Moana Swain und Lia Egger Moana Swain und Lia Egger Moana Swain und Lia Egger

Der Verein Al-Rahman im Dialog über Sexualität und Islam

Sexualität ist für viele Menschen ein sensibles Thema – besonders, wenn es mit Religion in Verbindung gebracht wird. Auch innerhalb muslimischer Gemeinschaften gibt es unterschiedliche Zugänge zu Sexualität, geprägt durch persönliche Erfahrungen, familiäre Prägungen, theologische Überzeugungen und gesellschaftliche Normen. Der Verein «Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe» in Zürich ist ein Ort, an dem diese Vielfalt zur Sprache kommen kann. Hier treffen sich Menschen, um sich über den Islam auszutauschen und gemeinsam nach Wegen zu suchen, wie Glaube und persönliche Lebensrealität miteinander vereinbar sein können.

In einer Gesprächsrunde mit Vertreter:innen von Al-Rahman hatten wir die Möglichkeit, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit dem Thema Sexualität und Islam beschäftigen. Der Verein Al-Rahman wurde 2017 in Zürich gegründete und versteht sich als Ort des Dialogs über den Islam und seine gelebten Ausdrucksfomen. Sein Ziel ist es, ein friedliches Miteinander zu fördern und zugleich ein tieferes Verständnis für den Islam zu schaffen. Auf der Webseite des Vereins heisst es, dass «innere Meinungsvielfalt und verschiedene Interpretationen» willkommen sind, solange sie respektvoll vorgetragen und am Koran gemessen werden.

Austausch zwischen dem Verein «Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe» und der Uni Bern. Foto: Eigene Aufnahme der Autorinnen.

Im Gespräch mit den Vereinsmitgliedern zeigte sich, dass es auch innerhalb des Islams keine einheitliche Sicht auf Sexualität gibt. Vielmehr eröffneten sich durch den Austausch zahlreiche Perspektiven, die von individuellen, kulturellen und theologischen Hintergründen geprägt sind.

Kerem Adıgüzel, Mitgründer und Theologe des Vereins, beantwortete unsere Fragen einerseits aus einer Perspektive der theologisch-historischen Einordnung und andererseits aus seiner persönlichen Perspektive. Gleichzeitig nutzten die Vereinsmitglieder die Gelegenheit, ihre eigenen Standpunkte einzubringen und aktiv am Gespräch teilzunehmen. Kerem Adigüzel begegnete uns als offener und reflektierter Gesprächspartner, der sich mit verschiedenen theologischen Interpretationen auseinandersetzt und dazu ermutigt, tradierte Ansichten zu hinterfragen.

Laut Adıgüzel verfügen muslimische Gelehrte über begrenztes oder teilweise unzutreffendes Wissen zum Thema Sexualität. Er führt dies unter anderem auf den Einfluss der Kolonialzeit zurück, in der sich viktorianisch-christliche Vorstellungen verbreiteten und die muslimische Theologie in ihrem Blick auf Sexualität mitprägten. Diese Einflüsse seien bis heute spürbar und prägen, wie Muslim:innen Sexualität wahrnehmen und darüber sprechen.

Sexualität ist jedoch unabhängig von der Religion ein sensibles Thema – sei es in der Familie, im Freundeskreis oder in der Öffentlichkeit. Die muslimische Religionspädagogin Fahimah Ulfat verweist in ihrem Aufsatz «Sexualität und Religion bei jungen Muslim*innen in Deutschland in islamisch-religionspädagogischer Perspektive» von 2020 auf Studien, die darauf hindeuten, dass sich junge Muslim:innen zunehmend individuell mit ihrer Sexualität auseinandersetzen und dabei verschiedene Zugänge reflektieren. Diese deutet auf einen Wandel im Umgang mit dem Thema hin.[1]

Sexualität ist jedoch unabhängig von der Religion ein sensibles Thema.

