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Milene Gutierrez

Glauben im Alltag – Eine Begegnung mit Claudia und Nina

Geht es um junge Menschen und die Kirche, sind die Diskussionen oft gespalten: Die einen sehen die Kirche im Wandel – offener, nahbarer, anschlussfähiger für die Jugend. Die anderen erleben sie als Institution, die mit ihren Strukturen kaum mit dem Zeitgeist junger Menschen Schritt hält. Die ehemalige Kantonsschülerin Milene Gutierrez hat bei ihren Freundinnen Nina und Claudia nachgefragt und ist auf zwei sehr unterschiedliche Zugänge zu Kirche und Glauben gestossen. So verschieden die beiden sind, so deutlich wird: Der Zugang zur Religion ist heute etwas höchst Individuelles.

In Gesprächen mit Claudia und Nina, zwei engen Freundinnen, wurde mir bewusst, wie unterschiedlich junge Menschen heute mit ihrem Glauben umgehen. Für viele gehört er nicht mehr selbstverständlich zum Leben, sondern ist eine bewusste Entscheidung. Claudia, als Oberministrantin, findet Halt in der Kirche und bewegt sich in ihr mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre dieser Ort ihr zweites Zuhause. Während des Gottesdienstes beobachte ich Claudia und bekomme ein Gefühl dafür, wie Religion in ihrem Alltag präsent ist. Zumindest in diesem Moment wird sichtbar, wie selbstverständlich ihr die Rituale und Abläufe geworden sind. Nina hingegen sucht ihren eigenen Weg zu einem Glauben, der für sie stimmt – ausserhalb religiöser Strukturen.

Bild: Kirche St. Katharina. Foto: @Milene Gutierrez

Ankunft in der Kirche St. Katharina

An einem Sonntag im Frühling 2025 besuchte ich einen Gottesdienst in der Kirche St. Katharina. Ich wollte miterleben, wie meine Freundin Claudia diesen Ort erlebt und später mit ihr darüber sprechen, welche Rolle Religion und spirituelle Praxis in ihrem Alltag spielen. Schon an diesem Morgen wurde spürbar: Für die 18-jährige Claudia ist die Kirche mehr als ein Ort der Tradition und ihr Glaube ist ein zentraler Bestandteil ihres Lebens.

Bild: Kirche St. Katharina, von aussen. Foto: @Milene Gutierrez

Claudia und ich trafen uns an der Bushaltestelle und machten uns gemeinsam auf den Weg. Ihr kleiner Bruder, ebenfalls Ministrant, begleitete uns. Ich kenne die beiden seit etwa acht Jahren. Beim Betreten der Kirche tauchten wir unsere Finger in geweihtes Wasser und bekreuzigten uns. Obwohl ich schon öfter hier war, hat dieser Moment immer etwas Besonderes.

Die besondere Atmosphäre der Kirche

Das Innere der Kirche strahlt mit seiner hohen Decke eine besondere Atmosphäre aus. Wir waren früh hier, sodass der Raum fast leer war. «Willkommen» steht in verschiedenen Sprachen an der Wand, denn diese Kirche beheimatet auch viele Migrationskirchen. Ich spürte eine ruhige, einladende Stimmung und fühlte mich willkommen.

Bild: Atmosphäre in der Kirche St. Katharina. Foto: @Milene Gutierrez

Bild: Die Orgel finde ich sehr elegant und edel. Ich sagte zu Claudia, dass die Orgel am besten mit einem Chor klingt. Foto: @Milene Gutierrez

Vor dem Gottesdienst

Claudia schien sich hier wie zuhause zu fühlen. Ich kenne den Ablauf des Gottesdienstes, auch wenn ich selten in die Kirche gehe – etwa drei bis viermal pro Jahr – aber «Hinter den Kulissen» zu sein, fand ich sehr spannend. Sie begrüsste zwei ihrer Kollegen, die bereits dabei waren, ihre Ministrantenkleidung anzuziehen, mit einem vertrauten Lächeln.

