Judentum  ·  Leben  ·  Philosophie  ·  Religion und Ethik
Richard Blättel

Das gute Leben: als das absolute Beginnen

Was bedeutet ein gutes Leben? Ist es die Kunst, alles im Griff zu haben – oder liegt sein Geheimnis in einem schöpferischen Prinzip, immer wieder neu anzufangen? Dieser Essay verbindet Aristoteles, David Bowie und jüdische Traditionen, um eine überraschende Antwort zu finden: Das wahre Lebendigkeitsgefühl entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch den Mut, ein «absolute Beginner» zu sein.

«Das einzige wirkliche Lebendigkeitsgefühl: Teilnahme» von Peter Handke

Aristoteles als Ausgangspunkt

Das Konzept des guten Lebens – oder zumindest die Reflexion darüber – führt unweigerlich zu Aristoteles. Es scheint eng mit dem verbunden, was man Lebenskunst nennt: eine bewusste Balance zwischen Denken und Handeln, die darauf abzielt, eine achtsame Mitte zu finden. Interessant ist dabei die Spannung, die in dieser mittleren Haltung liegt. Die Idee einer «goldenen Mitte» sollte aber nicht voreilig als bürgerliche Tugend der richtigen Balance abgetan werden.  Es geht nicht um einen Mittelwert oder um ein mittleres Mass, welches sich mit Mittelmässigkeit in Verbindung bringen liesse. Denn das Gespür für das Angemessene bewegt sich in Anlehnung an Aristoteles zwischen zwei Polen, was dem Leben eine Spannung verleiht.

Denn das Gespür für das Angemessene bewegt sich zwischen zwei Polen, was dem Leben eine Spannung verleiht.

Aristoteles benutzte den Ausdruck «Mesotes», um damit eine Mitte zu beschreiben, die sich am richtigen Mass in einer konkreten Situation orientiert. Diese Mass-Nahme, im doppelten und essayistischen Sinne dieser Schreibweise, bildet gleichzeitig Werkzeug und Ausdruck des guten Lebens. Der massvolle und gesunde Menschenverstand geht mit der Souveränität einher, das Leben gut zu meistern. Dies umreisst die aristotelische Lebenskunst, die in der französischen Variante unter der geläufigen Redewendung savoir vivre ausgedrückt wird.

Lebenskunst ist keine Technik

Also – ein «spannendes» Leben als Grundvoraussetzung eines guten Lebens. Der Lebenskunst als Orientierungsrahmen droht eine Verwässerung, wenn sie als Ars vivendi oder als savoir vivre das Genussmoment zu stark betont und die Selbstzufriedenheit in den Vordergrund stellt. Mich stört etwas an dieser Form der Lebensführung, die den Eindruck vermittelt, alles im Griff zu haben und zu «wissen», was ein gutes Leben ist. Als ob es eine Souveränität gäbe, das Leben zu meistern.

Grundsätzlich spricht nichts gegen die Verbindung zwischen Leben und Wissen. In der Tat wäre es seltsam, dem Lebenswissen mit einem Einwand begegnen zu wollen. Und trotzdem: Der allzu rationale Zugriff auf das Leben bedroht es just in jener Schicht der Lebendigkeit, die nicht be-griffen wird: Weil es keine Lebenstechnik gibt, welche der Lebendigkeit habhaft werden könnte. Genau darin verbirgt sich aber die problematische Kehrseite einer Lebenskunst, die letztendlich am Leben selbst Mass nimmt, um es im Modus souveräner Kontrolle kontrolliert zu führen.

Die Lebenskunst hängt mit einer schöpferischen Tiefendimension zusammen.

Was Aristoteles bestimmt nicht beabsichtigte, aber eben der genannten Kehrseite innewohnt, besteht im gegenwärtigen Trend und Paradigma der Kompetenz. Die allerorts gepriesene Kompetenzorientierung mag als Lebensorientierung in gewissen Lebensbereichen sogenannte «Skills» optimieren, aber die darin enthaltene Logik des Kompetitiven hat nichts mit Lebendigkeit zu tun. Kompetenzen werden aufgrund individueller Fähigkeiten erworben, um als Ressource – zur Verfügung zu stehen. Lebendigkeit ist aber keine Ressource und steht nicht zur Verfügung. Wenn es in Anlehnung an Handke um ein wirkliches Lebendigkeitsgefühl geht, so ist eine radikale, aber bedenkenswerte Neuperspektivierung notwendig: Lebendigkeit und Kompetenz schliessen sich aus. Denn die Lebenskunst hängt mit einer schöpferischen Tiefendimension zusammen, die sie im genauen Sinne zu einer Lebendigkeitskunst werden lässt.

Ich möchte mich nicht von jeglicher Lebenskunst, wie ich sie oben beschrieben habe, ausschliessen, denn der Ausgangspunkt des Essays verwies auf eine Grundspannung als Voraussetzung für ein gutes Leben. Wofür ich plädiere, ist eine Form des Souveränitätsverlustes, die ich im Folgenden näher bestimmen werde.

