In gesellschaftlichen Krisen wird die Distanz zwischen individueller Erfahrung und politischer Praxis oft besonders spürbar. Doch das Bedürfnis nach Verstandenwerden bleibt. Wie lassen sich individuelle Realitäten in solchen Zeiten zusammenführen? Der Luzerner Verein Zwischentöne – Lernen aus Krisen widmet sich dieser Frage. Claudia Meier und Cordula Reimann, Projektleiterinnen von Zwischentöne, berichten aus ihrer Praxiserfahrung, wie man Menschen in unterschiedlichsten Situationen erreicht und in schwierigen Zeiten neue Bande knüpfen kann.
Wie prägen gesellschaftliche Krisen unser Zusammenleben? Der Luzerner Verein Zwischentöne – Lernen aus Krisen begann mit dieser Frage und wählte einen biographisch inspirierten Ansatz. 70 Erfahrungsberichte später ist es Zeit für eine erste Bilanz. Die folgenden fünf Essenzen sind gedacht als Impuls für alle, die die Konfliktfähigkeit und die Krisenresilienz in der Schweiz stärken wollen.
Würdigung von Erfahrungen
«Heute geben sich alle bei uns in der Familie viel Mühe, aber ich als Mutter merke schon, dass da immer noch was gärt und viel Unausgesprochenes und Belastendes immer mitschwingt. Und generell finde ich, dass viele, auch schon vor Corona, sehr überempfindlich auf alles reagieren.» Frau aus Rothenburg

Bild: Die Würdigung von Erfahrungen ist wichtig. Foto: @Claudia Meier und Cordula Reimann
In sozialen und politischen Krisen und Konflikten nehmen wir häufig nur die lautesten Stimmen wahr. Uns fehlt ein vertieftes Verständnis dafür, wie Menschen gesellschaftliche Umbruchphasen tatsächlich erleben und bewältigen. Besonders die Geschichten von marginalisierten Personen – etwa von Armutsbetroffenen, Jugendlichen, Geflüchteten oder Menschen mit Behinderung – verschwinden in blassen Statistiken.
Zwischentöne hat darauf gesetzt, die individuellen Erfahrungen mit Krisen und Konflikten in ihrer Komplexität und Einzigartigkeit zu würdigen. Menschen aus dem Kanton Luzern haben ihre Erlebnisse in geschütztem Rahmen dokumentiert, schriftlich oder per Sprachnachricht eingereicht. Auf zwischen-toene.ch, über das LU222-Archiv des Museums Luzern und über Medienbeiträge werden diese Stimmen öffentlich zugänglich. So entsteht eine zeitgeschichtliche Dokumentation unserer krisengeprägten Gegenwart – über den Moment hinaus.
Unsere Erfahrung zeigt: Dialog- und Zuhörformate wirken nur, wenn Teilnehmende echtes, empathisches Interesse spüren. Dafür braucht es vor allem eine glaubwürdige, konsequente innere Haltung und die Bereitschaft, sich (immer wieder) offen und neugierig auf verschiedene Lebensrealitäten einzulassen. Das bedeutet im Umkehrschluss: Dialogformate müssen zuerst dem subjektiv Erlebten Raum geben, bevor sie Menschen miteinander über soziale Spannungen und Krisenerfahrungen ins Gespräch bringen.
Tiefes Bedürfnis nach Verstandenwerden
Für viele Beitragende war es bedeutsam, das eigene Erlebte – oft zum ersten Mal – auszusprechen und von anderen wahrgenommen zu werden. Zahlreiche Erzähler:innen berichteten von bislang unausgesprochenen Erfahrungen und dem Gefühl, in der Vergangenheit nicht oder falsch verstanden worden zu sein. Dieses wiederholte Nicht-Verstandenwerden schwächt die Demokratie: Wer sich langfristig nicht gehört fühlt, zieht sich zurück. Je länger dieses subjektive Empfinden anhält, desto weniger fühlen sich Menschen ermächtigt, an bestehenden Dialog- und Partizipationsangeboten teilzunehmen.
«Viele Schweizer:innen denken: Flüchtlinge kommen hierher, sie bekommen Geld, bekommen alles und sie machen nichts. Aber das stimmt nicht. Wir versuchen immer alles: Wie können wir uns integrieren? Wie können wir einen guten Job finden?» Somi aus Luzern

