Das National Coalition Building Institute NCBI verfügt über langjährige Erfahrung in der Organisation von Gesprächsrunden, die Brücken zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, darunter auch religiösen Minderheiten, schlagen. In diesem Beitrag stellt Ramazan Özgü, Vorstandsmitglied des NCBI, das Projekt «Respect» vor und zeigt anhand dieses Beispiels, wie ein wirkungsvoller Dialog gestaltet werden kann: vom Aufbau über die methodische Umsetzung bis hin zu den Haltungen, die ein respektvolles und friedliches Miteinander fördern.
Seit 30 Jahren ist NCBI mit verschiedenen Projekten gegen Vorurteile und Diskriminierung aktiv. NCBI Schweiz ist ein konfessionell und parteipolitisch neutraler Verein, der in der gesamten Deutschschweiz und mit einigen Projekten auch in der Romandie tätig ist. Weitere Schwerpunktthemen in der Arbeit von NCBI sind Gewaltprävention und konstruktive Konfliktlösung sowie verschiedene Angebote zur Inklusion von Geflüchteten. Als «Brückenbauer:innen-Institut» will NCBI praktische Fertigkeiten vermitteln, mit denen schwierige und emotionale Themen konstruktiv angesprochen werden können. Das Projekt Respect richtet sich unter anderem an Schulen (insbesondere Sekundarstufe, Berufsschulen und Gymnasien), Einrichtungen der Jugendarbeit und Religionsgemeinschaften sowie an alle, die in ihrem beruflichen oder ehrenamtlichen Alltag mit muslimischen oder jüdischen Menschen in Kontakt treten.

Bild: Ein Dialogprojekt von NCBI gegen Vorurteile und Diskriminierung. Foto: @NCBI
Projekt Respect
Seit der Gründung von NCBI waren Vorurteile gegenüber religiösen Minderheiten eines der Schwerpunktthemen im Bereich Vorurteile abbauen. Nach verschiedenen Workshop-Angeboten und Publikationen, in denen Vorurteile zuerst gegenüber jüdischen und bald dann nach dem 11. September 2001 gegenüber muslimischen Menschen aufgegriffen wurden, wurde 2011 das Projekt «Respect – Muslim- und Judenfeindlichkeit gemeinsam überwinden» ins Leben gerufen.
Dieses Projekt wollte zuerst Vorurteile und Spannungen zwischen jüdischen und muslimischen Menschen in der Schweiz aufgreifen und abbauen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur der Dialog, sondern auch der Aufbau von Vertrauen, Solidarität und interreligiösen Freundschaften. Workshops, interreligiöse Feiern sowie gemeinsame Stellungnahmen bilden zentrale Elemente des Ansatzes. Besonderes Gewicht liegt auf der bewussten Zusammenarbeit jüdischer und muslimischer Workshopleitender, um so Räume der Begegnung und des gegenseitigen Verständnisses zu schaffen und gesellschaftlicher Ausgrenzung aktiv entgegenzuwirken. Das führte zu vielen «Trialog-Workshops» mit einem gemischten muslimisch-jüdischen Leitungsteam für gemischtes jugendliches oder erwachsenes Publikum.
Erfahrungen mit Vorurteilen und Diskriminierung teilen
In den vielen halb- und ganztägigen Workshops verfolgt Respect einen konsequent empathischen Ansatz. Betroffenen wird ein geschützter Raum geboten, in dem sie offen über ihre Erfahrungen mit Vorurteilen und Diskriminierung sprechen können. Ein wesentliches Merkmal der Methodik ist die Co-Moderation durch ein jüdisches und ein muslimisches Teammitglied. Diese Form der gemeinsamen Leitung trägt eine zentrale Botschaft: Wichtig ist nicht nur, Vorurteile gegenüber der eigenen Religionsgemeinschaft abzubauen, sondern es geht auch darum, sich aktiv als Verbündete der jeweils anderen Gemeinschaft zu verstehen.
Diese Form der gemeinsamen Leitung trägt eine zentrale Botschaft: es geht auch darum, sich aktiv als Verbündete der jeweils anderen Gemeinschaft zu verstehen.
