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Tod, mein schräger Bruder

In meinem Beruf als Spitalseelsorger begegnet mir der Tod immer wieder – und immer wieder anders. Wie jeder auf seine ganz eigene Weise stirbt, hat auch jeder seine eigenen Vorstellungen vom Tod. Trotzdem: Der Gedanke an den eigenen Tod ist für viele nicht fassbar – irgendwie schräg. Für mich als Seelsorger stellt sich dann die Frage, wie ich die Menschen, denen ich im Sterben begegne, bei ihrem Sterbeprozess begleiten kann. Aber für mich ist klar: Trösten, reden, loslassen, glauben – es gibt kein Patentrezept für das «richtige» Sterben. 

Ich erinnere mich an Jennifer, 26 Jahre alt. Ich lernte sie kennen auf einer Palliativstation, wo sie etwa vier Wochen später an ihrer Krebserkrankung starb. Eine junge Frau, der ich nur allergrössten Respekt entgegenbringen konnte für ihren Umgang mit ihrer Situation. Im Zusammenhang mit ihrer Beerdigung gaben mir die Eltern Jennifers Tagebuch. Darin hatte Jennifer an dem Tag, an dem sie die Diagnose «unheilbar» erhielt – ungefähr ein Jahr zuvor – diesen Satz notiert: Mich soll es nicht mehr geben auf dieser Welt? – Was für ein schräger Gedanke!

Ich erinnere mich an den zehnjährigen Benjamin, der nach mehrjährigem Kampf gegen die Leukämie starb. Und ich sehe ihn immer noch vor mir, wie er tot auf dem Sofa zuhause lag, umsorgt von Eltern und Geschwistern, vor dem Tod und nach dem Tod.  

Ich erinnere mich an den dreissigjährigen Alexander, der einen Sekundentod starb, seine Ehefrau im vierten Monat schwanger mit dem ersten Kind. Und an die Trauerfeier in der Kirche, bei der man die trauergetränkte Luft in Scheiben hätte schneiden können.

Ich erinnere mich an das totgeborene Kind, das die Mutter in ihren Armen hielt und nicht loslassen wollte. Nicht loslassen, nicht hergeben, nicht in ein Erdloch namens Grab legen.

Ich erinnere mich an die 94-jährige Frau, die mir im Spital gegenübersass, ja, sass, nicht lag. Die wusste, dass sie sterben wird und die mit grösster Gelassenheit sagte: Ich kann jetzt gut gehen. Ich hatte gute und schlechte Zeiten im Leben. Ich habe unendlich viel erlebt und manchmal auch erlitten. Und ich bin mit meinen Mitmenschen im Reinen. Und ich bin vor allem dankbar für alles. Jetzt kann ich gehen. Jetzt kann ich sterben. Ich habe keine Angst. Ganz im Gegenteil: Ich freue mich auf das, was kommt.

Und dann denke ich an Franz von Assisi, der vor 800 Jahren mit so vielen Geschwistern lebte: Schwester Sonne, Bruder Feuer – und eben auch mit Bruder Tod. Der Tod – ein Bruder? Was für eine Zumutung! Aber steckt in jeder Zu-mut-ung nicht immer auch Mut? Ist Bruder Tod nicht manchmal auch eine Er-mut-igung? Sich diesem Bruder anzuvertrauen? Sich diesem Bruder in die ausgebreiteten Arme fallen zu lassen? Ein starkes Bild. Ein schönes Bild. Zu schön, um wahr zu sein?

Hat alles seine Zeit?

Bei Trauerfeiern denke ich oft über diese Frage nach: Welches ist die Zeit zu sterben? Die fünf Erinnerungen sind ja nur eine Auswahl unter ungezählten Toden, denen ich als Seelsorger begegnet bin. Jeder Tod ist anders. Das ist nicht weiter überraschend, weil ja auch jedes Leben anders ist. Aber stimmt der Satz aus dem Alten Testament, nach welchem es für alles eine Zeit gibt? «Eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz.» (Kohelet 3,2.4)

Ich selber frage mich: Was ist das für ein Gott, der vorherbestimmt, dass Jennifer mit 26 Jahren, Benjamin mit 10 Jahren und Alexander mit 30 Jahren starben?