We’re absolute Beginners

Um einen entsprechenden Kontext zu eröffnen, schlage ich eine popästhetische Brücke zu David Bowies Musikstück Absolute Beginners von 1986. Was als Liebeslied komponiert ist, kann verallgemeinernd als Liebe gegenüber der allumfassenden Dimension des Lebendigen gedeutet werden. Um wiederholt den Refrain anklingen zu lassen: «But we’re absolute beginners».

Die Betonung liegt in der Wortwörtlichkeit: Das Beginnen muss in seiner Radikalität verstanden werden. Die Fähigkeit des Menschen, anfangen zu können, lässt sich auf keine Kompetenz zurückführen. Das schöpferische Beginnen-Können als eigenartige Qualität überschreitet die Idee von Kompetenzen. Denn die Eigenart der schöpferischen Natur des Menschen lässt sich nicht in die Schablone der Kompetenz pressen. Sie passt nicht in diese Vorstellung, weil sie diese überschreitet.  

Bild: @DarioGaona / iStock

Im Anfang liegt das Anfangen-Können

Mit dem Bild des Überschreitens wende ich mich erneut der Frage nach dem Guten zu. Ich möchte aber wegen meiner eigenen Herkunft an jüdische Quellen anknüpfen. Und einen Sprung über David Bowie hinauswagen, um einen radikalen Souveränitätsverlust im doppelten Sinne anzuregen: Der Mensch als verwundbares und endliches Geschöpf bewegt sich in einem Labyrinth, in welchem Spuren auf den nicht erkennbaren Urheber hindeuten: Auf Gott als Schöpfer.

Ich möchte mich nicht in solchen theologischen Ansätzen verlieren, sondern eine schöpferische Mitte suchen. – «But we’re absolute beginners». Diese ist in der Welt wirksam, indem sie einen Übergang zwischen Mensch und Gott schafft – und eine Passage eröffnet. Um die Tiefgründigkeit dieses Passagen-Werkes zu verstehen, muss man sich der ersten Worte der Thora bewusst werden.

Ganz am Anfang, am Nullpunkt steht das erste Wort: בראשית (Bereschit: Anfang). Um bei diesem Punkt die Null noch zusätzlich zu betonen, muss noch weiter zurückgegangen werden: Zum ersten Buchstaben ב, der die entscheidende Präposition birgt: im und nicht amAnfang. Im Anfang schuf Gott nicht Himmel und Erde, sondern sein Schaffen deckt sich insofern mit seinem Anfangen-Können, als Gott das Anfangsprinzip als Schöpfungsprinzip überhaupt erst zur Geltung bringt: Als Prinzip des Anfangs. – «But we’re absolute beginners». Dieser Refrain hört sich inzwischen nach einer überraschenden Erkenntnis an, die jetzt an Kant erinnert: Das Schöpfungsprinzip wird zur Bedingung der Möglichkeit, Wirklichkeit prinzipiell zu erschaffen und zu gestalten.  

Gott ist in der Tat absoluter Anfänger

Gott ist in der Tat absoluter Anfänger (alles andere als blasphemisch gemeint). Denn er beginnt aus dem Nichts – beim absoluten Anfang. Und der Mensch als sein Ebenbild überschreitet das Selbst, wenn er diese schöpferische Qualität vergegenwärtigt. Denn als Akt schöpferischer Freiheit entsteht Raum für das Gegenüber. So wie Gott als Schöpfer mit der Schaffung des Universums aus dem Nichts Raum erschaffen hat.

Dieser Prozess ist als kontinuierlich und offen zu denken. So verwendet die Sabbat-Liturgie die vielsagende Wendung den Schöpfergott betreffend: וּבְטוּבוֹ מְחַדֵּשׁ בְּכָל־יוֹם תָּמִיד מַעֲשֵׂה בְרֵאשִׁית «der in Seiner Güte jeden Tag das Schöpfungswerk erneuert». Die Sabbatruhe aktualisiert wöchentlich die Heiligung dieses Tages, um die sinnbildlichen sechs Schöpfungstage des Raumes mit einer zeitlichen Unterbrechung zu vervollkommnen. Der Mensch nimmt Anteil am Anfang.

Leben, das in dieser Dynamik passiert, zeichnet sich nun verstärkt durch Handkes «einzige[s] wirkliche[s] Lebendigkeitsgefühl» aus. In dieser Verbindung lässt sich daraus ein jüdisches Lebenskunstmodell ableiten: In und durch die Begabung schöpferischer Freiheit werde ich als Mensch auf wesentliche Art und Weise zu einem wichtigen Teil der geschaffenen und erschaffenden Welt und als deren Teilnehmer:in nehme ich in meiner Personenhaftigkeit existenziell und moralisch Anteil.

