian Walti. Eine Reportage von Alessia S.

Es ist kurz vor neun Uhr morgens an einem Sonntag in Zürich. Viele Menschen trinken jetzt wahrscheinlich ihren Kaffee oder machen einen entspannenden Spaziergang entlang der Limmat oder am See. Doch für manche bedeutet der Sonntagmorgen «Gottesdienst» und so auch für mich heute. Ich stehe vor der massiven Holztür der Grossmünsterkirche. Als ich sie öffne und eintrete, ist es, als würde ich in eine andere Welt eintreten. Es legt sich Stille um mich. Die dicken Sandsteinmauern, die seit dem zwölften Jahrhundert stehen, schlucken die Geräusche der Aussenstadt vollständig. Ich schliesse den Reissverschluss meiner Jacke, denn es ist kälter als gedacht. Doch nicht nur die Temperatur ist anders. Ich atme tief ein und nehme den Duft von altem Holz und Kerzen wahr. 

Bild: Grossmünster in Zürich. Foto: @Alessia S.

Das Einzige, was ich höre, ist die Orgel. Die leeren Holzbänke, das gedimmte Licht, die bunten Glasfenster: alles wirkt zusammen zu einer Atmosphäre, die ich kaum in Worte fassen kann. Ich frage mich, wie viele Menschen heute noch durch diese Holztür treten und die leeren Bänke füllen werden.

Ich bin eine Stunde zu früh – bewusst. Der Gottesdienst fängt erst um zehn an. Pfarrer Christian Walti hat mir angeboten, ihn vorher zu begleiten, um einen Blick hinter die Kulissen werfen zu können. Ich nutze die kurze Zeit alleine in der Kirche, wandere umher und lasse alles auf mich wirken.

Bild: Grossmünster von innen. Foto: @Alessia S.

Ein Weg ohne Bezug zur Kirche – wie man Pfarrer wird

Christian Walti wächst ohne Bezug zur Kirche auf und steht als junger Erwachsener vor einer echten Frage: Kann ich in diesem Bereich überhaupt etwas machen oder ist es mir doch zu fremd? Letztendlich entscheidet er sich, das Studium zu wagen. Zunächst schwankt er jedoch zwischen Theologie und Religionswissenschaft.

«Ich habe nach zwei, drei Wochen gemerkt, dass es mich total ins Pfarramt zieht und dass ich es eine tolle Tätigkeit finde, wie man ganz als Mensch gebraucht ist – nicht nur als Lehrer oder Therapeut, sondern ein bisschen alles davon in einer Person.»

Bild: Bunte Fenster im Grossmünster. Foto: @Alessia S.

Dieser Satz «ein bisschen alles davon in einer Person» blieb noch länger in meinem Kopf und beschäftigte mich. Er machte es mir ersichtlicher, weshalb er genau diesen Weg eingeschlagen hatte, und half mir, ihn als Person besser zu verstehen. Pfarrer:innen sind nicht Spezialist:innen für ein bestimmtes Gebiet des menschlichen Lebens. Sie begegnen Menschen in den verschiedensten Lebenssituationen. Bei Geburten und Taufen, bei Trauungen, bei Krankheit und Tod, in den kleinen Alltagsnöten und in den grossen Lebenszäsuren. Walti hört zu wie ein Therapeut, erklärt wie ein Lehrer, tröstet wie ein Freund, leitet an wie ein Moderator. Und er stellt Fragen, die kein Arzt und kein Anwalt stellen würde.

Das Vorbereitungszimmer

Walti führt mich an den leeren Holzbänken vorbei zu einer unscheinbaren Tür in der hinteren Ecke des Grossmünsters. Wir treten, wie ich kurz darauf erfahre, in das Vorbereitungszimmer ein. Es sieht genau so aus, wie man sich ein Vorbereitungszimmer in einer Kirche vorstellen würde: Die eindrücklichen Steinmauren und Bögen, die sich durch die Kirche ziehen, sind auch hier charakteristisch. Eine kleine Orgel zum üben und ein grosser Holztisch für Besprechungen mit Bibeln darauf. Zwei Sigriste – also die für den Kirchenraum zuständigen Personen – besprechen letzte Details.

Bild: Vorbereitungsraum im Grossmünster. Foto: @Alessia S.

