Alma Bender-Freisinger

Alte Götter, neue Wege – Neuheidentum in der Schweiz

Neuheidentum wirkt für viele wie etwas aus vergangenen Zeiten. Doch auch in der Schweiz gibt es Menschen, die ihren Glauben abseits etablierter Religionen leben. Ein Besuch bei Nuria zeigt, wie dieser Weg im Alltag aussehen kann.

Neuheidnische Strömungen werden oft als Relikte aus vergangenen Zeiten angesehen, mit alten Göttern, Mythen und Ritualen. In der heutigen Gesellschaft wirken sie wie aus der Zeit gefallen. Dass es solche Strömungen in der Schweiz gibt, erwartet man eher nicht. Doch neben den vielen Menschen, deren Glauben von etablierten Religionen geprägt ist, gibt es auch hier jene, die ihren Glauben ganz anders leben. Einige suchen bewusst nach spirituellen Wegen ausserhalb grosser Religionen und leben und entwickeln ihren Glauben individuell, meist ohne Einbindung in feste Institutionen.

Neuheidentum heute

Unter dem Begriff Neuheidentum, auch bekannt als Neopaganismus, werden verschiedene religiöse Strömungen zusammengefasst. Viele davon sind mit vorchristlicher Mythologie aus unterschiedlichen Kulturen verbunden. Einige haben sich laut dem Verein REMID in seinem Text Religion und Vorurteil: Heidentum hat sich vor allem seit dem 20. Jahrhundert öffentlich weiterentwickelt. Ein Schwerpunkt liegt auf der persönlichen Praxis, zum Beispiel auf selbstgestalteten Ritualen, da es kaum Gemeinschaften und Institutionen gibt.

Ein Schwerpunkt liegt auf der persönlichen Praxis.

Menschen, die sich mit dem Neuheidentum nicht auskennen, begegnen solchen Strömungen oft mit Vorurteilen. Manchmal wird behauptet, es handle sich um Hexerei oder um etwas Esoterisches, das schnell als «verrückt» abgetan wird. Wie diejenigen, die einem solchen Glauben folgen, ihn tatsächlich leben, bleibt für viele jedoch ein Mysterium. Genau das hat mich interessiert: Ich wollte herausfinden, wie Menschen diesen Glauben im Alltag leben.

Nuria

So bin ich mit Nuria in Kontakt gekommen. Nuria ist Studentin in Luzern und beschreibt ihren Glauben als eine Form des Neuheidentums. Erste Berührungspunkte hatte sie mit 16, mit 17 begann sie, diesen Weg bewusst als ihren eigenen Glauben zu verstehen. Damals richtete sie ihren Fokus auf die Gottheiten Loki und Manannán. Heute steht für sie jedoch Manannán im Mittelpunkt, während Loki eine weniger zentrale Rolle spielt. Später habe ich von ihr erfahren, dass Manannán in der keltischen und irischen Mythologie als Meeresgott gilt.

Nuria beschreibt ihren Glauben als eine Form des Neuheidentums.

Für Nuria ist neben ihrem Alltag als Studentin auch der Glaube ein wichtiger Teil ihres Lebens. Er zeigt sich nicht nur in ihren Gedanken, sondern auch in konkreten Praktiken. Dazu gehören unter anderem Rituale, die sie für Manannán durchführt. Bei einem solchen Ritual hatte ich die Möglichkeit, dabei zu sein und einen direkten Einblick in ihre gelebte Religion zu bekommen.