Bild: Zingula in verschiedenen Farben. Foto: @Milene Gutierrez

Claudia legte ihre weisse Albe an und knotete das grüne Zingulum um ihre Taille. Claudias Bruder wusste genau, wie der Knopf gemacht wird, was ich beeindruckend fand. An der Wand hingen weitere Zingula in verschiedenen Farben. Alles kam mir neu vor. Ich beobachtete sie neugierig und fragte nach den Farben der «Bändel», so wurde das Zingulum unter ihnen genannt. Sie erklärte mir die Bedeutung: Weiss für festliche Anlässe oder gewöhnliche Gottesdienste, Rot für das Blut, Lila für die Stille und Grün für die Hoffnung. Grün wird bei Gottesdiensten getragen, wenn keine andere liturgische Farbe vorgeschrieben ist – so auch an diesem Tag, an dem der Pfarrer ein grünes Gewand trug.

Bild: In der Kirche St. Katharina, noch vor dem Gottesdienst. Foto: @Milene Gutierrez

Da sie eine der Oberministrant:innen war, kam kurz darauf der Pfarrer auf sie zu und bat sie, die verschiedenen Aufgaben für den Gottesdienst zu verteilen. Mit einer ruhigen Selbstverständlichkeit übernahm sie diese Verantwortung, verteilte die Rollen und gab Anweisungen. Ich beobachtete sie fasziniert, wobei mich ihre Sicherheit und ihr Engagement beeindruckten. Sie war nicht nur Teil der Gemeinschaft, sie trug aktiv dazu bei, dass alles reibungslos funktionierte.

Der Gottesdienst beginnt

Schliesslich begann der Gottesdienst. Claudia trug das Kreuz, während ihr Bruder und eine weitere Ministrantin die Kerzen hielten.

Bild: In der Kirche St. Katharina, beim Gottesdienst. Foto: @Milene Gutierrez

Ich nahm in der letzten Reihe Platz. Von dort aus konnte ich Claudia und ihren Bruder beobachten, wie sie mit Hingabe und Disziplin ihre Aufgaben erfüllten. Der Raum hatte eine warme, beruhigende Stimmung. Die Gemeinde sang, betete und lauschte den Worten des Pfarrers. Es war ein harmonisches Zusammenspiel von Stimmen und Stille, das mich tief berührte.

Bild: In der Kirche St. Katharina, beim Gottesdienst. Foto: @Milene Gutierrez

«Der Glaube gibt mir Frieden»

Während des Gottesdienstes las Claudia einen Abschnitt aus der Bibel. Ihre Stimme klang klar und ruhig. Später fragte ich sie, was ihr Glaube ihr bedeutet. Sie antwortete: «Für mich ist der Glaube wie eine Flucht aus dem Alltag. Nach fünf Tagen Schule einfach in die Kirche zu kommen, zu beten und diesen Frieden zu spüren, auch mit der Gemeinschaft, bedeutet mir sehr viel.» In diesem Moment wurde mir bewusst, wie tief sie mit ihrem Glauben verbunden ist und welchen Frieden er ihr gibt. Sie strahlte so eine Ruhe aus, dass ich mich selbst von ihrer Ruhe umarmt fühlte. Ich fühlte mich wohl bei ihr.

Bild: In der Kirche St. Katharina, beim Gottesdienst. Foto: @Milene Gutierrez

Claudias Familie ist nicht besonders religiös und sie besuchen den Gottesdienst weniger oft als Claudia. Trotzdem findet sie Wege, ihren Glauben in den Alltag zu integrieren. «Meine Freundin ist Muslimin, und mit ihr habe ich oft Gespräche über unseren Glauben. Mit meiner Grossmutter, die sehr häufig in die Kirche geht, telefoniere ich regelmässig und spreche mit ihr über den Glauben. Das gibt mir das Gefühl einer Verbindung zur Religion, auch wenn meine engste Familie nicht so involviert ist.» Ihr kleiner Bruder begleitet sie öfters, was er auch an diesem Tag getan hat.

