Dem Tod den Schrecken nehmen

Als Druidin glaube ich, dass der Tod lediglich ein Weiterziehen auf unserem Weg in einer anderen Form darstellt – und zwischendurch an Festen heissen wir unsere Verstorbenen wieder unter uns willkommen. Als Ritualbegleiterin begrüsse ich verschiedene spirituelle und religiöse Überzeugungen, denn die Anwesenden vereint eine Verbindung zum verstorbenen Menschen in irgendeiner Form, unabhängig von ihrer religiösen Praxis.

Als mein Vater im Spital starb, wurde mir bewusst, wie sehr wir das Sterben aus dem Leben verbannt haben. Stirbt ein geliebter Mensch im Spital, darf man sich am Totenbett verabschieden, geht eine Urne aussuchen und bei der Abdankung erscheint dann diese Urne oder auch ein Sarg auf dem Friedhof. Was dazwischen liegt, sind effiziente Abläufe und Administratives.

Weitergezogen im ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens

Nach einigem Nachforschen und Telefonieren fand ich heraus, dass mein Vater im Krematorium aufgebahrt war und ich mich dort von ihm verabschieden konnte am frühen Morgen. Wie war er dorthin gekommen? Wer hatte ihn gewaschen und in den Sarg gelegt? Ich sass eine Weile bei ihm und wir unterhielten uns, und ich dachte, wie seltsam es doch ist, dass wir unsere Toten so schnell «aus dem Verkehr ziehen». Als wäre der Tod ansteckend. Mir scheint auch die Tradition absurd, die Toten noch zu schminken, zu frisieren und aufzupumpen, als wären sie noch am Leben. Sie sind es nicht mehr. Lassen wir sie tot sein und auch so aussehen. Geben wir sie mit einem Segen und mit unserer Liebe der Erde zurück, aus der wir gekommen sind, der Luft, die uns Leben eingehaucht hat bei unserem ersten Atemzug.

Ich durfte meinen Vater dann begleiten, bis er dem Feuer übergeben wurde und wartete dort auf die Urne, die ich eine Weile lang im Schoss hielt. Ich holte eine Handvoll der Knochenasche heraus und nahm sie in einem kleinen Glas mit nach Hause.

Die christliche Beschreibung dieses Prozesses, «Asche zu Asche, Staub zu Staub» klingt etwas trostlos. «Knochen zu Dünger, Haut zu Kompost» wäre doch schöner.

Natürlich war ich traurig, er war viel zu früh gegangen und fehlte mir. Aber es erfüllten mich auch eine grosse Ruhe und Zuversicht. Er war ein Stück weitergezogen im ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens. Ein weiterer Übergang. Ein geheimnisvoller Moment, ein Mysterium, ähnlich einer Geburt. Alles entsteht auf wundersame Weise, wächst, erblüht, bringt Früchte hervor, zerfällt, vergeht und ermöglicht die Entstehung von Neuem. Ohne Tod kein Leben. Die christliche Beschreibung dieses Prozesses, «Asche zu Asche, Staub zu Staub» klingt etwas trostlos. «Knochen zu Dünger, Haut zu Kompost» wäre doch schöner.

Und unser inneres Feuer?

Ich war damals bereits seit einigen Jahren auf dem Weg des Druidentums unterwegs und beschäftigte mich im Ovatengrad mit den Themen von zyklischer Zeit und Kreisläufen, mit werden, erblühen, ernten und vergehen. Auch mit Tod und Sterben.

Jedes Jahr beobachte ich diesen magischen Kreislauf im Wald, bei Tieren und auch bei den Menschen. Warum tun wir uns so schwer mit Zerfall und Vergehen und Sterben? Das Rad dreht sich immer weiter. Unser Blut verdampft, alle Flüssigkeiten verrinnen, Haut und Knochen nähren die Erde und die darauf wachsenden neuen Pflanzen, unser Atem verweht. Und unser inneres Feuer? Wir wissen nicht, ob es bleibt, langsam schwächer wird und erlischt, in einer anderen Form wieder in ein Wesen schlüpft. – Im Druidentum ist der Tod nichts Furchteinflössendes oder Tabuisiertes. Lediglich ein Weiterziehen auf dem Weg, in anderer Form. Manchen gefällt das Bild der Summer Isles, einer Art Insel der Glückseligen, wohin die Seelen der Toten übersetzen.

Feste, an denen der Schleier zwischen den Welten dünn und durchlässig ist

Unter Druiden und Druidinnen heissen wir unsere Verstorbenen willkommen an den Festen, an denen der Schleier zwischen den Welten dünn und durchlässig ist, wie zu Samhain Anfang November oder Beltane Anfang Mai. Wir tanzen mit unseren Ahnen und Verstorbenen in unserem Ritualkreis, teilen Brot und Mead, danken für ihren Rat und halten Zwiesprache. Dann werden sie wieder respektvoll verabschiedet und gebeten zu gehen. Man lässt sie wieder los. Sie sind von der sichtbaren Welt, wo wir in Körpern wohnen und alles sinnlich und sinnhaft erfahren können, in die nächste gewechselt. Niemand weiss, wie es dort aussieht, ob wir dort noch «fühlen» oder «denken» werden in irgendeiner Form. Wenn wir der Toten gedenken, holen wir sie aus unserem eigenen Inneren hervor, lassen sie vor unseren inneren Augen auferstehen. Den Verstorbenen ist das einerlei. Deshalb liebe ich das Gedicht von Christina Rosetti so sehr. Es hat etwas Tröstliches.

