Zwischen Tempelalltag in Zürich und Pilgerwegen in Indien erzählt dieser Besuch beim Tempelpräsidenten Damodar Prasad von einer Lebenspraxis, in der Hingabe, Gemeinschaft und Verantwortung den Alltag prägen.
Es stürmt und regnet, als ich an einem Mittwochnachmittag vor dem Krishna-Tempel in Zürich stehe. Das Gebäude befindet sich in einem Wohnquartier am Zürichberg und wirkt von aussen eher wie eine Villa als wie das, was viele von einem Hindu-Tempel erwarten würden.

Bild: Hare Krishna Tempel in Zürich. Foto: @Lionel Ruckstuhl
Damodar Prasad
Ich trete ein, ziehe meine Schuhe aus und bleibe kurz stehen. Hier drin ist es ruhig. Es herrscht eine bedächtige Stille. Die Luft riecht nach Räucherstäbchen, ein Duft, den ich schon mal irgendwo gerochen habe – ich weiss nur nicht mehr, wo. Im Hintergrund höre ich vereinzelte Stimmen. Ich stehe in der Eingangshalle und warte auf Damodar Prasad, den 27-jährigen Präsidenten des Krishna-Tempels. Zur Begrüssung reicht er mir die Hand und erzählt mir, dass er fast zehn Jahre hier gelebt hat. Für ihn bedeutet dieser Ort Alltag.
Wir setzen uns und Damodar Prasad reicht mir Kekse und eine Limonade. Während wir essen, beginnt er zu erzählen. Er ist nicht mit dem hinduistischen Glauben aufgewachsen. Als Kind lebte er auf einem Bauernhof und spielte Fussball. Als Jugendlicher kam er in eine Phase, in der er sich stärker mit sich selbst beschäftigte. Er wurde Vegetarier, begann sich für Yoga und Meditation zu interessieren und las viel.
Für ihn bedeutet dieser Ort Alltag.
Dann lernte er eine Person kennen, die ihn in den Krishna-Tempel in Zürich mitnahm. An einem Sonntag war er damals hier, später besuchte er einen dreimonatigen Kurs des Krishna-Tempels. Danach blieb er dort. Da war er 17 Jahre alt. Von da an trug er orangefarbene Gewänder. Er erzählt, wie eine Frau, der er bei einem Spaziergang im Wald begegnete, wegschaute, als sie ihn in diesem Gewand sah. Einige Tage zuvor hatte dieselbe Frau das nicht getan, als sie ihm in Alltagskleidung begegnet war. Durch seinen Glaubenswechsel verlor er Freunde, andere hielten dennoch zu ihm.
Verantwortung für den Tempel
Präsident des Krishna-Tempels zu werden, war kein aktiver Wunsch von Damodar Prasad. Sein Vorgänger hatte diese Aufgabe vierzehn Jahre lang wahrgenommen. Als eine Nachfolge gesucht wurde, gab es zwar mehrere Kandidaten, doch viele waren der Gemeinschaft nicht so vertraut wie er. Damodar war schon drei Jahre dort, kannte die Abläufe, die Menschen im Tempel und den Alltag. Deshalb kam er als möglicher Präsident ins Gespräch. Mit der Zeit ist er in diese Rolle hineingewachsen. «Ich habe einfach getan, was nötig war», erklärt er.
Ein grosser Teil seiner Arbeit besteht aus Kommunikation.
Heute trägt er die Verantwortung für den gesamten Tempel. Zur Gemeinschaft gehören rund 200 Mitglieder und der Betrieb läuft jeden Tag. Es gibt keine Ruhetage. Wie er selbst sagt, besteht ein grosser Teil seiner Arbeitszeit aus Kommunikation. Bis zu vier Stunden täglich ist er mit E-Mails, Nachrichten und Absprachen beschäftigt. Auch das Halten von Morning Lectures gehört zu seinen Aufgaben. Für die Mitglieder der Gemeinschaft ist er die Ansprechperson. Das scheint ihn nicht zu stressen. Er spricht ruhig und überlegt. Damodar sagt, dass er am Anfang gar nicht genau wusste, worauf er sich einlässt. Mit der Zeit habe er aber gelernt, mit der Verantwortung umzugehen und seine Aufgabe gefalle ihm.
Es geht um Hingabe
Wir gehen weiter in einen kleineren Raum, in das Museum des Tempels. In Vitrinen liegen Bücher, an den Wänden hängen Bilder. Ein goldener Fussabdruck sticht mir ins Auge. Daneben liegt die Bhagavad Gita, eine der wichtigsten heiligen Schriften des Hinduismus. An einer Wand sehe ich eine Bildreihe, die zeigt, wie ein Guru den Glauben des Hinduismus in den Westen gebracht hat.