Herausforderungen des Glaubens im Alltag

Doch sie gibt zu, dass es Herausforderungen gibt. Besonders schwer fällt es Claudia, alltägliche «Sünden» zu vermeiden: «Die kleinen Dinge wie Lügen oder Lästern sind Sünden, die mir schwerfallen. In der Schule bin ich oft von Menschen umgeben, die nicht religiös sind, und dann merke ich, dass ich Dinge tue, die ich eigentlich vermeiden wollte.» Diese Konflikte zwischen Glaubensidealen und sozialem Umfeld beschäftigen sie. Sobald sie aber die Kirche betritt, fühlt sie sich von einer immensen Ruhe umgeben.

Bild: Eine Projekion an der Wand, in der Kirche St. Katharina, beim Gottesdienst. Foto: @Milene Gutierrez

Ist Religion in der Jugend noch aktuell?

Ein interessanter Punkt ist Claudias Beobachtung zum Glauben in ihrer Generation. Laut einer Statistik des Bundesamts für Statistik «Entwicklung der Religionslandschaft» vom Jahr 2023 nimmt die Zahl der Zugehörigen der Römisch-katholischen Kirche ab, während die Zahl der Konfessionslosen steigt. Doch Claudia sieht auch eine andere Entwicklung: «Ich sehe, dass immer mehr junge Menschen einen Zugang zur Religion finden, nicht unbedingt nur im Christentum, sondern auch im Islam. Es ist schön zu sehen, wie sie diesen Weg für sich entdecken.» Besonders beeindruckt sie, dass in ihrer Kirche nun jeden Freitag Jugendtreffen stattfinden, bei denen sich immer mehr junge Menschen austauschen.

Eine weitere Perspektive: Nina

Am selben Tag sprach ich auch mit meiner besten Freundin Nina. Sie ist 18 Jahre alt und wir kennen uns bereits seit neun Jahren. Während eines Spazierganges fragte ich sie, was ihr Glaube ihr bedeutet: «Mein Glaube bedeutet mir sehr viel, aber ich habe den Eindruck, dass man es mir nicht anmerkt. Ab und zu zweifle ich auch daran, aber ich lebe mit meinem Glauben und handle danach. In der Bibel steht, dass man seine Feinde lieben soll, und deswegen versuche ich, so wenig Hass wie möglich zu verbreiten», erklärte sie. Ihre Worte liessen mich besser verstehen, warum Nina so positiv ist und anderen Freude bereiten möchte. Schon als wir jünger waren, versuchte sie stets, Streit zu vermeiden. Konfrontationen lagen ihr nie; sie wich ihnen aus, wo sie konnte.

Zum zweiten Mal an diesem Tag betrat ich die St. Katharina – diesmal mit Nina. Wie am Morgen tauchten wir unsere Finger in das geweihte Wasser und bekreuzigten uns. Ich setzte mich wieder in den hinteren Bereich der Kirche, diesmal vor die Statue von Maria und Jesus, umgeben von flackernden Kerzen. Nina setzte sich neben mich und für einen kurzen Moment schwiegen wir.

Nina stammt aus einer religiös geprägten Familie. Vor dem Essen betet sie, doch der Gedanke, andere zu ihrem Glauben bewegen zu müssen, ist ihr fremd. «Wenn das Thema Glaube zur Sprache kommt, rede ich gerne darüber, aber ich versuche niemanden zu überzeugen», sagt sie. Für sie ist Glaube eine persönliche Angelegenheit, kein Missionsauftrag – und das habe ich immer an ihr geschätzt. In unseren Gesprächen fühlte ich mich nie gedrängt oder belehrt. Jeder und jede sollte seinen oder ihren eigenen Weg finden dürfen, so sieht es Nina, und mit dieser Haltung hat sie mir den Raum eröffnet, offen über Glauben und Zweifel zu sprechen.