Nuria ist als Guide im Projekt „Dialogue en Route“ von IRAS COTIS tätig. Dieses Projekt macht durch unterschiedliche Vermittlungsangebote die religiöse und kulturelle Vielfalt der Schweiz sichtbar. Im Rahmen des neuen Angebots #REaLTALK kann man Nuria gemeinsam mit zwei weiteren jungen Guides aus unterschiedlichen religiösen und kulturellen Hintergründen direkt im Klassenzimmer kennenlernen und in den Austausch treten. Weitere Informationen finden Sie unter: www.enroute.ch
Direkt zum Angebot #REaLTALK

Sohn des Meeres

Also mache ich mich früh an einem Sonntagmorgen von Zürich aus auf den Weg nach Luzern, um mich dort mit Nuria zu treffen. Am Bahnhof angekommen, holt sie mich ab. Auf dem Weg zu ihrer Studienwohnung erzählt sie mir zuerst ein wenig über sich, bevor sie mir einen Einblick in die Mythologie rund um Manannán gibt. Sie erklärt mir, dass Manannán ein Meeresgott ist und deshalb auch Manannán mac Lir genannt wird. «Mac Lir» bedeutet übersetzt nämlich «Sohn des Meeres».

Nachdem wir ein paar Minuten gelaufen sind, kommen wir bei ihr zuhause an. Als wir ihr Zimmer betreten, fällt mein Blick direkt auf ihren Altar. In der Mitte steht ein Gemälde, auf dem das Meer zu sehen ist. Laut Nuria zeigt es Manannán.

Bild: Altar von Nuria. Foto: @Alma Bender-Freisinger

Der Zweig der Weisheit

Sie erklärt mir, dass dieser Altar nur eine vorübergehende Installation ist, solange sie in ihrem Studierendenzimmer wohnt, und dass ihr Altar zuhause deutlich prächtiger sei. Wir unterhalten uns weiter über die Mythologie. Eine Geschichte ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Es geht um den König Cormac, der von einem Fremden einen Zweig mit goldenen Äpfeln haben möchte. Dieser Zweig soll Weisheit verleihen.

Der König tauscht dafür nach und nach seine Familie ein. Doch er merkt schnell, dass er ohne sie nicht glücklich ist, und fleht den Fremden an, alles rückgängig zu machen. Es stellt sich heraus, dass der Fremde Manannán ist, der glücklicherweise auf seinen Wunsch eingeht. Damit will er dem König zeigen, was wahre Weisheit ist. Nuria erklärt mir, dass Manannán in der Mythologie oft als listige, schelmische Figur auftritt, die mit ihren Tricks anderen eine Lektion erteilen will.

Von Glück und Trauer

Ich war überrascht zu erfahren, dass Manannán auch als Totengott gilt und deshalb unter anderem das Fest Samhain für Nuria bedeutend ist. Sie erklärt, dass zu Manannán durch seine Verbindung zu den Verstorbenen auch eine gewisse Melancholie gehört, die sie jedoch als etwas Positives sieht. Für Nuria trägt sie zu einer gesunden Balance zwischen Trauer und Glück in ihrem Leben bei.

Diese Sichtweise hat mich positiv überrascht, denn oft wird Traurigkeit als etwas Negatives dargestellt, das möglichst vermieden werden soll. Die Idee, sie als wichtigen Teil des Lebens zu akzeptieren, finde ich hingegen sehr schön.

Während wir uns unterhalten, wird mir auch klar, dass Manannán eng mit der Isle of Man verbunden ist und dort als Schützer der Insel gilt. Obwohl er heute kaum noch als Gott verehrt wird, bleibt er kulturell präsent. Es existieren dort weiterhin bekannte Geschichten und Lieder, die sich auf ihn beziehen. Ein solches Lied konnte ich aus einem von Nurias Büchern abfotografieren:

Bild: Lied in Nurias Buch. Foto: @Alma Bender-Freisinger

Zwischen Alltag und Ritual

Durch ihre Erzählungen erhalte ich einen persönlichen Einblick in ihren Glauben. Nuria betont auch, dass ihr dieser Weg im Alltag hilft, ihr Halt gibt und sie ihr Leben bewusster leben lässt. Danach beginnt sie, ihr Ritual vorzubereiten. Auf ihrem Alter sind verschiedene Elemente zu sehen. Neben dem Gemälde von Manannán gibt es Kerzen, ein Triskelion – ein Symbol mit drei spiralförmigen Armen, die von einem gemeinsamen Mittelpunkt ausgehen – von der Isle of Man sowie einem Film namens Song of the Sea, in dem unter anderem die Mythologie rund um Manannán thematisiert wird. Nuria hat mir auch eine kleine Szene aus diesem Film gezeigt, die ich sehr schön fand.

