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Tatijana Jenic

Von der Kirche zum Zuhause: Der orthodoxe Glaube im Alltag 

Die ehemalige Kantonsschülerin Tatijana Jenić ist in Zürich aufgewachsen und hat serbische Wurzeln. Die serbisch-orthodoxen Rituale sind für sie mehr als Tradition – sie verbinden sie mit ihrem Glauben und den familiären Wurzeln. In ihrer Reportage erzählt sie, was ihr Glaube für sie persönlich bedeutet und wie sie ihn in ihrem oft hektischen Alltag in der Schweiz lebt.

Der Duft von Weihrauch liegt in der Luft, während die Menschen das Kreuzzeichen machen. Serbischer Gesang erfüllt die Räume der Kirche – eine Melodie, die mir seit meiner Kindheit vertraut ist. Die Stimmen verschmelzen zu einem Chor; die Worte verstehe ich nicht immer, aber sie fühlen sich dennoch wie Heimat an. Ich erinnere mich, wie ich als kleines Kind die Hand meiner Mutter hielt und mich fragte, warum die Menschen die Ikonen an den Wänden küssten. Heute verstehe ich es besser, denn der Glaube stellt für mich mehr als ein Ritual dar, es ist ein Teil meines Lebens. Doch mit dem Verstehen kommen auch die Fragen: Was bedeutet es, orthodox zu sein, hier in der Schweiz? Wie verbinde ich Tradition und Heimat mit meinem Alltag in einem so anderen Land?

Meine Identität

Mein Name ist Tatijana Jenić und ich bin 18 Jahre alt. Ich bin in Zürich aufgewachsen, meine Wurzeln liegen aber in Serbien. Ich bin Teil der Serbisch-Orthodoxen Kirche, einer der autokephalen (selbständigen) orthodoxen Kirchen, die sich an den julianischen Kalender hält. Die Serbisch-Orthodoxe Kirche verfolgt die Traditionen des orthodoxen Christentums, darunter die Verehrung von Ikonen, das Fasten und die Feier der göttlichen Liturgie. Ein zentrales Merkmal ist die Slava, das Familienheiligenfest, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Im folgenden Artikel werde ich einen Einblick in mein Leben in der Schweiz als serbisch-orthodoxe Christin geben.

Wie ich zum Glauben fand

Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie ich zum Glauben gefunden habe. Ich bin religiös aufgewachsen, doch zu diesem Zeitpunkt dachte ich, dass der Glaube etwas ganz Normales sei und ich nichts dafür leisten müsse. Es war im Frühling vor zwei Jahren, als ich 16 Jahre alt war. Plötzlich hatte ich den Drang, mich intensiver mit meiner Religion zu beschäftigen und zu beten. Zuvor hatte ich immer das «Vaterunser» aufgesagt und für etwas gebetet, das ich wollte. Doch plötzlich hatte ich das Gefühl, dass ich mich Gott näher fühlen wollte.

Doch plötzlich hatte ich das Gefühl, dass ich mich Gott näher fühlen wollte.

Ich war mit meiner Familie in Serbien im April, und wir besuchten eine Kirche. In diesem Moment wollte ich unbedingt eine Bibel kaufen, was ich später auch tat. Ab diesem Zeitpunkt begann meine intensivere Bindung zu Gott zu wachsen. Heutzutage ist der Glaube nach wie vor von grosser Bedeutung in meinem Alltag, und mein Wissen hat sich erweitert. Momentan lese ich über die App «die Bibel», obwohl es für mich manchmal schwer ist, sie auf Serbisch zu verstehen – obwohl ich die Sprache fliessend beherrsche.

Der Beginn der Liturgie

Es ist Sonntagmorgen, genauer gesagt 8:45 Uhr. Ich betrete die Tür der Kirche und küsse den Türrahmen aus Holz. Dieser Kuss ist kein kirchliches Ritual, sondern eine persönliche Tradition; ein Zeichen des Respekts. Mit einem Fuss über der Schwelle beginnt mein Körper sich in eine Stille und Ruhe zu versetzen. Im Eingang stehen zwei Ikonen. Das sind eine Art heilige Bilder auf denen meist Christus, die Gottesmutter oder Heilige dargestellt sind.

