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Wenn Geister Bäume beschützen

Die indigenen Gruppen, mit denen Fastenopfer in seinen Programmländern arbeitet, weisen ein auffallendes gemeinsames Element auf: Ihre Religionen sind eng mit der belebten und unbelebten Natur verknüpft; das Wohlergehen von Menschen, Tieren und Pflanzen steht und fällt mit dem (Un-) Gleichgewicht zwischen Mensch und Mitwelt. In der aktuellen Klimadebatte können wir von diesen indigenen Ansätzen nur lernen. Zur Veranschaulichung werden hier zwei Beispiele aus der Fastenopferarbeit herausgegriffen.

Immer wieder wird der Vorwurf laut, die Klimabewegung sei moralisierend und fast schon eine neue religiöse Bewegung. Auch wenn sich die Argumente der Klimaaktivist:innen auf wissenschaftliche Fakten stützen, haben sie einen Bezug zu Religion, Ethik und Moral. Und umgekehrt bezieht sich Religion auf Wissenschaft und gesellschaftliche Bewegungen. So appelliert Papst Franziskus als moralische Instanz in seiner Enzyklika «Laudato si» ans christliche Gewissen, sich gegen den Klimawandel und für die Rettung der Erde einzusetzen. Und er beruft sich darin auf Franz von Assisi, dem bereits im 12. Jahrhundert der Schutz der Natur ein Anliegen war und welcher später zum Schutzpatron des Natur- und Umweltschutzes wurde. Menschen, die sich für ein sorgsames Miteinander mit der Natur einsetzen und sich dabei auf ein religiöses System berufen, gab es folglich schon immer. In unserer Arbeit mit indigenen Gruppen jedoch ist dies ein prägendes Merkmal.

Das Klima ist vergesslich geworden

Im Philippinen-Landesprogramm wird eng mit der indigenen Gruppe der Agtas zusammengearbeitet. Deren Gesamtbevölkerung wird auf etwa 70‘000 Menschen geschätzt. Zwar teilweise katholisch getauft, sind sie auch heute noch mehrheitlich stark in ihrer animistischen Religion beheimatet.  Die Agtas erwirtschafteten sich früher den Lebensunterhalt als Nomad:innen mit Fischfang, Jagd und dem Sammeln von Waldfrüchten. Als Anfang der 70er Jahre Holzfirmen begannen, die Wälder der Sierra Madre abzuholzen, gerieten sie mit ihrer traditionellen Lebensweise unter Druck. Der spürbare Rückgang an natürlichen Ressourcen in den Bergen und die Überfischung der Fischgründe an der Küste zwingen heute die Agtas immer stärker zu einer sesshaften Lebensweise mit permanenter Landwirtschaft. Die Fastenopfer-Partnerorganisation TCD (Tribal Center for Development) vertritt die Interessen der Agtas und macht sich für deren Rechte wie etwa auf Landnutzung, Zugang zum Gesundheitswesen und Schulbildung stark. Und selbstverständlich erleben auch die Agtas-Gemeinschaften die Auswirkungen der Klimaerwärmung am eigenen Leibe, sei es durch häufigere und stärkere Regenfälle, heftige Wirbelstürme oder dramatische Schlammlawinen infolge von Erosion.  

Schwere Sturmschäden nach einem Taifun in einem Fastenopfer Projekt, Philippinen. © Fastenopfer, Bob Timonera
Schwere Sturmschäden nach einem Taifun in einem Fastenopfer Projekt, Philippinen. © Fastenopfer, Bob Timonera

Mit dem Ausdruck «ulyaning klima» – «das vergessliche Klima» – beschreiben die Agtas auf liebevolle Weise das Klima wie eine alte, etwas verwirrte demente Person, welche in den letzten Jahren nicht mehr genau weiss, wann sie die Regenzeit schicken sollte und wann die Hitzeperiode an der Reihe wäre. Mit diesem Ausdruck reagieren sie auf ihre aktuellen Beobachtungen und Erfahrungen mit den Auswirkungen des Klimawandels. Da die Heimat der Agtas an den Küstenregionen wiederholt von Taifunen getroffen wurde, wird dies auch in den Fastenopfer-Projekten regelmässig zum Thema. Sei dies durch Nothilfemassnahmen, wenn etwa die völlig zerstörte Schule wiederaufgebaut werden muss oder durch Klima-Workshops, in welchen man sich präventiv auf bevorstehende Katastrophen vorbereitet. So wurde mit einem kultursensiblen Ansatz gemeinsam definiert, welches denn sichere Orte wären im Falle einer Evakuierung. Dieses lokale Wissen, dass mögliche Evakuierungsorte nicht nur erhöhte Regionen sind, sondern für Fischer:innen auch Mangrovenwälder, erwies sich bereits als überlebenswichtig. Denn genau dorthin konnten sich vor einigen Jahren mehrere fischende Agtas retten, als sie auf dem offenen Meer von einem Taifun überrascht wurden.