Bild: Ein Bedürfnis nach Verstandenwerden ist bedeutsam. Foto: @Claudia Meier und Cordula Reimann
Verstärkt wird dieser Rückzug durch ein oft übersehenes psychologisches Moment der Unsichtbarkeit: Viele Menschen mit Fluchterfahrung, körperlichen Beeinträchtigungen oder in prekären Lebenslagen erleben – teilweise täglich –, dass ihre Bedürfnisse für die Mehrheitsgesellschaft nicht zählen. Gleichzeitig wirken viele Beteiligungs- und Dialogangebote selbst nicht zugänglich. Daraus entsteht eine Form der Selbstentmächtigung, die sich bei Zwischentöne in Sätzen wie «Ich wusste nicht, dass ich da überhaupt mitmachen darf» zeigte.
Wie gross das Bedürfnis nach Verstandenwerden ist, zeigte sich auch an der Resonanz auf unsere experimentellen Formate. Menschen liessen sich etwa beim Sonntagsspaziergang spontan darauf ein, auf einem Bänkli ihre Krisenerfahrungen zu teilen. In dieser eher zurückhaltenden Gesellschaft hat uns das überrascht – vielleicht war es gerade die Offenheit gegenüber einer unbekannten Person, die diesen Wunsch nach Verstandenwerden besonders ansprach.
Menschen erreichen, wo sie sind
Unsere Erfahrungen mit Zwischentöne zeigen, wie wichtig es ist, Menschen dort zu begegnen, wo sie sich im Alltag aufhalten und wohlfühlen. Wir waren in Bibliotheken, Pfarreien und interkulturellen Treffpunkten. Schon die bewusste Wahl dieser Orte war ein Zeichen unseres Respekts gegenüber Strukturen, die bereits Räume des Austauschs schaffen. Möglich war dieser Ansatz nur dank der vielen Organisationen, die bereit waren, mitzuziehen. Im breiten Strategienetz wirken Akteure von Caritas, Sans-Papiers-Beratung, IRAS COTIS, Procap Zentralschweiz, dem Roten Kreuz bis zur Bibliothek Kriens und vielen anderen mit. Über sie erreichten wir vielfältige Gruppen. Die Würdigung bestehender Strukturen erhöhte aber auch unsere Akzeptanz als Aussenstehende.

«Es beschäftigt mich auch sehr, dass ich mich vor allem in der Schweiz so oft so einsam fühle. Es hat etwas mit der aktuellen Gesellschaft zu tun und vielleicht auch mit meinem Rückzug in die stumme Ecke. Und sehr wahrscheinlich gibt es aber einfach generell einen grossen Vertrauensverlust, der in all den Jahren passiert ist.» I. aus Luzern
Menschen dort zu erreichen, wo sie sind, heisst auch: Raus aus den städtischen Ballungsräumen. Städte sind oft gut versorgt mit Beteiligungsformaten – der ländliche Raum hingegen bleibt vielfach unberücksichtigt. Der Verein MiPaPe, der im September 2025 einen Austausch in Glarus organisierte, ist eine interessante Ausnahme. Mit kantonalen oder nationalen Projekten von aussen in ländliche Regionen zu kommen, braucht Beziehungsarbeit – die sich aber besonders lohnt.
Eine Gruppe, von denen wir nur wenige erreicht haben, sind Jugendliche – trotz engagierter Jugendorganisationen im Netzwerk. Auch über Instagram suchten wir den Austausch. Da entstanden vereinzelt tiefgehende Gespräche, doch nur wenige nahmen die Einladung an, die Erfahrungen zu dokumentieren. Rückblickend lag das wohl nicht nur an unserer Kommunikation, sondern auch an der fehlenden Präsenz junger Menschen in der Projektführung – Personen, die glaubwürdig hätten vermitteln und Brücken schlagen können.
Verbindung zwischen individueller Erfahrung und Politik
Die Zwischentöne-Erfahrung zeigt, wie stark die künstliche Trennung zwischen individueller Erfahrung und politischer Praxis gesellschaftliche Spannungen verstärken kann – und dass sich alle bewegen müssen, um diese Distanz zu überwinden.