Parallel dazu ist die Sexualwissenschaft eine relativ junge Disziplin. Begriffe wie Homosexualität sind in historischen Quellentexten nicht zu finden, prägen jedoch heute den Diskurs über Sexualität im Islam. Um die Vielfalt der Perspektiven auf Sexualität in muslimisch geprägten Gesellschaften besser zu verstehen, hebt Kerem Adigüzel die sprachliche Mehrdeutigkeit im Koran hervor. Auch betont er, dass moderne Wortkonstrukte wie Homosexualität nicht ohne Weiteres überzeitlich (anachronistisch) mit dem Koran in Verbindung gebracht werden können, nicht nur bei Themen wie Sexualität. Er erklärt, dass viele Begriffe im Koran verschiedene Bedeutungen zulassen, was unterschiedliche Interpretationen ermöglicht. Diese Mehrdeutigkeit entspringe nicht nur der Komplexität der arabischen Sprache, sondern hänge auch mit dem historischen Kontext und den kulturellen Hintergründen der jeweiligen Ausleger:innen zusammen. So betonte er beispielsweise, dass homophobe Deutungen erst in den letzten anderthalb Jahrhunderten vermehrt Eingang fanden in die Diskussion um den Korantext und Gelehrte früher offener mit der Sexualität umgingen.

Wie spricht der Koran über Sexualität?

Laut Kerem Adıgüzel finden sich im Koran sowohl Verse, die Sexualität regeln und einschränken, als auch solche, die sie als spirituellen Teil des menschlichen Lebens anerkennen und vertiefen. Eine mögliche Auslegung besagt, dass Sexualität ausschliesslich innerhalb der Ehe erlaubt sei und dass Gott als Zeuge dieses Bundes fungiere. Sexuelle Handlungen vor der Ehe würden daher als verboten betrachtet. Männer und Frauen seien in dieser Hinsicht gleichgestellt und würden bei einer Missachtung dieser Regel gleichermassen zur Verantwortung gezogen. Ebenfalls betonte er, dass das Konzept der Ehe im Koran nicht mit dem übereinstimmen müsse, was gesellschaftlich, traditionell oder alltäglich sowohl von Muslim:innen wie  auch von Nichtmuslim:innen unter Ehe verstanden wird. Eine Ehe könne auch ein partnerschaftlicher Bund vor Gott und Zeugen sein, ohne Standesamt oder religiöses Institut dahinter. Innerhalb der Ehe könne Sexualität jedoch als gottesdienstliche Handlung verstanden werden, die eine spirituelle Dimension habe.

Ein Vers, der in diesem Zusammenhang häufig diskutiert wird, ist Sure 2, Vers 223: «Eure Frauen sind euch ein Acker; geht zu eurem Acker, wie ihr wollt. Doch schickt für eure Seelen etwas voraus und fürchtet Gott.» Adıgüzel weist darauf hin, dass diese Passage oft missverstanden werde. Er interpretiert sie nicht als eine Bestimmung darüber, dass der Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs immer vom Mann bestimmt werde, sondern als eine Aufhebung zeitlicher Einschränkungen für sexuelle Handlungen innerhalb der Ehe. Eine Ausnahme stelle laut Koran die Menstruation dar, die als «Beeinträchtigung» bezeichnet werde. Während dieser Zeit seien sexuelle Handlungen unter Eheleuten  untersagt.

Gemäss Kerem Adıgüzel erlaubt der Koran den Geschlechtsverkehr in jeder Position, sofern alle Beteiligten damit einverstanden sind. Die Aussage «Geht zu eurem Acker, wie ihr wollt» interpretiert er so, dass sie nicht als einseitige Bestimmung durch den Mann zu verstehen sei, sondern als Ausdruck von Freiheit in der Wahl der Position während des Geschlechtsverkehrs – immer unter der Voraussetzung des gegenseitigen Einvernehmens.

Entscheidend ist jedoch das Prinzip der gegenseitigen Achtung.

Nicht nur der Geschlechtsverkehr selbst, sondern auch das Vorspiel und der respektvolle Umgang mit der Partnerin bzw. dem Partner könnten als gottesdienstliche Handlung verstanden werden. Das liebevolle Beisammensein biete die Gelegenheit, die gemeinsame Zeit zu geniessen und die Bedürfnisse des Gegenübers besser kennenzulernen – auch in Bezug auf Oral- und Analverkehr. Adıgüzel betont, dass es im Koran keine direkten Aussagen zu bestimmten Praktiken wie Oral- oder Analverkehr gibt. Entscheidend sei jedoch das Prinzip der gegenseitigen Achtung: «Schickt Gutes für eure Seelen voraus», zitiert er, «wird gegen den Willen einer Person gehandelt, ist dies zu verurteilen».

