Alle sitzen am Tisch und warten. Die untergehende Sonne bestimmt den Moment, in dem das Fasten gebrochen wird. An diesem Abend wird das Fastenbrechen für mich zu einer Erfahrung von Gemeinschaft – und zu einem Moment, in dem Verzicht eine andere Bedeutung erhält.
Vom Fasten wird in den Medien unterschiedlich berichtet. Auf die einen wirkt es faszinierend, auf andere schwer nachvollziehbar. Mein erster Kontakt entstand in meiner eigenen Familie. Als meine Cousins muslimischen Glaubens vor ein paar Jahren an Ostern plötzlich nicht mehr beim Familienbrunch mitassen, begann ich mich zu fragen, was dahintersteckt.
Der persönliche Zugang
Ich informierte mich über Bücher, Dokumentationen und Zeitungsartikel. Vieles wurde dabei verständlich, doch der persönliche Zugang fehlte mir. Ich wollte verstehen, warum das Fasten für viele Musliminnen und Muslime eine so grosse Bedeutung hat und welche Motivation dahintersteht. Eine individuelle Geschichte zu hören und die konkrete Erfahrung eines Fastenbrechens mitzuerleben, war mir besonders wichtig.
So kam ich mit Larisa in Kontakt. Sie ist eine junge muslimische Frau mit Wurzeln in Mazedonien, studiert an der PH und hat eine Ausbildung als Fachfrau Gesundheit Betreuung abgeschlossen. Zudem ist sie als Guide bei «Dialogue en Route» tätig, wodurch dieses Treffen zustande kam. «Dialogue en Route» ist ein schweizweites Bildungsprojekt, das die religiöse und kulturelle Vielfalt des Landes durch solche Begegnungen sowie Workshops und Exkursionen erlebbar macht.
Bewusster durch den Alltag gehen
Für Larisa hat die Fastenzeit eine tiefere Bedeutung als nur den Verzicht auf Essen. «Es bringt mich wieder näher zu meiner Religion», sagt sie. Die Fastenzeit bedeutet für Larisa auch, bewusster durch den Alltag zu gehen. Das Fastenbrechen ist für sie ein sozialer Moment. Ob mit Freund:innen oder Familie – beim Iftar, also der Mahlzeit, mit der das Fasten gebrochen wird, kommt man zusammen.
Larisa ist als Guide im Projekt «Dialogue en Route» von IRAS COTIS tätig. Dieses Projekt macht durch unterschiedliche Vermittlungsangebote die religiöse und kulturelle Vielfalt der Schweiz sichtbar. Im Rahmen des neuen Angebots #REaLTALK kann man Larisa gemeinsam mit zwei weiteren jungen Guides aus unterschiedlichen religiösen und kulturellen Hintergründen direkt im Klassenzimmer kennenlernen und in den Austausch treten. Weitere Informationen finden Sie unter: www.enroute.ch
Direkt zum Angebot #REaLTALK
Für viele bedeutet das Fasten mehr als nur den Verzicht auf Essen und Trinken. Für Larisa ist es eine bewusste Zeit, die ihr Struktur gibt und ihr persönlich guttut. Im hektischen Alltag rückt der Glaube oft in den Hintergrund. Larisa sagt, dass sie durch das Fasten für einen Monat im Jahr wieder näher zu ihrem Glauben findet. Sie reflektiere mehr und bete bewusster.
«So ziemlich jeden Abend brechen wir als Familie das Fasten.» Egal ob mit einem grossen Abendessen oder etwas Einfachem – die Familie setzt sich gemeinsam an den Tisch. Für Larisa ist das ein wichtiger Moment. Man sitzt zusammen und nimmt sich Zeit.
Der Monat Ramadan
Die Fastenzeit, auch Ramadan genannt, findet im neunten Monat des islamischen Kalenders statt, also im Mondkalender, und dauert 29 bis 30 Tage. Ein Monat beginnt, sobald die neue Mondsichel am Himmel sichtbar ist. Je nachdem, ob sie am 29. oder erst am 30. Tag gesehen wird, dauert der Ramadan unterschiedlich lang. Gefastet wird täglich von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang. Viele stehen dafür bereits vor Sonnenaufgang auf und nehmen eine letzte Mahlzeit zu sich.
Um den Überblick zu behalten, hat Larisas Familie einen Ramadankalender für die Stadt Bern in der Küche hängen. Dort stehen die Zeiten, wann das Fasten beginnt und wann das Fastenbrechen stattfindet. Larisa erzählte, dass ihre Familie das Fasten genau zu dem Zeitpunkt bricht, der als «Iftar Maghrib» angegeben ist, also zum Sonnenuntergang, wenn das tägliche Fasten offiziell endet. Das handhabt jedoch nicht jede Person gleich: manche richten sich strikt nach dem Kalender, während andere bewusst auf den tatsächlichen Sonnenuntergang warten oder eigene Gewohnheiten haben. Traditionell wird das Fasten mit einer Dattel gebrochen.
Zu Gast bei Larisa
Diese Erfahrung durfte ich aus erster Hand miterleben: Gemeinsam mit sechs weiteren Gästen wurde ich von Larisa zu ihr nach Hause eingeladen, um zusammen das Fasten zu brechen. Nicht alle Anwesenden waren muslimisch, denn das gemeinsame Fastenbrechen fand im Rahmen des interreligiösen Community-Building-Formats «Guides2Gether» von «Dialogue en Route» statt.
Dabei laden junge Guides, die sich in verschiedenen Bildungsangeboten von «Dialogue en Route» engagieren und unterschiedliche religiöse sowie kulturelle Hintergründe haben, einander dazu ein, Einblicke in ihre jeweiligen Lebenswelten zu erhalten und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Um 17:30 Uhr klingelte ich bei Larisa. Sie und ihre Mutter empfingen mich herzlich. In der Wohnung roch es bereits nach frisch gekochtem Essen. Der Tisch war gedeckt, auf jedem Teller lag eine Dattel. Die weiteren Gäste waren noch nicht da, somit blieb mir Zeit, Larisa ein paar Fragen zu stellen.