Und während wir reden – das Gespräch hat kaum begonnen –, geht die Tür schon wieder auf. Die Familienmitglieder des Jugendlichen, der getauft wird, stecken den Kopf durch die Tür und betreten den Raum. Walti gibt ihnen klare Anweisungen für den Gottesdienst und schickt sie für die folgende Taufe schon einmal Wasser holen. Im Verlauf des 20-minütigen Gesprächs öffnet sich die Tür noch mehrere Male und Walti wird nach Rat und Anweisung gefragt. Ich realisiere, welch zentrale Rolle er in der Kirche einnimmt. Er ist nicht nur der Pfarrer, sondern hilft auch zu koordinieren, leitet an und sorgt dafür, dass der Gottesdienst Form annimmt.

Bild: Bibeln neben Lesegerät.. Foto: @Alessia S.

Was mich besonders beschäftigt, ist das Nebeneinander der Dinge aus verschiedenen Zeiten: Handgeschriebene Notizen neben dem Lesegerät, alte Bibeln neben dem Smartphone. Es ist kein musealer Raum der Andacht, sondern ein Raum, in dem jemand denkt, koordiniert und vorbereitet.

Sechs Stunden, ein halbes Jahr – die Architektur des Gottesdienstes

«Es braucht meistens etwa sechs Stunden, vielleicht knapp einen Tag Vorbereitungszeit. Einfach für die Inhalte und alles drum und dran. Wenn es noch einen Gast gibt, oder wie heute eine Taufe, dann gibt es natürlich noch eine Vorbereitung zusammen mit der Familie oder der Person, die getauft wird.»

Aber sechs Stunden unmittelbare Vorbereitung sind nur die Spitze des Eisbergs. Die eigentliche Planung beginnt viel früher. Welcher Bibeltext gelesen und ausgelegt wird, steht im Grossmünster oft schon ein halbes, manchmal ein ganzes Jahr im Voraus fest. Das hat seinen Grund in der besonderen Tradition dieser Kirche: das fortlaufende Auslegen des Evangeliums, Abschnitt für Abschnitt, Sonntag für Sonntag.

«Bei uns ist es oftmals so, dass man auch einen bestimmten Bibeltext aussucht, der im Zentrum seht. Im Grossmünster wird in der ersten Jahreshälfte immer das Evangelium fast Abschnitt für Abschnitt ausgelegt. Das ist dann der Haupttext, zu dem man die Predigt macht oder aus dem sich das Thema des Gottesdienstes entwickelt. Das ist hier im Grossmünster eine Tradition, die mit Zwingli angefangen hat und die historisch weitergeführt wird.»

Das bedeutet: Der Pfarrer hat in der ersten Jahreshälfte kaum Wahlfreiheit beim Text. Das Evangelium gibt den Takt vor. Was er wählen kann, ist die genaue Portionierung. Welcher Abschnitt passt zu welchem Sonntag? Wo ergeben sich natürliche Zäsuren? Wo kann man einen besonderen Anlass wie zum Beispiel Taufe, Konfirmation, Kirchenfest sinnvoll mit dem fortlaufenden Text verbinden?

Das Evangelium gibt den Takt vor. Der Pfarrer wählt die Portionierung.

Für Walti ist das auch befreiend. Er muss sich nicht jeden Sonntag neu erfinden. Er muss nicht überlegen, was gerade «gefragt» ist oder welches Thema besonders viele Menschen in die Kirche locken könnte. Was er mitbringt, ist die Verbindung zur Gegenwart, den «Link», wie er es nennt, zwischen dem, was damals geschrieben wurde, und dem, was heute ist.

«Ich will die Bibel auslegen, das heisst, wir machen wie eine Verbindung zwischen einem uralten Text und der heutigen Situation. Ich finde, die heutige Situation hat genügend Fragen, sodass eigentlich jeder Text, den man damit anschaut, irgendwie spannend wird.»

Die Relevanz liegt im Gespräch zwischen Tradition und Gegenwart.

Dieser Gedanke, dass die Fragen der Gegenwart jeden alten Text zum Leben erwecken können, ist für Walti eine persönliche Überzeugung. Er glaubt nicht, dass man erst das richtige Thema wählen muss, um einen relevanten Gottesdienst zu gestalten. Für ihn liegt die Relevanz im Gespräch zwischen Tradition und Gegenwart.