Gerade diese Haltung – das bewusste Eintreten füreinander – stellt eine besondere Stärke des Projekts dar. Anschaulich wird vermittelt, wie aus einem anfänglich klassischen Dialog auf Augenhöhe eine tiefere Form der Solidarität entstehen kann. Heute stehen die Workshopleitenden sinnbildlich Hand in Hand vor den Teilnehmenden und leben eine interreligiöse «Verbündetenschaft», die auf gegenseitiger Unterstützung basiert. Die Teilnehmenden lernen darüber hinaus, wie sie im Alltag auf diskriminierende Aussagen konstruktiv und dialogisch reagieren können, um einen respektvollen und reflektierten Umgang mit Vorurteilen zu fördern
Ein lebendiger Einblick in das persönliche Erleben und Verständnis
Die Teilnehmenden haben darüber hinaus die Möglichkeit, Fragen zum Islam und zum Judentum zu stellen. Dabei geht es nicht darum, abstraktes theoretisches oder theologisches Wissen zu vermitteln, sondern einen lebendigen Einblick in das persönliche Erleben und Verständnis der vielfältigen Religionen zu geben. Die jüdischen und muslimischen Co-Workshopleitenden antworten aus ihrer eigenen Erfahrungsperspektive und ermöglichen damit einen authentischen Zugang zu den jeweiligen Glaubenstraditionen.
Gerade in einer Gesellschaft, in der Informationen über kleinere Religionsgemeinschaften oft auf indirektem Weg vermittelt werden, eröffnet dieser direkte Austausch neue Perspektiven. Häufig tauchen Fragen auf wie: «Wie feiert ihr bestimmte Feste?», «Wie erlebt ihr euren Alltag als jüdischer oder muslimischer Mensch in der Schweiz?» oder «Wie geht ihr persönlich mit Vorurteilen um?». Solche Fragen fördern ein tieferes gegenseitiges Verständnis und ermöglichen es, stereotype Bilder zu hinterfragen.
Unterstützt wird der persönliche Austausch durch methodische Elemente wie interaktive Fragerunden und Gruppenarbeiten, die auch zurückhaltendere Teilnehmende zur aktiven Beteiligung ermutigen. Dazu gibt es eine Wanderausstellung zu muslimisch-jüdischen Freundschaften, die immer wieder zusammen mit Vernissage-Workshops angeboten wird, um das interreligiöse Zusammenleben zu thematisieren.
Umgang mit Verschwörungserzählungen
Während der Covid-19-Pandemie wurde das Projekt gezielt weiterentwickelt, um auf neue gesellschaftliche Herausforderungen zu reagieren. Insbesondere die Zunahme von Verschwörungserzählungen, die häufig juden- und muslimfeindliche Stereotype verbreiteten, machte eine Erweiterung des Angebots notwendig. So entstand das vom Bund unterstützte Projekt «(Un-)Glaubwürdig? Umgang mit Verschwörungserzählungen lernen», das sich einerseits an Lehrpersonen, Jugendarbeitende sowie andere Multiplikator:innen richtet, andrerseits auch an Jugendliche und junge Erwachsene.

Bild: Ein Dialogprojekt von NCBI gegen Vorurteile und Diskriminierung. Foto: @NCBI
In den Workshops lernen die Teilnehmenden, Verschwörungserzählungen zu erkennen, kritisch einzuordnen und ihnen konstruktiv zu begegnen. Zugleich wird der Blick auf die Auswirkungen solcher Erzählungen auf die Betroffenen sowie auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt gelenkt. Ziel ist es, Multiplikator:innen zu befähigen, Diskriminierung entgegenzutreten und Jugendliche für einen reflektierten Umgang mit (Fehl-)Informationen und Vorurteilen zu sensibilisieren.
Folgen des 7. Oktober 2023
Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich die Arbeit von Respect noch einmal intensiviert. Der eskalierte Nahostkonflikt hat – wie zahlreiche Berichte belegen – auch in der Schweiz zu einem deutlichen Anstieg von Muslim- und Judenfeindlichkeit geführt, was sich auch in unserer täglichen Arbeit bemerkbar macht. Es ist spürbar schwieriger geworden, über diese Themen ins Gespräch zu kommen – ohne Streit, Triggerwörter und starke Emotionen. Wut, Angst und Hilflosigkeit prägen viele Diskussionen und erschweren einen differenzierten Austausch.
Umso wichtiger war und ist es für Respect, Räume zu schaffen, in denen Ängste, Sorgen und Unsicherheiten offen angesprochen werden können – Räume, die bewusst als Schutzräume («Safe Spaces») gestaltet sind. Hier können die Teilnehmenden ihre Gefühle ausdrücken, ohne befürchten zu müssen, bewertet oder angegriffen zu werden. Der Fokus liegt auf Zuhören, Verstehen und gemeinsamer Reflexion.
Wut, Angst und Hilflosigkeit prägen viele Diskussionen und erschweren einen differenzierten Austausch.
Teilnehmende berichten immer wieder, wie erleichtert sie sind, endlich in einem geschützten Rahmen über ihre Erlebnisse, Gedanken und Fragen sprechen zu können. Viele empfinden es als erleichternd, nicht nur über Fakten zu diskutieren, sondern auch ihre persönlichen Unsicherheiten und Verletzungen mitteilen zu können. Gerade in Zeiten, in denen gesellschaftliche Debatten zunehmend polarisiert und emotionalisiert sind, sind solche Orte des respektvollen Dialogs wichtig. So werden aus «Safe Spaces» mehr und mehr «Brave Spaces».
