Wie gelingt interreligiöser Dialog über Generationen hinweg? Die folgende persönliche Reflexion von Rebekka Grogg, reformierte Pfarrerin im Haus der Religionen, zeigt, wie Begegnungen mit Menschen verschiedener religiöser Traditionen und Weltanschauungen das eigene Denken prägen können – über Jahrzehnte hinweg und im Wandel gesellschaftlicher Bedingungen. Die Autorin blickt zurück auf ein Leben zwischen Fragen, Glauben und Gesprächen und auf das, was sich über Generationen verändert hat.
Interreligiöser Dialog ist mir ein Herzensanliegen. In dieser persönlichen Rückschau frage ich mich: Was hat mich zu diesem Anliegen geführt? Gibt es lebensgeschichtliche Beweggründe? Welche Rolle spielt die Erziehung in meiner Herkunftsfamilie? Wie prägte die Zeitgeschichte meine konkreten Begegnungen und Gespräche? Und wie spiegelt sich die Geschichte in den konkreten Dialogsituationen – mit ihren Chancen ebenso wie ihren Herausforderungen?
Ich habe in meinem Leben viele Menschen mit unterschiedlicher Religionszugehörigkeit getroffen – hier in der Schweiz und im Ausland. Unvergessen ist für mich der Monat in einer Mohawk Familie in den USA, die mir Einblick in das traditionelle System der Irokesen-Konföderation gewährte. Oder die Zeit bei Freunden in einem Kibbuz in Israel. Der alevitische «Bruder», der eine Weile in unserer Familie lebte. Und eine Reihe von Kultur- und Begegnungsreisen, als Teilnehmerin und als Organisatorin.
Für diesen Text beschränke ich mich auf drei Bereiche die mich besonders geprägt haben: meine christliche Herkunft, meine Begegnungen mit «dem Hinduismus» und «dem Islam». In drei Skizzen versuche ich, einige dieser Erfahrungen nachzuzeichnen.
Kindheit im Pfarrhaus – die Anfänge meines Dialogwegs
Geboren bin ich 1962 – aufgewachsen in einem reformierten Pfarrhaus in einer kleinen Landgemeinde des Kantons Bern. Mein Vater hat mich als kleines Kind schon zum Fragen und Denken aufgefordert: «Stell dir Gott nie als alten Mann mit Bart auf einer Wolke vor. – Du darfst alles fragen; Gott ist grösser und weiter als all unsere Fragen. – Über Gott kann man leichter sagen, was er nicht ist, als was er ist.» Wie wichtig diese Leitsätze meines Vaters sind, habe ich erst viel später erfasst. Sie kommen mir auch heute noch in den Sinn, wenn ich Menschen begegne, die mit einem engen Gottesbild ringen.
Mein Vater hat mich als kleines Kind schon zum Fragen und Denken aufgefordert.
Meine Eltern waren beide in der Ökumene engagiert. Das Dorf grenzte an den Kanton Fribourg an, das Nachbarsdorf war katholisch. Fragen rund um reformierte und katholische Zugehörigkeit waren im Alltag präsent: Feiern die Frauen der beiden Dörfer den Weltgebetstag ökumenisch oder konfessionell getrennt? Wird die erste Heirat einer Reformierten mit einem Katholiken von den Familien und den Dorfgemeinschaften akzeptiert? Zünden wir in der reformierten Dorfkirche eine Osterkerze an oder ist das «katholisch»?
Meine erste Pfarrstelle trat ich in Kehrsatz an. Dort war in den 70er-Jahren eines der wenigen ökumenischen Zentren in der Schweiz entstanden – mit einer gemeinsamen Kirche für die reformierte und die römisch-katholische Gemeinde. Es war ein Ort des Brückenschlags. Gleichzeitig erlebte ich hier erstmals Abgrenzung: Von freikirchlich-evangelikaler Seite wurde mir vorgeworfen, ich würde «nicht richtig glauben» und könne so keine «richtige» Pfarrerin sein.
Mir wurde vorgeworfen, ich würde «nicht richtig glauben».
Irgendwann entdeckte ich die Ikonen und mit ihnen die Marienfrömmigkeit der orthodoxen und der katholischen Kirche. Mich berührten diese «Fenster zur Ewigkeit». Diese Berührung mit einer für mich zunächst fremden Frömmigkeit hat mich gelehrt, mich auch innerhalb des Christentums auf ungewohnte Glaubensausdrücke einzulassen. Die Ökumene war nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) eine prägende Bewegung in den schweizerischen Landeskirchen. Ich wurde in sie hineingeboren. Konfessionelle Grenzen zu überschreiten und zu überwinden sind für mich etwas Normales und Erwünschtes.
Von der Ratlosigkeit meiner Mutter zu meinem Staunen in der Gegenwart
Ich erinnere mich genau, als ich in Bern 1984 das erste Mal eine Gruppe von jungen tamilischen Männern sah, die vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka in die Schweiz geflüchtet waren. Dass die meisten von ihnen Hindus waren, war kaum ein Thema. Es waren Fremde mit einer unverständlichen Sprache aus einem Land, das bis dahin in meinem Bewusstsein nicht vorhanden gewesen war. Zum Teil wurden sie sehr angefeindet.
Wie wenig Wissen es damals gab und wie stark sich die Situation seither verändert hat.
Meine Mutter war damals Flüchtlingskoordinatorin in Köniz. Sie hatte die traurige Aufgabe, für einen der Flüchtlinge eine Beerdigung zu organisieren. Sie kam sehr ratlos nachhause, weil sie beim besten Willen nicht verstand, wie eine Beerdigung nach tamilisch-hinduistischer Vorstellung abläuft. Heute denke ich oft an diese Szene zurück. Wie wenig Wissen es damals gab und wie stark sich die Situation seither verändert hat.
Es ist der 15. November 2019, ein sehr kalter Tag. Auf dem Bremgartenfriedhof in Bern wird ein kleiner hinduistischer Tempel eingeweiht. Die Priester und Priesterinnen sind barfuss. Ich massiere zwischendurch einer Priesterin die eiskalten Füsse. Lachend fragen wir uns, wann sich die hinduistischen Vorschriften an das Schweizer Klima anpassen werden. Eine junge Frau der zweiten Generation spricht bewegt ihre Freude aus, dass sie einmal ihre Eltern hier in Würde wird beerdigen können. In diesem Moment wird mir bewusst, wie viel in einer Generation geschehen kann: aus Fremden werden Mitbürger:innen, aus Unverständnis entsteht Vertrautheit, aus Ratlosigkeit gemeinsame Verantwortung.
Aus Fremden werden Mitbürger:innen, aus Unverständnis entsteht Vertrautheit, aus Ratlosigkeit gemeinsame Verantwortung.
Seit ich im Haus der Religionen in Bern mitarbeite, besuche ich gelegentlich den Shiva-Tempel. Dabei staune ich jedes Mal, wenn ich über die Schwelle trete und in eine so andere Welt eintauche. Es ist laut und farbig und duftet, und ich verstehe kein Wort. Was für ein Kontrast zum reformierten Gottesdienst: Ganz ruhig sitzen wir in den Bänken, und das Wort ist entscheidend. Ich tauche gerne in diese andere Welt ein. Dabei erlaube ich mir, einfach zu staunen. Ab und zu frage ich nach.

Bild: Shiva Tempel im Haus der Religionen in Bern, im Rahmen der Nacht der Religionen 2024. Bild: @Samira Spohn
Es ist für mich eine neue Erfahrung, über das Erleben und nicht über das Verstehen, ohne geschichtliche Altlasten meinerseits, mit einer anderen Religion in Kontakt zu kommen. Vielleicht ist es das, was den interreligiösen Dialog über die Generationen hinweg in der Schweiz verändert hat: dass eine grössere Vielfalt von Religionen im direkten Austausch im eigenen Land erlebt werden kann. Erleben und angelerntes Wissen können sich dabei leichter ergänzen. Zu erleben, dass eine Gruppe von Menschen in mein Land einwandert, von Fremden zu Mitbewohner:innen und mit ihrer Religion Teil der Gesellschaft werden, das lässt mich staunen. Es ermutigt auch, den Dialog von allen Seiten zu suchen und zu pflegen. Es lohnt sich!
Dialog mit langem Schatten
Anfang der 80-er Jahre führte mich eine Studienreise der Uni Bern nach Jordanien und Israel. Die islamische Architektur berührt mich sehr. In den ersten Seminaren der Islamwissenschaft bei Hartmut Fähndrich öffnete sich für mich eine neue Welt. Mein wachsendes Interesse am Islam löste in meinem Umfeld aber Irritation aus.
Der Fall der Berliner Mauer im Herbst 1989 wurde im Westen als grosser Triumpf gefeiert: Endlich ist der Kommunismus besiegt – ein lang gehegtes Feindbild verschwindet. Doch kaum ist es weg, tritt ein anderes umso deutlicher hervor: der Islam. Das erschreckt mich.
Mein Interesse am Islam löste in meinem Umfeld Irritation aus.
Die Geschichte liefert dafür alte Bilder: In der Reformationszeit galten Muslime als Ketzer und Irrgläubige. Luther sah den Teufel im Papst und im «Türken». «Türke» war ein Synonym für Muslim und die osmanischen Eroberungskriege in Europa wurden als Strafe Gottes interpretiert. Solche Narrative wirken nach.
In den 1990er-Jahren bricht der Jugoslawienkrieg aus. Der serbische General Mladić erklärte im Fernsehen: «Der Tag der Rache an den Türken ist gekommen.» Wenige Tage später – im Juli 1995 – das Massaker von Srebrenica. Über 8000 muslimischen Bosniaken wurden ermordet. Jahre später, besuchte ich mit einer internationalen christlich-muslimischen Frauengruppe die Gedenkstätte. Ich erinnere mich an meine Hilflosigkeit, als ich damals die Nachrichten hörte. Haben meine Grosseltern ebenso hilflos die Berichte aus dem Zweiten Weltkrieg verfolgt? Ist das der immer gleiche Weg – von Hassworten zum Morden?
Ich begann mich mit Hilfe muslimischer Freundinnen vertieft mit islamischer Theologie auseinanderzusetzen.
In Gesprächen zwischen Christ:innen und Muslim:innen erlebe ich immer wieder Vorurteile und Missverständnisse. Ich merke: Geschichtlich weiss ich viel – theologisch aber bin ich kaum gesprächsfähig. 2017 beginne ich, mich mit Hilfe muslimischer Freundinnen vertieft mit islamischer Theologie auseinanderzusetzen. Ich lese den Koran, studiere die Hintergründe zu den Versen und beginne, zu verstehen, was da steht. Unglaublich viel teilen wir. Viele Stellen wurden erst mit Blick auf ausserbiblische christliche Schriften verständlich. Und wieder löste mein Interesse Irritation aus. Sogar meine Mutter fragte besorgt, ob ich vielleicht zum Islam konvertieren wolle.
Über die Jahre lernte ich einen Teil der islamischen Vielfalt theologisch und kulturell kennen: sunnitische Moscheen in der Schweiz mit türkischem oder albanischem Hintergrund. Die Mevlevi in Zürich und in Konya – bekannt als die tanzenden Derwische. Die eindrücklichen Prozessionen zum Aschura-Fest im Iran.
Das ist eine der grossen Herausforderungen: dass wir nicht nur mit Menschen sprechen, sondern auch mit alten Geschichten, die wir über Generationen hinweg mitgetragen haben.
Rückblickend sehe ich: Meine Auseinandersetzung mit dem Islam war kein geradliniger Prozess, sondern ein Weg in Etappen. Architektur und Reisen, Mitgefühl für Leid, das Erkennen historischer Muster, theologische Studien, das Kennenlernen innerislamischer Vielfalt – all das waren verschiedene Formen der Annäherung. Und doch blieb eines über all die Jahre erstaunlich konstant: die Irritation in meinem Umfeld. Im Vergleich zum Hinduismus gestaltet sich der Dialog hier anders. Vielleicht liegt das auch daran, dass wir beim Islam auf tief verankerte Bilder stossen, die sich über Jahrhunderte in unser kollektives Gedächtnis eingeschrieben haben. Sie wirken nach und können selbst dann hinderlich sein, wenn das Gegenüber längst ein anderes ist. Vielleicht ist das eine der grossen Herausforderungen des christlich-muslimischen Dialogs: dass wir nicht nur mit Menschen sprechen, sondern auch mit alten Geschichten, Bildern und Erzählungen, die wir über Generationen hinweg mitgetragen haben.
All diese Erfahrungen und ein Wunsch für die Zukunft
Ich fühle mich beschenkt und reich durch all diese Begegnungen und Erkenntnisse. Gleichzeitig macht es mir Angst, wie leicht Hass und Gewalt ausgelöst werden können. Was kann ich tun, was können wir für ein gutes Miteinander tun? «Lasst uns wetteifern im Guten», schlägt der Koran vor (Sure 5:48). Und Paulus schrieb: Prüft alles und behaltet das Gute (1. Thessalonicher 5,21). Diese Sätze begleiten mich, weil sie beide dazu ermutigen, das Gute nicht im Rückzug zu suchen, sondern im Miteinander – im Zuhören, im Prüfen, im gemeinsamen Wachsen.
Das Gute suchen im Zuhören, im Prüfen, im gemeinsamen Wachsen.
Eine bittere Lektion war für mich die Einsicht, dass Christ:innen Gewalt primär auf den Islam projizieren und die Gewaltgeschichte der eigenen Tradition relativieren. Ich erinnere mich, wie ich im Studium hörte, dass Johannes Calvin 1553 in Genf Miguel Servet wegen theologischer Differenzen aufs brutalste hinrichten liess. «Das sei halt damals so gewesen», hiess es lakonisch. Erst 2015 entdeckte ich die Schriften von Sebastian Castellio, der sich vehement gegen diese Hinrichtung gestellt hat. Sein «Manifest der Toleranz» von 1554 ist sein Vermächtnis, das bis heute fordert: Wer Gewalt rechtfertigt, verrät das Evangelium.
Die reformierte Berner Kirche hat nach einem mehrjährigen Prozess 2010 den interreligiösen Dialog in ihrer Kirchenordnung verankert. Das freut mich – als Mitglied dieser Kirche und als jemand, der berufliche im Dialog engagiert ist. Es ist eine wichtige Stütze. Und doch träume ich davon, dass eines Tages alle Weltreligionen in dieser Ordnung gleichrangig genannt werden – als Ausdruck einer gewachsenen Selbstverständlichkeit. Vielleicht sind es die kommenden Generationen, die diesen Schritt gehen. Was wir heute tun, sind vielleicht nur erste Schritte, aber die ersten Schritte einer jeden Generation sind die Spuren, auf denen die nächsten weitergehen können.