Gelegentlich gibt es Ausnahmen. Wenn ein besonderer Anlass es verlangt oder wenn sich zwei Pfarrerkollegen für einen bestimmten Zeitraum ein gemeinsames thematisches Projekt vornehmen, dann kann auch mal ein selbstgewähltes Thema im Mittelpunkt stehen. Aber das ist nicht Waltis bevorzugte Arbeitsweise.

Die Architektur eines Gottesdienstes

Wenn der gewählte Text und der Anlass feststehen, geht es an die konkrete Planung des Ablaufs. Und dieser Ablauf hat, wie Walti erklärt, immer eine gewisse rituelle Struktur. Es gibt Teile, die sich wiederholen, die von Sonntag zu Sonntag gleich bleiben. Es gibt innerhalb dieser Struktur jedoch auch Spielräume.

«Der effektive Ablauf ist immer etwa gleich, das hat auch etwas Rituelles, es sind immer ein bisschen die gleichen Schritte, die man durchgeht. Aber man kann aussuchen, welche Lieder man singen will, bespricht das mit dem Organisten und er überlegt sich dann, wie die Musik zu diesem Bibeltext oder zum Thema passt. Die Orgel spielt im Grossmünster ebenfalls eine wichtige Rolle.»

Es gibt innerhalb der Struktur auch Spielräume.

Dann ist da noch die Frage der Beteiligung. Wer spricht noch ausser dem Pfarrer? Wer übernimmt welchen Teil der Liturgie? In klassischen Gottesdiensten ist die Rollenverteilung recht klar: Vieles liegt beim Pfarrer, der Organist ist verantwortlich für die Musik. Walti mag diese Antwort nicht. Er findet sie altmodisch und arbeitet aktiv daran, dass sich das verändert.

Ein Gottesdienst ist kein Soloauftritt

Seit einiger Zeit gibt es im Grossmünster eine Vorbereitungsgruppe. Freiwillige, die nicht nur Gäste sein wollen, sondern Mitgestaltende. Sie können ein Gebet sprechen, Fürbitten übernehmen, bei rituellen Handlungen assistieren. Walti coacht sie und bereitet sie vor.

Bild: Freiwillige, die Mitgestaltende sein wollen. Foto: @Alessia S.

«Die Idee eines Gottesdienstes in unserer Tradition ist nicht: Ich bin der Priester, und es braucht mich unbedingt. Sondern ich leite es an, ich bin wie der Koordinator, ich helfe dabei, dass es eine Form bekommt.»

Das reformierte Verständnis kennt keinen Mittler zwischen Mensch und Gott. Der Gottesdienst soll der Gemeinde gehören und nicht etwas sein, das für sie «veranstaltet» wird, sondern etwas, das mit ihr und aus ihr entsteht.

Bild: Der Gottedienst soll der Gemeinde gehören. Foto: @Alessia S.

Die Kunst der Predigt: zwischen Schreiben und Improvisation

Eine Predigt zu schreiben, ist eine Kunst. Manche Pfarrer verbringen eine halbe Woche mit der Predigt. Das Ergebnis ist ein sorgfältig komponierter Text. Man kann vorgehen wie ein Schriftsteller, sagt Walti. Und manche können das sehr gut. Er selbst geht anders vor. Er denkt über den Bibeltext und über die Fragen, die er aufwirft, nach. Er macht sich Gedanken dazu, was in der Welt passiert, was die Menschen beschäftigt, die am Sonntag kommen werden. Und dann versucht er, eine Brücke zu schlagen.

Bild: Während der Predigt. Foto: @Alessia S.

«Ich versuche beim Predigen vor allem Verbindungen herzustellen und versuche auch sehr in den Moment hineinzureden. Ich versuche zu schauen, was läuft so in der Welt, was könnte die Menschen beschäftigen, die kommen, und versuche Raum aufzumachen.»

Raum aufmachen, dieser Begriff kehrt im Gespräch immer wieder. Es geht Walti nicht darum, Antworten zu geben. Es geht ihm darum, Fragen zu stellen, die das Denken der Zuhörenden in Bewegung bringen. Er weiss, dass die meisten Menschen in einer Predigt nicht nur hören, was der Pfarrer sagt. Sie hören auch ihre eigenen Gedanken, die durch das Gehörte ausgelöst werden. Sie assoziieren, erinnern sich, knüpfen an. Er will, dass die Menschen nicht nur hören, was er sagt, sondern es auch mit ihren eigenen Problemen und Fragen verbinden.