Auch in meinem Zimmer habe ich eine Ikone, die für mich eine tiefere spirituelle Bedeutung hat. Ikonen sind für mich nicht nur religiöse Bilder, sondern vielmehr Fenster zum Göttlichen. Ich bekreuzige mich vor ihnen und spreche kurze Gebete, wenn ich Trost oder Kraft brauche. Oft entzünde ich auch eine Kerze vor einer Ikone – ein Symbol für das Licht Christi, das die Dunkelheit erleuchtet. In der Kirche ist es Tradition, dass sich orthodoxe Christ:innen bekreuzigen und die Ikonen als Zeichen der Verehrung küssen. Gemäss der orthodoxen Lehre stellen sie die göttliche Präsenz dar. Die Bilder werden nicht angebetet, aber für viele sind sie wie auch für mich eine Art Fenster zu Gott.

Bild: serbisch- orthodoxe Kirche in Schwamendingen. Foto: @Tatijana Jenić

Die Gemeinde ist bereits versammelt und ich habe das Gefühl, dass die Menschen die Ruhe geniessen. Um Punkt neun Uhr ertönen Glocken. Mir wurde gesagt, dass sie in der orthodoxen Kirche nicht nur den Beginn der Liturgie andeuten, sondern auch eine Verbindung zwischen Himmel und Erde symbolisieren. Sie erinnern an die Gegenwart Gottes und rufen zum Gebet auf. Auch im weiteren Christentum spielen Kirchenglocken eine bedeutende Rolle: Sie rufen Gläubige zum Gottesdienst und begleiten zentrale Momente des religiösen Lebens.

Bild: Die Kirche von innen. Foto: @Tatijana Jenić

Der Priester und der Weihrauch

Der Priester tritt vor den Altar, gekleidet in ein reich verziertes Gewand. In der orthodoxen Tradition hat jedes dieser unzähligen Gewänder eine eigene symbolische Bedeutung und wird je nach liturgischem Anlass getragen. Während sich der Priester durch den Kirchenraum bewegt, schwenkt er das Weihrauchfass, auch Kadilo genannt, und verteilt den Weihrauch im Raum. Weihrauch ist ein fester Bestandteil der orthodoxen Liturgie. Der aufsteigende Rauch steht – so heisst es in einem Psalm – für das Gebet, das zu Gott emporsteigt: «Lass mein Gebet vor dir wie Weihrauch gelten» (Psalm 141,2). Ausserdem symbolisiert der Weihrauch die Reinigung und Heiligung der Kirche, der Ikonen, des Altars und der Gläubigen. Der Duft des gesegneten Weihrauchs erfüllt den Raum – für mich verstärkt er die geistliche Atmosphäre während der Liturgie und macht die göttliche Gegenwart spürbar. Die Menschen greifen nach dem Weihrauch und bekreuzigen sich, wenn der Priester vor ihnen steht. Ich habe gelernt, dass dieses Ritual Ausdruck der Ehrfurcht und Verehrung ist.

Bild: Nacht der Religionen, 13.11.21. Veranstaltung «Hey, Alter». Foto: @Christoph Knoch

Die Eucharistie und das Fasten

Während der göttlichen Liturgie wird auf dem Altar die Eucharistie gefeiert. Nach orthodoxem Verständnis werden dabei Brot und Wein durch das Herabrufen des Heiligen Geistes in den Leib und das Blut Christi verwandelt. Dieses Sakrament gilt in der orthodoxen Lehre als Zentrum des religiösen Lebens – man sagt, das sei ein heiliger Moment, der die Gläubigen mystisch mit Christus verbindet.

Bild: Die Königstüre der Ikonostase. Foto: @Tatijana Jenić

Mit der Feier der Eucharistie ist auch das Fasten eng verbunden. Man kann sich auf den Empfang der Kommunion vorbereiten, indem man sich an bestimmte Fastenregeln hält. Diese sollen helfen, sich geistig und körperlich auf das Sakrament einzustimmen. Ich habe es so gelernt, dass man eine Woche auf Wasser fastet. Das bedeutet, dass eine Woche lang keine Tierprodukte wie Milchprodukte, Eier und Fleisch konsumiert werden und zusätzlich auch kein Öl. Auch soll man am Sonntag ab 00:00 Uhr nichts mehr essen, bis man die Kommunion empfängt. Für mich spielt das Fasten auch in meinem Alltag eine Rolle, nicht nur während der grossen Fastenzeiten vor Ostern, sondern auch mittwochs und freitags. An diesen Tagen erinnere ich mich bewusst an das Opfer Christi und übe mich in Enthaltsamkeit – nicht nur im Hinblick auf Nahrung, sondern auch in meinen Gedanken und Handlungen.