«Mit diesem blinden Wissenschaftsglauben haben unsere Behörden die Massnahmen festgelegt. Das war nicht gut. Gleichzeitig war es natürlich schwierig. Ich hätte damals nicht Bundesrat Berset sein wollen. Er hatte bestimmt einen schwierigen Job. Für einen Revoluzzer wie mich fehlte aber einfach das Demokratieverständnis.» Mann aus Rothenburg.
Menschen, die politische oder administrative Macht ausüben können und müssen, haben ihre eigenen Krisenerfahrungen. Sie sind Teil der Gesellschaft – mit Zweifeln und Prägungen – und in Krisensituationen unter Druck. Das menschliche Gesicht von Politik zu sehen, kann Berührungsängste abbauen. Wir würden als Gesellschaft einen anderen, resilienteren Umgang mit Krisen lernen, wenn politische Verantwortliche sich nicht nur im vertraulichen Zwischentöne-Gespräch, sondern auch öffentlich verletzlicher zeigen könnten und würden – gerade in Krisenzeiten. Gleichzeitig sollten wir alle den oft pauschalen Vorwurf gegen «die Politik» hinterfragen. Die Mehrheitsgesellschaft muss sich selbst den Spiegel vorhalten lassen, welche Möglichkeiten der Mitbestimmung sie nicht nutzt. Mehr Selbstwirksamkeit und Eigenermächtigung würden mehr Mut und Hoffnung schaffen.
Zwischentöne hat gezeigt, dass die Türen viel offener stehen, als viele denken.
Auch die Zivilgesellschaft muss ihr Verhältnis zur Politik neu denken. Es reicht nicht, Missstände zu benennen – wir müssen verstehen, wie Entscheidungen entstehen und wo wir uns konkret einbringen können. Zwischentöne hat gezeigt, dass die Türen viel offener stehen als viele denken: Unser Austausch mit Parlamentarier:innen in der Wandelhalle des Bundeshauses im März 2024 war direkt und auf Augenhöhe.
Für unsere Bilanzveranstaltung am 16. September 2025 war unser Ziel, Verantwortungsträger:innen mit den Zwischentöne-Erzähler:innen ins Gespräch zu bringen. Viele sagten spontan zu – zum Teil auch ohne das Projekt genauer zu kennen. Unter der Moderation von Lukas Bärfuss liessen sich 50 Teilnehmer:innen auf die Geschichten unserer Erzähler:innen ein und teilen ihre eigenen Erfahrungen. Das zeigt uns: Wir können als Zivilgesellschaft eine wichtige Rolle spielen, die Distanz zur Politik zu verringern.
Über Diskriminierungsformen hinweg Banden bilden
Zwischentöne wollte den Querschnitt der Gesellschaft abbilden. Das ist uns gelungen – die Geschichten von Menschen ganz unterschiedlicher Prägungen und Meinungen stehen nun gleichberechtigt nebeneinander auf der Webseite. Ein besonderes Anliegen war es uns, auch marginalisierte Gruppen zu erreichen – und Verbindungen zwischen ihnen zu schaffen. Der Grundgedanke dahinter: Wenn wir unterschiedliche Formen von Diskriminierung zusammen denken, können wir besser politische und soziale Aufmerksamkeit schaffen.

«Es gibt diesen bekannten Satz: ‹Man erkennt die Stärke einer Gesellschaft daran, wie sie mit Randgruppen umgeht.› Ich würde hinzufügen: ‹… im Krisenfall›. Im Normalzustand sind wir zwar nicht gewollt, aber akzeptiert. In Krisen sind wir gar niemand. Vor der nächsten grossen Krise müssen wir lernen, dass nur eine diverse Gesellschaft stark ist. Wir müssen alle am grossen Tisch sein, um Lösungen zu präsentieren.» Jahn Graf
Oft werden die Perspektiven von Jugendlichen, Armutsbetroffenen, Menschen mit Behinderungen und Fluchtgeschichte getrennt behandelt. Viele dieser Gruppen mussten – und müssen – erst mühsam Raum für ihre je eigenen Anliegen erkämpfen. Entsprechend organisieren sich viele Communities getrennt, obwohl sie ähnliche Erfahrungen von Ausgrenzung teilen.
Damit bleibt oft wenig Raum für einen differenzierten Blick auf überlappende Diskriminierungserfahrungen. Dieses Potenzial können wir als Gesellschaft noch besser nutzen – für besseres gegenseitiges Verständnis, und für neue Allianzen quer über Identitäten hinweg.
Und jetzt?
Mit den Erkenntnissen aus den Geschichten geht Zwischentöne im nächsten Schritt stärker auf die institutionelle Ebene. Gemeinsam mit Behörden planen wir einen Prototyp für Bevölkerungsbeteiligung im Krisenmanagement auf Gemeinde- und Kantonsebene. So tragen wir dazu bei, dass die Politik des Gehörtwerdens noch stärker Realität wird.
