Ramadan gilt vielen als Zeit der spirituellen Vertiefung. In der heutigen Zeit der Selbstoptimierung wird er dafür nun nicht selten durchgeplant und an persönlichen Zielen der Selbstverbesserung ausgerichtet. Der Beitrag von Ana Gjeci beschreibt, wie Fasten zwischen innerer Hingabe und äusserem Leistungsanspruch stehen kann und wie sich gesellschaftliche Vorstellungen von Effizienz und Produktivität bis in spirituelle Lebensbereiche hinein auswirken.
Noch bevor der erste Fastentag beginnt, haben viele von uns bereits Listen erstellt. Wie viele Seiten Qur’an pro Tag? Wie oft Tarāwīḥ? Welche Vorträge? Welche Duʿāʾ-Sammlungen? Vielleicht sogar ein Ramadan-Planner, sorgfältig gestaltet, mit Kästchen zum Abhaken. Es scheint, der Ramadan beginnt heute selten im Herzen, sondern oft im Kalender.
Diese Beobachtung ist keine Kritik an Organisation oder Disziplin. Struktur kann hilfreich sein. Doch als Muslimin frage ich mich zunehmend, in welchem kulturellen Horizont wir Ramadan heute leben. Denn vieles an unserem Zugang wirkt weniger spirituell gewachsen als kulturell geprägt: geprägt von einer Gesellschaft, die alles in Projekte verwandelt, auch das Religiöse.
Die Logik der Optimierung
Wir leben in einer Zeit, die Leistung verinnerlicht hat. Nicht nur Arbeit wird optimiert, sondern auch Körper, Beziehungen, Freizeit, Achtsamkeit und sogar Spiritualität. Das Subjekt wird zum Projekt. Fortschritt wird messbar gemacht. Entwicklung wird dokumentiert. Selbstfürsorge wird geplant.
In diesem Kontext überrascht es nicht, dass auch Ramadan zunehmend in die Logik der Selbstquantifizierung gerät. Wie oft habe ich den Qur’an gelesen? Wie viele gute Taten gesammelt? Wie produktiv war mein Fastenmonat? Spirituelle Praxis wird dabei nicht nur gelebt, sondern verwaltet.
Soziologisch betrachtet ist das kein Zufall. Die spätmoderne Gesellschaft operiert stark über Sichtbarkeit, Vergleichbarkeit und Effizienz. Was nicht sichtbar, nicht messbar, nicht dokumentierbar ist, verliert an symbolischem Wert. Selbst religiöse Praxis gerät unter diesen Druck. Doch genau hier beginnt eine Spannung.
«… auf dass ihr taqwā erlangt»
Der Qur’an formuliert die Begründung des Fastens knapp: «O ihr, die ihr glaubt! Euch ist das Fasten vorgeschrieben, wie es denen vor euch vorgeschrieben war, auf dass ihr taqwā – eine innere (existenzielle) Wachheit und Bewusstsein für die Gottesgegenwart – erlangt.» (2:183)
Taqwā ist kein quantifizierbarer Zustand. Es ist keine Leistung, kein Zertifikat, kein sichtbarer Output. Es beschreibt eine innere Haltung: Bewusstheit, Achtsamkeit, Beziehung, Sensibilität gegenüber dem Göttlichen.
Während Selbstmanagement Effizienz sucht, öffnet Fasten einen Raum der Verletzlichkeit.
Fasten unterbricht. Es entzieht. Es konfrontiert uns mit Hunger, Müdigkeit, Grenzen. Es destabilisiert das souveräne, kontrollierende Selbst. Gerade darin liegt seine ethische Kraft: Es relativiert unsere Illusion von Autonomie.
In einer Kultur, die auf Selbststeigerung setzt, erinnert das Fasten an Abhängigkeit. Vielleicht liegt hier der eigentliche Kontrast: Während Optimierungslogik Kontrolle verspricht, üben wir mit Fasten Hingabe ein. Während Selbstmanagement Effizienz sucht, öffnet Fasten einen Raum der Verletzlichkeit. Doch was geschieht, wenn wir das Fasten selbst wieder in die Logik der Effizienz integrieren?
Ramadan als Projekt
In vielen Diskursen, auch in religiösen, erscheint Ramadan heute als «Chance», als «Booster», als «Transformationsmonat». All das ist nicht falsch. Und dennoch schleicht sich eine subtile Verschiebung ein: Ramadan wird zum Projekt der Selbstverbesserung.
Vielleicht ist es allerdings zu einfach, nur von Optimierungsdruck zu sprechen. Denn viele von uns greifen nicht aus Ehrgeiz zu Plänen, Kursen und Kalendern, sondern aus Sehnsucht. Wer sich innerlich leer fühlt, wer erschöpft ist von Arbeit, Familie oder gesellschaftlichen Erwartungen, sucht Halt. Struktur verspricht Orientierung. Ein Plan verspricht Richtung. Ein klar definiertes Ziel verspricht Sinn. Es ist verständlich, dass wir uns daran festhalten.
In einer Welt, die uns permanent fordert, kann ein Ramadan-Planer wie ein Rettungsanker wirken: Endlich etwas, das ich ordnen kann. Endlich etwas, das ich «richtig» machen kann. Und vielleicht liegt genau darin auch etwas Wahres. Struktur kann tragen. Rituale können stabilisieren. Werkzeuge sind nicht das Problem. Doch sie sind nicht das Ziel.
Spirituelle Wege verlaufen selten geradlinig. Sie führen nicht über asphaltierte Strassen, sondern durch Gelände, das Widerstand leistet und Geduld verlangt.
