Das Leben geht manchmal unvorhersehbare Wege. Der Vater der ehemaligen Kantonsschülerin Tseyang Lungthok hat dies auf eindrückliche Art und Weise erlebt. Während sein Leben lange auf das eines tibetischen Mönchs ausgerichtet war, lebt er nun verheiratet und als Vater in der Schweiz. Bis heute spielt seine Spiritualität für ihn eine grosse Rolle. Seine Tochter schildert, wie es zu diesem Lebenswechsel kam und wie jener Teil der Vergangenheit ihres Vaters bis heute nicht nur ihn, sondern die ganze Familie prägt.
Ein warmes, flackerndes Licht erfüllt den Raum. Ich betrete das Wohnzimmer meiner Eltern. Vor einem kleinen Altar steht mein Vater, die Hände ineinandergelegt, den Blick auf die kleinen Statuen von buddhistischen Göttern gerichtet. Daneben brennen Räucherstäbchen, ihr feiner Duft mischt sich mit dem Geruch von Essen aus der Küche. Überall im Haus hängen Familienfotos, welche mein Vater und meine Mutter mit ihren drei Kindern zeigen.

Bild: Wohnzimmer von Tseyang. Foto: @Tseyang Lungthok
Ich beobachte, wie mein Vater langsam aus seinen Gedanken zurückkehrt. Er geht ins Esszimmer, um das Abendessen vorzubereiten. Meine Mutter und meine Geschwister unterhalten sich über den heutigen Tag. Mein Vater schweigt und sieht seinen Familienmitgliedern zu, wie sie sich unterhalten. Im Haus liegen einige religiöse Gegenstände und Bilder, die ihn an sein altes Leben erinnern.
Mein Vater war einmal ein tibetisch-buddhistischer Mönch. Jetzt ist er Ehemann und Vater. Ich frage nicht oft: Wie lebt er mit einer Vergangenheit, die eine völlig andere Zukunft vorgesehen hatte?

Bild: Hausalter von Tseyang. Foto: @Tseyang Lungthok
Ein Kind im Kloster
Mein Vater wurde in einem kleinen Dorf in Tibet geboren. Er wuchs in einer Bauernfamilie auf, die ein paar Yaks hielt, um die er sich oft kümmerte. Mit 13 Jahren brachte ihn sein Vater ins Kloster Sanga Choeling. Zuvor besuchte Mein Vater eine von der chinesischen Regierung kontrollierte Schule. Für seine weitere Schulbildung hätte er nach China gehen müssen. Doch seine Eltern wollten ihn nicht in ein fremdes Land ziehen lassen – sie hatten Angst um ihn. Aus diesem Grund schickten sie ihn ins Kloster. In Tibet war es üblich, dass ein Sohn der Familie ins Kloster ging, um dort zum Mönch ausgebildet zu werden.
Als ich ihn danach frage, beschreibt er mir seinen strengen Alltag als Mönch. Frühmorgens um fünf Uhr ging der Tag mit dem ersten Gebet und der Meditation los. Danach begann der Unterricht in tibetischer Schrift und buddhistischer Philosophie. Zwischen Gebet und Unterricht hatten die jungen Mönche Zeit, sich die Gebete einzuprägen und sie auswendig zu lernen. Das Essen war einfach, oft nur Tsampa – geröstetes Gerstenmehl – mit Tee. Nach dem Mittagessen ging es mit dem Unterricht weiter, bis vier Uhr nachmittags das Abendgebet begann. Jeder Tag war gleich. Am Wochenende hatten sie dafür keinen Unterricht. Aber ansonsten änderte sich nicht viel an seinem Alltag als Mönch. Die Meditation, die Gemeinschaft der Mönche – das war seine Welt.

