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Religionsgemeinschaften und Klimawandel in der Schweiz

von Jens Köhrsen, Julia Blanc und Fabian Huber am Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRWP), Universität Basel

Die wissenschaftliche Debatte geht davon aus, dass Religionen eine zentrale Rolle beim Umgang mit ökologischen Herausforderungen wie dem Klimawandel spielen können – vor allem, weil sie über zahlreiche Potentiale verfügen. Insbesondere die finanziellen Ressourcen der Religionsgemeinschaften, ihre moralische Vorbildfunktion, ihr politischer und öffentlicher Einfluss sowie die grosse Anzahl an Mitgliedern weltweit werden als zentrale Potentiale betrachtet. 

In der Literatur wird das steigende ökologische Bewusstsein der bestehenden religiösen Traditionen als «Greening of Religions» beschrieben. Als Beleg dafür dient ein zunehmendes Engagement religiöser Akteur:innen in Umweltfragen auf globaler Ebene, beispielsweise Laudato Si’.  Ob ein solches «Greening» aber tatsächlich in der Breite stattfindet, ist bisher unklar. 

Dies wurde im Projekt «Urban Green Religions» untersucht. Hierbei standen drei verschiedene Weisen, wie sich Religionsgemeinschaften für den nachhaltigen Wandel einsetzen können, im Fokus: 

1) Öffentlichkeitsarbeit: Nehmen Religionsgemeinschaften Stellung zu Umweltfragen? Und wenn ja, in welcher Form? Zum Beispiel durch die Medien, öffentliche Diskussionen oder Lobbyarbeit?

2) Materialisierung: Werden konkrete Umweltprojekte umgesetzt? Und wenn ja, welche? Zum Beispiel die Einführung erneuerbarer Energien oder eine effizientere Nutzung von Ressourcen?

3) Verbreitung von WertenWerden Anhänger:innen zu einem umweltfreundlicheren Lebensstil ermutigt? Wie geschieht das? Zum Beispiel in Predigten oder im Religionsunterricht?

Daten und Methoden

Um dieses «Greening» näher zu erfassen, wurden 68 Interviews in Deutschland und der Schweiz geführt. 44 Interviews waren mit Vertreter:innen religiöser Gemeinschaften oder Dachverbänden – unter anderem mit katholischen, reformierten, evangelisch-lutherischen, evangelisch-freikirchlichen, weiteren christlichen (Altkatholiken, Zeugen Jehovas), muslimischen, jüdischen, buddhistischen und hinduistischen Gemeinschaften. Darüber hinaus führten wir 24 Interviews mit Personen, die sich im Umweltbereich engagieren (städtische Mitarbeiter:innen, Naturschützer:innen, Klimaaktivist:innen etc.). Die Interviews geben einen Überblick darüber, was in Deutschland und der Schweiz in ökologisch aufgeschlossenen, mittelgrossen Städten mit Blick auf den nachhaltigen Wandel passiert.

In Schweizer Klöstern spiegelt sich die ganzheitliche Beziehung zur Natur. Im Bild: Birnenernte im Kloster Maria der Engel in Appenzell. © Vera Rüttimann
In Schweizer Klostergärten spiegelt sich die ganzheitliche Beziehung zur Natur. Im Bild: Birnenernte im Kloster Maria der Engel in Appenzell. © Vera Rüttimann

Das Engagement der Religionsgemeinschaften

Alle Interviewpartner:innen haben darauf verwiesen, dass die Umwelt ein wichtiger Bereich in ihrer Religion sei und es entsprechende Glaubensgrundsätze (z.B. Theologien, Leitsätze) gibt. Einige hoben hervor, dass sie diese Werte auch aktiv den Anhänger:innen vermitteln, etwa im Religionsunterricht oder im Rahmen religiöser Feiern. Weiter wurde auf öffentliches Engagement im Umweltbereich verwiesen, etwa durch die Teilnahme an Kundgebungen («Fridays for Future»), durch Stellungnahmen in den Medien oder gar aktive Lobbyarbeit (z.B. bei der Konzernverantwortungsinitiative).

Dieses Engagement wird allerdings weniger durch lokale Gemeinschaften, sondern, falls überhaupt, von religiösen Dachverbänden oder Faith Based Organizations (FBOs) angetrieben. Insbesondere christliche Organisationen sind in diesem Bereich aktiv, aber auch andere religiöse Traditionen engagieren sich. So veröffentlichte etwa der VIOZ (Verband Islamischer Organisationen in Zürich) eine Umweltbroschüre mit dem Titel «Umweltschutz und Nachhaltigkeit im Islam». Besonders hervorzuheben gilt es den 1986 gegründeten Verein «Oeku – Kirchen für die Umwelt» (oeku.ch). Nebst dem umweltpolitischen Engagement bietet Oeku Materialien, Kurse und Beratungen an und ist die Zertifizierungsstelle für das Umweltmanagementsystem «Grüner Güggel». Dabei begleiten Umweltauditor:innen die Gemeinden und es werden messbare Ziele gesetzt (z.B. Energieeinsparung oder Abfallreduzierung). Aktuell sind in der Schweiz 31 Kirchgemeinden mit dem «Grünen Güggel» zertifiziert. 

