Rita Gianelli

Religion und Konflikt – Das Potenzial von interreligiösem/interkulturellem Dialog

Gesellschaften können von der aktiven Bearbeitung von Konflikten profitieren. Besonders im Bereich der Religionen und Kulturen scheinen Auseinandersetzungen auf den ersten Blick unausweichlich und fast unlösbar. Die abstrakte Ebene zu verlassen und Lösungen im konkreten Miteinander zu suchen, birgt gerade für den interreligiösen und interkulturellen Dialog grosses Potenzial. Welche Rolle dabei Mediation spielen kann, zeigt ein Fallbeispiel aus Davos.  

Über 80 Prozent der Menschen weltweit identifizieren sich mit einer Religion. Religiös konnotierte interkulturelle Konflikte spielen auch hierzulande eine Rolle. Die Frage, was der interreligiöse und interkulturelle Dialog zur Konfliktvermittlung beitragen kann, soll hier erörtert werden.

Religion prägt viele Aspekte des persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Lebens. Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Weltanschauungen und Religionen kann aber auch Spannungen schüren und zu Konflikten führen. Religion ist eine Möglichkeit, die Welt, den Sinn des Daseins, einzuordnen oder zu verstehen. Siehe dazu auch den Beitrag «Was ist Religion?».

Ein Konflikt spielt sich zwischen handelnden Menschen oder Gruppen ab. Er entsteht, wenn ein Mensch sich durch einen anderen Menschen in seinem eigenen Handeln, Denken, Fühlen, Vorstellen und Wollen beeinträchtigt fühlt und dies unvereinbar mit seinem eigenen Denken, Fühlen und Wahrnehmen ist. Ein Konflikt ist auch dann vorhanden, wenn nur eine Person oder eine Gruppe ein Problem hat, während der anderen nichts auffällt. Konflikt-Erleben sind also immer subjektiv.

Konfliktvermittlung und Mediation ist die Intervention einer akzeptierten, unparteiischen, neutralen dritten Partei. Diese hat zwar keine Entscheidungsmacht, aber sie unterstützt die Konflikt-Parteien darin, freiwillig zu einer gegenseitig akzeptierten Übereinkunft zu kommen.

Der Interreligiöse und interkulturelle Dialog sollen hier nicht unterschieden werden, da die Prinzipien und Grundhaltungen einer Mediation bei allen Arten von Konflikten dieselben sind. Interreligiöser oder interkultureller Dialog fördert die Inklusion, die Einheit in der Vielfalt. Trotz kultureller und religiöser Unterschiede teilen viele Traditionen grundlegende Werte wie Mitgefühl, Gerechtigkeit, Solidarität und Frieden. Der interreligiöse Dialog hebt diese universellen Prinzipien hervor und schafft ein Gefühl der Gemeinsamkeit, das zur Einheit beiträgt. Wenn Menschen die Traditionen, Überzeugungen und Praktiken anderer verstehen, stärkt das auch den Respekt gegenüber anderen und schafft den Boden für inklusivere Gemeinschaften. Interreligiöser Dialog durchbricht die Anonymität, die oft auch der Grund ist, Feindbilder aufrecht zu erhalten. Interreligiöser Dialog trägt dazu bei, polarisiertes Denken zu überwinden.

Kultur des Dialogs

Die Schweiz hat in der internationalen Friedensarbeit bei Konflikten mit religiösen Dimensionen eine Pionierrolle. Sie hat in den vergangenen Jahrhunderten selbst Religionskriege erlebt und dabei gelernt, wie ein Miteinander von Konfessionen und Religionsgemeinschaften gelingen kann. Allein im Kanton Graubünden leben über 120 Nationen und über 30 unterschiedliche Religionsgemeinschaften zusammen. Im Lauf der Jahrhunderte hat sich hier eine politische Kultur gebildet, die auf vier Grundelementen basiert: Die direkte Demokratie, jede:r Einzelne kann seine Stimme abgeben zum politischen Leben; der Föderalismus, die Kantone sind weitgehend selbstverwaltet; das Subsidiaritätsprinzip, Aufgaben, die Kanton und Gemeinden allein nicht bewältigen können, übernimmt der Staat; und die Konkordanz, alle sind in die Entscheidungsfindung einbezogen und fällen im Konsens einen Entscheid. Dasselbe Prinzip ist auch die Basis der Struktur der Landeskirchen und Kirchgemeinden.

Ein Dialog fördert die Selbstreflexion, das eigene, selbstverantwortliche Denken.

Damit dieses System funktioniert und gemeinsam Lösungen und Kompromisse erarbeitet werden können, braucht es den Dialog – in der Gemeindeversammlung, im Vereinsvorstand, im Kantonsrat oder im Kirchenvorstand. Der Dialog dient nicht nur der Verständigung des Gegenübers, ein Dialog fördert die Selbstreflexion, das eigene, selbstverantwortliche Denken. Es gibt verschiedene Arten einen Dialog oder eine Begegnung zu ermöglichen. Zum Beispiel die Gründung eines «Runden Tisch» zu einem bestimmten Thema. Dieser kann als aktives und präventives Netzwerk bei konkreten Konflikten unterstützend wirken. Oder wechselseitige Besuche in einer Moschee- oder Kirchgemeinde.