Dass es für Geburt und Tod eine Zeit gibt, lässt sich nicht bestreiten. In der Regel ist beides auf dem Grabstein nachzulesen. Aber gibt es jemanden, der oder die diese Zeit bestimmt und festlegt? Vorherbestimmt? Manche Menschen sind davon fest überzeugt: Unser Leben ist etwas so Grossartiges, dass sein Anfang und sein Ende nicht einfach Zufall sein können. Da muss es doch einen Gott (oder eine höhere Macht) geben, der das alles bestimmt. Ich selber frage mich: Was ist das für ein Gott, der vorherbestimmt, dass Jennifer mit 26 Jahren, Benjamin mit 10 Jahren und Alexander mit 30 Jahren starben? Und dass der totgeborene Säugling das Licht der Welt gar nicht erblickt? Mit meinem Gottesbild bringe ich das nicht zusammen. Aber bringe ich es denn mit meinem Gottesbild zusammen, dass das alles einem blinden Zufall folgt? Dass alles zufällig und irgendwie beliebig ist?

Tod, mein schräger Bruder, da ist so vieles nicht zusammenzubringen.

© Christoph Knoch

Trösten?

Bei einem interreligiösen Gespräch vor längerer Zeit rund um das Thema «Trauerrituale» habe ich etwas pointiert formuliert: Nein, trösten möchte ich die Angehörigen bei einer Trauerfeier nicht. Und ich lese es auch mit höchst gemischten Gefühlen, wenn es in einer Danksagung ein paar Wochen später heisst: Wir danken Ingo Bäcker für seine trostreichen Worte.

Dieser Gedanke stiess damals bei meinen Gesprächspartner:innen auf ziemliches Unverständnis. Und natürlich war er zugespitzt formuliert. Aber es geht mir darum, dass Traurigkeit, Schmerz, Wut, Fassungslosigkeit – und was auch immer an Gefühlen in der Trauer entsteht – ihren Platz haben dürfen, ihren Raum haben dürfen, ihre Zeit haben dürfen. Denn wenn alles seine Zeit hat, dann muss man Menschen diese Zeit auch lassen. Und das, fürchte ich, kommt zu kurz, wenn ein mehr oder weniger schneller Trost das oberste Ziel ist bei einer Trauerfeier. Und Zeit lassen, Raum geben, das ist bereits ein starker Trost, auch wenn Menschen das in ihrer konkreten Situation möglicherweise gar nicht als solchen empfinden können.

Reden?

Wie mit Menschen über ihr – womöglich bald bevorstehendes – Sterben reden? Als Seelsorger erlebe ich auch dabei sehr Verschiedenes.

Jennifer, von der ich erzählte, hatte sehr klare Vorstellungen von dem, was sie bis zu ihrem Tod noch wollte, und von dem, was sie über ihren Tod hinaus wollte. Bis hin zu einzelnen Details ihrer Beerdigung. Auch die 94-jährige Frau, die ich erwähnte, sprach offen und deutlich über ihren Tod. Aber die Fähigkeit zu reden ist nicht allen Menschen gegeben. Das gilt durchaus auch für weniger schwere Themen als Tod und Sterben. Reden kann helfen beim Sterben. Deswegen versuche ich, Menschen auf die Möglichkeit ihres Sterbens anzusprechen. Und viele gehen tatsächlich auf dieses Angebot ein. Und reden über ihr Sterben, über ihre Ängste, über ihre Hoffnungen, über das, was sie im Innersten beschäftigt.

Oft ist es ermutigend, mit einem Menschen weniger über das Sterben zu reden, sondern über das Leben: Über das, was gut war und ist im Leben, über das, woran dieser Mensch sich gern erinnert. Über das, was diesem Menschen wertvoll war und ist im Leben. Reden kann helfen beim Sterben. Aber ein Gesetz würde ich nicht daraus ableiten.

Loslassen?

Manche Menschen sterben sehr lange. Ich erinnere mich an eine Patientin, die fast zwei Monate lang gestorben ist. «Irgendetwas beschäftigt sie noch. Aus irgendeinem Grund kann sie nicht loslassen», hörte ich dann von Angehörigen. Haben die Angehörigen recht mit ihrer Einschätzung? Sie kennen «ihre» Person normalerweise besser als ich. Aber ob sie deshalb auch recht haben? – Ich erlaube mir da kein Urteil.

Und genauso wenig erlaube ich mir ein Urteil, wenn ich – recht häufig übrigens – miterlebe, wie ein Patient, der rund um die Uhr betreut ist von Pflegepersonal, Freiwilligen und Angehörigen, genau in dem Moment seinen letzten Atemzug tut, in dem gerade ausnahmsweise niemand bei ihm ist. «Er hat das so gewollt. Er ist absichtlich in diesem Augenblick gegangen.» Ob es so war? Ob es so ist? Wir werden es nicht erfahren. 