In den Interviews wurden weitere Projekte mit dem Ziel, ökologische Nachhaltigkeit zu fördern, erwähnt. Sie reichen von der Einführung eines Mülltrennungssystems, dem Einkauf und Konsum nachhaltiger Lebensmittel, dem Einsatz zum Erhalt der Biodiversität bis zu einem energieeffizienten Umgang mit technischen Geräten und baulichen Massnahmen (Optimierung der Heizung, Isolation, Beleuchtung), um die Gebäude nachhaltiger zu gestalten.  

Unterschiede zwischen Religionsgemeinschaften 

In der Studie zeigte sich, dass sich die Landeskirchen stärker im Umweltbereich engagieren. Dies lässt sich durch verschiedene Aspekte erklären. Die Landeskirchen haben weitaus mehr Mitglieder als die anderen Religionsgemeinschaften. Sie verstehen sich als Volkskirchen und greifen deshalb auch gesamtgesellschaftliche Leitthemen (leichter) auf – wozu Umweltschutz und Klimawandel fraglos gehören. Zudem verfügen sie über eine vergleichsweise hohe Ressourcenausstattung, was für den nachhaltigen Wandel von fundamentaler Bedeutung ist. Daher können sie sich langfristigeren Themen viel einfacher widmen als Gruppierungen, die keinerlei staatliche Förderung erhalten.

«Wenn man keine finanziellen Schwierigkeiten hat, wenn man weiss: Ja morgen habe ich genug zu essen, morgen kann ich den Strom in der Moschee bezahlen, morgen kann ich auch den Imam bezahlen, das wird kein Problem, dann kann man sagen: Okay, jetzt können wir uns auch diesem Thema widmen.»

Folgerichtig qualifizieren evangelisch-freikirchliche Gemeinschaften, Muslime, Buddhisten, Hindus oder auch Zeugen Jehovas den Bereich des nachhaltigen Wandels mehr oder weniger explizit als ein Luxus- oder Randthema. Ein Vertreter einer muslimischen Organisation formulierte dies folgendermassen: «Umweltschutz ist so ein Thema für Wohlhabende. Das heisst, wenn man alle Themen absolviert hat, wenn man keine finanziellen Schwierigkeiten hat, wenn man weiss: Ja morgen habe ich genug zu essen, morgen kann ich den Strom in der Moschee bezahlen, morgen kann ich auch den Imam bezahlen, das wird kein Problem, dann kann man sagen: Okay, jetzt können wir uns auch diesem Thema widmen. Aber wenn man immer in dieser finanziellen Notlage ist, wie dies zu 99 Prozent der Fall ist bei den Moscheen, […] hat man einfach keine Zeit, sich mit diesem Thema richtig auseinander zu setzen. » (Interview geführt am 5.7.2018)

Nachhaltigkeit ruft somit bei vielen Religionsgemeinschaften durchaus Interesse hervor, kann aber nur aktiv bearbeitet werden, wenn nach der Sicherung der grundständigen Gemeindeaktivitäten (z.B. Zahlung von Gebäudemiete) noch Kapazitäten frei sind. Hinzu kommt eine andere Prioritätensetzung: So sind etwa für muslimische oder jüdische Gemeinschaften Themen wie Integration oder Diskriminierung zentraler als der Klimawandel.

Ausblick

In der Schweiz zeigen sich bei den Religionsgemeinschaften verschiedene Aktivitäten mit Blick auf Umweltschutz und Klimawandel. Allerdings sind diese noch nicht sehr weit verbreitet und oftmals sekundär. Aber es lässt sich auch feststellen, dass hier ein Umbruch stattfindet und das Engagement in den letzten Jahren weiter zugenommen hat. Gemäss den Interviews lässt sich dies weniger auf interne Faktoren wie die Verbreitung grüner Theologien oder Glaubensvorstellungen zurückführen. Stattdessen ist das wachsende Engagement der Religionsgemeinschaften vorwiegend durch den gesellschaftlichen Wandel und das damit einhergehende öffentliche Interesse an ökologischer Nachhaltigkeit und Klimaschutz begründet. Demzufolge haben der Grünrutsch bei den Wahlen sowie die Klimastreikbewegung das Thema «Klimawandel» prominenter in die Agenda der Religionsgemeinschaften gesetzt. 

Zu den Autor:innen: Jens Köhrsen, Julia Blanc und Fabian Huber führten das SNF-Forschungsprojekt «Urban Green Religion» zwischen 2018 und 2021 am Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik der Universität Basel durch. Weitere Informationen zum Projekt, dem Nachfolgeprojekt «Are Religions Becoming Green?», sowie zu den Autor:innen finden sich auf der Webseite: greenreligion.theologie.unibas.ch