Ökospiritualität zwischen Schöpfungsgebet und Klimastreik

Ökospiritualität ist ein Zeichen der Zeit: Seit der Enzyklika «Laudato si» von Papst Franziskus (2015) gilt das Nachdenken und Nachsinnen über eine Lebensform im Einklang mit den Ressourcen der Natur als Gebot der Stunde. Im Islam hat sich in den letzten Jahren eine Umwelttheologie entwickelt, und buddhistische Ethik fragt nach der Verantwortung des Handelns in ökologischer Achtsamkeit. Auch in interreligiösen Ansätzen wird Ökospiritualität als eine Chance gesehen. So hat das nationale Netzwerk IRAS COTIS zusammen mit Editions Agora im Jahr 2008 einen Kalender zu «Ökologie und Spiritualität» veröffentlicht. 

Doch eignet sich Ökospiritualität auch für gemeinsame interreligiöse Rituale und Feiern? Ist Ökospiritualität auch politisch? Und bleibt beim Thema Schöpfung ein Anschluss zur jungen und säkularen Klimabewegung möglich? Zwei Beispiele aus der deutschsprachigen Schweiz schenken einen Einblick in die Potentiale und offenen Fragen rund um Ökospiritualität.

«… Die Klimakrise kennt keine Grenzen. Die Erde ist unser gemeinsames Haus. Indem Menschen aus verschiedenen Kulturen und religiösen Traditionen zusammen beten, setzen sie ein Zeichen des Friedens. Sie geben der Hoffnung Ausdruck, dass wir in der Gemeinschaft die Klimakrise überwinden und die Schöpfung erhalten können. Auch unterstreichen sie damit, dass konkrete Aktionen zur Bewältigung dieser Krise aus einer inneren Haltung wachsen. Denn: Kontemplation und Aktion befruchten sich gegenseitig.»

Ende September 2019 fand in der direkt am Bahnhof der Stadt Bern gelegenen Heiliggeistkirche ein «interreligiöses Klimagebet» statt. Diese Feier war unmittelbar vor dem nationalen Klimastreik angesetzt und dauerte eine halbe Stunde. Yorubas, Hindus, Vertreter zweier unterschiedlicher muslimischer Gruppen sowie Personen aus der römisch- und christkatholischen sowie der evangelisch-reformierten Kirche waren beteiligt. Die Jüdische Gemeinde war auf dem Flyer aufgeführt, nicht persönlich anwesend, aber in Form eines brennenden Leuchters und durch ein hebräisches Lied «vertreten». 

Netzwerke werden aktiviert

Die Initiative für die Feier war von einer reformierten Pfarrperson ausgegangen, die zunächst auf ökumenischer Ebene «Klima-Gebete» organisiert, mit der «Fridays for Future»-Bewegung vernetzt und eine eigene innerchristliche Klimabewegung lanciert hatte. Ihr Anliegen war politisch motiviert: Sie sah die Feier in einem grösseren Kontext und als unmittelbaren Auftakt zur anschliessenden nationalen Demonstration. In Bern war der Boden bereitet: Der Verein «oeku – Kirche und Umwelt» ist traditionell im September in der Schöpfungszeit engagiert, und im Haus der Religionen hatte bereits eine Reihe von Spirituellen Mahnwachen für das Klima stattgefunden. Es gelang der Initiatorin, in kürzester Zeit genau diese Netzwerke zu aktivieren und alle Kräfte für eine gemeinsame Feier vor der Demonstration zu bündeln: Einladungen, Medienarbeit, Filmaufnahmen – all dies wurde aufgeboten. 

Das Beispiel zeigt: In einer gesellschaftlichen Situation von politischer Dringlichkeit sind es hier einzelne sehr engagierte, vernetzte und politisch bereits stark sensibilisierte Akteure, die das Thema «Umwelt» aufgreifen: zunächst innerhalb der eigenen Community, dann zunehmend in Verbindung mit anderen Gruppen, nicht nur religiösen, und schliesslich auch den interreligiösen Schulterschluss suchen. 

Klimastreik oder Schöpfungsverantwortung?

Die Vorbereitungsgruppe dieser Feier war sich nun rasch einig, dass Umweltschutz und achtsame Lebensführung zusammengehören. Aber im Vorfeld der Feier gab es Diskussionen, ob ein (inter-)religiöses Ritual automatisch mit dem politischen Tagesgeschäft verbunden werden könne und dürfe. Was ist wichtiger – der Streik oder die Feier? Und direkt damit zusammen hing die Frage des Wordings: Um mit den Aktivist:innen, die einer jungen Generation entstammen, im Gespräch zu bleiben, verbietet sich der Schöpfungsbegriff: Als «absolut altbacken» wird die Bezeichnung Schöpfung wahrgenommen, aus einer anderen Zeit, mit der man Partner:innen eher abschreckt als anzieht. 

Die andere Position will die Schöpfung sprachlich-theologisch retten: «Man redet nur von Klimastreik und nimmt nicht wahr (…): Schöpfungsverantwortung, die hätte man schon ewig (in der) Kirche», so ein Teilnehmer. Die Sorge um die Schöpfung sei also älter als die Debatte um den Klimawandel; es solle nicht der Eindruck entstehen, dass die Religionen einem Trend hinterherliefen. Ausserdem gebe es beim Stichwort Schöpfung mehr Potential für das interreligiöse Gespräch: Sowohl Papst Franziskus als auch der Dalai Lama kritisierten den menschlichen Umgang mit der Welt. 