When I am Dead

When I am dead, my dearest,
    Sing no sad songs for me;
Plant thou no roses at my head,
    Nor shady cypress tree:
Be the green grass above me
    With showers and dewdrops wet;
And if thou wilt, remember,
    And if thou wilt, forget.

I shall not see the shadows,
   I shall not feel the rain;
I shall not hear the nightingale
   Sing on, as if in pain:
And dreaming through the twilight
    That doth not rise nor set,
Haply I may remember,
    And haply may forget.

Christina Rosetti
Sterbelied

Liebster, wenn ich tot bin,
laß du von Klagen ab.
Statt Rosen und Cypressen
wächst Gras auf meinem Grab.
Ich schlafe still im Zwielichtschein
in schwerer Dämmernis –
Und wenn du willst, gedenke mein
und wenn du willst, vergiß.  

Ich fühle nicht den Regen,
ich seh‘ nicht, ob es tagt,
ich höre nicht die Nachtigall,
die in den Büschen klagt.
Vom Schlaf erweckt mich keiner,
die Erdenwelt verblich.
Vielleicht gedenk ich deiner,
vielleicht vergaß ich dich.

Christina Rossetti , übersetzt von Alfred Kerr Laß

Mein Vater ist mir im Wald am stärksten gegenwärtig. Es war sein liebster Ort. Wenn mich ein Milan oder ein Bussard begleitet, oder der Wind plötzlich in den Blättern rauscht, denke ich, «wie schön, dass du da bist». Den düsteren Friedhof, wo er bestattet wurde, hat er bestimmt längst verlassen. Mir gefällt die Vorstellung, mich aufzulösen und zurückzuverwandeln in andere Aggregatszustände als den jetzigen, vorübergehenden. Obwohl ich diesen sehr schätze und geniesse und dankbar bin für den Zwischenhalt auf der Erde!

© Christoph Knoch

Die Verbindung geht in anderer Form weiter

Wenn ich Abschiedsfeiern durchführen darf, frage ich immer nach den Vorstellungen der Verstorbenen darüber, was wohl danach komme. Ich stelle ihr Leben in den Mittelpunkt und was sie weitergegeben haben. Ob die Abdankung in einem Waldfriedhof, bei einem Urnengrab oder als Erdbestattung abgehalten wird – im Zentrum stehen die Hinterbliebenen und ihre Erinnerungen. Musik ist wichtig, Singen auch, obwohl das heute nicht mehr immer üblich ist, leider. Ich verwende manchmal Taizé Lieder, die Trost spenden und von Zuversicht sprechen.

Ich konzentriere mich darauf, was für die Familie im Zentrum steht in ihrer Beziehung zu dem oder der Toten.

Ich respektiere die Trauer der Familie und versuche, sie aufzufangen und einen Rahmen zu gestalten dafür. Ich verwende Bilder aus der Natur und von den Elementen. Ich würdige ein ganzes Leben in einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. Dies sind Elemente aus dem Druidentum, die in meine Zeremonien einfliessen, ohne dass es eine «druidische» Abdankung wird. Die Hinterbliebenen wollen keine kirchliche Abdankung. Ich spreche also nicht davon, dass die Verstorbenen «in Gottes Hand» ruhen. Ich spreche aber auch nicht davon, dass sie zurückkehren in den Schoss der Mutter und die Göttin sie wieder aufnimmt. Die wenigsten teilen dieses Vokabular, auch wenn ich ganz persönlich das so sehe. Ich konzentriere mich darauf, was für die Familie im Zentrum steht in ihrer Beziehung zu dem oder der Toten. Zum Schluss spreche ich einen Segen für die Tote und für die Lebenden. Manchmal singe ich auch am Grab noch einen Segen.

Das ist eine sehr schöne Aufgabe und jedes Mal anders. Dem Vertrauen, das die Menschen mir schenken, wenn sie mich mit der Abdankung beauftragen, versuche ich gerecht zu werden. Oft sind Menschen desorientiert, auch gereizt oder überfordert und grenzenlos traurig oder wütend nach einem Verlust. Manchmal auch erleichtert oder gefühllos. Ich möchte die Gewissheit vermitteln, dass alle Emotionen willkommen und gut sind. Ich heisse explizit alle spirituellen und religiösen Überzeugungen willkommen, denn die Anwesenden vereint eine Verbindung zum verstorbenen Menschen in irgendeiner Form, unabhängig von ihrer religiösen Praxis. Darum soll es bei der Abschiedsfeier gehen, um die Verbindung, die nun in anderer Form weitergeht.

An meiner eigenen Abdankung würde ich mir wünschen, dass alle bunte Kleider tragen und dass viel gesungen wird. Alle, die wollen, dürfen aufstehen und sprechen und ihren Gefühlen Ausdruck verleihen. Und eine Druidin würde durch die Feier geleiten und sehr viele Kerzen entzünden, die mich dann ins Feuer geleiten würden.

Britta Holden, 60 jahre alt, kehrte nach 15 Jahren im Ausland – vor allem in Bristol – 2005 in die Schweiz zurück und bietet Zeremonien in verschiedenen Sprachen an. Sie ist Historikerin und Ethnologin und unterrichtet an der Kantonsschule Wettingen. Sie ist Mutter einer erwachsenen Tochter und liebt es, im Kreis zu stehen für Jahreskreisrituale.

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