Kaum ein Ereignis ist so einschneidend im Leben einer Frau wie die Geburt. In der Schweiz finden diese meist in einem Krankenhaus statt unter der Betreuung von Hebammen. Oft wird dabei die emotionale und psychosoziale Ebene des Geburtsprozesses vernachlässigt, weshalb sich immer mehr Frauen auch in diesen Bereichen eine Begleiterin wünschen. Diese Unterstützung findet sich in der Form von Doulas. Jill Marxer, Religionswissenschaftlerin, erklärt, wer Doulas sind, warum sie immer mehr an Bedeutung gewinnen und was diese mit Religion verbindet.
Die Geburt eines Kindes ist ein grosser Moment. Für die werdende Mutter stehen viele Entscheidungen an: Wo möchte ich gebären? Wie möchte ich gebären? Wer wird mich begleiten? In der Schweiz finden die meisten Geburten im Krankenhaus statt. Dort wird unter der Obhut von Hebammen, die als medizinische Fachkräfte den Überblick über den Geburtsverlauf behalten, geboren.
Seit einigen Jahren wünschen sich viele Gebärende die zusätzliche Unterstützung einer Begleiterin, einer Doula, die sich ohne Schichtdienst auf emotionaler und psychosozialer Ebene um das Wohlbefinden der Frau kümmert. Während Doulas in vielen Ländern wie beispielsweise den USA, England oder Israel schon lange Teil des geburtshilflichen Personals sind, etablieren sie sich in der Schweiz erst seit einigen Jahren. Die beiden Frauen lernen sich während der Schwangerschaft kennen und besprechen, was der Gebärenden wichtig ist, wodurch sie ein Vertrauensverhältnis entwickeln. Doulas werden häufig engagiert, um dem Wunsch nach einer guten und selbstbestimmten Geburtserfahrung nachzukommen. Doch warum suchen Gebärende zusätzliche Begleitung trotz medizinischer Geburtshilfe?
Historischer und gesellschaftlicher Kontext
Der Begriff «Doula» stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet «Dienerin der Frau». Das Kerngeschäft ist die lückenlose, kontinuierliche Geburtsbegleitung. Als «Freundin auf Zeit», wie gewisse Doulas sich selbst verstehen, lässt sie die werdende Mutter zu keinem Zeitpunkt allein. Doulas sind Schwangerschafts- und Geburtsbegleiterinnen, die zusätzlich und nicht anstelle einer Hebamme dem Geburtsprozess beiwohnen. Sie lernen ihre Klientin bereits während der Schwangerschaft kennen und besprechen deren Wünsche und Vorstellungen, für die sich die Doula unter der Geburt einsetzt.
Heutzutage ist Geburt ein medizinischer Sachverhalt.
Die Doulatätigkeit kann als eine Rückbesinnung darauf verstanden werden, wie früher Schwangerschafts- und Geburtsbegleitung stattgefunden hat: Im privaten Raum und als Teil des alltäglichen Lebens mit Unterstützung von Nachbarinnen, Freundinnen und weiblichen Familienmitgliedern. Dies steht im Kontrast zur heutigen Situation im Globalen Norden: Heutzutage ist Geburt ein medizinischer Sachverhalt, der unter Obhut von medizinischem Personal und in medizinischem Kontext stattfindet, die Gebärende ist dabei eine Patientin. Die Tatsache, dass die meisten Geburten in der Schweiz und Europa in einem Krankenhaus stattfinden, ist ein Resultat der Medikalisierung. Durch die Akademisierung der Medizin entstanden Teilgebiete wie die Gynäkologie, in der Ärzte (und nachdem auch Frauen zum Studium zugelassen waren, auch Ärztinnen) zunehmend an Bedeutung gewannen. Beispielsweise wurden ab dem 18. Jahrhundert bei Notfällen Ärzte zur Geburt hinzugezogen (Eckardt 2020: 65). Mit dem Aufkommen von ärztlicher Präsenz im Geburtskontext kam auch die Verlagerung des Geburtsortes aus dem häuslichen Umfeld in die Krankenhäuser. Die Religionswissenschaftlerin Pamela Klassen beschreibt diese Entwicklung als Wandel vom social childbirth zum medical childbirth (vgl. Klassen 2001: 24).
Doulas können als Antwort auf die medikalisierte Schwangerschaft verstanden werden.
In der prämedikalisierten Zeit waren das Wissen um und die Begleitung von Schwangerschaft und Geburt in Frauenhänden. Und genau hier setzt das Selbstverständnis vieler Doulas an: Ihre Tätigkeit gehe auf ein urweibliches, sehr altes Wissen zurück, das sie als Teil der Geburtsbegleitung zurückfordern und anbieten. Doulas können als eine Antwort auf die Medikalisierung der Schwangerschafts- und Geburtserfahrung verstanden werden (vgl. auch Marxer 2025).
Wunsch nach Selbstbestimmung
In der Schweiz finden auch doulabegleitete Geburten fast ausschliesslich in Krankenhäusern statt, wo Geburt unter gewissen standardisierten Abläufen begleitet wird. Das Sicherheitsgefühl in dieser hochmedikalisierten Umgebung ist vielen Gebärenden ein prioritäres Anliegen, zugleich hegen sie den Wunsch nach Selbstbestimmung und Mitgestaltungsmöglichkeiten. Um die Geburt als ein persönliches, individuelles Moment zu erleben, engagiert die werdende Mutter eine Doula, die emotionale Sicherheit gibt und bei der Kommunikation mit dem Klinikpersonal unterstützt. Einige Klientinnen haben Gewalt unter der Geburt erlebt und engagieren Doulas als Reaktion, damit sich solche traumatischen Erfahrungen nicht wiederholen.

