Als Hebamme folgt Chaja Geismar dem Rhythmus des Lebens – und den Rahmenbedingungen des Klinikalltags. Als Jüdin ist ihr Leben zugleich von einem anderen Rhythmus geprägt. Seit ihrer Ausbildung setzt sie sich immer wieder damit auseinander, wie sie ihre religiöse Identität lebt – und wie viel davon im beruflichen Alltag sichtbar sein kann.
Die Faszination für die Medizin und den menschlichen Körper begleitet mich seit meiner Kindheit. Mit 16 Jahren entschied ich mich deshalb für eine Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit in einem Krankenhaus. Schon zu Beginn wurde mir bewusst, wie anspruchsvoll es sein kann, berufliche Verantwortung und religiöse Verpflichtungen miteinander zu vereinbaren. Während meiner Lehrzeit geriet ich immer wieder in Situationen, in denen ich zwischen meiner Rolle als gläubige Jüdin und meiner Funktion als Angestellte abwägen musste.
Ich musste zwischen meiner Rolle als gläubige Jüdin und meiner Funktion als Angestellte abwägen.
Gleichzeitig befand ich mich in einer Lebensphase, in der ich für mich selbst klären musste, welchen Stellenwert meine Religion im Alltag einnehmen sollte und an welchen Punkten ich kompromissbereit war – und an welchen nicht. In dieser Zeit suchte ich regelmässig das Gespräch mit unterschiedlichen Personen: mit Rabbinern, jüdischen Fachkräften aus dem Gesundheitswesen sowie mit Freundinnen und Freunden, die sich in einer ähnlichen Situation befanden. Diese Gespräche eröffneten mir verschiedene Perspektiven auf die Herausforderungen, mit denen ich konfrontiert war.
Schabbat im Klinikalltag
Ein zentrales Thema war der Schabbat. In der Theorie gibt es klare religiöse Richtlinien, was an diesem Ruhetag erlaubt ist und was nicht. In der Praxis des Krankenhausbetriebs gelten jedoch Ausnahmen, da der Schutz von Menschenleben im Judentum eine höhere Priorität hat als die Einhaltung einzelner Gebote. Dennoch musste ich meinen eigenen Weg finden und ausloten, wie weit ich bereit war, meine Komfortzone zu verlassen.
Mir war stets wichtig, meinen Glauben gegenüber Vorgesetzten und Mitarbeitenden transparent zu machen. Zwar stiess ich dabei vereinzelt auf Unverständnis, doch ich war überzeugt, dass Offenheit das gegenseitige Verständnis fördert. Besonders am Schabbat führte ich gelegentlich Praktiken aus, die für Menschen ohne entsprechendes Hintergrundwissen zunächst befremdlich wirken konnten.
Ich lebe meine Religion weil sie für mich eine persönliche Bedeutung hat.
Gleichzeitig bemühte ich mich, die religiösen Vorschriften so gut wie möglich einzuhalten und dennoch eine verantwortungsvolle, kompetente Pflege zu gewährleisten. So ging ich an Diensten, welche auf einen Schabbat fielen, zu Fuss zur Arbeit, benutzte statt des Lifts die Treppen und brachte mein Essen bereits vor Beginn des Schabbats ins Krankenhaus, da das Tragen von Gegenständen am Ruhetag im öffentlichen Bereich nicht erlaubt ist. Diese Dienste kosteten mich oft Überwindung, doch gerade diese Herausforderungen stärkten meine jüdische Identität. Noch nie zuvor war ich – mit damals 16 Jahren – so häufig mit Fragen zu meinem Glauben konfrontiert. Dadurch begann ich, vieles zu hinterfragen und Antworten auf grundlegende religiöse Themen zu suchen. Mir wurde bewusst, dass ich meine Religion nicht nur aus Tradition lebe, sondern weil sie für mich eine tiefere, persönliche Bedeutung hat. Dieser Prozess hat mich nachhaltig geprägt.
Zwischendurch kam mir der Gedanke, dass ein Bürojob aus religiöser Sicht deutlich einfacher wäre. Doch die Arbeit im Krankenhaus, der enge Kontakt mit Menschen und meine anhaltende Faszination für die Medizin überzeugten mich, in diesem Bereich zu bleiben.