«Migrationsspaziergänge» in Städten wie Chur und Davos, wie sie die Fachstelle Migration und weltweite Kirche in Graubünden für Gruppen (Gemeindevorstände, Schulklassen etc.) anbietet, beinhalten Führungen in Moscheen, Synagogen, Kirchen, verbunden mit einer anschliessenden Gesprächsrunde in einem interkulturellen Treffpunkt. Die gemeinsame Aktivität – buchstäblich gemeinsam ein Stück Weg gehen – kombiniert mit dem Austausch über das Erlebte empfinden die Teilnehmenden als äusserst bereichernd. Damit ein Gespräch gelingen kann, ist es hilfreich, folgende Tipps zu beachten:

  1. Bewusst in das Gespräch einsteigen
  2. Aktiv zuhören
  3. Den Fokus auf Ursachen legen
  4. Sorgfältig kommunizieren
  5. klare Standpunkte formulieren
  6. Emotionen kommunizieren

Foto von Kate Bezzubets auf Unsplash

An einem Beispiel aus der Gemeinde Davos soll veranschaulicht werden, was interkultureller Dialog zur Konfliktlösung beitragen kann, welchen Einfluss der interreligiöse Dialog hat und wie er in Graubünden gepflegt wird.

Der Dialog als Konfliktmanagment

Alljährlich reisen Tausende jüdischer Gäste in den Touristenort, um ihre Ferien oder einen Kuraufenthalt dort zu verbringen. Darunter befinden sich auch strenggläubige jüdische Gruppen, wie die Haredim, die sich durch Kleidung und Verhalten stark von der ortsansässigen Bevölkerung und auch innerhalb der allgemeinen jüdischen Gemeinschaft unterscheiden. Durch diese Auffälligkeit, aber auch durch die hohe Anzahl von Angehörigen dieser Gästegruppe, fühlen sich manche Einwohner:innen und Vertreter:innen der Tourismusorganisation zurückgedrängt und in ihrer Lebens- und Arbeitswelt bedroht. Die genannte Gästegruppe hingegen scheint sich ihrer Wirkung nicht bewusst zu sein, wie Mitglieder des Bündner Forums der Religionen mit jüdischem Glauben im Gespräch erklärten.

Seit Jahrzehnten wird der interreligiöse Austausch zwischen den unterschiedlichen Religionsgemeinschaften in Graubünden gepflegt.

Das Bündner Forum der Religionen wurde am 7. Oktober 2020 in Chur mit Vertretern aus zwölf Religionsgemeinschaften gegründet. Zu den Vereinsmitgliedern gehören muslimische, hinduistische, jüdische, buddhistische und christliche Gemeinschaften. Der Zweck des Vereins ist das Kennenlernen und der regelmässige interreligiöse Austausch. Seit Jahrzehnten wird der interreligiöse Austausch zwischen den unterschiedlichen Religionsgemeinschaften in Graubünden mit verschiedenen Veranstaltungen gepflegt. Mit der Vereinsgründung – mit Anschubfinanzierung durch die Stadt Chur und ideeller Unterstützung der Bündner Regierung – konnte der interreligiöse Dialog in Graubünden institutionalisiert werden.

Die Gemeinde hat die Ängste in der Bevölkerung und die Diskrepanz zwischen Tourismusgruppe und -organisation erkannt und eine Mediation eingeleitet. Darin involviert waren alle Konfliktparteien. Das Resultat der Mediation in Davos war ein Massnahmen-Katalog zur «Verständigung zwischen internationalen Gästen und Einheimischen in Davos». Dieser beinhaltet zehn Massnahmen:

  1. Ein «Hub» (Informationszelt) als zentrale Anlaufstelle für Gäste während der Hauptsaison, wo Informationen zu finden sind und Dienstleistungen angeboten werden.
  2. Einbezug von Schlüsselpersonen, im Fall von Davos von Rabbinern.
  3. Ausbau des Präventionsprogrammes Likrat Public in Kooperation mit lokalen Organisationen, wie der Davos Destinations-Organisation (DDO).
  4. Informationsmaterial für Gäste und Einheimische.
  5. Ausländische Akteurinnen und Akteure (relevante Aussenministerien und Medien) einbeziehen, damit Gäste bereits vor der Ankunft Informationen haben
  6. Pflege der jüdischen Geschichte in Davos, Verständnis und Auseinandersetzung für die jüdische Kultur und Geschichte schaffen.
  7. Dialog mit der Davoser Bevölkerung.
  8. Touristische Kapazitäten: die Tourismusorganisation (DDO) überprüft die bestehende Infrastruktur auf deren Kapazitäten und Auslastung, um Überbelastung zu reduzieren.
  9. Leitlinien für Tourismusbetriebe, um die Gleichbehandlung aller Gäste zu gewährleisten
  10. Ombudsstelle: im engen Austausch mit Likrat übernimmt die Tourismusorganisation die Funktion einer Ombudsstelle.

