Sarah Paciarelli

Gleichwürdig begleitet

Zwischen kirchlicher Tradition, gesellschaftlicher Realität und den Lebensgeschichten konkreter Menschen entstehen Spannungsfelder, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Gerade im Umgang mit Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbrüchen stellt sich die Frage, wie religiöse Überzeugungen und Solidarität zusammenfinden können. Der Frauenbund Schweiz setzt dabei auf einen Ansatz, der die Würde und die Lebenssituation von Frauen ins Zentrum stellt.

Schwangerschaft ist kein abstrakter ethischer Begriff. Sie ist körperlich, existenziell und sozial. Wer über Schwangerschaft spricht, spricht über Verantwortung, über Abhängigkeiten, über Hoffnungen aber auch Not und manchmal Überforderung. Heutzutage treffen unterschiedliche weltanschauliche und religiöse Überzeugungen aufeinander. Gerade deshalb stellt sich die Frage: Wie kann eine religiöse Haltung aussehen, die Orientierung bietet, Frauenrechte ernst nimmt und zugleich solidarisch mit Schwangeren ist?

Für viele katholische Frauen ist diese Frage keine theoretische. Sie stellt sich im eigenen Umfeld, in Gesprächen, in der Begleitung von Freundinnen, Töchtern oder Nachbarinnen und im politischen Engagement. Sie offenbart sich auch in den wiederkehrenden und teilweise schockierenden Aussagen kirchlicher Oberhäupter. Die römisch-katholische Kirche vertritt in ihrer offiziellen Lehre den Schutz des ungeborenen Lebens von der Empfängnis an. Ein Schwangerschaftsabbruch gilt in der kirchlichen Morallehre als schwere Sünde.

Stigma, Scham und Kriminalisierung

So führte Papst Johannes Paul II. Abtreibungen auf eine «Kultur des Todes» zurück. Er meinte dabei nicht einzelne Frauen, sondern gesellschaftliche Strukturen, Gesetze und Mentalitäten, die aus seiner Sicht Leben nicht mehr bedingungslos schützen. Papst Franziskus hat Abtreibung wiederholt in sehr deutlichen Worten verurteilt und mit dem Anheuern eines Auftragskillers verglichen. Papst Leo bezeichnete Abtreibung als schweren Angriff auf den Frieden und stellte sie in einen grösseren Zusammenhang von Gewalt und gesellschaftlichem Zerfall.

Die Wortwahl ist in jedem Fall verheerend, weil sie moralisch auf Frauen zurückwirkt, die sich in existenziellen Konfliktsituationen befinden, die beim Gedanken um einen Schwangerschaftsabbruch stets einhergehen. Die päpstlichen Aussagen zielen auf eine klare moralische Orientierung, werden jedoch kontrovers diskutiert, weil sie wenig Raum für die konkreten Lebenslagen von Frauen lassen.

Differenzierte Perspektiven sind unverzichtbar.

Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch in Erwägung ziehen, sind Leidtragende, keine Verbrecherinnen. Sie befinden sich in einer ausweglosen Lage, brauchen Hilfe. Das kann auch eine Abtreibung sein. Das ist traurig, aber nicht verdammenswert. Starre Positionen, die ohne Nuancen eine absolute Wahrheit beanspruchen, stehen oft im Widerspruch zu den komplexen Lebensrealitäten vieler Frauen und Familien. Differenzierte Perspektiven jener, die Entscheidungen treffen und deren Konsequenzen tragen, sind deshalb unverzichtbar. Wichtige Entscheidungen im Leben jedes Menschen entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern unter sozialen, gesundheitlichen und wirtschaftlichen Einflüssen. Weder Stigmatisierung noch Ausgrenzung sind dabei hilfreich. Sie führen vielmehr dazu, dass sich Frauen in Not allein gelassen fühlen.

Frauen in ihrer Würde stärken

Die katholische Frauenorganisation der Schweiz, Frauenbund Schweiz, bewegt sich seit jeher zwischen kirchlicher Tradition, gesellschaftlicher Realität und dem Anspruch, Frauen in ihrer Würde zu stärken. Ein zentraler Begriff, der dieser Haltung zugrunde liegt, ist jener der Gleichwürdigkeit. Er meint mehr als juristische Gleichberechtigung. Er bezeichnet die unveräusserliche Würde aller Menschen, unabhängig von Lebenslage oder Entscheidung.