Den eigenen Weg finden
Heute arbeite ich als Hebamme in einem Gebärsaal – ein Beruf, der ebenfalls weit entfernt ist vom klassischen 9-to-5-Rhythmus und eher einem 24/7-Einsatz gleicht. Auch der Weg zur ausgebildeten Hebamme brachte einige Herausforderungen mit sich. Das Studium ist stark praxisorientiert aufgebaut, was in diesem Beruf zweifellos sinnvoll ist. Gleichzeitig bedeutete dies, dass während der vierjährigen Ausbildung zahlreiche Praktika in unterschiedlichen Krankenhäusern absolviert werden mussten – nicht nur in der Stadt Zürich, sondern auch in weiter entfernten Kantonen wie Graubünden, St. Gallen oder Basel.

Da ich jeweils vor Schabbat, also am Freitagabend, zu Hause sein wollte, um diesen gemeinsam mit meiner Familie zu feiern, beschränkte sich meine Auswahl an möglichen Einsatzorten auf Krankenhäuser innerhalb der Stadt Zürich. Glücklicherweise gibt es dort mehrere Kliniken mit Geburtshilfeabteilungen. Ich bin sehr dankbar, dass die Studienkoordinatorin grosses Verständnis für meine Situation zeigte und mir ermöglichte, sämtliche Praktika in Zürich zu absolvieren. Je nach Einsatz war der Weg zu Fuss am Schabbat zwar länger oder steiler, doch ich war dennoch dankbar für diese Lösung.
Religion sichtbar machen – oder nicht?
An meiner aktuellen Arbeitsstelle erfahre ich ebenfalls viel Unterstützung. Besonders wichtig war mir, am Schabbat nicht arbeiten zu müssen. Bereits im Vorstellungsgespräch sprach ich diesen Wunsch offen aus, und gemeinsam fanden wir eine tragfähige Lösung. Seither übernehme ich vermehrt Dienste an Sonntagen und an christlichen Feiertagen. Für meine Kolleginnen bedeutet das, dass sie diese Tage mit ihren Familien verbringen können – und ich bin im Gegenzug dankbar, am Samstag frei zu haben.
Die Sorge, mich rechtfertigen zu müssen, war gross.
Lange Zeit war ich dennoch unsicher, wie offen ich am Arbeitsplatz mit meiner Religion umgehen sollte. Zu Beginn meiner Ausbildung entschied ich mich bewusst gegen ein sichtbares Zeichen meines jüdischen Glaubens. Die Sorge, negativ aufzufallen oder mich rechtfertigen zu müssen, war gross. Besonders während des Krieges in Israel wuchs diese Zurückhaltung. Obwohl mir bewusst ist, dass Religion und Politik nicht dasselbe sind, werden diese Themen gerade in Kriegszeiten oft miteinander vermischt. Ich hatte weder das Bedürfnis noch die Energie, bei der Arbeit auf politische Fragen oder meine persönliche Haltung angesprochen zu werden.
Religion und Politik werden in Kriegszeiten oft vermischt.
Ganz verborgen blieb mein Hintergrund dennoch nicht. Durch meinen Namen bemerkten viele Patientinnen und Patienten, dass meine Wurzeln anderswo liegen. Mit der Zeit setzte ich mich intensiver mit dieser Situation auseinander. Eine entscheidende Erkenntnis kam mir schliesslich auf dem Heimweg nach einem Nachtdienst: Wenn Kolleginnen mit einer Kreuzkette oder einem Kopftuch ihre Religion sichtbar leben können, warum sollte ich das nicht auch tun?
Berufliche Verantwortung und religiöse Überzeugungen müssen sich nicht ausschliessen.
Ich entschied mich daraufhin, eine Davidstern-Halskette zu tragen. Bis heute habe ich diesen Schritt nicht bereut. Negative Reaktionen blieben aus. Im Gegenteil: Viele Patientinnen zeigten Interesse, stellten respektvolle Fragen und reagierten offen. Diese Erfahrungen haben mich überrascht und in meinem Entschluss bestärkt, meine religiöse Identität nicht länger zu verbergen.
Heute weiss ich, dass sich berufliche Verantwortung und religiöse Überzeugungen nicht ausschliessen müssen. Der Weg dorthin war nicht immer einfach, doch er hat mich gelehrt, für meine Werte einzustehen und gleichzeitig offen für Kompromisse zu bleiben. Mein Glaube ist heute kein Hindernis mehr, sondern ein fester Teil meiner Identität, der mich im Beruf wie im Leben stärkt.