Bild: Vom Priester selbst gemaltes Jesus-Bild in der Kuppel. Foto: @Tatijana Jenić

Die Slava – Das Fest des Schutzheiligen

Die Feier des Familien-Schutzheiligen, bekannt als Slava, ist ein zentraler Bestandteil der serbisch-orthodoxen Tradition und wird von Generation zu Generation weitergegeben. Serbische Familien haben ihren eigenen Schutzheiligen, der über die Jahre hinweg innerhalb der Familie erhalten bleibt. Dieser wird entweder von den Vorfahren gewählt oder von einem geistlichen Vorfahren übernommen.

Bild: Ikone von Sveti Nikola. Foto: @Tatijana Jenić

In meiner Familie wird der Heilige Nikolaus (Sveti Nikola) als Schutzpatron geehrt. Sein Gedenktag fällt auf den 19. Dezember nach dem neuen Kalender (bzw. den 6. Dezember nach dem julianischen Kalender). Sveti Nikola ist als Schutzpatron der Seeleute, Fischer und Reisenden bekannt und wird für seine Wohltätigkeit und seine Fürsorge für die Armen und Kinder verehrt. An diesem besonderen Tag ist es üblich, Bedürftige zu unterstützen und zu spenden, um sein Erbe der Nächstenliebe weiterzuführen.

Mir ist wichtig zu erwähnen, dass orthodoxe Christ:innen Heilige nicht anbeten. Oft begegne ich dem Missverständnis, wir würden Heilige so verehren, wie wir Gott anbeten – das entspricht jedoch nicht dem, was mir im Glauben vermittelt wurde. Wir beten lediglich darum, dass der Heilige für uns bei Gott Fürsprache hält.

Vorbereitungen für die Slava

Die Feier findet bei uns zu Hause statt und die Vorbereitungen beginnen früh. Meine Mutter backt den Slavski Kolač, ein besonderes Brot, das bei uns kunstvoll mit Teigzöpfen und christlichen Symbolen verziert wird. Dazu bereitet sie das festliche Essen vor, das bei unserer Familie traditionell posno – also ohne Fleisch, Milchprodukte oder Eier – gehalten wird.

Da unsere Slava in die Fastenzeit fällt, werden ausschliesslich pflanzliche Speisen sowie Fisch serviert. Am Morgen bringt mein Vater den Slavski Kolač zusammen mit Žito (gekochter Weizen) und Wein in die Kirche, wo sie gesegnet werden. Žito gilt in unserer Tradition als bedeutungsvolles Symbol für Leben, Tod und Auferstehung. Es erinnert uns daran, unsere verstorbenen Vorfahren zu ehren und zugleich das Leben zu feiern. Der Wein steht für das Blut Christi und wird als Zeichen des göttlichen Segens verstanden. Während mein Vater in der Kirche ist, bereiten meine Mutter und ich den Tisch für die Feier vor.

Ablauf der Slava

Wenn mein Vater zurückkommt, wird die Kerze aus Bienenwachs zwischen 12:00 und 14:00 Uhr angezündet. Diese Kerze brennt für den Heiligen, dem wir an diesem Tag danken. Danach nimmt meine Mutter das Weihrauchgefäss (Kadilnica), entzündet den Weihrauch und geht damit durch die Wohnung, um sie zu segnen.

Als Familie sprechen wir gemeinsam das Vaterunser, bekreuzigen uns und nehmen dann einen Schluck Wein sowie einen Löffel Žito. Jeder Gast, der eintrifft, wiederholt dieses Ritual, um den Segen der Slava zu empfangen. Anschliessend setzen sich alle zum Essen, wobei es Tradition ist, dass ein Familienmitglied immer auf den Beinen bleibt, um die Gastfreundschaft aufrechtzuerhalten.

Wenn die Gäste langsam gehen, wird die Kerze mit Wein gelöscht. Eigentlich nennt man diesen Vorgang das «Erheben der Kerze», da man sie früher an der Decke ausgemacht hat. Heute geschieht dies mit Wein. Während dieses feierlichen Moments müssen alle Anwesenden stehen, um dem Ritual Respekt zu erweisen.          

