Themen rund um Sexualität sorgen zunehmend für Spaltungen in der Gesellschaft. Auch in manchen religiösen Gemeinden ist dies eine allgegenwärtige, bedrückende Realität. Doch wie geht die Viva Kirche in Frauenfeld damit um?
Um eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, machten wir uns auf den Weg nach Frauenfeld. Als wir ankamen, war der Gottesdienst schon im Gange, doch von einer Empore aus konnten wir die Predigt gut verfolgen. Sie drehte sich um die Frage, ob wir Licht oder Lichtträger sind. Zwischendurch spielte eine Band mitreissende Musik – viele der Anwesenden standen auf und sangen mit. Nach dem Schlusswort umarmten sich die Gemeindemitglieder und kamen miteinander ins Gespräch. Dies vermittelte uns einen ersten Eindruck der Gemeinde, ein Gefühl ihres Zusammenhalts.

Bild: Eingang zur Chrischona-Gemeinde. @minnaschwyter und @angelawicki

Bild: Vorderseite der Broschüre des Gottesdienstes. @minnaschwyter und @angelawicki
Vor unserem Interview mit Paul Bruderer nahmen wir am gemeinsamen Mittagessen der Gemeinde teil. Bruderer ist seit 2001 Pastor der Chrischona-Gemeinde in Frauenfeld und seit 2008 ihr leitender Pastor. Er veröffentlichte ein Workbook über Sexualität aus christlicher Perspektive und hält ausserdem Online-Predigten zu diesem Thema. Er ist somit der ideale Gesprächspartner für unser Seminar.

Bild: Pastor Paul Bruderer. @minnaschwyter und @angelawicki

Bild: Gemeinsames Mittagessen. @minnaschwyter und @angelawicki
Spannungen in der Gemeinde
Fragen zur Sexualität können nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern auch innerhalb religiöser Gemeinschaften für Spannungen sorgen. In seinem Buch Evangelikale und Homosexualität, aus dem wir im Rahmen des Seminars Ausschnitte gelesen haben, meint der deutsche evangelikale Theologe und Pastor Johannes Traichel: «Debatten innerhalb der evangelikalen Welt werden schärfer, emotionaler und die evangelikale Bewegung steht vor einer großen Belastungs- und Zerreißprobe». Nicht nur Homosexualität, sondern auch Gender, ausserehelicher Sex und Ehescheidung sind Teil dieses Diskurses.
Frage der Ehescheidung
Bruderer forschte 10 Jahre lang zur Frage der Scheidung, bevor er seine aktuelle Position fand. Innerhalb des Christentums gäbe es unterschiedliche Ansichten:
1) «Die Ehe einmal geschlossen, bleibt für ewig bis in den Himmel»
2) «Es gibt nur Scheidung, aber keine Wiederverheiratung»
3) «Es gibt Scheidung und es gibt Wiederverheiratung»
Für Bruderer war diese Frage theologisch herausfordernd. Er habe mit den biblischen Texten und deren Auslegungsgeschichte «gerungen», da es ihm wichtig sei, seine Theologie – also seine Sicht auf die Welt und das Leben – stets in Bezug zur Bibel zu verstehen. Doch durch die Berücksichtigung des historisch-kulturellen Kontexts des Judentums sowie des textuellen Kontextes der Bibel gelangte er schliesslich zu einem für ihn eindeutigen Verständnis der Scheidungs- und Heiratstexte. Sein Fazit: Scheidungen und Wiederverheiratungen sind möglich. Er erklärt: «Ich freue mich ja nicht, wenn eine Scheidung kommt, aber ich trage sie mit und empfehle sie in Ausnahmefällen».