Zuwendung und Empathie

«But we’re absolute beginners». Diese wiederkehrende Liedzeile dürfte inzwischen zu erwarten sein, was ich als «das Geheimnis der Wiederholung» bezeichne. Gott ist dabei die Transzendenz des Anderen, dem ich mich immer wieder – erneut und erneuernd – annähere. Die Haltung der damit verbundenen Zuwendung spiegelt sich in der zwischenmenschlichen Empathie wider, was auch in den Sprüchen der Väter als wesentliche Aufforderung geltend gemacht wird: «jeden Menschen mit einem freundlichen Gesichtsausdruck zu empfangen» (Kap.1:15). Diese Art zu Empfangen bildet eine spirituelle Ebene: Mekabel zu sein ist tief im jüdischen Bewusstsein verwurzelt – und kommt beispielsweise in der Mystik der Kabbala zum Ausdruck.

Eine Spur dieser freundlichen «Empfänglichkeit» zeigt sich beim Blick auf ein Detail beim Bau des Stiftszelts. Es betrifft die Anordnung der Engelsfiguren auf dem Deckel der Bundeslade, in welcher sich die Thora befindet. In ihr wird Folgendes angeführt: «Die Cheruwim sollen die Flügel aufwärts breiten, mit ihren Flügeln den Deckel überdecken und ihr Angesicht einem dem andern zu; dem Deckel zugewandt sollen die Gesichter der Cheruvim sein.» (Exodus 25,20)

Das gute Leben beginnt also im Dazwischen der teilnehmenden Gegenseitigkeit.

Dem Gesicht ist eine bemerkenswerte hebräische Etymologie eingeschrieben, die geheimnisvoll um den Anderen kreist, um einen Zwischenraum der Begegnung zu kreieren und zu entwickeln. Das Schöpferische verbirgt sich in der etymologischen Verbindung zwischen dem Nomen פנים (panim; Gesicht) und dem Verb לפנות (lifnot; wenden). Der hebräische Plural betont emphatisch, dass dem Gesicht eine Ethik eingeschrieben ist, die sich an der Dynamik gegenseitiger Zuwendung orientiert. Das gute Leben beginnt also im Dazwischen der teilnehmenden Gegenseitigkeit. Daraus wächst das wirkliche, schöpferische Lebendigkeitsgefühl einer jüdischen Lebenskunst: Im Beginnen steckt ein Zuwenden und es entsteht eine Meisterschaft für absolute Anfänger.

Emanzipation des Menschen im Schöpfen

Es gibt in der Wiederholung keine Strategie. Gelebte Schöpfung ist nicht (be)greifbar, kann aber passieren. Könnte darin nicht die wahre Emanzipation des Menschen liegen? Dass der Mensch sich der Selbst-Bemächtigung entledigt, sie aus der Hand gibt – und aushändigt, darin verbirgt sich das zerbrechliche Gut eines guten Lebens mit schöpferischer Handlungs-Freiheit. Denn nun lässt sich Bowies Refrain zum wiederholten Male bestätigend anwenden: Wir sind absolute Anfänger.

Mit Hannah Arendt – der Denkerin der Handlungsfreiheit schlechthin – möchte ich den Schlussgedanken entspinnen, «dass der Mensch selbst in der Welt ein Anfang sei». Dieser Anfang wird bei Arendt zum Anknüpfungspunkt rund um ihren prägenden Begriff der Natalität, den sie als Gegenbegriff zu Martin Heideggers Todesverfallenheit als Sein-zum-Tode erklärt.

Dem Leben und menschlichem Handeln zugewandt, betont Arendt die Geburt des Menschen als etwas ganz und gar Neues, das auf einzigartige und individuelle Art und Weise in die Welt kommt, und sich als Wunder eines guten Lebens ankündigt. Dadurch vertieft sich sogar das Geheimnis der Wiederholung! – kontinuierlich und jedes Mal offen. Insbesondere als Geburt des Geistes, dem das Potenzial schöpferischer Freiheit eingeschrieben ist und sich in der schöpferischen Mitte entfaltet.

Mein essayistischer Versuch, David Bowie und die Thora zu verbinden, mag vielleicht den Bogen überspannen. Aber mich ermutigt dieser insofern, als dass er ein schöpferisches Drehmoment beinhaltet, das sich in der Welt und durch die Welt und über die Welt hinauswindet. Diese Windungen verleihen mir die Kraft und die Hoffnung, die Welt mit meinem eigenen ständigen Anfangen zu verbessern: Als Fähigkeit für ein gutes Leben. Um es nicht zu meistern, aber zu beginnen: Als Verschränkung zwischen gutem Leben und absoluten Beginnen. Womit sich der (Lebens)Kreis schliesst …


Weitere Artikel

Autor:in

  • Richard Blättel

    Philosoph und Gymnasiallehrer an der KS Seetal (Kt. Luzern) ||| Richard Blättel, geboren 1972 in Luzern, studierte Philosophie und Germanistik in Zürich, promovierte und habilitierte im Fachbereich der Judaistik an der Universität Luzern. Hauptberuflich ist er als Gymnasiallehrer an der KS Seetal (Kt. Luzern) tätig.

    Zeige alle Beiträge