Bild: Es geht darum, Fragen zu stellen… Foto: @Alessia S.

Gott als Geheimnis – was ein Gottesdienst leisten soll

Was sollen die Menschen mitnehmen? Waltis Antwort auf diese Frage überraschte mich ein wenig, denn ich hätte nicht eine so unkirchliche Antwort erwartet. Oder vielleicht ist sie genau deshalb zutiefst kirchlich. Er will nicht, dass sie eine Botschaft mitnehmen oder von Gottes Existenz überzeugt werden. Er will, dass sie merken: Es geht um sie.

«Ich rede den Leuten Gott nicht auf. Ich finde, das kann man auch nicht, weil ich finde, Gott ist ein Geheimnis. Für mich ist Gott mega wichtig. Und für viele Menschen, die kommen, auch. Aber das ist nicht etwas, worüber man nur reden kann. Man muss manchmal wie eine Anleitung dazu machen, dass sich jemand dazu öffnen kann.»

Ein Gottesdienst kann Raum schaffen für das, was gefühlt wird.

Ein Gottesdienst kann Raum schaffen für das, was nicht ausgesprochen werden kann, aber gefühlt wird. Für die Fragen, die man im Alltag nicht stellt. Er ist keine Vorlesung und kein Konzert, sondern eine Einladung. Wer kommt, entscheidet selbst, was er damit macht.

Das Gespräch am Ausgang

Der Gottesdienst ist vorbei. Die Menschen stehen auf, bewegen sich zum Ausgang, treten durch die massive Holztür zurück in die Realität. So auch ich. Draussen steht Walti bereits, schüttelt Hände und wechselt ein paar Worte mit jedem. Eine ältere Frau ist vor mir. Sie gibt Walti die Hand und spricht ihn auf seine Predigt an. Sie erzählt, was sie berührt hat. Ich höre zu.

Ich nenne keine Details, worum es gegangen ist, denn das wäre zu persönlich. Aber ich habe den Eindruck, dass sie sich in der Predigt wiedergefunden hat. Ich höre heraus, dass sie sich dadurch bestätigt fühlt. Dass das, was sie beschäftigt, legitim ist. Dass es Platz hat. Dass sie damit nicht allein ist.

Das ist, denke ich, in diesem Moment, das Erstaunliche. Walti hat diese Frau in seiner Predigt nicht angesprochen. Und doch hat etwas, das er gesagt hat, etwas in ihr berührt.

Die meisten Menschen hören auch ihre eigenen Gedanken.

Ich denke an das, was Walti mir gesagt hat: Die meisten Menschen hören nicht nur, was er sagt. Sie hören auch ihre eigenen Gedanken. Er öffnet den Raum. Sie bringen den Inhalt mit. Es funktioniert.

Dieses Gespräch mit der älteren Frau dauert vielleicht drei Minuten, doch er nimmt sich die Zeit für sie. Er bietet ihr ein offenes Ohr. Was sie sagt, geht mir nach: Dass die Predigt ihr das Gefühl gegeben hat, nicht allein zu sein. Nicht weil jemand dasselbe erlebt hat wie sie, sondern weil ein Text, ein alter Text, und die Worte eines Pfarrers daran erinnert haben, dass die grossen Gefühle wie Verlust, Unsicherheit, Zweifel oder Hoffnung nicht nur sie betreffen.

Das ist, denke ich, das Tiefste, was ein Gottesdienst leisten kann: nicht Antworten geben, sondern Zugehörigkeit stiften. Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft von Menschen, die sich über Generationen hinweg über dieselben Fragen Gedanken gemacht haben – über Leben, Schuld, Gnade, über das, woran man festhält, wenn alles ins Wanken gerät.

Was die Kirchengäste erleben, ist eine Stunde.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religionswissenschaften am Literargymnasium Rämibühl entstanden. Im Unterricht ging die Klasse der Frage nach, was eine Religion überhaupt ausmacht, wie sich die Schweizer Religionslandschaft verändert und wie Medien das Bild von Religionen prägen. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Rolle von Stereotypen und Vorurteilen. Passend dazu erhielten die Schüler:innen im Rahmen ihres Reportagenprojekts einen Crashkurs im Schreiben von Reportagen und im Fotografieren. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, welche Methoden es für eine kontextuelle Darstellung von Religionen gibt und weshalb religion.ch den Fokus auf die gelebte Religion legt. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte in die Praxis umgesetzt.


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