Seit ihrer Kindheit lebt die Tibeterin Dolma in der Schweiz – weit entfernt von der Heimat ihrer Familie. Trotz wiederholter Ausgrenzung hat sie sich entschieden, hierzubleiben. Tibet bleibt für sie unerreichbar: Sie kann es höchstens im Rahmen einer geführten Reise besuchen. Wie sie dennoch den Kontakt zu ihrer tibetischen Identität bewahrt und diese mit dem Buddhismus verknüpft, erzählt die Kantonsschülerin Anna Gosteli.
Vor der goldenen Buddha-Statue tanzt die kleine Flamme auf und ab. Jeden Morgen zündet Dolma die Kerze an – ein Ritual, das sie mit ihrer Herkunft verbindet. Sie wurde als Kind aus Tibet in die Schweiz gebracht, gemeinsam mit 157 anderen Kindern. In einer ihr fremden Sprache, bei fremden Menschen, begann ihr neues Leben. Wenn sie erzählt, lacht sie dennoch oft und herzlich. Wir sitzen bei ihr am Esstisch, währenddem sie mir offen von ihrem Leben erzählt. Ihre Geschichte lässt mich nicht mehr los.

Bild: Teil von Dolmas Buddhistischem Schrein. Foto: @Anna Gosteli
Eine Kindheit zwischen Verlust und Hoffnung
Dolma wurde in einem kleinen tibetischen Dorf geboren, aber ihr genaues Alter kennt sie nicht, da ihr Geburtsdatum nicht aufgezeichnet wurde. In ihrer Heimat war es üblich, Kinder zu Hause zur Welt zu bringen, und Geburtenbücher gab es nicht. Mit etwa zwei bis drei Jahren floh Dolma mit ihrem Onkel über das Himalaya-Gebirge nach Indien. Sie flohen wie tausende weitere Tibeter: innen vor der chinesischen Besatzungsmacht, die 1959 einen Unabhängigkeitsaufstand mit brutaler Waffengewalt niederdrückte. Ihre Mutter war bereits verstorben und ihr Vater flüchtete später ebenfalls nach Indien. An die Flucht selbst kann sich Dolma nicht mehr erinnern – sie war noch zu klein.
In Indien lebte sie in einem Kinderheim im Norden des Landes, wo viele tibetische Kinder untergebracht waren. Die Bedingungen waren einfach: wenig Platz, kaum Privatsphäre und nur das Nötigste zum Leben. Viele Eltern arbeiteten weit entfernt auf Baustellen, sofern sie noch lebten. Schliesslich wählten Behörden und Privatpersonen Dolma und 157 andere tibetische Kinder für eine Pflege-/Adoptionskampagne in der Schweiz aus.
Ein fremdes Land, eine neue Familie
In mehreren Etappen wurden die Kinder in die Schweiz gebracht. Im Januar 1963 kam Dolma in die Schweiz zu Pflegeeltern in einem kleinen Dorf. Sie spricht voller Dankbarkeit über ihre Pflegeeltern, die sie mit offenen Armen aufnahmen und ihr halfen, sich im neuen Land, der Schweiz, zurechtzufinden. Ihre Pflegemutter versuchte sogar, Tibetisch zu lernen, damit sie sich besser verständigen konnten. Die Sprachbarriere war jedoch schnell überwunden: «Ich lernte Deutsch sehr schnell», sagt sie. «Heute könnte ich keine Sprache mehr so schnell lernen, es ist erstaunlich.»
Doch die Sprache war nicht das grösste Hindernis. Ihre Schulzeit begann unter schwierigen Bedingungen: Die Klasse bestand ausschliesslich aus Schweizer: innen, und Dolma wurde als Ausländerin gemobbt und ausgegrenzt. «Ich war eine Aussenseiterin, es war eine harte Zeit», sagt sie. Zum Glück gab es in ihrer Klasse drei Mitschüler aus der Westschweiz, mit denen sie die Schuljahre verbrachte.
Die Heimat bleibt unerreichbar
Bis sie 27 Jahre alt war, kämpfte Dolma mit dem Gefühl, nie wirklich willkommen zu sein. «Ich wollte lange nicht hierbleiben», gibt sie zu, denn der Rassismus war stark spürbar. Zum Beispiel bei der Wohnungssuche, trotz ihres perfekten Schweizerdeutsch wurde sie oft abgewiesen, sobald die Inhaber sie sahen. Aber Dolma lernte, sich zu behaupten: «Mein Gerechtigkeitssinn ist wahrscheinlich ausgeprägter als bei anderen, weil ich extreme Erfahrungen gemacht habe.» Heute lebt Dolma nach über 60 Jahren glücklich mit ihrem Ehemann in der Schweiz.
Dolma träumte lange davon, nach Tibet zu reisen.
Dolma träumte lange davon, nach Tibet zu reisen. Einmal konnte sie dies tun – allerdings nur im Rahmen einer organisierten Reisegruppe. Denn für ausländische Staatsangehörige ist eine individuelle Einreise nach Tibet nicht erlaubt. Während der Reise besuchte sie auch ihr Heimatdorf. Sie zeigt mir ein Fotobuch, das ihre Reise dokumentiert. Freudig erklärt sie mir jedes Bild: wo sie waren und wer oder was zu sehen ist. Vier Wochen verbrachte sie dort. Als sie ein zweites Mal nach Tibet reisen wollte – diesmal individuell – wurde sie an der Grenze in Nepal abgewiesen. Sie musste enttäuscht zurückreisen. Obwohl Dolma tibetischer Herkunft ist, gilt sie aufgrund ihres Schweizer Passes als ausländische Reisende und unterliegt denselben Einreisebeschränkungen wie alle anderen Ausländer: innen. Seit ihrer Flucht ist Tibet Teil der Volksrepublik China. Eine Rückkehr ist zwar möglich, aber nur unter strengen Auflagen – und nie auf eigene Faust.