Bild: Ritualvorbereitungen. Foto: @Alma Bender-Freisinger

Bild: Ritualvorbereitungen am Altar. Foto: @Alma Bender-Freisinger

Bei der Vorbereitung legt sie verschiedene Gaben bereit, darunter Sojamilch, einen Apfel und eine Orange. Apfel und Orange beziehen sich auf die Geschichte mit den goldenen Äpfeln und König Cormac. Nuria erklärt mir, dass manchmal auch Nüsse und Honig als Opfergaben verwendet werden.

Bild: Opfergaben. Foto: @Alma Bender-Freisinger

Im Kerzenlicht

Sobald alles vorbereitet ist, löschen wir das Licht, denn normalerweise finden ihre Rituale in der Nacht statt. Sie zündet die Kerzen auf dem Altar an. Nun beginnt das Ritual. Nuria setzt sich vor den Altar, nur vom Kerzenlicht beleuchtet, und beginnt zu singen. Nach dem ersten Lied wird es kurz still, dann folgt ein zweites. Insgesamt singt sie mehrere Lieder. Eines davon ist auf Englisch, besonders beeindrucken finde ich jedoch die Lieder auf Manx- und Irisch-Gälisch. Alle Lieder sind sehr schön gesungen. Später erklärt sie mir, dass die Sprache dabei weniger wichtig ist. Entscheidend sei vielmehr die Stimmung des Liedes und ob es im Moment passt.

Nach den Gesängen nimmt sie die Opfergaben und legt sie vor die Kerzen. Immer wieder entstehen kurze Momente der Stille, die das Ritual ruhig und konzentriert wirken lassen. Gleichzeitig wirkt die Atmosphäre intim. Ich bin mir bewusst, dass ich gerade bei etwas zuschauen darf, das normalerweise im Privaten bleibt.

Schliesslich beendet sie das Ritual, indem sie die Kerzen auslöscht. Dieses Mal dauert es nicht lange. Nuria sagt mir später, dass ihre Rituale je nach Situation und Gefühl deutlich länger sein können. Es gibt nicht immer einen festen Ablauf, vieles entsteht im Moment. Manchmal spricht sie währenddessen auch, diesmal bleibt es jedoch beim Gesang und den stillen Momenten.

Bild: Nuria beim Ritual. Foto: @Alma Bender-Freisinger

Ein bleibender Eindruck

Nachdem das Ritual beendet ist, unterhalten wir uns noch kurz und ich bedanke mich bei ihr, dass ich dieses Ritual miterleben durfte. Danach mache ich mich wieder auf den Weg nach Hause.

Rückblickend bin ich sehr dankbar für diese Erfahrung, vor allem, weil ich einen so persönlichen Einblick bekommen habe. Ich habe nicht nur viel über Nurias individuellen Glauben gelernt, sondern auch eine neue Vorstellung davon gewonnen, wie Neuheidentum konkret gelebt werden kann. Der Besuch hinterlässt bei mir einen bleibenden Eindruck. Was zuvor eher abstrakt und von Vorstellungen geprägt war, wird durch diese Begegnung greifbarer.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religionswissenschaften am Literargymnasium Rämibühl entstanden. Im Unterricht ging die Klasse der Frage nach, was eine Religion überhaupt ausmacht, wie sich die Schweizer Religionslandschaft verändert und wie Medien das Bild von Religionen prägen. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Rolle von Stereotypen und Vorurteilen. Passend dazu erhielten die Schüler:innen im Rahmen ihres Reportagenprojekts einen Crashkurs im Schreiben von Reportagen und im Fotografieren. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, welche Methoden es für eine kontextuelle Darstellung von Religionen gibt und weshalb religion.ch den Fokus auf die gelebte Religion legt. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte in die Praxis umgesetzt.


Weitere Beiträge

Autor:in

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Du kannst diese HTML-Tags und -Attribute verwenden:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.