Warum verbringt eine junge Frau ganze Sonntage mit Gottesdienst und nimmt dafür auch noch viele Stunden Autofahrt in Kauf? Die Antwort suche ich in einem Industriegebiet im bernischen Langenthal – in einem Tempel der Sikh.
Zwischen Bahngleisen und Industriehallen steht ein Gebäude, das man dort nicht erwarten würde: es ist weiss, künstlerisch verziert, mit seinen leicht erhöhten Kuppeln fast feierlich. Schon von aussen wirkt der Gurdwara wie ein Gegenbild zu seiner Umgebung. Der Gurdwara der Sikh-Stiftung Schweiz wurde im Jahr 2006 in Langenthal eröffnet. Für die 24-jährige Navpreet ist dieser Ort aber nichts Aussergewöhnliches. Sie kennt ihn seit ihrer Kindheit. Mindestens einmal im Monat kommt sie hierher, auch wenn die Anfahrt von St. Gallen lang ist.
Die Hinfahrt
Abgeholt werde ich an einem Tag im Februar an einem Bahnhof in der Nähe von Zürich. Von dort fahren wir etwa eine Stunde nach Langenthal. Im Auto beginnt eigentlich schon der Besuch. Navpreet und ihr Bruder Karan erzählen offen von ihrem Glauben und von der Bedeutung dieses Gurdwaras. Es gäbe zwar nähere Sikh-Gebetshäuser, sagen sie, doch nach Langenthal komme ihre Familie, seit sie denken könnten. Hier seien nicht nur Gebete wichtig, sondern auch Freundschaften, viele schon seit Kindertagen.

Bild: Kochen im Gurdwara. Foto: @Sophie Günther
Navpreet erzählt mir von ihrer Gemeinschaft. Im Gurdwara wird für die Gottesdienste immer gekocht. Familien tragen sich ein und übernehmen freiwillig einen Tag in der Küche. Manchmal kocht jemand an einem Geburtstag für alle. Dann werden auch Freunde eingeladen, die selbst nicht Sikh sind. In der Gemeinschaftsküche, dem Langar, wird Essen traditionell auch ausserhalb des Gottesdienstes am Wochenende gekocht und für Gäste und Gläubige bereitgehalten.
Im Gurdwara
Als wir ankommen, zeigt sich diese Gastfreundschaft schon am Eingang. Schilder heissen Besucher willkommen und erklären ihnen die Regeln: Kopfbedeckung, bedeckte Schultern und Knie, Schuhe ausziehen. Auch das Waschen der Hände vor dem Betreten des Gebetsraums gehört dazu. Unter dem Schild steht ein Regal voller Schuhe, kleine Turnschuhe neben grossen Arbeitsboots: Hier im Gurdwara gehen Menschen aller Altersgruppen ein- und aus.

Bild: Wir ziehen die Schuhe aus. Foto: @Sophie Günther
Wir ziehen die Schuhe aus, waschen die Hände und Navpreet bindet mir einen rosa Schal um den Kopf. Dann gehen wir die Treppe hinauf in den mit rotem Teppich ausgelegten Gebetsraum. Dort sitzen Männer und Frauen getrennt an den Seiten des Saals. Vorne, unter einem Baldachin, liegt die heilige Schrift der Sikhs, der Guru Granth Sahib. Sikhs verehren ihn als ihren ewigen, lebendigen Gott. Navpreet und andere Gläubige verneigen sich vor dem Guru Granth Sahib. Sie legen Blumen nieder und jemand bewegt einen Chaur Sahib über der Schrift. Der Chaur Sahib ist ein Wedel, der über den Guru Granth Sahib geschwenkt wird, aus tiefem Respekt und Verehrung ihm gegenüber.