Bild: Vater von Tseyang. Foto: @Tseyang Lungthok
Die Flucht aus Tibet
Doch sein Leben im Kloster war geprägt von den Beschränkungen und Unterdrückungen durch die chinesische Besatzung. Seit dem Einmarsch der chinesischen Truppen im Jahr 1953 und der Besetzung wird die Religionsausübung in Tibet stark kontrolliert – ebenso wie das Leben in den Klöstern. Die chinesische Regierung gibt vor, Religionsfreiheit zu gewähren, doch die Realität sieht anders aus.
Religiöse Praktiken sind nur in begrenztem Umfang erlaubt und die religiöse Freiheit ist stark eingeschränkt. Wer sich nicht an die Regeln hält, riskiert harte Strafen wie Folter oder lange Haftstrafen. Der Dalai Lama, das geistige Oberhaupt der Tibeter:innen, lebt seit dem Einmarsch der Chinesen im Exil und seine Bilder sind in Tibet strengstens verboten. Die Mönche mussten auch an Unterrichtsstunden teilnehmen, in denen die chinesische Ideologie verherrlicht wurde. Überall im Kloster hingen neben den Abbildungen der buddhistischen Götter auch Bilder von Mao und Marx – Bilder, die sie gezwungen waren zu verehren. Für meinen Vater war das ein erdrückender Widerspruch, denn aus seiner Sicht standen diese Figuren für das Leid seines Volkes. Schliesslich entschied er sich zur Flucht.
Mit nur 15 Jahren wagte sich mein Vater auf den gefährlichen Weg. Er floh aus Tibet mit nichts als seiner Robe auf dem Körper. Tagelang lief er über verschneite Pässe, durch eisige Winde, mit der ständigen Angst entdeckt zu werden. «Ich wusste nur, dass ich weg musste», erzählt er mir. Doch er überwand alle Hindernisse und schaffte es nach Indien.
Der Schritt ins neue Leben
In Indien wurde er in einem Kloster in Darjeeling aufgenommen. Doch in der neuen Umgebung wuchs sein Verlangen nach einem anderen Leben. «Es war nicht meine freie Entscheidung, Mönch zu werden. Es wurde von mir erwartet. Ich bereue es nicht, aber ich wollte ein anderes Leben», erklärt er mir. Zudem sei es nicht richtig, ein Leben als Mönch zu führen und den Buddhismus zu praktizieren, wenn man sich ihm nicht mit voller Hingabe widmet. Schliesslich entschloss er sich, die Mönchsrobe abzulegen. In der tibetischen Gesellschaft stösst das Verlassen der Mönchsgemeinschaft häufig auf Ablehnung. Es wird als Abkehr von den traditionellen Werten und dem spirituellen Weg angesehen. Doch mein Vater liess sich von diesen gesellschaftlichen Erwartungen nicht beirren. Er war entschlossen, sein eigenes Leben zu führen und seine eigenen Entscheidungen zu treffen.
Meine Mutter lernte er kennen, als er noch Mönch war. Obwohl sie sich bereits begegnet waren, kam es zu keiner wirklichen Verbindung zwischen ihnen, solange er in der Mönchsgemeinschaft lebte. Erst nachdem mein Vater die Mönchsrobe abgelegt und sich von den religiösen Verpflichtungen gelöst hatte, entwickelten sich ihre Gespräche und ihr Austausch zu einer echten, tieferen Beziehung. Meine Mutter stammt ebenfalls aus einer tibetischen Familie, wurde jedoch in der Schweiz geboren und ist hier aufgewachsen. Angesichts ihrer starken Verbindung beschlossen sie, in die Schweiz zurückzukehren und zu heiraten.

Bild: Eltern von Tseyang. Foto: @Tseyang Lungthok
Spiritualität im Alltag
Heute trägt er Jeans und T-Shirt – keine Mönchsrobe mehr. Doch der Buddhismus ist noch immer ein fester Bestandteil seines Lebens. Auch wenn er die Mönchsrobe abgelegt hat, bleibt die innere Verbindung zu seiner spirituellen Praxis bestehen. Ab und zu betet er, meditiert und legt frische Früchte und Süssigkeiten als Opfergabe auf den Altar – kleine, aber bedeutende Rituale, die ihn mit seiner Vergangenheit und seinem Glauben verbinden. Es ist nicht so, dass er die Religion hinter sich gelassen hat. Vielmehr hat sich sein spirituelles Leben verändert und sich in seinen Alltag integriert.

Bild: Familienfoto von Tseyang. Foto: @Tseyang Lungthok
Die Entscheidung, seine Mönchsrobe abzulegen und eine Familie zu gründen, brachte eine grosse Veränderung in seinem Leben. Ich frage ihn, ob es ihm schwerfällt, heute über diese Zeit zu sprechen. Er überlegt und sagt: «Schwer nicht- aber es ist wie ein anderes Leben». Als Mönch hatte er sich vollkommen dem Buddhismus und der spirituellen Praxis gewidmet. Doch mit der Entscheidung für ein anderes Leben und eine Familie begann er, die Prinzipien des Buddhismus in einem anderen Kontext zu leben.
Er hat gelernt, die Weisheiten des Buddhismus auf das tägliche Leben anzuwenden. «Der Buddhismus hat mir beigebracht zu erkennen, was richtig ist und wann ich ruhig bleiben muss», sagt er, als ich ihn nach dem Einfluss auf seine Vaterrolle frage. Er weiss, wie wichtig es ist, Geduld zu haben, zu reflektieren und nicht impulsiv zu handeln. Die Fähigkeiten, die er in seiner Ausbildung zum Mönch erlernt hat, kann er auf sein Leben anwenden. «Ich bin kein Mönch mehr, aber meine Vergangenheit wird immer ein Teil von mir sein.» Abends sehe ich ihn oft am Altar sitzen. Dann wirkt er ganz ruhig. Ich gehe manchmal vorbei, sage nichts- aber ich spüre, dass etwas von diesem früheren Leben in unserem Zuhause weiterlebt.

Bild: Gebetsfahnen von Tseyang. Foto: @Tseyang Lungthok
Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religion an der Kantonsschule Zürich Nord entstanden. Die Klasse hat sich im Unterricht mit der Frage beschäftigt, was Religion ist, wie Religion medial dargestellt wird und welche Rolle Stereotype und Vorurteile dabei spielen. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, wie religionswissenschaftliche Perspektiven zur Darstellung von Religion beitragen können. Dabei ging es auch um die Frage, wie man Reportagen schreibt, worauf es bei der Recherche ankommt und weshalb religion.ch sich für eine menschenzentrierte Herangehensweise entschieden hat. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte gleich in die Praxis umgesetzt.