Bild: Zu Gast bei Larisa. Foto: @Seraina Massaro
Kochen im Ramadan
Auf dem Sofa lernte ich Larisa besser kennen. Sie erzählte von ihren Hobbies, ihrer Familie und ihrer Herkunft. Dabei wurde schnell klar, wie gerne sie kocht. Stolz zeigte sie mir, was sie bereits am Vortag und im Laufe des Tages vorbereitet hatte. Das Essen sah nicht nur gut aus, es roch auch so.
Ich fragte sie, ob das Kochen schwierig sei, wenn man selbst nichts essen dürfe. Besonders interessierte mich, wie sie mit dem Probieren umgeht. Larisa erklärte, dass sie das Kochen nicht störe und sie dadurch auch nicht stärker hungrig werde. Schwieriger sei es, nicht aus Gewohnheit einen Löffel abzuschlecken oder etwas zu probieren.

Bild: Larisa’s Kochkünste. Foto: @Seraina Massaro
Ich wollte wissen, wann ihr das Fasten am schwersten fällt. Für Larisa wird es deutlich anspruchsvoller, wenn der Ramadan in den Sommer fällt. Die Tage seien länger und die Hitze belaste zusätzlich, besonders bei der Arbeit. Sie schlafe morgens oft länger, um das Fasten zu erleichtern. Auf meine Frage, warum sie fastet, antwortete sie klar: Es gehöre für sie dazu. Sie sei damit aufgewachsen und freue sich jedes Jahr auf den Ramadan.

Bild: Im Gespräch. Foto: @Seraina Massaro
Ich sprach sie auch darauf an, warum sie kein Kopftuch trägt. Eine klare Antwort hatte sie darauf nicht, ausser dass sie es für sich persönlich nicht möchte. Erst später, im Gespräch mit einem anderen Gast, wurde mir diese Entscheidung verständlicher.
Dann klingelte es an der Tür.
Das Fastenbrechen
Mit der Ankunft der weiteren Gäste begann der Austausch. Im Wohnzimmer wurde gesprochen, gelacht und diskutiert. Zwei Gäste zogen sich kurz zurück, um zu beten. Andere sprachen offen darüber, wie sehr sie der Hunger beschäftigte. Larisa hingegen wirkte ruhig und gefasst. In diesem Nebeneinander wurde mir klar, wie unterschiedlich Menschen den Ramadan erleben. Gespannt warteten wir auf den Zeitpunkt des Fastenbrechens.

