Acharya Vidyabhaskar

Was ist gutes, erfülltes Leben? – eine Hindu-Perspektive

Die uralten Prinzipien des Dharma, des Wohlstands (Artha), des Genusses (Kama) und der Befreiung (Moksha) weisen den Weg zu einem erfüllten Leben, so Acharya Vidyabhaskar, praktizierender Hindu und Sanskrit-Gelehrter. Er zeigt auf, dass wahres Glück nicht nur in materiellen Errungenschaften liegt, sondern in der Harmonie mit sich selbst, der Mitwelt und dem Göttlichen.

In einer Zeit des rasanten technologischen Fortschritts, wachsenden materiellen Wohlstands und noch nie dagewesenen Zugangs zu Informationen befindet sich der heutige Mensch in einem Paradoxon. Trotz der Annehmlichkeiten und des Luxus, die das 21. Jahrhundert bietet, erleben wir Menschen dennoch ein Gefühl der Unzufriedenheit. Das Streben nach einem «guten Leben» ist zu einem komplexen Unterfangen geworden, das uns als Sterbliche vor die Fragen stellt:

Was ist es wirklich wert, angestrebt zu werden? Gibt es Wege zur Erfüllung, die über das materialistische Dasein und die äussere Selbstverwirklichung hinausgehen?

Was ist es wirklich wert, angestrebt zu werden?

Für Hindus eröffnen diese Fragen eine tiefe spirituelle, philosophische und ethische Schau. Um sie zu beantworten, berufen sich Hindus auf die Jahrtausende alte Weisheit der Vedas und Upanischaden sowie auf die Erfahrung spiritueller Lehrer und Lehrerinnen, die diese Weisheit in jeder Zeitepoche wieder neu interpretieren.

Annehmen des eigenen Dharmas

Im Mittelpunkt der Lebenswelt eines praktizierenden Hindus steht die Idee des Dharma: die moralische Gesetzmässigkeit, die dem Universum zugrunde liegt. Der Dharma jedes Menschen ist eine gemeinsam geteilte und gleichzeitig für jeden einzigartige Realität. Er wird beeinflusst von Umständen, Rollen, Neigungen und Wünschen. In einer deutschen Sprechweise würde man vielleicht sagen, es geht darum, die eigene Bestimmung zu finden. Man versteht Dharma manchmal als gerechten Lebenswandel, manchmal als Tugendhaftigkeit, aber auch als die wahre Natur der Dinge.

Für einen praktizierenden Hindu gilt das Leben als «gut», wenn es mit dem Dharma in Einklang steht. Dabei geht es nicht nur darum, ethische Prinzipien zu befolgen, sondern in Harmonie mit der eigenen Natur und der grösseren kosmischen Ordnung der Mitwelt zu leben. Das Entdecken, Verstehen und Annehmen des eigenen Dharmas in einer sonst chaotischen Welt vermitteln Ziel und Richtung, Akzeptanz und Sinn.

Wirklicher Erfolg liegt in der Integrität der eigenen Handlungen

Die Bhagavad-Gita, eine im Anschluss an die Vedas und Upanischaden sehr wichtig gewordene heilige Schrift, betont, wie wertvoll es ist, den eigenen Dharma ohne Anhaftung an die Früchte der Handlungen zu erfüllen. In eine jetzige Sprache übersetzt heisst das: Wir handeln nicht gut, weil wir uns einen Profit daraus ersuchen, sondern weil wir erkennen, dass es richtig ist, gut zu handeln. Wir handeln auch nicht deshalb, weil wir stets an die Zukunft denken und vor der Zukunft Angst haben, sondern mit einem herzhaften Bekenntnis zum Dharma der Gegenwart. Das eigentliche Leben findet ja schliesslich in der Gegenwart statt. In einer Welt, in der Erfolg oft an äusseren Errungenschaften oder Profit gemessen wird, bietet die Bhagavad-Gita eine Gegenperspektive: Wirklicher Erfolg liegt in der Integrität der eigenen Handlungen und ihrer Übereinstimmung mit dem Dharma, in der Gegenwart, von einem Moment zum nächsten.