Einige dieser Massnahmen konnten bereits umgesetzt werden. Ein Hub wurde aufgebaut, es gab themenbezogene Veranstaltungen im «Kulturplatz», das Informationsmaterial wurde aktualisiert und auch der Einbezug der Schlüsselpersonen ist erfolgt. Rafael Mosbacher von der jüdischen Gemeinde und Mitglied des Bündner Forums der Religionen sagt, dass sich die Situation in Davos insgesamt beruhigt habe. Negative Leserzuschriften in der Lokalpresse zum Beispiel seien ausgeblieben. Auch die Gästezahl am Ort blieb unverändert.

Ressourcen für den Dialog aus den Religionen

In allen grossen Religionsgemeinschaften sind Solidarität und Nächstenliebe als Werte verankert. Im Christentum gilt die Goldene Regel, die da heisst im Zweiten Testament: «Was du nicht willst, das[s] man dir tu’, das füg auch keinem andern zu». In den Hadithen, den Überlieferungen über das Leben des Propheten Mohammed, ist folgende Stelle berichtet: «… Ihr habt alle einen einzigen Vorfahren. Es gibt keinen Vorrang eines Arabers über einen Nichtaraber oder eines Nichtarabers über einen Araber, noch eines Dunkelhäutigen über einen Hellhäutigen oder eines Hellhäutigen über einen Dunkelhäutigen – es sei denn aufgrund seiner Gottesfurcht.» Und ein jüdisches Friedensgebet lautet: «‹Keine Nation wird gegen eine andere das Schwert erheben, und das Kriegshandwerk werden sie nicht mehr lernen› (Jesaja 2, 4), nur mögen alle Bewohner der Erde die Wahrheit erkennen und wissen, dass wir nicht auf diese Welt kamen, um zu streiten und zu kriegen, und nicht um Hass, Neides, Ärgers und Blutvergiessens willens, Gott behüte, nur sind wir hier, um Dich zu erkennen und anzuerkennen, ewig Gesegneter.»

Indem der interreligiöse Dialog humanitäre Wurzeln und Traditionen bewusst macht, kann er das Gemeinschaftsgefühl fördern.

Indem der interreligiöse Dialog religiöse und humanitäre Wurzeln und Traditionen bewusst macht, kann er das Gemeinschaftsgefühl fördern und zu einer solidarischen Gesellschaft beitragen. Der interreligiöse und interkulturelle Dialog ist eine Plattform, die Vertrauen schafft und es den unterschiedlichen Gemeinschaften ermöglicht, Beziehungen über die Gemeinschaftsgrenzen hinaus aufzubauen und alltägliche Fragen zu diskutieren. Er ermöglicht den Fokus auf praktische Aspekte des Zusammenlebens, was bei religiös konnotierten Problemen lösungsorientierter ist als das Verhaften auf theologischen und abstrakten Fragen. Probleme werden am besten lokal und konkret angegangen. Das Diskutieren von theologischen Unterschieden führt aufgrund seiner abstrakten Natur selten zu den erwünschten Lösungen für das konkrete friedliche Zusammenleben, sondern verstärkt die Wahrnehmung unüberbrückbarer kultureller und religiöser Unterschiede eher noch.

Konflikte als Chancen für einen Neubeginn

«Ohne Dialog gibt es keine Lösungen», sagt Rafael Mosbacher. Dieser falle leichter, wenn man sich kenne. Deshalb sei jede Zusammenkunft der Mitglieder des Bündner Forums der Religionen wertvoll. Das Beispiel der Mediation in Davos hat gezeigt, dass auf der Basis gegenseitigen Respekts und einer wertschätzenden Haltung ein Austausch über das als problematisch wahrgenommene Verhalten stattfinden konnte. Konflikte haben auch ein produktives Potenzial, das Chancen für einen Neubeginn bietet. Sie zeigen an, wo der Schuh drückt und woran gemeinsam gearbeitet werden muss. Die beste Prävention für Konflikte ist daher die Pflege des interreligiösen und interkulturellen Dialogs: Begegnungsmöglichkeiten schaffen, einander zuhören, offen sein, Fragen stellen und die Bereitschaft, die andere Seite kennenzulernen.


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Autor:in

  • Rita Gianelli

    Rita Gianelli führt die Fachstelle Migration und Weltweite Kirche der reformierten Landeskirche Graubünden. In ihren Themenbereich fällt insbesondere die Förderung des interreligiösen Dialogs. Sie hat eine Ausbildung als Mediatorin Diversity-Konflikte und in interkultureller Theologie und Migration absolviert und ist zudem Redaktorin der Zeitung «reformiert.». Sie ist Gründungs- und Vorstandsmitglied des Vereins Bündner Forum der Religionen und präsidiert den Verein KULTURPUNKT, der in Chur einen interkulturellen Treffpunkt betreibt und Veranstaltungsort verschiedener Anlässe während der Woche der Religionen ist.

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