Workshops und Podien schaffen zwar Bewusstsein, doch oft bleibt der Effekt an der Oberfläche: Zwar werden Teilnehmende für den Moment aufgerüttelt, aber die nachhaltige Veränderung bleibt aus. Was aber, wenn Begegnung tiefer gehen könnte, und dabei auch die Haltung der Menschen verändern würde? Die Mediatorin und Dozentin Daniela Oppliger fand bei ihrer Suche das Format der Biografiegespräche. Sie ist überzeugt, diese Art des Dialogs schafft Räume jenseits von Diskussion und Bewertung und bringt Begegnungen, die neue Perspektiven ermöglichen.
In der Sensibilisierungsarbeit zu Anti-Rassismus bin ich immer wieder an Grenzen gestossen. Die gängigen Formate – Workshops, Podiumsdiskussionen, etc. – schienen zwar Bewusstsein zu schaffen, bewirkten aber selten eine tiefgreifende Veränderung. Nach einem Workshop war vor dem Workshop – und das Leben ging weiter wie zuvor.
Ich begann mich zu fragen: Wie kann echte Veränderung gelingen? Wie können Menschen so berührt werden, dass sich nicht nur ihr Denken, sondern auch ihre Haltung verändert?
Im Buch «Mehr Dialog wagen!» von Dirk Spintler und Ljubjana Wüstebube (2020) entdeckte ich das Format Biografiegespräche, das von dessen Begründer Axel Schmidt-Gödelitz vorgestellt wird. Schon beim Lesen habe ich gemerkt: Das ist es! Dieses Format hat grösstes Potential, es ermöglicht Begegnungen, die unter die Oberfläche gehen – und dadurch das schaffen, was vielen anderen Ansätzen verwehrt bleibt: Verständigung im Kern.
Was sind Biografiegespräche?
Biografiegespräche werden seit 1998 auf Gut-Gödelitz in Deutschland, später auch in weiteren Ländern und seit 2022 ebenso in der Schweiz regelmässig durchgeführt und wurden bisher 1000-fach ausgetragen (Schmidt-Gödelitz, 2020).
Von Freitagabend bis Sonntagmittag treffen acht sich unbekannte Teilnehmende und zwei Moderator:innen zu den exCHANGE – Biografiegesprächen, einer Begegnung auf Augenhöhe zwischen Menschen unterschiedlicher Couleur. Die Teilnehmenden unterscheiden sich auf den ersten Blick in vielerlei Hinsicht, es sind Menschen zwischen 25-73 Jahren, die im Kreis sitzen, migriert aus beruflichen, familiären oder politischen Gründen aus Deutschland, Eritrea, Irak, DR Kongo, Indien, Peru, Brasilien oder hier in der Schweiz geboren, weiblich und männlich gelesene Personen, Menschen, die bei der Polizei, im Asyl- oder Integrationsbereich, als Lehrperson oder Fachperson Betreuung tätig, auf Jobsuche, in Ausbildung oder in Pension sind. Während eine Teilnehmerin während 45 Minuten ihre Biografie erzählt, tauchen die Zuhörer:innen in die erzählten Geschichten ein, hören sich Fremdes wie auch Bekanntes an – ohne zu unterbrechen, ohne zu bewerten oder zu kommentieren. In der anschliessenden Fragerunde kann weiter erkundet werden. Nur bewerten ist auch hier nicht erlaubt. Dann kommt die nächste Person dran.

Warum erzählen wir unsere Lebensgeschichten?
Das biografische Erzählen ist weit mehr als das Teilen von Erinnerungen. Es ist eine Form der Selbstvergewisserung: Wer erzählt, erkennt – «So bin ich geworden, wie ich heute bin.» Zugleich wird die eigene Geschichte durch das aufmerksame Zuhören anderer gewürdigt und gestärkt. Nicht bewertet zu werden, sondern einfach gehört zu werden, wirkt heilsam – und öffnet Raum für neue Sichtweisen.
Dabei entsteht echte Verbindung. Es wird gemeinsam gelacht, manchmal auch geweint. Unterschiede und Gemeinsamkeiten treten zutage, Missverständnisse werden sichtbar – und Kultur wird plötzlich als vielschichtiges Gefüge individueller Erfahrungen erfahrbar. So wachsen innerhalb von nur drei Tagen intensiven Zusammenseins aus vormals Unbekannten echte Nähe, Vertrauen – und manchmal sogar tragende Freundschaften.
Kultur wird als Gefüge individueller Erfahrungen erfahrbar.
Das Erzählen von Lebensgeschichten baut Brücken. Es ermöglicht Perspektivwechsel, fördert Empathie – und lässt in der Vielfalt menschlicher Erfahrungen eine verbindende, gemeinsame Dimension aufscheinen.
Stimmen von Teilnehmenden:
«Wir haben alle ganz unterschiedliche Hintergründe – und doch überschneiden sich viele Erfahrungen. Ich habe so viele Parallelen entdeckt, die ich nun besser verstehen kann.»
«Ihr wart mir völlig fremd – und nach drei Tagen kenne ich euch wie Freund:innen.»