Bild: Die Kerze und das Žito. Foto: @Tatijana Jenić

Für meine Familie ist die Slava ist nicht nur ein religiöses Fest, sondern auch ein Band zwischen den Generationen. Sie erinnert uns daran, woher wir kommen, und stärkt unser Gefühl der Zugehörigkeit. Für uns verbindet die Slava unsere Familie mit unseren Vorfahren, der Kirche und Gott. Sie ist eine Feier der Tradition, des Glaubens und der Gemeinschaft, die in unserer Familie mit Stolz und Respekt begangen wird – genau so, wie es unsere Vorfahren seit Jahrhunderten getan haben.

Der Glaube im Alltag

Der Glaube ist für mich nicht nur an besonderen Feiertagen wie Weihnachten oder Ostern von Bedeutung, sondern begleitet mich täglich. Die Beziehung zu Gott hilft mir, den Alltag zu bewältigen. Jeden Morgen versuche ich, den Tag mit einem Gebet zu beginnen. Ich nehme mir vor, das Morgengebet aufzusagen und für den kommenden Tag zu beten. Dieses Gebet gibt mir Kraft und hilft mir, mit einem klaren Kopf und einem dankbaren Herzen in den Tag zu starten. Es ist ein Moment der Stille, in dem ich meine Gedanken sammle und mich auf das Wesentliche konzentriere.

Der Glaube begleitet mich täglich.

Während des Tages bete ich vor den Mahlzeiten, wenn ich mich daran erinnere. Zuerst bekreuzige ich mich, und dann sage ich das Gebet auf. Das Tischgebet ist für mich eine Form der Dankbarkeit für das Essen, das mir gegeben wird, und ein Zeichen des Bewusstseins, dass alles, was ich habe, letztlich ein Geschenk Gottes ist. Es erinnert mich daran, dass nicht jeder Mensch das Privileg hat, eine Mahlzeit vor sich zu haben, und fördert in mir eine Haltung der Bescheidenheit und des Mitgefühls.

Der Glaube als Quelle der Inspiration und Kraft

Ein weiterer wichtiger Bestandteil meines Alltags ist das heilige Wasser, das in der orthodoxen Kirche eine besondere Bedeutung hat. Ich nehme es regelmässig zu mir, besonders morgens auf nüchternen Magen. Das heilige Wasser, das in einem speziellen Gottesdienst geweiht wird, steht für Reinheit, Segen und geistige Stärkung. Es erinnert mich daran, mich nicht nur körperlich, sondern auch geistig zu reinigen und mein Herz für Gutes zu öffnen. Vor allem an wichtigen Tagen, gibt mir dieses Wasser Kraft.

Bild: Die Ikonen in meinem Zimmer. Foto: @Tatijana Jenić

Wenn eine schwierige Prüfung oder eine herausfordernde Situation vor mir liegt, nehme ich oft eine kleine Ikone mit in die Schule. Sie erinnert mich daran, dass ich nicht alleine bin, und gibt mir innere Ruhe. Neben der Ikone trage ich auch eine Brojanica, ein orthodoxes Gebetsarmband, das aus gewobenen Knoten besteht. Jeder Knoten symbolisiert ein Gebet, und das Armband dient mir als stiller Begleiter im Alltag. Wenn ich nervös oder gestresst bin, drehe ich die Perlen zwischen meinen Fingern und bete innerlich – ein kleiner, aber bedeutsamer Moment der Verbindung zu meinem Glauben.

Bild: Brojanica. Foto: @Tatijana Jenić

Der orthodoxe Glaube ist für mich kein starrer Regelkatalog, sondern eine Quelle der Inspiration und ein fester Bestandteil meines Lebens. Auch wenn ich in der Schweiz lebe und der Alltag oft hektisch ist, versuche ich, meine spirituelle Verbindung zu bewahren und meinen Glauben in kleinen, aber bedeutsamen Ritualen zu leben.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religion an der Kantonsschule Zürich Nord entstanden. Die Klasse hat sich im Unterricht mit der Frage beschäftigt, was Religion ist, wie Religion medial dargestellt wird und welche Rolle Stereotype und Vorurteile dabei spielen. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, wie religionswissenschaftliche Perspektiven zur Darstellung von Religion beitragen können. Dabei ging es auch um die Frage, wie man Reportagen schreibt, worauf es bei der Recherche ankommt und weshalb religion.ch sich für eine menschenzentrierte Herangehensweise entschieden hat. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte gleich in die Praxis umgesetzt.


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