Glauben und Zweifel

Auch Nina erzählt von Herausforderungen, die sie mit ihrem Glauben erlebt. «Ich sündige jeden Tag. Ich habe Schwierigkeiten, einige Dinge aus der Bibel in die Tat umzusetzen. Ich habe gerade Zweifel, ob ich mit Gott gehen soll oder nicht. Besonders das Thema Lust ist eine Herausforderung», sagt sie offen. Ihre Worte überraschen mich. Bisher hatte ich sie immer als besonders gläubig erlebt: Jeden Sonntag geht sie in den Gottesdienst, nimmt an kirchlichen Lagern teil und engagiert sich in der Gemeinde. Und jetzt spricht sie hier von ihren Zweifeln? Das führt mir auch mein eigenes Bild von Religion vor Augen – und zeigt mir, wie individuell und komplex religiöse Identitäten sein können.

Ich frage vorsichtig nach. Nina bemerkt meine Überraschung und erzählt, dass sie nicht sicher sei, ob sie ihr ganzes Leben nach «dem Glauben» ausrichten will. Ihre Ehrlichkeit trifft mich. Ich will verstehen, warum sie so empfindet. Sie zögert einen Moment, dann sagt sie: «Zum Beispiel Sex vor der Ehe … Ich weiss nicht, ob ich mich daran halten werde. Ich will es nicht einmal.»

Mir wird klar, dass sie nicht mit ihrem Glauben als solchem ringt, sondern mit bestimmten Erwartungen, die sie seit ihrer Kindheit mit Religion verbindet. Erwartungen, die Religion für sie manchmal wie ein starres Korsett erscheinen lassen. «Ich möchte meinen Glauben so leben, wie ich es für richtig halte», sagt sie schliesslich. «Ich will nicht, dass mir jemand vorschreibt, was richtig oder falsch ist.» Während ich ihr zuhöre, wird mir bewusst: Für Nina ist Religion nicht Fertiges oder Vorgegebenes, sondern etwas, das sie selbst mit Leben füllen und formen will.

Der Glaube als der Jugend individuelle Reise

Im Anschluss an das Gespräch zündete ich eine Kerze an. Viele Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Diese Begegnungen mit Claudia und Nina liessen mich nicht mehr los. Beide leben ihren Glauben auf ihre eigene Weise: Claudia findet in der Kirche Halt und der Sonntagsgottesdienst schenkt ihr Frieden. Nina hingegen ringt mit Zweifeln und sucht derzeit ihren eigenen Weg – einen Weg, der sich von vorgegebenen religiösen Strukturen löst und sich stärker auf ihre persönlichen Werte stützt.

Diese Gespräche haben mir gezeigt, dass Religion und Glaube für junge Menschen heute oft eine bewusste Entscheidung ist. Jugendliche setzen sich intensiv mit Fragen von Glaube, Tradition und persönlicher Überzeugung auseinander, suchen Antworten und finden ihren eigenen Zugang dazu. Manche finden Frieden in der Gemeinschaft, andere hinterfragen Regeln und suchen neue Ausdrucksformen für sich. Der Zugang zur Religion verändert sich – und spiegelt die Fragen und Erfahrungen der jungen Generation wider.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religion an der Kantonsschule Zürich Nord entstanden. Die Klasse hat sich im Unterricht mit der Frage beschäftigt, was Religion ist, wie Religion medial dargestellt wird und welche Rolle Stereotype und Vorurteile dabei spielen. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, wie religionswissenschaftliche Perspektiven zur Darstellung von Religion beitragen können. Dabei ging es auch um die Frage, wie man Reportagen schreibt, worauf es bei der Recherche ankommt und weshalb religion.ch sich für eine menschenzentrierte Herangehensweise entschieden hat. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte gleich in die Praxis umgesetzt.


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