Glauben?

Auch Glauben kann helfen beim Sterben. Die Vorstellung, dass jemand «auf der anderen Seite» auf mich wartet, tröstet sehr viele Menschen. Das Vertrauen, dass wir im Tod in die Hand Gottes fallen, in den Himmel kommen, ewigen Frieden bei Gott finden, in die Wohnung einziehen, die Jesus uns beim Vater bereitet hat (Johannes 14,2) – welches Bild auch immer Menschen dafür vor sich sehen – dieser Glaube kann sehr stark machen. Und macht viele Menschen sehr stark.

Aber auch Glaube ist nach meinem Eindruck keine Garantie für ein angstfreies Sterben.

Aber auch Glaube ist nach meinem Eindruck keine Garantie für ein angstfreies Sterben. So wenig wie nicht gläubige Menschen dazu verdammt sind, trost- und hoffnungslos zu sterben. Glaube kann helfen beim Sterben. Und tut das auch oft. Aber auch daraus würde ich keine Regel ableiten. 

Mein eigener Bruder?

«Wie sehr prägt dein beruflicher Umgang mit Sterben und Tod dein persönliches Verhältnis zum Tod?», fragte mich ein Freund. «Kannst du mich nicht was Leichteres fragen?», war meine wenig originelle Antwort.

Natürlich prägt mein Beruf meine persönliche Haltung zu Sterben und Tod.  Aber werde ich deshalb einmal leichter sterben? Oder um die Menschen, die mir die liebsten sind auf der Welt, anders trauern? Ganz sicher nicht.

Für mich persönlich ist es eine in jeder Hinsicht schwierige Vorstellung, dass es mich einmal nicht mehr geben wird auf der Welt. Wie Jennifer halte ich das für einen schrägen Gedanken. Nicht weil ich mich für so wichtig und unersetzlich hielte, sondern weil ich es mir einfach nicht vorstellen kann: schräg eben. Aber dann kommt mir Franz von Assisi entgegen und bietet mir den Tod als Bruder an. Sicher kein geliebter Bruder. Aber vielleicht doch einer, auf den man sich verlassen kann und dem zu vertrauen ist.  

Bilder

Drei Bilder, die mir persönlich helfen, einen versöhnlichen Zugang zu Sterben, Tod und Trauer zu finden:

Aus Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann

Und dann sagte Heinrich das, was Selma zu mir gesagt hatte, als ich fünf Jahre alt gewesen und zu hoch in einen Baum geklettert war. Selma konnte den Baum von hier aus gut sehen. Ich hatte nicht gewusst, wie ich wieder herunterkommen sollte. Selma hatte sich auf Zehenspitzen gestellt, die Arme nach oben gestreckt und mich festgehalten, während ich noch die Äste des Baumes umklammerte. «Lass los», hatte sie gesagt, «ich hab dich.»Eine schöne Vorstellung vom Sterben, dass jemand am Ende einfach sagt: Ich hab‘ dich!

Aus einem Song von BAP: Verdamp lang her

Der Song beschreibt ein inneres Zwiegespräch zwischen Sohn und verstorbenem Vater an dessen Grab. Der letzte Satz: Du hast fest daran geglaubt, dass jemand im Himmel auf dich wartet. Ich gönne es dir! Könnte es sein, dass sich im Tod vollendet und verwirklicht, was Menschen im Leben geglaubt haben?

Lesen vor dem Einschlafen

Jeden Abend vor dem Einschlafen im Bett lese ich noch ein paar Seiten. In der Regel werde ich nach ein paar Seiten müde, so dass ich das Buch zuklappen muss, weil mir die Augen zufallen. Das Buch kann noch so spannend sein, die Müdigkeit siegt letztlich immer. Könnte Sterben so sein? Ganz gleich wie spannend es auch gerade ist, der Tod ist letztlich stärker?

Tod, mein schräger Bruder! Du begleitest mich schon jetzt durch mein ganzes Leben. Wie das Brüder eben so tun. Warum also sollte ich dir dann nicht vertrauen können?

Ingo Bäcker, Jg. 1960, stammt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet und lebt seit 32 Jahren in der Schweiz, inzwischen in Schaffhausen. Er ist katholischer Theologe, Spital- und Gefängnisseelsorger in Schaffhausen, verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder.