Johannes Saal

«Kein Mensch ist eine Insel» – Jihadistische Radikalisierung in der Schweiz

Menschen radikalisieren sich nicht in einem Vakuum. Welche sozialen und psychologischen Faktoren spielen wirklich eine Rolle bei einer Radikalisierung? Noch entscheidender als das Internet ist das persönliche Umfeld und die Bindung an jihadistische Milieus. Johannes Saal beleuchtet die komplexen Dynamiken religiöser Radikalisierung.

Der Messerangriff eines jugendlichen Anhängers des Islamischen Staates auf einen jüdischen Mann in Zürich Anfang März 2024 rief auf schreckliche Weise in Erinnerung, dass sich auch Schweizer Behörden, Politik und Gesellschaft seit mehr als einem Jahrzehnt den Herausforderungen der Radikalisierung zum jihadistischen Extremismus stellen müssen. Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) beobachtete in den vergangenen Jahren bis zu einhundert «Risikopersonen», von denen eine erhöhte Gefahr für die innere Sicherheit der Schweiz ausgeht. Darunter sind hauptsächlich «Dschihad-Reisende», aber auch (potenzielle) Terrorist:innen wie jene, die für die Anschläge in Morges und Lugano 2020 verantwortlich waren. Darüber hinaus sind mehrere hundert Unterstützer:innen durch dschihadistische Propaganda im Internet aufgefallen.

Menschen radikalisieren sich nicht in einem sozialen Vakuum

Oftmals herrscht Unverständnis darüber, warum sich Menschen selbst in der wohlhabenden und friedlichen Schweiz einem extremistischen Religionsverständnis zuwenden, welches Gewalt gegen Andersgläubige legitimiert. Im Fall des jungen Attentäters von Zürich soll nach anfänglichen Medienberichten das Internet einen wesentlichen Einfluss auf dessen Radikalisierung gehabt haben. Der Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr mutmasste, dass der Attentäter sich «einfach selbst» radikalisiert haben könnte. 

Jedoch handeln und denken Menschen nicht in einem sozialen Vakuum. Sie radikalisieren sich auch nicht aus dem Nichts. Daher existiert in der sozialwissenschaftlichen Forschung zu Radikalisierung eine Vielzahl von individuellen, gruppenspezifischen und gesellschaftlichen Erklärungsansätzen. Diese schliessen einander nicht zwingend aus, da Radikalisierung oftmals vielfältige Ursachen haben kann.

Die Rolle von Religion als Radikalisierungsfaktor ist im Fall von Jihadismus und anderen Formen religiös motivierter Gewalt demgegenüber im akademischen und öffentlichen Diskurs weiterhin umstritten. Diese Debatte oszilliert häufig zwischen zwei gegensätzlichen Annahmen. Einerseits seien Religionen oder eine bestimmte Religion (hier vor allem der Islam und dessen Verhältnis zu westlichen Demokratien) per se gewalttätig. Konträr dazu steht die Behauptung, dass Phänomene wie religiöser Extremismus und Gewalt nicht religiösen Ursprungs seien, sondern Religion allenfalls für andere Interessen missbraucht werde.

Es fehlen durch die Forschung abgestützte Einsichten

Der Mangel ambivalenterer Betrachtungsweisen zum Einfluss von Religion liegt in mehreren Umständen begründet. Jihadistische Radikalisierung ruft ein starkes öffentliches und politisches Interesse hervor und wird häufig mit integrations-, religions- und sicherheitspolitischen Fragen verknüpft. Letzte dominierten seit 9/11 auch lange die Forschung zu religiös motiviertem Terrorismus. 

Da jihadistischer Extremismus schliesslich aus einer (neu-)religiösen Bewegung, dem Salafismus, hervorgeht, überrascht jedoch das bisherige Fehlen einer religionssoziologischen Perspektive. Dies zumal diese auf eine lange Forschungstradition zu Konversionsprozessen zu «ultrastrikten Sekten» und deren Konflikt- und Gewaltpotenzial zurückgreifen kann. Doch selbst die empirische Überprüfung von sozialwissenschaftlich geleiteten Hypothesen gestaltet sich aufgrund des erschwerten Zugangs zum Forschungsfeld und somit zu Primärdaten als schwierig.

Wie bei Neumitgliedern von anderen religiösen Strömungen stammen die radikalisierten Personen selten aus fundamentalistischen oder sich streng an religiöse Regeln haltenden (muslimischen) Familien.

Erfreulicherweise haben jedoch auch Schweizer Sicherheitsbehörden inzwischen den Mehrwert fundierter empirischer Studien zu Radikalisierung erkannt. So ermöglichte der NDB einem Forschungsprojekt an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (an dem der Autor mitwirkte) die Auswertung der biografischen Profile von mehr als einhundert jihadistischen «Risikopersonen». Die Ergebnisse des Forschungsprojekts wiesen weitgehende Übereinstimmungen mit Studien aus den europäischen Nachbarländern auf. 

Das biographische Profil

Jihadistische Radikalisierung betrifft mehrheitlich junge Männer aus urbanen Zentren und Agglomerationen, die einen Migrationshintergrund, ein tendenziell niedriges Bildungsniveau und eine schlechte Integration in den Arbeitsmarkt aufweisen. Bei einem Teil der jihadistischen «Risikopersonen» konnten im Verlauf ihrer Biografie diverse soziale Probleme wie dysfunktionale Familienverhältnisse, Lebenskrisen, Drogenmissbrauch, Kriminalität oder psychologische Erkrankungen beobachtet werden. 

Obwohl der Anteil an Konvertiten überproportional hoch ist, spiegelt die ethnische Herkunft der betroffenen Personen auch die allgemeine Immigrationsgeschichte der Schweiz wider. So haben die meisten familiäre Wurzeln in Ex-Jugoslawien und der MENA-Region, wurden aber als Kinder oder Jugendliche in der Schweiz sozialisiert. Wie bei Neumitgliedern von anderen religiösen Strömungen stammen die radikalisierten Personen selten aus fundamentalistischen oder sich streng an religiöse Regeln haltenden (muslimischen) Familien.

Online radikalisiert?

In der Regel kann bei den radikalisierten Personen in der Schweiz (und anderen Ländern) nicht der Einfluss eines einzelnen persönlichen oder gesellschaftlichen Radikalisierungsfaktors festgestellt werden. Es ist eine Kombination von Faktoren. Ebenso treffen zahlreiche persönliche und gesellschaftliche Ursachen wie psychologische Probleme, Kriminalität, Marginalisierung oder Deprivation auf viele andere Menschen zu, die sich mehrheitlich nicht radikalisieren. Lediglich gruppenspezifische Faktoren wie Propaganda und Kontakte in das jihadistische Milieu konnten empirisch bei der grossen Mehrheit der «Risikopersonen» festgestellt werden. 

Während der Radikalisierung isolieren sie sich häufig von Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern.

So konsumierten vier von fünf Personen im Rahmen ihrer Radikalisierung Vorträge salafistischer Prediger und jihadistische Propaganda im Internet. Die Forschung ist sich mittlerweile jedoch weitgehend einig, dass der Konsum von Online-Propaganda zwar eine wichtige unterstützende, aber nur in sehr seltenen Fällen ausreichende, das heisst, alleinige Bedingung für Radikalisierung darstellt. Hinzu kommt, dass diese Fälle von «Online-Radikalisierung» nicht isoliert geschehen, sondern insbesondere von realweltlichen sozialen Kontakten zu Gleichgesinnten beeinflusst werden. 

Bild: iStock / gpointstudio

Der Einfluss des persönlichen Umfelds

So wurden fast alle «Risikopersonen» in der Schweiz (96%) während ihrer Radikalisierung durch gleichaltrige Personen aus dem persönlichen Umfeld – vor allem Freunde, aber auch Geschwister und Lebenspartner – beeinflusst. Während der Radikalisierung wenden sie sich nicht nur alten und neuen sozialen Kontakten im radikalen Milieu zu, sondern isolieren sich häufig auch von Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern, die nicht die neue ideologische Überzeugung teilen. Diese «Schliessung» von Netzwerken spiegelt weitestgehend die Ergebnisse von Radikalisierungsstudien in anderen Ländern sowie religionssoziologischer Forschung zu Konversion wider. 

Letztere zeigte bereits vor mehreren Jahrzehnten auf, dass der Hinwendungsprozess zu einer neuen religiösen Gruppe durch soziale Bindungen kanalisiert wird. Die Konversion ist häufig erst dann abgeschlossen, wenn die Kontakte zur neuen Religionsgemeinschaft jene ausserhalb überwiegen. Wie bei Konversionen allgemein finden somit auch die Radikalisierungsverläufe in der Schweiz in der Regel über einen längeren Zeitraum statt und sind dabei durch Veränderungen des sozialen Umfelds und der Persönlichkeit geprägt.