Ein zentrales Anliegen bleibt es, den Dialog auch unter schwierigen Bedingungen aufrechtzuerhalten. Unser Leitgedanke lautet dabei: Der Dialog ist schwieriger denn je – aber auch dringlicher denn je.
Toolbox: Prinzipien für gelingenden Dialog
Wer in Schule, Jugendarbeit, Gemeinde oder Verein selbst dialogfördernde Räume schaffen möchte, findet hier fünf erprobte Grundsätze aus der Respect-Arbeit:
1. Achte auf ein diverses Leitungsteam: Ein vielfältig zusammengesetztes Leitungsteam – mit unterschiedlichen religiösen, kulturellen und weltanschaulichen Hintergründen – schafft nicht nur Sichtbarkeit, sondern auch Vertrauen. Besonders wichtig ist die innere Haltung der Verbündetenschaft: Wenn eine Person aus dem Team aufgrund ihrer Identität mit einer vorurteilsbeladenen Aussage konfrontiert wird, sollte die andere Person das Thema aktiv aufgreifen. So wird deutlich: Ich lasse dich nicht allein. Wir stehen gemeinsam gegen Diskriminierung.
2. Setze von Anfang an klare Gesprächsregeln: Transparente Workshop-Vereinbarungen schaffen einen sicheren Rahmen. Zu Beginn weisen wir darauf hin, dass es wiederholt zu Paar- oder Gruppenarbeiten kommen wird und dass im Plenum nur für sich selbst gesprochen werden soll. Aussagen anderer werden nicht ungefragt weitergegeben. Eine zentrale Vereinbarung betrifft auch die Vertraulichkeit: Inhalte dürfen nach dem Workshop weitergetragen werden, Namen und persönliche Details jedoch nicht. Die Teilnehmenden signalisieren ihr Einverständnis zu diesen Regeln bewusst (etwa durch ein Nicken oder Handzeichen). Wenn im Verlauf des Workshops sensible Themen angesprochen werden, erinnern wir aktiv an diese Abmachungen.
3. Erkenne und benenne diskriminierende Aussagen: Ein Antirassismus-Workshop ist kein diskriminierungsfreier Raum. Im Gegenteil: Gerade dort können Vorurteile laut werden. Es braucht deshalb ein wachsames Leitungsteam, das solche Aussagen erkennt, aufgreift und verständlich einordnet. Wir arbeiten mit einer empathischen Konfrontation: Wir benennen diskriminierende Aussagen, fragen nach, klären auf und zeigen auf, warum bestimmte Worte verletzen können. Dabei gestalten wir den Raum bewusst als «Safe Space», benennen mögliche Trigger im Vorfeld und schaffen Vertrauen, ohne kritische Auseinandersetzung zu vermeiden.
4. Eröffne Räume für eigene Diskriminierungserfahrungen: Menschen können sich leichter in andere hineinversetzen, wenn sie selbst erfahren haben, was Ausgrenzung bedeutet. Deshalb ist es wichtig, auch Raum für eigene Diskriminierungserfahrungen zu geben – unabhängig davon, ob es um Religion, Mobbing, Herkunft oder soziale Benachteiligung geht. Wenn etwa ein Jugendlicher von seinen Mobbingerfahrungen erzählt, sollte er zunächst gehört und ernst genommen werden, bevor mit Deutungen oder Bewertungen begonnen wird. Emotionale Reflexion ist kein Nebenaspekt, sondern ein zentrales Element jeder Bildungsarbeit gegen Diskriminierung. Denn nur wer sich gesehen fühlt, ist bereit, sich auch für andere einzusetzen, und genau darin liegt das Potenzial, aus Betroffenen auch Verbündete zu machen.
5. Arbeite mit Geschichten: In einem Fall wurden wir zu einem Workshop eingeladen, nachdem ein Jugendlicher auf dem Pausenplatz durch antisemitische Äusserungen aufgefallen war. Im Workshop selbst sprachen wir dieses Verhalten nicht direkt an. Stattdessen gaben wir Raum für persönliche Geschichten und biografische Reflexion. Im Verlauf des Tages berichtete der Jugendliche von eigenen Diskriminierungserfahrungen – in der Schule, im Alltag und bei Bewerbungssituationen. Diese Erzählungen öffneten einen Zugang zur Selbstreflexion und er entwickelte zunehmend Interesse an den Workshopinhalten. Am Ende gehörte er zu den engagiertesten Teilnehmenden. Solche Prozesse lassen sich nicht erzwingen – aber sie werden möglich, wenn wir auch schwierige Ausgangslagen mit Geduld, Vertrauen und Raum für Entwicklung begleiten.
