Wie fühlt es sich an, in der Schweiz als jüdische Person zu leben? Séverine spricht über eine Kindheit, in der «Judenwitze» zum Schulalltag gehörten, über das Gefühl, für andere ein bestimmtes Bild von Jüdinnen und Juden vermitteln zu müssen und über ihren Umgang damit heute.
Die Schweiz ist von religiöser Vielfalt geprägt. Doch wie gestaltet sich das Leben von Menschen, die hier einer religiösen Minderheit angehören? Können sie ihre religiöse Zugehörigkeit sichtbar leben und ihre Praxis frei ausüben? Solche Fragen stellen sich vermutlich Menschen jüdischen Glaubens immer wieder. Insbesondere seit dem Überfall der Terrororganisation Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel hat sich das Sicherheitsgefühl für viele verschlechtert. Das hängt auch damit zusammen, dass es seither in verschiedenen Städten – auch in Zürich – vermehrt zu verbalen und/oder physischen Angriffen gekommen ist.
Zugehörigkeit und Verbundenheit
Ich treffe mich an einem Freitagnachmittag mit Séverine auf dem Tessinerplatz, einem Ort, an dem sich immer wieder jüdische Menschen für Kundgebungen versammeln. Séverine ist Jüdin; in der Schweiz gehört sie somit einer religiösen Minderheit an. An diesem Nachmittag findet keine Kundgebung statt, dennoch ist der Platz gut besucht. Die Sonne scheint und zieht Menschen an, die hier mit Freunden das Wochenende einläuten.
An diesem Ort scheint Hektik keine grosse Rolle zu spielen, obwohl der Bahnhof Enge gleich gegenüber liegt. Ein Platz also, an dem sich Leute versammeln, gemeinsam Zeit verbringen, lachen und ausgelassen sind. Es wirkt fast so, als sei der Alltag hier in weiter Ferne. Für viele jüdische Menschen hat dieser Platz aufgrund der Pro-Israel-Kundgebungen jedoch eine zusätzliche Bedeutung: Hier werden Verbundenheit und Zugehörigkeit spürbar.

Bild: Tessinerplatz. Foto: @Sophie D.
Wir treffen uns also an einem Ort der Verbundenheit und Zugehörigkeit – wobei Séverine schnell klarstellt, dass sie selbst kaum Verbindungen zur jüdischen Community in Zürich hat. Organisationen wie die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ), die unweit des Tessinerplatzes ihren Sitz hat, vermitteln vielen ein Gefühl von Gemeinschaft; für Séverine spielen sie jedoch keine grosse Rolle. Auf die Frage nach dem Warum antwortet sie: «Ich habe das Gefühl, dass die jüdische Gemeinschaft in Zürich sehr für sich ist, stark abgekapselt. Das passt nicht zu meinem Lifestyle.» Gleichzeitig sagt sie, dass diese Distanz sie auch traurig stimme. Ich habe den Eindruck, dass insbesondere Personen religiöser Minderheiten sich den Rückhalt solcher Organisationen wünschen.

Bild: Gebäude der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Foto: @Sophie D.
Bedeutung des Jüdisch-Seins für Séverine
Die 30-Jährige ist in der Nähe von Zürich aufgewachsen und arbeitet heute als Kunstvermittlerin. Gleich zu Beginn unseres Gesprächs erzählt mir Séverine, dass Jüdisch-Sein für sie weniger mit der Verbundenheit zu Gott oder Spiritualität zu tun hat, sondern viel mehr mit ihren Wurzeln und ihrer kulturellen Herkunft. Diese liegen in der Heimat ihrer Mutter, in Israel. «Das Schönste für mich ist, dass es ein Glaube ist, der über viele Länder verteilt ist und trotzdem Menschen aus unterschiedlichen Kulturen vereint.» Sie schätzt diese Diversität. Obwohl sie selbst ihre Religion kaum praktiziert, spürt sie eine starke Verbundenheit, wenn sie jüdischen Menschen begegnet.

Bild: Séverine. Foto: @Sophie D.
Wie Séverines Kindheit sie geprägt hat
Séverine blickt auf eine mehrheitlich unbeschwerte und sorglose Kindheit zurück – aber nur mehrheitlich. Sie erzählt: «Immer, wenn ich in eine neue Klasse gekommen bin, musste ich mir ‹Judenwitze› anhören.» Damals lachte sie immer mit, es hätte ansonsten den Eindruck erwecken können, sie verstehe keinen Spass. Eine Spassbremse wollte sie nicht sein. Erst viele Jahre später erkennt sie, dass solche Witze auch eine Form von Antisemitismus sind – und inakzeptabel.
In diesem Zusammenhang erzählt sie auch, dass sie damals immer das Gefühl hatte, höflich reagieren zu müssen, wenn sie mit Vorurteilen konfrontiert wurde. Sie beschreibt: «Ich wollte kein falsches Bild von jüdischen Menschen vermitteln.» Häufig hatte sie das Gefühl, ihre ganze Glaubensgemeinschaft zu repräsentieren. «Ich hatte Angst, dass die Leute weglaufen und später anderen erzählen würden, sie hätten eine jüdische Person kennengelernt, und die sei unfreundlich gewesen.»
Mittlerweile geht Séverine mit solchen Situationen deutlich selbstbewusster um. Sie erklärt: «Meine Mini-Demonstration gegen Antisemitismus und Hass gegenüber meinem Herkunftsland ist das Tragen eines Davidsterns an der Kette.»