Bild: Goldene Fussabdrücke. Foto: Lionel Ruckstuhl
Der Hinduismus gehört zu den ältesten Religionen der Welt und hat seinen Ursprung in Indien. Er umfasst viele verschiedene Strömungen und Traditionen. Damodar erklärt mir einige Grundlagen. Es geht um Hingabe und darum, wie man sein Leben ausrichtet. Zentrale Ideen sind Karma, Wiedergeburt und das Ziel, aus diesem Kreislauf befreit zu werden.

Bild: Museum im Hare Krishna Tempel. Foto: @Lionel Ruckstuhl
Danach betreten wir den Gebetsraum. Vor dem Eingang läute ich kurz eine Glocke. Das Läuten der Glocken ist Krishna gewidmet. Drinnen sticht mir ein Altar ins Auge. Er ist von einem kunstvoll verzierten, goldenen Gitter umgeben, das wie ein Tor wirkt. Dahinter stehen bunte Figuren in auffälligen Gewändern. Vor dem Altar befindet sich ein kleiner, schlichter Tisch. Damodar erzählt mir, dass die Kleidung der Figuren regelmässig gewechselt wird. Es gibt rund fünfzig verschiedene Gewänder und der Altar wird täglich gereinigt.

Bild: Gebetsraum im Hare Krishna Tempel. Foto: @Lionel Ruckstuhl
Eine Frau beginnt zu singen und Damodar stimmt in die Musik ein. «Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare …». Der Gesang wiederholt sich. Er wirkt ruhig und gleichmässig.

Bild: Damodar und eine Frau beim Chanten. Foto: @Lionel Ruckstuhl
Von Vollmond zu Vollmond ist er barfuss unterwegs
Später erzählt mir Damodar von seinen Reisen nach Indien. Einmal im Jahr reist er dorthin, um zu pilgern. Eine Reise dauert einen ganzen Monat. Von Vollmond zu Vollmond ist er barfuss unterwegs und umrundet einen heiligen Ort. Insgesamt legt er dabei 500 Kilometer zurück. Während dieser Zeit singt er, meditiert und liest in den heiligen Schriften. Es gehe darum, völlig in diese spirituelle Welt einzutauchen. Für ihn ist dieses Ritual ein wichtiger Teil seines Lebens. Er sagt, dass sie glauben, Krishna sei vor etwa 5000 Jahren erschienen und habe gezeigt, wie man in der spirituellen Welt lebt. Diese Orte seien deshalb besonders bedeutend.
Auch im Alltag zeigt sich dieser Glaube. In der Küche wird vegetarisch gekocht. Allgemein gilt die Regel, keine Lebewesen zu essen. Die Speisen werden zuerst auf dem Altar geopfert und man bittet Krishna, das Essen anzunehmen. Damodar erklärt, dass sie glauben, die Nahrung sei dann frei von Karma und wirke sich positiv auf den Menschen aus.

Bild: Küche im Hare Krishna Tempel. Foto: @Lionel Ruckstuhl
Auch bei ihm zu Hause hat Damodar einen Altar und eigenes Geschirr für Krishna. Die Grenze zwischen Alltag und Religion ist nicht klar gezogen. Obwohl er heute kein Mönch mehr ist, versucht er, eine ähnliche Haltung zu bewahren. Er beschreibt es so, dass er zu verstehen versucht, was Krishna von ihm will. Diese Frage begleitet ihn im Alltag. Er sagt auch, dass jeder Mensch eine Aufgabe habe, nicht nur Mönche.
Als ich den Tempel wieder verlasse, regnet es immer noch. Ich bleibe kurz stehen und denke an das Gespräch zurück. Ich habe einen Einblick in einen Alltag erhalten, der ganz anders funktioniert als meiner – und das mitten in der Stadt Zürich. Mir wird bewusst, wie wenig ich zuvor über solche Lebensweisen nachgedacht habe.
Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religionswissenschaften am Literargymnasium Rämibühl entstanden. Im Unterricht ging die Klasse der Frage nach, was eine Religion überhaupt ausmacht, wie sich die Schweizer Religionslandschaft verändert und wie Medien das Bild von Religionen prägen. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Rolle von Stereotypen und Vorurteilen. Passend dazu erhielten die Schüler:innen im Rahmen ihres Reportagenprojekts einen Crashkurs im Schreiben von Reportagen und im Fotografieren. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, welche Methoden es für eine kontextuelle Darstellung von Religionen gibt und weshalb religion.ch den Fokus auf die gelebte Religion legt. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte in die Praxis umgesetzt.