Bild: Im Gurdwara. Foto: @Sophie Günther
Auf einer flachen Bühne stimmt eine kleine Gruppe von Gläubigen religiöse Gesänge an. Im Sikhismus heisst diese Form des Singens Kirtan und ist ein wichtiger Teil des Gottesdiensts. Andere Gläubige begleiten den Gesang mit dem Harmonium, einem kleinen Tasteninstrument, und mit der Tabla, einem Paar handbespielter Trommeln. In loser Folge betreten die Anwesenden die kleine Gesangsbühne und verlassen sie wieder.
Ein Ort der Kindheit
Navpreet erzählt mir: «Jeder, der kann, macht beim Kirtan mit.» Auch kleine Kinder singen schon vor und stimmen in die Gesänge ein. Diese entspannte und integrative Atmosphäre fällt mir auf: Die Kinder können sich ganz ungezwungen während des Gottesdiensts bewegen und miteinander spielen. Navpreet hatte mir auf der Fahrt erzählt, dass sie und ihr Bruder auch schon als Kinder hier waren, in Sommerlagern Instrumente gelernt und Verse eingeübt haben. Für Karan war diese Zeit sehr prägend, auch ausserhalb des Glaubens: Er ist heute ein passionierter DJ – und spielt dabei auch auf einer Tabla.
Auch Navpreet hat die Kindheit im Gurdwara geprägt. Sie ging schon von klein auf gerne dorthin und freute sich immer auf die Gottesdienste am Wochenende. So ist sie dort mit ihren Freunden aufgewachsen. «Dort war und ist unser Freundeskreis», erzählt Navpreet. Lange war es der einzige Gurdwara in erreichbarer Nähe. Für Navpreets Familie, die einzige Sikh-Familie in St. Gallen, wurde er so über die Jahre nicht nur ein Ort des Gebets, sondern auch der Zugehörigkeit und Freundschaft. Deshalb nimmt sie regelmässig die zweistündige Fahrt von St. Gallen nach Langenthal auf sich.
Navpreet ist als Guide im Projekt «Dialogue en Route» von IRAS COTIS tätig. Dieses Projekt macht durch unterschiedliche Vermittlungsangebote die religiöse und kulturelle Vielfalt der Schweiz sichtbar. Im Rahmen des neuen Angebots #REaLTALK kann man Navpreet gemeinsam mit zwei weiteren jungen Guides aus unterschiedlichen religiösen und kulturellen Hintergründen direkt im Klassenzimmer kennenlernen und in den Austausch treten. Weitere Informationen finden Sie unter: www.enroute.ch.
Direkt zum Angebot #REaLTALK
Zwischendurch gehen wir nach unten, wo eine kleine warme Zwischenmahlzeit angeboten wird, eine Art Frühstück. Es gibt frittiertes Brot, Gemüse und Chai. Auf kleinen Tabletts werden die Köstlichkeiten an die Besucher verteilt. Bevor wir zurück in den Saal gehen, führt mich Navpreet in den höchstgelegenen Bereich des Gurdwara in einen weiteren bedeutenden Raum: Dort wird der Guru Granth Sahib nachts aufbewahrt. Nach dem Abendprogramm wird die Schrift wie in vielen Gurdwaras geschlossen und an diesen besonderen Ort gebracht. Auf der Treppe begegnen wir einem älteren Mann, der uns wortlos Lollipops anbietet. Es ist eine kleine, freundliche Geste mehr an diesem Tag.
Film: Navpreet bei den religiösen Gesängen. Aufnahme: @Sophie Günther
Zurück im Gebetsraum
Zurück im Gebetsraum betreten Navpreet, ihr Bruder und zwei andere Frauen selbst die kleine flache Bühne. Auch ein Kind ist dabei. Sie singen Verse.
Später lese ich auf Navpreets Handy-App mit. Dort erscheinen die Texte in der Originalsprache und auch in englischer Übersetzung. Navpreet erklärt mir, dass der Originaltext oft kompliziert formuliert und für manche nur schwer verständlich ist. Deshalb ist die englische Übersetzung eine grosse Hilfe. Für mich ist das einer der spannendsten Momente des Besuchs: Moderne Technik eröffnet den Zugang zu einer sehr alten religiösen Tradition.

Bild: Ich lese auf Navpreets Handy mit. Foto: @Sophie Günther
Der Sikh-Gottesdienst endet mit einem gemeinsamen Gebet. Dann wird uns allen eine geschmeidige, warme, hellbraune Süssspeise, weich und leicht formbar, direkt in die Hände gegeben: Karah Prasad, eine heilige Gabe. Sie besteht aus gleichen Anteilen an Vollkornmehl, Zucker, Ghee und stellt die Gleichheit aller Menschen vor Gott dar. Anschliessend gehen wir zum eigentlichen Essen wieder hinunter.
Unten sitzen alle dicht nebeneinander auf dem Boden. Die Küche ist offen und man hört aus ihr Stimmen, das Klappern von Geschirr und Bewegung. Das Essen ist laut Navpreet jedes Mal anders, je nachdem wer kocht, aber es ist immer wärmend und schmackhaft. Noch stärker bleibt mir aber etwas anderes in Erinnerung: die Art, wie gemeinsam gegessen wird. Niemand sitzt erhöht, niemand bekommt mehr Bedeutung als andere. Gerade dieses gemeinsame Essen auf dem Boden ist im Langar ein Zeichen von Gleichheit. Navpreet freut sich, dass ich mit den Händen esse und mich schnell anpasse.
Ein bleibender Eindruck
Als wir später zum Bahnhof zurückfahren, bin ich tief bewegt. Ich realisiere, dass ich einen Einblick in eine Welt erhalten habe, mit der ich bisher wenig Berührungspunkte hatte. Zwischen Industriehallen, Kinderstimmen und gemeinsamem Essen hat mir Navpreet gezeigt, warum der Gurdwara in Langenthal für sie mehr als ein Gebetsort ist.

Bild: Beim Essen. Foto: @Sophie Günther
Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religionswissenschaften am Literargymnasium Rämibühl entstanden. Im Unterricht ging die Klasse der Frage nach, was eine Religion überhaupt ausmacht, wie sich die Schweizer Religionslandschaft verändert und wie Medien das Bild von Religionen prägen. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Rolle von Stereotypen und Vorurteilen. Passend dazu erhielten die Schüler:innen im Rahmen ihres Reportagenprojekts einen Crashkurs im Schreiben von Reportagen und im Fotografieren. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, welche Methoden es für eine kontextuelle Darstellung von Religionen gibt und weshalb religion.ch den Fokus auf die gelebte Religion legt. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte in die Praxis umgesetzt.