Parteipolitisches Engagement, das hat nicht zuletzt die Konzernverantwortungsinitiative gezeigt, ist heikel.

Klima sei eine religiös irrelevante Kategorie. Über den Schöpfungsbegriff liessen sich auch andere religiöse Gruppen ansprechen: solche, die dem Kampf gegen den Klimawandel tendenziell indifferent gegenüberstehen, oder nicht mit dem als links wahrgenommenen politischen Aktivismus gemeinsame Sache machen wollen. Parteipolitisches Engagement, das hat nicht zuletzt die Konzernverantwortungsinitiative gezeigt, ist heikel. So sagt eine Teilnehmerin: «Nicht alle in der Kirche schätzen das so (…) und es hat auch gewisse Muslime (…) die finden: Also nein, eigentlich möchten sie das nicht, so kurz vor der Demo, weil das eigentlich eine Aufforderung ist, an die Demo zu gehen.»

Letztlich ist aber auch den Verfechter:innen der Schöpfung klar, dass die alten Rezepte nicht endlos wirken: Der doch klar monotheistisch gefärbte Begriff, losgelöst von Tagesaktualität und gesellschaftlicher Brisanz, schaffe es immer weniger, wirklich Verbindungen zu anderen Religionsgemeinschaften oder gar zur säkularen Öffentlichkeit zu knüpfen.

Hoffnung und Verantwortung

Ein zweites Beispiel stammt aus der Interreligiösen Feier zum Bettag im thurgauischen Frauenfeld. Sie fand ebenfalls im September 2019 statt und stand unter dem Motto «Hoffnung und Verantwortung»: Auch an diesem Anlass waren Vertreter:innen verschiedener christlicher Kirchen, sunnitische Muslime, aber nun auch Baha’i, Juden und eine buddhistische Nonne beteiligt. 

Die Vorbereitungsgruppe hatte sich rasch auf einen Text geeinigt: Die aktuelle Klimadebatte stellt auch an die Religionen die Frage nach den Grundlagen ihrer jeweiligen Hoffnung und nach ihren Ansätzen für ein verantwortungsvolles Handeln.

Lokalität, Texte, Lieder und Zeichenhandlungen waren sowohl am überzeitlichen Thema Schöpfung als auch an gegenwärtigen Fragestellungen ausgerichtet. So fand die Feier auf der Terrasse einer Moschee, im Freien statt. Als einziger dezidiert religiöser Text wurde von jüdischer Seite ein Schöpfungspsalm gelesen. Verschiedene Beiträge griffen Vorbilder aus Geschichte und Gegenwart auf – den Propheten Muhammad, Baha’ullah, Franz von Assisi oder Thich Nhat Hanh – und deuteten sie hinsichtlich Genügsamkeit, Nachhaltigkeit und konsequenter Lebensführung. Auf die Tagesaktualität ging vor allem die Moderation ein, die von der «Fridays for Future»-Bewegung sprach. Auch die islamische Seite stellte ein Manifest vor, das 2015 bei einem Symposium in Istanbul zum globalen Klimawandel verabschiedet worden war.

Interreligiöse Bettagsfeier in der albanischen Moschee in Frauenfeld im September 2019. Bild: zVg
Interreligiöse Bettagsfeier in der albanischen Moschee in Frauenfeld im September 2019. Bild: zVg

Weil die Ökospiritualität ausdrucksstark, aber wort-leer blieb, konnten sich alle beteiligen 

Am eindrücklichsten empfanden die Teilnehmer:innen der Feier aber eine Symbolhandlung, die aus einem buddhistischen Ritual adaptiert worden war. Am Schluss der Feier waren alle eingeladen, zu den Klängen einer Nay-Flöte farbige Bänder an die Zweige eines Baumes zu binden, der gleichzeitig das Gastgeschenk der relativ neu eröffneten Moschee war. Das «Bändeli-Binden» war als Zeichen angeboten, sich die eigene Verantwortung bewusst zu machen und diese symbolisch auszudrücken. Gerade weil hier kein Gegenüber mit einem bestimmten Gottesnamen angesprochen wurde, weil Ökospiritualität ausdrucksstark, aber wort-leer blieb, konnten sich alle beteiligen. 

Symbolhandlungen, das zeigt das Frauenfelder Beispiel sehr gut, erweitern den Spielraum und schaffen neue Allianzen. Eine bislang vorwiegend ökumenische Zusammenarbeit wird dadurch interreligiös geweitet und erfährt ganz neue und integrierende Aspekte. Dafür wurde auf eine konkrete tagespolitische Anbindung – vielleicht bewusst – verzichtet. Ökospiritualität kann also in drei Richtungen wirken: als Impuls für die eigene, persönliche Lebensführung, als Quelle für klimapolitisches Engagement – und im interreligiösen Kontakt als gemeinschaftsstiftendes «Neu-Erleben» von Ritualen. 

Ann-Katrin Gässlein ist Religions- und Islamwissenschaftlerin und katholische Theologin. Sie forscht an der Uni Luzern über religionsverbindende Feiern und Rituale in der Schweiz und arbeitet in St. Gallen beim Team der Cityseelsorge.