Bild: Kette mit Davidstern. Foto: @Sophie D.
Wenn Freundschaften zerbrechen
Sie merkt zunehmend, dass sie nicht verpflichtet ist, alles einfach hinzunehmen, und nicht jedem und jeder eine Erklärung schuldig ist. Damit geht sie jedoch auch das Risiko ein, Freundschaften zu verlieren. Sie schildert: «Ein enger Freund von mir hat zunehmend Verschwörungstheorien und Propaganda über das jüdische Volk und den Staat Israel in den sozialen Medien verbreitet. Irgendwann habe ich gemerkt, dass diese Freundschaft für mich nicht mehr vertretbar ist, und mich schliesslich von ihm distanziert.»
Dieser Entschluss fiel ihr nicht leicht. Einen Moment lang schweigt sie, schaut in den Himmel und erzählt dann nachdenklich: «Ich sehe ihn aber immer noch ab und zu, weil er mit meinen ehemaligen Mitbewohnern gut befreundet ist. Wir haben es in dem Moment gut miteinander, aber trotzdem tut es immer wieder weh, ihn zu sehen.»

Bild: Séverine ist nachdenklich. Foto: @Sophie D.
Das ist nur eine Situation von vielen; sie hat sich schon häufiger in diesem Zwiespalt wiedergefunden. Dennoch ist Séverine überzeugt, dass sie an diesen Erfahrungen gewachsen ist. Sie hätten sie zu dem selbstbewussten und reflektierten Menschen gemacht, der sie heute ist.
Engagement bei «Dialogue en Route»
Seit kurzem ist Séverine als Guide im Projekt «Dialogue en Route» von IRAS COTIS tätig. Dieses Projekt hat zum Ziel, die religiöse und kulturelle Vielfalt der Schweiz sichtbar zu machen. Im Zentrum stehen junge Guides, die an bestimmten Orten im Einsatz sind und durch die religiöse und weltanschaulich plurale Geschichte und Gegenwart führen. «Ich habe mich dazu entschieden, Guide bei ‹Dialogue en Route› zu werden, weil ich das Gefühl habe, dass in meinem Umfeld viel Unwissen und Ignoranz herrscht.»
«Dialogue en Route» macht durch unterschiedliche Vermittlungsangebote die religiöse und kulturelle Vielfalt der Schweiz sichtbar. Im Rahmen des neuen Angebots #REaLTALK kann man Séverine gemeinsam mit zwei weiteren jungen Guides aus unterschiedlichen religiösen und kulturellen Hintergründen direkt im Klassenzimmer kennenlernen und in den Austausch treten. Weitere Informationen finden Sie unter: www.enroute.ch.
Direkt zum Angebot #REaLTALK
Séverine hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch persönliche Erlebnisse aufzuklären. Sie ist überzeugt, dass direkte Begegnungen essenziell sind, um Vorurteile abzubauen. Séverine möchte nicht nur Vorurteile aus dem Weg schaffen, sondern auch Vielfalt sichtbar machen und stereotype Vorstellungen und Klischees aufbrechen. Im Verlauf unseres Gesprächs spricht sie immer wieder an, dass sie häufig merkt, dass in den Köpfen vieler Menschen in Europa nur ein Bild von jüdischen Personen vorhanden ist. «Viele Leute denken, alle Juden seien aschkenasische Juden.» Der Begriff «aschkenasisch» umfasst die in Mittel- und Osteuropa ansässige jüdische Bevölkerung. Sie fühlt sich dadurch oftmals nicht gesehen und akzeptiert.
Séverines Erfahrungen verdeutlichen, dass Menschen in der Schweiz, die einer religiösen Minderheit angehören, immer wieder mit Vorurteilen und häufig auch mit Unwissen konfrontiert werden. Doch obwohl sie schon in jungen Jahren viele negative Erfahrungen machen musste, bleibt Séverine positiv und setzt sich mit ihrem Engagement bei «Dialogue en Route» dafür ein, den Graben zwischen Teilen der Gesellschaft und der jüdischen Gemeinschaft zu verringern.
Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religionswissenschaften am Literargymnasium Rämibühl entstanden. Im Unterricht ging die Klasse der Frage nach, was eine Religion überhaupt ausmacht, wie sich die Schweizer Religionslandschaft verändert und wie Medien das Bild von Religionen prägen. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Rolle von Stereotypen und Vorurteilen. Passend dazu erhielten die Schüler:innen im Rahmen ihres Reportagenprojekts einen Crashkurs im Schreiben von Reportagen und im Fotografieren. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, welche Methoden es für eine kontextuelle Darstellung von Religionen gibt und weshalb religion.ch den Fokus auf die gelebte Religion legt. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte in die Praxis umgesetzt.