Bild: Wir warteten gespannt auf den Augenblick des Fastenbrechens. Foto: @Seraina Massaro
Das Essen wurde aufgetragen. Alle sassen am Tisch, schauten auf die Uhr und warteten. Es war ruhig. Punktgenau um 18:46 Uhr wurde das Fasten gebrochen. Und mit dem ersten Biss löste sich die Anspannung. Das Essen war hervorragend. Es gab mehr als genug.

Bild: Beim Fastenbrechen. Foto: @Seraina Massaro
Von Vorurteilen und prägenden Entscheidungen
Während des Essens sprachen wir über Religion. Es ging um Vorurteile, um Reaktionen aus dem Umfeld und um persönliche Erfahrungen. Eine der Frauen ist zum Islam konvertiert. Sie erzählte, wie schwierig es für manche in ihrem Umfeld war, diese Entscheidung zu akzeptieren. Andere berichteten von Vorurteilen, die sie im Alltag erleben.

Bild: Das Essen zum Fastenbrechen. Foto: @Seraina Massaro
Später sprach ich etwas abseits mit Amy. Sie war ebenfalls als Gast eingeladen, eine junge Muslimin aus Österreich mit Wurzeln in Sarajevo. Sie trug ein Kopftuch. Auf meine Frage, wie Menschen darauf reagieren, erzählte sie von Schwierigkeiten in der Berufswelt und davon, dass auch ihre Eltern anfangs dagegen waren. «Kind, du wirfst dein Leben weg», sagte sie und imitierte ihre Eltern mit einem Schmunzeln.

Bild: Pünktliches Fastenbrechen. Foto: @Seraina Massaro
Das Gespräch beeindruckte mich. Sie hatte zudem bemerkt, wie ich zuvor auf die Konvertitin reagiert hatte, und sagte, eine so spontan positive Reaktion sei sie nicht gewohnt. Für sie selbst ist das Kopftuch keine grosse Sache: Es gefalle ihr. Gleichzeitig habe sie Verständnis für alle, die sich dagegen entscheiden.
In diesem Moment verstand ich rückblickend besser, weshalb Larisa kein Kopftuch tragen möchte. Durch Amys Erfahrungen wurde mir bewusst, mit welchen Herausforderungen und Vorurteilen Frauen mit Kopftuch konfrontiert werden.

Bild: Wir helfen alle beim Abräumen. Foto: @Seraina Massaro
Nach dem Essen halfen wir alle beim Abräumen. Die Gespräche gingen weiter.

Als ich später nach Hause ging, war es still. Nicht nur draussen, auch in mir. Ich dachte, ich würde mir an diesem Abend bloss ein Ritual anschauen. Aber für mich war es mehr als das. Der Moment, in dem alle gleichzeitig den ersten Biss nahmen, bleibt bei mir hängen. Nicht wegen des Essens, sondern wegen des Wartens davor. Denn plötzlich hatte Verzicht nichts mehr mit «nicht dürfen» zu tun, sondern damit, Raum zu schaffen für das, was sonst untergeht.
Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religionswissenschaften am Literargymnasium Rämibühl entstanden. Im Unterricht ging die Klasse der Frage nach, was eine Religion überhaupt ausmacht, wie sich die Schweizer Religionslandschaft verändert und wie Medien das Bild von Religionen prägen. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Rolle von Stereotypen und Vorurteilen. Passend dazu erhielten die Schüler:innen im Rahmen ihres Reportagenprojekts einen Crashkurs im Schreiben von Reportagen und im Fotografieren. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, welche Methoden es für eine kontextuelle Darstellung von Religionen gibt und weshalb religion.ch den Fokus auf die gelebte Religion legt. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte in die Praxis umgesetzt.