«Es war unglaublich heilsam zu spüren, dass mir einfach zugehört wird. Ohne Bewertung. Das hat mir Vertrauen in meine eigene Geschichte geschenkt.»
«Ich kenne meine Freunde seit 20, 30 Jahren – und trotzdem habe ich ihnen davon nie erzählt. Hier war das möglich. Und sehr wertvoll.»
Oder lassen Sie sich selbst berühren – von dem, was Teilnehmende über ihre Erfahrungen erzählen: Hier geht’s zum Film: exCHANGE Biographiegespräche
Raum für echte Auseinandersetzung
Die langjährige Praxis der Gödelitzer Biografiegespräche zeigt: Eine tiefgehende, sowohl innere als auch zwischenmenschliche Auseinandersetzung braucht Zeit – und einen geschützten Rahmen. Als ideal hat sich ein Wochenende an einem abgeschiedenen Ort erwiesen, das den Teilnehmenden ermöglicht, aus dem Alltag auszusteigen, sich auf sich selbst und andere einzulassen und eine nachhaltige Verbindung zu schaffen.
Ein wesentlicher Teil des Settings ist der gewählte Ort: Er schafft Distanz zum Gewohnten und eröffnet gleichzeitig neue Begegnungsmöglichkeiten. Diese Atmosphäre trägt entscheidend dazu bei, dass sich eine innere Präsenz und Offenheit entfalten kann. Auch abseits der eigentlichen Gesprächszeiten – in Pausen oder beim gemeinsamen Essen – entstehen wertvolle Dialoge in wechselnden Gruppenkonstellationen.
Im Zentrum steht ein vertrauensvoller Raum, den die Moderator:innen durch einfühlsame Begleitung bewusst gestalten. Durch klare Struktur, achtsame Moderation und das Prinzip der Nicht-Bewertung entsteht ein Klima, das es erlaubt, sich ehrlich und verletzlich zu zeigen. Beziehung, Empathie und gegenseitiger Respekt können so wachsen.

Etwa vier bis fünf Wochen nach dem Wochenende kommen alle Beteiligten nochmals zusammen. Dieses Nachtreffen dient der gemeinsamen Reflexion: Was hat gewirkt? Was ist geblieben? Im Zentrum steht die Biografie jeder einzelnen Person – und die anderen teilen, was ihnen von ihrer Geschichte in Erinnerung geblieben ist. Immer wieder zeigt sich, wie tief das Gehörte verankert bleibt und welch wertschätzende Atmosphäre auch dabei entsteht.
Mögliche Erweiterungen – auch im religiösen Kontext
In den Erzählungen tauchen ganz selbstverständlich auch persönliche Werte, spirituelle Prägungen oder religiöse Erfahrungen auf – sofern sie für die Erzähler:in bedeutsam sind. Religion kann ein Thema sein, muss aber nicht.
Es ist ebenso denkbar, Biografiegespräche gezielt auf das Thema religiöse Identität auszurichten. In diesem Fall erzählen die Teilnehmenden ihre Lebensgeschichte mit besonderem Fokus auf Spiritualität, Glaubensprägung oder interreligiöse Erfahrungen.
Echte Begegnung entsteht dort, wo Menschen einander zuhören.
Auch kürzere Formate wie Erzählcafés, Conversation Dinners oder Living Libraries bieten Raum für Begegnungen zu religiösen Themen – auch wenn sie selten die Tiefe eines ganzen Wochenendes erreichen. Mit unserem Kartenset aus 33 tiefgehenden Fragen lassen sich solche Dialogräume ebenfalls gestalten. Je nach Zielgruppe und Rahmenbedingungen kann das Format flexibel angepasst und weiterentwickelt werden.
Entscheidend bleibt jedoch immer: Echte Begegnung entsteht dort, wo Menschen einander zuhören – offen, urteilsfrei und auf Augenhöhe.
Was würden Sie erzählen, wenn Ihnen jemand 45 Minuten lang wirklich zuhört? Auskunft zum Projekt exCHANGE – eine Begegnung auf Augenhöhe zwischen Menschen unterschiedlicher Couleur finden Sie über die Webseite www.pro-dialog.ch oder direkt bei der Co-Initiantin, Co-Projektleiterin und Moderatorin Daniela Oppliger: info@pro-dialog.ch. Bis am 22. September 2025 läuft noch ein Crowdfunding, um das Projekt finanziell zu sichern und auszuweiten exCHANGE – Biografiegespräche – Lokalhelden.ch – Crowdfunding von Raiffeisen
Weiterführende Literatur:
Schmidt-Gödelitz A. (2020), Erzählt euch eure Lebensgeschichte – das Modell der Gödelitzer Biografiegespräche, in Spintler D., Wüstehube L. (Hrsg.), Mehr Dialog wagen! – eine Ermutigung für Politik, gesellschaftliche Verständigung und internationale Friedensarbeit, Metzner Wolfgang Verlag.
Spintler D., Wüstehube L. (2020), Mehr Dialog wagen! – eine Ermutigung für Politik, gesellschaftliche Verständigung und internationale Friedensarbeit, Metzner Wolfgang Verlag.