Bild: Austausch mit Paul Bruderer
Zwei sexualethische Werte
Während die Auslegung der Scheidungs- und Heiratstexte für die Beurteilung der Ehescheidung wichtig sei, stützt sich Bruderer bei der Frage nach der moralischen Vertretbarkeit verschiedener Formen gelebter Sexualität zusätzlich auf zwei sexualethische Prinzipien aus der Bibel. Das erste Prinzip ist die Einvernehmlichkeit, die als «wahrscheinlich oberster sexualethischer Wert in unserer Kultur» gelte. Die Einvernehmlichkeit gehe aus einem «kulturgeschichtlichen Schatz des Christentums» hervor: der «Gleichwertigkeit von Mann und Frau». Und wenn man nur diesen einen Wert betrachte, sei ausgelebte Homosexualität zwischen einvernehmlichen Erwachsenen «natürlich okay». Diese Aussage von Bruderer deckt sich mit Vorstellungen, die Traichel vertritt. Zur Diskussion über die biblische Bewertung von Homosexualität innerhalb evangelikaler Kreise schreibt dieser: «Die zweite Denkrichtung geht davon aus, dass die biblischen Texte nicht den einvernehmlichen gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehr zwischen Erwachsenen verbieten, sondern nur eine ausbeuterische Form, die von Gewalt und Unterdrückung geprägt ist».
Wir wollen Sexualität nicht nur gleichwertig zwischen den Menschen, sondern auch körperlich denken.
Bruderer findet, dass beim Nachdenken über eine «gesunde und gute Sexualethik» noch ein zweites Prinzip aus der Bibel berücksichtigt werden sollte: die Körperlichkeit – die geschlechtliche Gestalt des Körpers. Für ihn geht es dabei um zwei Dinge: Erstens sieht er darin das Streben, im von Gott geschenkten Körper Heimat zu finden. Dazu gehöre die Fähigkeit, nicht nur den anderen Menschen, sondern auch den eigenen Körper zu lieben – «love the other person and love thy body». Zweitens bedeutet es für ihn, dass man die «Sexualität im Respekt gegenüber der eigenen physischen Realität, die man hat», leben soll. «Wir sind sehr ökologisch sensibel in unserer Zeit. Die Strukturen der Natur sind uns wichtig und der Mensch hat eben auch eine Struktur und eine Natur. Und wir wollen Sexualität nicht nur gleichwertig zwischen den Menschen, sondern auch körperlich denken». Letztlich sei es auch diese Anschauung, die Bruderer die grössten Schwierigkeiten bei der Vereinbarung seines Glaubens und der ausgelebten Homosexualität bereitet.
Beurteilung der Homosexualität
Am Beispiel von Bruderer wird deutlich, welcher Zwiespalt in Bezug auf die Homosexualität nicht nur innerhalb einer Gemeinde, sondern sogar in einer einzelnen Person entstehen kann. Dabei muss man berücksichtigen, dass viele evangelikale Christ:innen bei ihrer Beurteilung zwischen homosexuellen Empfindungen und deren Ausleben unterscheiden. Dies wird auch in Traichels Buch deutlich, in welchem er zwei zueinander in Spannung stehende «Wahrheiten» wiedergibt: «Zuerst: Gott liebt homosexuell empfindende Menschen unendlich. Die Aufgaben der Christen ist es, homosexuell empfindende Menschen zu lieben, wie sich selbst! […] Die zweite Wahrheit lautet: Geschlechtsverkehr gehört nur in eine heterosexuelle Ehe. Jegliche Abweichung davon ist Sünde». Ähnlich sieht es auch Bruderer: Nicht die sexuelle Orientierung an sich, sondern deren gelebte Praxis sei es, die Gott nicht gutheisse.
Nicht die sexuelle Orientierung an sich, sondern deren gelebte Praxis sei es, die Gott nicht gutheisse.
Aus dieser Überzeugung habe er seine Gemeinde aufgefordert, «Menschen mit homosexueller Orientierung willkommen zu heissen». Diese Offenheit gegenüber allen Menschen gelte jedoch vorwiegend auf der Ebene der Gemeindebasis. Gehe es hingegen um Führungspositionen oder die Gemeindeleitung, sei es wichtig, dass die verantwortlichen Personen die zentralen Werte nicht nur verstünden, sondern auch vorlebten. Sie hätten schliesslich eine Vorbildfunktion – «die Leute werden schauen: wie lebt Paul?» Auf sexuell aktive Homosexuelle bezogen bedeutet dies für Bruderer: «Sie können am Gottesdienst teilnehmen, sie können am Abendmahl teilnehmen, also ihnen ist vom Glauben her nichts verwehrt – das ist sehr wichtig. Aber wir nehmen sie nicht in Vorbildrollen auf».
Vergleich mit Sex vor der Ehe
Auf die Frage, wie die Teilnahme von Menschen, die Homosexualität ausleben, die Gemeinde und die religiöse Praxis verändern oder beeinträchtigen könnte, zögert Bruderer: «Ich weiss gar nicht so recht, was ich sagen soll». Schliesslich zieht er eine Form der Sexualität heran, die auch bei heterosexuellen Paaren vorkomme: Sex vor der Ehe. Dies sei für ihn als evangelikaler Theologe ein vergleichbarer Verstoss gegen biblische sexualethische Werte.
So bemüht sich Bruderer unsere Frage «auf der heterosexuellen Seite» zu beantworten, da ihm «eine Äquivalenz und eine gewisse Fairness [bei der Beurteilung von Hetero- und Homosexualität] wichtig» sei. Er weist darauf hin, dass auch Menschen, die vor der Ehe sexuelle Beziehungen haben, Teil der Gemeinde sind. «Verändert das unsere Gemeinde?», fragt er – Bruderer beantwortet seine eigene Frage nicht direkt.
Klar sei jedoch, dass beide Praktiken Spannungen in der Gemeinde erzeugen können, indem sie Diskussionen in der Gemeinschaft anregen. Doch diese Auseinandersetzungen empfindet Bruderer als wertvoll: Sie «zwingen mich als Pastor und zwingen uns als Gemeinschaft, die Logik einer biblischen Aussage neu zu erfassen, anstatt nur zu sagen: ‘So ist es, keine Ahnung wieso’». Um auf solche Gespräche vorbereitet zu sein, sucht er aktiv den Austausch mit Menschen, die diese Fragen persönlich betreffen.
Schlussendlich möchte Bruderer uns Toleranz mit auf den Weg geben. Er erzählt: «Es gibt ein gutes altes Wort, das ist ‘tolerare’, also Toleranz. Toleranz kann man unterschiedlich füllen, aber ursprünglich meinte es: Ich akzeptiere Dich als Mensch, auch wenn Du anders denkst und lebst, wie ich das jetzt gut fände. […] Und das ist das, was wir leben. Aber wir argumentieren dann vielleicht auch miteinander: Was ist denn wirklich gut? […] Also, es bringt Spannungen, und die finde ich gut».
Dieser Artikel ist im Rahmen des Seminars «Religion und Sexualität» an der Universität Bern entstanden. Die Studierenden beschäftigten sich mit der Frage, wie Sexualität in heutigen religiösen Diskursen konstruiert wird, welche Normvorstellungen existieren, welche Schriftauslegungen es gibt und welche Bestimmungen in unterschiedlichen religiösen Kreisen als gültig betrachtet werden. Unter der Leitung von Janina Maris Hofer unternahmen sie eine Exkursion durch die Schweiz, bei der sie fünf Personen aus verschiedenen religiösen Gemeinschaften trafen. Die Gespräche mit diesen Personen dienten als Grundlage für die Reportagen und Porträts, die nun auf religion.ch veröffentlicht werden.