Die Einbindung in jihadistische und salafistische Milieus

Die sozialen Dynamiken von Radikalisierung konnte man exemplarisch in Winterthur beobachten, wo sich eine jihadistische Jugendgruppe formierte. Deren Mitglieder waren befreundet, besuchten die gleiche Schule und lebten im selben Quartier und trafen sich später in einer Moschee und einem Kampfsportclub. Wie andere lokale Hotspots in Europa spielte auch die radikale Gruppe in Winterthur eine bedeutende Rolle bei der Mobilisierung und Aktivitäten innerhalb des salafistischen und jihadistischen Milieus. Diese können neben religiösen Praktiken auch Missionierung oder Wohltätigkeit umfassen. 

Der Missbrauch von Spendengeldern zur Finanzierung terroristischer Gruppen zeigt jedoch, dass die Grenzen zwischen legalen Aktivitäten und Straftaten manchmal schwer zu ziehen sind. Insbesondere bei risikoreichen, weil illegalen Handlungen, wie der Unterstützung terroristischer Organisationen oder Ausübung politischer Gewalt, kommt die soziale Funktion des persönlichen Umfelds zum Tragen. Es schafft das für heimliche Aktionen nötige Vertrauen. Nicht wenige der Schweizer «Jihad-Reisenden» verliessen die Schweiz gemeinsam mit Freunden oder Familienmitgliedern. Die Notwendigkeit von Schmugglernetzwerken und Empfehlungsschreiben etwa für die Einreise in den Islamischen Staat zeigt darüber hinaus die Bedeutung überregionaler und internationaler Vernetzung von Schweizer Jihadisten auf. 

Der politischen und öffentlichen Debatte fehlt es an Differenzierung

Als der zunehmende Zusammenbruch des IS-Kalifats absehbar wurde, rief man junge Anhänger in Europa dazu auf, nicht mehr auszureisen, sondern Anschläge in ihren Heimatländern durchzuführen. Diese Realität ist leider auch in der Schweiz angekommen. Die Anschläge in Morges, Lugano oder Zürich sollen dazu mahnen, die gesellschaftliche und sicherheitspolitische Herausforderung von jihadistischer Radikalisierung nicht zu unterschätzen. Zugleich fehlt es der politischen und öffentlichen Debatte oftmals an Differenzierung. 

Der Salafismus bietet als fundamentalistische Bewegung Gemeinschaft und ein striktes Weltbild.

Natürlich können je nach historischen, geografischen und gesellschaftlichen Kontexten Radikalisierung und Gewalt auch in anderen religiösen Traditionen gefunden werden. Im Europa des 21. Jahrhundert stellt der militante Salafismus jedoch im Bereich des religiösen Extremismus die grösste Gefahr für das gesellschaftliche Zusammenleben und die Sicherheit dar. Als kleine, aber wirkungsmächtige Minderheit greift er liberale, demokratische und integrierte Muslim:innen als «Häretiker:innen» an und beschädigt zugleich die gesellschaftliche Wahrnehmung europäischer Muslim:innen nachhaltig. 

Aufwendige Deradikalisierung

Der Salafismus bietet als fundamentalistische Bewegung Gemeinschaft und ein striktes Weltbild. Dies kann besonders für junge, nach sozialer Anerkennung und Identität suchende Menschen attraktiv sein.  Das damit verbundene rigorose Islamverständnis und die kompromisslose Religionsausübung trägt vor allem in säkularen Demokratien nicht unerheblich zu gesellschaftlichen Konflikten bei. 

Ein sicherheitspolitisches Problem wird es, wenn über pietistische und politische Formen des Salafismus hinaus Anhänger von Jihadismus Gewalt legitimieren oder selbst zu dieser greifen. Da die einzelnen Faktoren für Radikalisierung sehr individuell und vielfältig sein können, bedarf es jedoch eines holistischen und oftmals sehr ressourcenintensiven Ansatzes in der Deradikalisierung. Dieser muss verschiedene gesellschaftliche Akteure miteinbeziehen. Das Ziel ist die Herauslösung aus dem radikalen Milieu und eine soziale Reintegration in die demokratische Mehrheitsgesellschaft. Doch selbst unter Berücksichtigung aller persönlichen Bedürfnisse der Betroffenen stellt dies immer noch kein Allheilmittel dar.


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Autor:in

  • Johannes Saal

    Johannes Saal ist Religionssoziologe und Politikwissenschaftler am Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik der Universität Luzern. Er studierte unter anderem Religionswissenschaft, Soziologie und Politikwissenschaft in Potsdam, Istanbul und Luzern. Seit zehn Jahren forscht Johannes Saal zu jihadistischer Radikalisierung im deutschsprachigen Raum, aktuell als Postdoktorand im Rahmen des SNF-Projektes "Radikale und Prediger", welches den Einfluss von sozialen Netzwerken und Identitäten auf Radikalisierung untersucht.

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