So verstehen viele Doulas ihre Angebote als eine Art Coaching, um der werdenden Mutter die Selbstwirksamkeit und Handlungsmacht zu ermöglichen, die Geburt als ermächtigendes, selbstbestimmtes Moment zu erleben.
Wahrung religiöser Bedürfnisse
Für einige Frauen ist diese individuelle Erfahrung eng mit spirituellen oder religiösen Vorstellungen verknüpft. Dieser Übergang in die Mutterschaft ist dann ein «spirituelles», «heiliges» Ereignis und Doulas helfen mit Musik, Licht oder Ritualen, die entsprechende Atmosphäre zu schaffen. Bei einigen Doulas findet sich eine religiöse Symbolsprache, man spricht vom «Wunder der Geburt», von einem «urweiblichem Wissen» und manchmal auch die explizite Selbstdeklaration als spirituelle Begleiterinnen. So beschreibt beispielsweise Sabine (Name geändert) das Hauptanliegen ihrer Doulaarbeit: «Dass die, die da sind wissen um das Wunder und um das Geheimnis» und sie bezeuge diesen Moment und die «heilige Stimmung» (Marxer 2025: 88).
Der Übergang in die Mutterschaft ist dann ein «heiliges» Ereignis.
In solchen existenziellen Momenten wie einer Geburt können religiöse Rituale Halt geben. Diese hochindividualisierten Wünsche werden vorgängig mit der Doula besprochen, damit diese dafür einstehen kann. Doulas vertreten die Vorstellungen der Frau und fungieren teilweise auch als Vermittlerinnen zwischen dem Klinikpersonal und den religiösen Praktiken. Gerade im jüdisch-orthodoxen Kontext erklären die jüdischen Doulas dem medizinischen Personal Besonderheiten, die typisch für eine «jüdische Geburt» sind: Oftmals berühren die Männer ihre Frauen nicht während und kurz nach der Geburt. Das hat mit religiösen Vorschriften zu tun und ist kein persönlicher Affront gegen die Frau. Zudem ist in vielen religiösen Kontexten Nacktheit ein Thema und Doulas weisen darauf hin, dass die Frau gerne den Körper bedeckt haben möchte.
Kritik und Kontroversen
In der Zusammenarbeit von Hebammen und Doulas gibt es ein gewisses Konfliktpotenzial, das zum Teil in der historischen Entwicklung der Akademisierung und Medikalisierung von Schwangerschaft und Geburt liegt. Während die Doulas ihren Arbeitskontext als rein nicht-medizinisch betrachten, verstehen Hebammen ihre Arbeit als umfassend: Auch die psychosozialen und emotionalen Aspekte versuchen sie zu adressieren, wodurch es zu Konflikten kommen kann. Denn durch einen Hebammenmangel und die zunehmende administrative Arbeit kann die kontinuierliche Begleitung der Hebamme oftmals nicht gewährleistet werden. Die Hebamme trägt ausserdem die Verantwortung und muss sich darum primär um die medizinische Betreuung kümmern.
Es kann zu Konflikten kommen zwischen Doulas und Hebammen.
Trotz dieser Widersprüche überlappen sich die basalen Ziele von Doulas und Hebammen: Beide wollen, dass es Mutter und Kind gut geht. Es lässt sich ein Wandel in jüngeren Generationen von Hebammen und Doulas feststellen, die sich oftmals als Team für die Frau verstehen mit sich ergänzenden Positionen: Die Hebamme als medizinische Fachkraft und die Doula als Vertraute.
Das Vertrauensverhältnis entsteht durch die vergleichsweise lange Zeitspanne, in der sich Klientin und Doula kennen: In den Pauschalen der Angebote sind meistens meistens zwei Vor- und ein Nachgespräche, vier Wochen Rufbereitschaft, die lückenlose Geburtsbegleitung und ein Abschlussgespräch im Wochenbett enthalten. Zudem bleiben die Frauen während der Schwangerschaft oftmals telefonisch im Austausch.
Ausblick
Gewisse Doulas verstehen sich selbst als Rückeroberinnen eines weiblichen Wissens und als Advokatinnen für «ihre Frauen». Für eine zunehmende Zahl von Schwangeren ist «ihre» Doula eine wichtige Figur in einem hochemotionalen Moment: der Geburt, dem Übergang in die Mutterschaft. Damit sind Doulas Ausdruck eines gesellschaftlichen Bedürfnisses nach Individualität und Sinn innerhalb eines stark reglementierten und sicherheitsüberwachten Kontextes. Doulas sind aber auch ein Resultat der Medikalisierung, im Zuge dessen Gebärende zu Patientinnen und Geburt zu einem medizinischen Sachverhalt wurde.
Neugierig geworden? Jill Marxer wurde unter anderem beim Beitrag «Doula: Geburtsbegleiterin, Unternehmerin, kulturelle Vermittlerin» von SRF Perspektive interviewt. Dabei kommen auch jüdische Doulas zu Wort.
Bibliographie
Eckardt, Sarah (2020): Die unbekannte Geburt: Subjektivierungsweisen von gebärenden
Frauen zwischen individueller Praxis und öffentlichem Diskurs, Bielfeld: transcript Verlag.
Klassen, Pamela E. (2001): Blessed Events. Religion and Home Birth in America, Princeton:
Princeton University Press.
Marxer, Jill (2025): Doulas in der Deutschschweiz – zwischen Beruf und Berufung. Eine religionswissenschaftliche Ethnographie über Geburtsbegleiterinnen, Wiesbaden: Springer VS. https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-49316-5.