Was, wenn die vermeintlich «matschigen» Wege unseres spirituellen Lebens keine Fehlentwicklung sind, sondern Teil des Weges selbst? Spirituelle Wege verlaufen selten geradlinig. Sie führen nicht über asphaltierte Strassen, sondern durch Gelände, das Widerstand leistet und Geduld verlangt. Vielleicht ist genau dieses Aushalten, ohne sofortige Optimierung, ohne schnelle Abkürzung, eine Form von taqwā.
In einer konsumorientierten Kultur sind wir gewohnt, Lücken schnell zu füllen. Leere wird als Defizit erlebt, nicht als Raum. Doch spirituell betrachtet könnte gerade diese Leere der Ort sein, an dem sich etwas formt.
Die Frage ist nicht, ob wir Werkzeuge nutzen. Die Frage ist, ob wir sie benutzen oder ob sie uns benutzen, um uns von der eigentlichen Auseinandersetzung abzulenken. Das Problem ist nicht Engagement. Das Problem ist die implizite Norm. Wenn Spiritualität primär über Intensität definiert wird, entsteht Vergleich. Wenn Frömmigkeit über Aktivität sichtbar wird, entsteht Druck. Und wo Druck entsteht, entsteht oft auch Schuld.

Wer beruflich stark eingebunden ist, Kinder betreut, pflegt, unter finanzieller Belastung steht, mit psychischer Erschöpfung ringt oder gesundheitliche Einschränkungen hat, erlebt Ramadan anders als jene, die zeitliche und emotionale Ressourcen haben. Doch die öffentliche Darstellung religiöser Praxis suggeriert häufig ein implizites Ideal: produktiv, diszipliniert, kontinuierlich steigernd.
Theologisch betrachtet ist das bemerkenswert. Denn das islamische Recht kennt Differenzierung: Krankheit, Reise, Belastung, individuelle Bedingungen werden berücksichtigt. Gott adressiert konkrete Lebensrealitäten. Die Norm ist nicht Uniformität. Und dennoch produzieren wir kulturell oft genau diese Uniformität.
Leben wir Ramadan mit dem Herzen oder mit dem präfrontalen Kortex?
Vielleicht ist das zugespitzt formuliert. Aber es beschreibt eine Erfahrung: Vieles an unserem religiösen Alltag wirkt kognitiv organisiert, rational strukturiert, strategisch geplant. Wir leben Ramadan mit dem präfrontalen Kortex: dem Ort der Planung, der Kontrolle, der Zielverfolgung.
Doch Spiritualität erschöpft sich nicht in Planung. Sufische Denktraditionen beschreiben mit Begriffen wie Präsenz (ḥuḍūr), Aufrichtigkeit (iḫlāṣ) oder innerer Wachheit (murāqaba) Qualitäten, die sich der Quantifizierung entziehen. Man kann sie nicht abhaken. Vielleicht ist das Unmessbare gerade das Wesentliche.
Die Frage der Schuld
Ein weiterer Effekt der Optimierungslogik ist das Gefühl des Zurückbleibens. Wer es nicht schafft, «alles mitzunehmen», empfindet schnell ein Defizit. Wer keinen spirituellen Höhenflug erlebt, zweifelt an der eigenen Ernsthaftigkeit. Wer erschöpft ist, fühlt sich unzureichend. Dabei gehört Müdigkeit zum Fasten. Begrenztheit gehört zum Menschsein. Und innere Trockenheit gehört zur spirituellen Erfahrung.
Wenn Ramadan ausschliesslich als Phase der Intensivierung verstanden wird, verlieren wir die Legitimität des Stillen, des Langsamen, des Unscheinbaren. Gott kennt Bedingungen. Gott kennt Intentionen. Gott kennt innere Kämpfe, die öffentlich unsichtbar bleiben. Theologisch gesprochen: Die Bewertung liegt nicht im Vergleich, sondern in der Aufrichtigkeit. Vielleicht müssten wir weniger fragen, wie viel wir geschafft haben und mehr, wie ehrlich und wirklich wir vor Gott und uns selbst waren.
Ramadan als Raum, nicht als Wettbewerb
Aus religionssoziologischer Perspektive lässt sich beobachten, wie religiöse Praxis zunehmend individualisiert und zugleich performativ wird. Ramadan wird online dokumentiert, geteilt, kommentiert. Das kann Gemeinschaft stärken. Es kann aber auch subtilen Wettbewerb erzeugen.
Fasten verpflichtet – ja. Aber es verpflichtet nicht zur spirituellen Höchstleistung.
Vielleicht lohnt sich eine Verschiebung der Perspektive. Was wäre, wenn Ramadan weniger als Challenge gedacht wird und mehr als Raum? Ein Raum der Reduktion. Ein Raum des Innehaltens. Ein Raum, in dem nicht alles maximiert werden muss. Ein Raum, in dem Unterschiedlichkeit nicht Defizit bedeutet.
Fasten verpflichtet – ja. Aber es verpflichtet nicht zur spirituellen Höchstleistung. Es ruft zur Bewusstheit auf. Und Bewusstheit kann leise sein. In einer Gesellschaft, die ständig beschleunigt, könnte Ramadan gerade darin subversiv sein: im Entschleunigen. Nicht als weiteres Projekt, sondern als Unterbrechung des Projektdenkens. Vielleicht beginnt Ramadan nicht dort, wo wir die erste Liste schreiben. Vielleicht beginnt er dort, wo wir sie zur Seite legen.

Beatrice sagt:
Vielen Dank, Ana Gjeci, für diesen differenzierenden und ermutigenden Beitrag. Er schafft auch für Nicht-Muslim:innen mehr
Raum für in der Tiefe.