Homosexualität: Ein vielschichtiges Thema

Traditionell wird die Ehe in vielen islamischen Kontexten als Verbindung zwischen Mann und Frau verstanden, wodurch automatisch eine gleichgeschlechtliche Ehe ausgeschlossen wird. Diese Auffassung basiert auf der Vorstellung, dass Mann und Frau in einer Ehe unterschiedliche Pflichten übernehmen, die in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung nicht in gleicher Weise erfüllt werden könnten. Nach dieser Auslegung sind sexuelle Handlungen nur heterosexuellen Paaren vorbehalten.

Kerem Adıgüzel vertritt eine andere Perspektive. Er führt aus, dass der Koran in Sure 5 beschreibt, wie Gott bestimmte Themen bewusst auslasse. Diese Offenheit verstehe er als Ausdruck göttlicher Gnade und als Raum für Interpretationen. Deshalb sieht er es als möglich an, die Trauung muslimischer homosexueller oder generell nicht heteronormer Paare zuzulassen. Kerem Adıgüzel betont dabei erneut, dass viele Begriffe und ganze Passagen im Koran je nach Auslegung unterschiedlich verstanden werden können. Diese Interpretationsfreiheit ermögliche es ihm, auf die vielfältigen Bedürfnisse und Realitäten der Gläubigen einzugehen.

Vereinsmitglieder und Student:innen im Austausch. Foto: Eigene Aufnahme der Autorinnen.

Ein offener Dialog statt Urteil

«Ich sollte den Menschen so begegnen, wie ich mir wünsche, dass der Schöpfer mir am jüngsten Tag begegnet – barmherzig und gnädig.»

Dieses Zitat eines Mitglieds spiegelt ein zentrales Prinzip des Vereins wider: Mitgefühl und eine wertschätzende Haltung gegenüber anderen – unabhängig von deren Lebensweise oder Überzeugungen. Der Verein setzt sich für einen verständnisvollen, offenen Austausch ein und fördert eine Kultur der Toleranz und des Respekts.

Im Gespräch mit Kerem Adıgüzel und den Mitgliedern des Vereins wurde deutlich, dass es innerhalb des Islams unterschiedliche Perspektiven auf Sexualität gibt. Kerem Adıgüzel plädiert für einen aktiven Dialog, in dem eine Vielfalt an Meinungen akzeptiert und nebeneinander bestehen können. Dabei verbindet er in seiner persönlichen Auslegung traditionelle religiöse Werte mit den Herausforderungen einer pluralistischen Gesellschaft.

Unser Besuch beim Verein Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe hat uns gezeigt, wie Menschen sich auch innerhalb von Gemeinschaften herausfordernden Fragen stellen können und sich durch Gespräche Brücken zwischen verschiedenen Sichtweisen bauen lassen. Al-Rahman schafft einen Raum, in dem Toleranz nicht nur gelehrt, sondern aktiv gelebt wird, und fördert einen Diskurs, der Vielfalt als Bereicherung sieht. Dies ist eine Herausforderung, welche von den Mitgliedern ein hohes Mass an Reflexionsbereitschaft und Offenheit fordert. Ein Spannungsfeld lässt sich da nicht vermeiden, es öffnet aber auch Türen, um sein Gegenüber besser kennenzulernen.

[1] Ulfat, Fahimah. Sexualität und Religion bei jungen Muslim*innen in Deutschland in islamisch-religionspädagogischer Perspektive. In: Zeitschrift für Pädagogik und Theologie 72(1) (2020): 79-95.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Seminars «Religion und Sexualität» an der Universität Bern entstanden. Die Studierenden beschäftigten sich mit der Frage, wie Sexualität in heutigen religiösen Diskursen konstruiert wird, welche Normvorstellungen existieren, welche Schriftauslegungen es gibt und welche Bestimmungen in unterschiedlichen religiösen Kreisen als gültig betrachtet werden. Unter der Leitung von Janina Maris Hofer unternahmen sie eine Exkursion durch die Schweiz, bei der sie fünf Personen aus verschiedenen religiösen Gemeinschaften trafen. Die Gespräche mit diesen Personen dienten als Grundlage für die Reportagen und Porträts, die nun auf religion.ch veröffentlicht werden.


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