Vielleicht wäre der Rückgriff auf lokales Wissen und der zärtliche Umgang der Agtas mit der Natur, welche aus den Fugen geraten ist, auch für uns ein zielführender Ansatz, die Folgen des Klimawandels ernster zu nehmen und das Klima durch unser Verhalten wieder in vorhersehbare Bahnen zu lenken. Denn würden alle Menschen die Natur wie eine kranke, nahestehende Person wahrnehmen, welche unserer Fürsorge bedarf, dann wäre unser derzeitige ausbeuterische Umgang mit den natürlichen Ressourcen undenkbar.

Kruzifix zum Gedenken an die Opfer eines Taifuns. Der gekreuzigte Jesus ist ein Agta. © Fastenopfer, Antoinette Brem
Kruzifix zum Gedenken an die Opfer eines Taifuns. Der gekreuzigte Jesus ist ein Agta. 
© Fastenopfer, Antoinette Brem

Geister in den Bäumen

Im Landesprogramm Haiti arbeitet Fastenopfer mit vielen kleinbäuerlichen Gemeinschaften in Wiederaufforstungsprojekten und agroökologischer Landwirtschaft. Man geht davon aus, dass in Haïti gerade noch vier Prozent des ursprünglichen Baumbestandes stehen geblieben sind. Koloniale Abholzung für Zuckerrohrplantagen, aber auch aktuelle Brandrodungen und die Gewinnung von Holzkohle infolge purer wirtschaftlicher Not durch die lokale Bevölkerung haben den Wald dramatisch dezimiert. Zusätzlich liegt Haiti auf einer Insel, auf welcher zwischen Juni und September schwere Wirbelstürme über das Land fegen, welche durch die Erwärmung der Meere zusätzlich verstärkt werden. Wiederaufforstung und Resilienz gegen die Auswirkungen des Klimawandels sind überlebenswichtig. Daher setzt Fastenopfer in seinen Projekten auf forstwirtschaftliche und agrarökologische Ansätze.

Mit Tränen in den Augen erklärte mir etwa eine Frau, dass sie nun endlich begriffen habe, dass ihre Mutter als praktizierende Voodoo-Priesterin keine Sünderin sei und, dass sie selbst endlich zu Hause angekommen sei.

Daneben jedoch stärken die Projekte die kulturelle Identität. Denn ursprünglich hatte die haitianische Bevölkerung durch Voodoo eine intensive Beziehung zu den Bäumen. Heute ist die grosse Mehrheit der Haitianer:innen zwar katholisch getauft, doch auch im Kontext von Voodoo sozialisiert. Viele von ihnen wurden jedoch durch die katholische Kirche oder durch politische Instrumentalisierung ihrer westafrikanischen Wurzeln entfremdet. Deshalb besuchten die Fastenopfer-Partnerorganisationen während eines Workshop einen Voodootempel und feierten gemeinsam eine Zeremonie – für einige von ihnen zum ersten Mal in ihrem Leben. Diese Konfrontation mit den eigenen Wurzeln wurde von mehreren der Partner als tief ergreifendes Erlebnis beschrieben, wurde ihnen doch in ihrer Kindheit in den katholisch geführten Schulen oft gepredigt, dass Voodoo vom Teufel sei. Erstmals wagten sie den einstmals tabuisierten Bereich zu betreten und sich den angelernten Vorurteilen zu stellen. Mit Tränen in den Augen erklärte mir etwa eine Frau, dass sie nun endlich begriffen habe, dass ihre Mutter als praktizierende Voodoo-Priesterin keine Sünderin sei und dass sie selbst endlich zu Hause angekommen sei. 

Baum in Haiti, der von diversen Geistern bewohnt wird und daher tabu fürs Fällen ist. © Fastenopfer, Simon Degelo
Baum in Haiti, der von diversen Geistern bewohnt wird und daher tabu fürs Fällen ist. © Fastenopfer, Simon Degelo

Neben einkommensgenerierenden Aktivitäten – als Alternative zur Brandrodung und zur Holzkohle – braucht es also auch die Stärkung der religiösen Identität und die Wiederherstellung der Beziehung zur Natur, um Projekte erfolgreich zu machen. Denn, wenn wir mit den Menschen in Haiti Projekte zur Wiederaufforstung nachhaltig umsetzen wollen, dann sollten wir zwingend auf Voodoo als Ressource und Referenzgrösse zurückgreifen: Bäume sind für diverse Geister im Voodoo-Pantheon beliebte Aufenthaltsorte – insbesondere gilt das für Papa Loko. Es existieren diverse Baumrituale, die der Verehrung von baumbewohnenden Geistern gewidmet sind, sowie Tabus gegen das Fällen heiliger Bäume und Zeremonien, während denen Geister von einem Baum in einen anderen umziehen. In unseren Projekten ist es daher unabdingbar, dass lokales Wissen, ein wissenschaftlicher Ansatz aber auch ein religions- und kultursensibler Ansatz Hand in Hand gehen, um den Menschen auch langfristig ein Überleben zu sichern. 

Indigene Gemeinschaften, die Klimabewegung oder auch Papst Franziskus haben erkannt, dass wir für unser Überleben und das unseres Planeten das Potential von Religion als ethische Richtschnur unbedingt nutzen müssen. 

Romana Büchel ist Ethnologin, Mutter und Fachverantwortliche für Religion & Kultur und Gender bei Fastenopfer.