Auch Wohlstand und Genuss sind wichtige Lebensziele

Während Dharma die ethische Grundlage für ein gutes Leben bildet, lehnten die Hindu-Weisen – Rishis oder Seher genannt – das Streben nach materiellen und sinnlichen Vergnügungen nicht ab. Wohlstand (Artha) und Genuss (Kama) werden als wichtige Lebensziele anerkannt, sofern sie innerhalb des Rahmens des Dharma verfolgt werden.

Bild: hinduistischer Priester in Bern / @Christoph Knoch

Artha bedeutet Wohlstand, Erfolg und sozialer Status, die alle notwendig sind, um sich und seine Familie zu ernähren. Kama hingegen bedeutet das bewusste Geniessen der Freuden des Lebens, von ästhetischen Erfahrungen bis hin zu persönlichen Beziehungen und Sexualität. Das im Westen bekannt gewordene, vom Weisen Katyayana verfasste Kamasutra ist nur eines von vielen Werken über die Kunst des Geniessens. Auch diese Werke werden als heilige Schriften verstanden. Das ermächtigt Hindus, auch den Genuss als eine gottgewollte Wirklichkeit bewusst zu erleben.

Jagd nach mehr

Das Streben nach Wohlstand und Genuss soll jedoch kein Selbstzweck werden. Es soll nicht zu einer unerbittlichen Jagd nach mehr führen, immer mehr Vergnügen, immer mehr Verstrickungen (und dadurch mehr Probleme). Hindu-Weise raten zu einem ausgewogenen Ansatz: Das Streben nach Wohlstand und Genuss sollte in einem Gleichgewicht mit Dharma sein.

Das Streben nach Wohlstand und Genuss sollte in einem Gleichgewicht mit Dharma sein.

Damit wird sichergestellt, dass die eigenen Handlungen nicht zu Schaden, Ungerechtigkeit oder Exzess führen. Wenn man achtsam damit umgeht, können Wohlstand und Genuss zu einem erfüllten Leben beitragen und die materiellen und emotionalen Ressourcen bereitstellen, die man für die Reise durch ein erfülltes Leben benötigt.

Moksha: das höchste Ziel des menschlichen Lebens

Jenseits der weltlichen Bestrebungen nach Wohlstand und Genuss steht Moksha: das höchste Ziel des menschlichen Lebens. Moksha, manchmal auch Nirvana genannt, ist die Befreiung aus dem Kreislauf von Geborenwerden, Altern, Krankheit und Tod. Das Leben wird wirklich «gut», wenn es auf Moksha ausgerichtet ist, die höchste Freiheit.

Wie wird Moksha erreicht? Einerseits durch Meditation und Selbsterkenntnis, durch Loslassen von Anhaftungen, andererseits durch das Wiederholen von Mantras und Gebeten, dem selbstlosen, mitfühlenden Dienst an anderen, sowie der Liebe zum Göttlichen.

Diese vier Ziele – Dharma, Artha, Kama und Moksha – sind die Ziele eines guten menschlichen Lebens.

Diese vier Ziele – Dharma, Artha, Kama und Moksha – sind die Ziele eines guten menschlichen Lebens. Sie bieten eine ganzheitliche Vision dessen, was es bedeutet, ein gutes Leben zu führen. Sie stellen einen umfassenden Leitfaden zur menschlichen Erfüllung dar.

Was kann der moderne Mensch also tun, um sich gut zu fühlen und ein erfülltes Leben zu führen? Die Antwort liegt darin, die eigenen Handlungen an den Prinzipien des Dharma auszurichten, Wohlstand und Genuss achtsam zu verfolgen und das eigene Leben auf Befreiung durch Selbsterkenntnis und Liebe zum Göttlichen auszurichten.


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Autor:in

  • Acharya Vidyabhaskar

    Acharya Vidyabhaskar lebt in Winterthur, ist Sanskrit-Gelehrter aus der nichtdualen Tradition Indiens und studierte Vergleichende Religionswissenschaft und Theologie. Er schlägt damit eine Brücke zwischen Ost und West. Er wirkt bei den Bildungsprojekten der Sarvamangala Society in Indien und Nepal mit.

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