Bild: Dolmas Fotobuch. Foto: @Anna Gosteli
Weil eine Rückkehr nach Tibet nicht mehr möglich war, hätte Dolma ebenfalls nach Indien gehen können. Doch sie entschied sich, in der Schweiz zu bleiben, weil die Lebensbedingungen für Exil-Tibeter in Indien sehr schlecht waren.
Tibetische Wurzeln in der Schweiz
Dolma suchte lange nach ihrer Identität. Als Tibeterin ist sie Buddhistin, ihre Pflegeeltern hingegen waren Protestanten. Sie liessen ihr die freie Religionswahl und Dolma besuchte den Unterricht der reformierten Kirche. Obwohl sie nie getauft wurde, entschied sie sich für die Konfirmation. So wuchs sie mit verschiedenen Religionen auf. Der Buddhismus faszinierte sie immer, weil er ihre tibetische Herkunft widerspiegelt. Mit der Zeit spürte Dolma immer mehr, dass ihr Herz dem Buddhismus gehört. Der Buddhismus ist für sie eher eine Lebensphilosophie als eine Religion. «Er ist offen für alle», erklärt sie mir.
Heute lebt Dolma zwischen zwei Kulturen. Ihr Zuhause in der Schweiz ist behaglich eingerichtet, doch überall sieht man Erinnerungen an Tibet. Schon bevor ich das Haus betrete, fallen mir die bunten buddhistischen Gebetsfahnen im Garten auf, die im Wind wehen. Im Inneren des Hauses stehen viele Buddhastatuen und tibetische Andenken. Am 10. März hisst Dolma jeweils die tibetische Fahne vor ihrem Haus, um an den tibetischen Volksaufstand gegen China zu erinnern.

Bild: Gebetsfahnen in Dolmas Garten. Foto: @Anna Gosteli
Dolma fühlt sich tief mit dem Buddhismus verbunden – auch wenn sie nicht alle Rituale täglich ausführt. In einer Vitrine zeigt sie mir kleine Schälchen, die sie, wie sie sagt, eigentlich jeden Tag mit frischem Wasser füllen sollte. «So ist es im Buddhismus», erklärt sie. In der Vitrine stehen auch andere Dinge, die für sie wichtig sind: Gebetsketten, Fotos des Dalai Lama, Steine aus Tibet, Gebetsrollen und vieles mehr. Vorsichtig nimmt sie die Objekte in die Hand, erzählt kleine Geschichten dazu – woher sie stammen, warum sie für sie Bedeutung haben. Manche sind religiöse Symbole, andere Erinnerungsstücke an Orte oder Menschen.

Bild: Ein Teil von Dolmas Schrein. Foto: @Anna Gosteli
Das tibetisch-buddhistische Kloster in Rikon besucht sie, wenn sich dazu die Gelegenheit ergibt. Sie erzählt von den offenen und freundlichen Mönchen, die dort leben. Es gibt ein grosses Angebot an Kursen und Festen, die im Kloster durchgeführt werden. Der Ort vermittelt ihr das Gefühl ihrer Heimat.
Dolmas Geschichte begleitet mich auch nach meinem Besuch. Es hat mich beeindruckt, wie ruhig sie davon erzählt – fast so, als hätte sie darin schon Übung. Und dann immer wieder ihr herzhaftes Lachen. Gleichzeitig wird spürbar, wie viele Brüche ihr Leben prägen. Zwischen Herkunft und neuer Heimat hat sie ihren eigenen Weg gefunden. Dabei hält sie an ihrer tibetischen Identität fest – auf ihre ganz eigene Art.
Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religion an der Kantonsschule Zürich Nord entstanden. Die Klasse hat sich im Unterricht mit der Frage beschäftigt, was Religion ist, wie Religion medial dargestellt wird und welche Rolle Stereotype und Vorurteile dabei spielen. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, wie religionswissenschaftliche Perspektiven zur Darstellung von Religion beitragen können. Dabei ging es auch um die Frage, wie man Reportagen schreibt, worauf es bei der Recherche ankommt und weshalb religion.ch sich für eine menschenzentrierte Herangehensweise entschieden hat. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte gleich in die Praxis umgesetzt.