Auch im Zusammenhang mit Schwangerschaft ist dieser Gedanke entscheidend. Zu oft wird moralisch über Frauen gesprochen, statt mit ihnen. Ihre konkreten Lebensbedingungen bleiben unbeachtet, obwohl sie darüber entscheiden, wie eine Schwangerschaft erlebt wird. Ökonomische Unsicherheit, fehlende soziale Unterstützung, gesundheitliche Belastungen oder psychische Überforderung prägen die Realität vieler Frauen und Familien.

Bild: Der Katholische Frauenbund bei den Abstimmungen. Foto: @Sarah Paciarelli

Dazu gehört, dass Frauen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, nicht stigmatisiert werden. Ebenso gehört dazu, Frauen, die sich trotz einer Notsituation für die Austragung eines Kindes entscheiden, ideell und finanziell zu unterstützen. Christliche Ethik zeigt sich hier nicht in moralischen Urteilen, sondern in Solidarität mit jenen, die Verantwortung tragen.

Solidaritätsfonds für Mutter und Kind

Ein sichtbarer Ausdruck dieser Haltung ist der Solidaritätsfonds für Mutter und Kind. Er wurde 1976 im Vorfeld der ersten Abstimmung über die Fristenregelung ins Leben gerufen. Der Frauenbund versprach, sich tatkräftig für in Not geratene Frauen einzusetzen und gründete den «Solidaritätsfonds für werdende Mütter in Bedrängnis», der 1995 in «Solidaritätsfonds für Mutter und Kind» umbenannt wurde. Dieser unterstützt in der Schweiz lebende Mütter durch schnelle und unbürokratische finanzielle Überbrückungshilfe.

Frauen hatten in der Wirtschaftskrise Mitte der 70er-Jahre grosse Mühe, während der Schwangerschaft oder als junge Mutter eine Stelle zu finden. Die Geburt eines Kindes oder eine Erkrankung der Mutter konnten schnell zu finanziellen Schwierigkeiten führen. Zwar entstanden zunehmend Beratungsstellen im staatlichen und kirchlichen Bereich, aber ihnen fehlte in den meisten Fällen das nötige Geld für eine finanzielle Direkthilfe. Der Solidaritätsfonds sollte hier eine Lücke im Sozialsystem schliessen.

Unsere gemeinsame Verantwortung

Eine reflektierte religiöse Stimme macht sichtbar, dass Glaube nicht zu Verhärtung führen muss. Innerhalb religiöser Gemeinschaften engagieren sich Frauen, die Verantwortung übernehmen, zuhören und Brücken bauen zwischen Glauben und gesellschaftlicher Wirklichkeit, zwischen persönlicher Überzeugung und gelebter Solidarität. In einer pluralen Gesellschaft ist diese Haltung ein Beitrag zu einem respektvollen Dialog, der Frauen nicht zu Objekten moralischer Debatten macht, sondern sie als handelnde Subjekte ernst nimmt und ihr Recht auf Selbstbestimmung achtet.

Frauen sollen in ihrer Selbstbestimmung gestärkt werden.

Religiöse Gemeinschaften haben auch die Aufgabe, als spirituelle Heimat zu wirken und gerade auch in schwierigen Lebensmomenten Halt und Geborgenheit zu bieten. Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Frauen in solchen Situationen nicht alleine bleiben, sondern getragen werden von Solidarität und Mitgefühl und durch praktische Hilfe gestärkt werden in ihrer Selbstbestimmung. Dies entspricht einer grundlegenden Haltung christlicher Nächstenliebe: dem aufrichtigen Bemühen, jedem Menschen in seiner Gleichwürdigkeit zu begegnen, Leid zu lindern und Hoffnung zu schenken.


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Autor:in

  • Sarah Paciarelli

    Soziologin und Kommunikationswissenschaftlerin ||| Sarah Paciarelli, Jahrgang 1986, studierte Soziologie und Kommunikation. Die gebürtige Berlinerin mit italienisch-polnischen Wurzeln lebt in Zürich und gestaltet die Kommunikation des Frauenbund Schweiz.

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