Muslimische Seelsorgerinnen und Seelsorger begleiten Menschen in schwierigen Lebenssituationen – in Spitälern, Gefängnissen und Asylzentren. Sie hören zu, sprechen Gebete, vermitteln bei Bedarf weiter und arbeiten häufig im interreligiösen Team. Die ehemalige Kantonsschülerin Mina Deniz* hat Abduselam Halilovic getroffen und zeigt, wie vielfältig muslimische Seelsorge heute ist – zwischen Glauben, Alltag und institutioneller Zusammenarbeit.
Die muslimische Seelsorge ist für viele Menschen in der Schweiz eine unverzichtbare Unterstützung in herausfordernden Lebenslagen. Sie schafft eine Brücke zwischen religiöser und psychosozialer Betreuung und wird insbesondere in Spitälern, Gefängnissen und Asylzentren immer bedeutender. Einer der engagierten Seelsorger, die sich dieser Aufgabe widmen, ist Abduselam Halilovic.

Bild: Abduselam Halilovic. Foto: @Mina Deniz
Er ist der stellvertretende Geschäftsleiter des Vereins Qualitätssicherung der muslimischen Seelsorge in öffentlichen Institutionen im Kanton Zürich (QuaMS) und ist beruflich als Seelsorger tätig. Dabei bringt er nicht nur seine umfassende theologische und psychosoziale Ausbildung, sondern auch seine persönliche Erfahrung ein.
Seine Reise zur Seelsorge begann nicht gezielt, sondern entwickelte sich durch mehrere Lebensstationen. «Bei mir war es ein Zufall beziehungsweise eine Reihe von Zufällen – Schicksal, göttlicher Wille – der mich dazu brachte in diese Richtung zu gehen», erklärt mir Abduselam Halilovic. Während des Interviews in den Büroräumlichkeiten spricht er ruhig, aber bestimmt. Sein Lächeln ist offen, seine Gesten beim Sprechen bedacht. Man merkt sofort: Hier ist jemand, der zuhören und sein Wissen weitergeben kann. Jemand, der nicht urteilt, sondern anderen das Gefühl gibt, verstanden zu werden.
Nach dem Gymnasium probierte er verschiedene Studiengänge aus, bevor er schliesslich Islamwissenschaften mit Geschichte, Politikwissenschaften und Religionsphilosophie studierte. Durch diese intensive Auseinandersetzung mit dem Islam und seiner Geschichte gewann er ein tieferes Verständnis für seine eigene Religion und fand schliesslich zur Seelsorge. Eine Möglichkeit zu einem Weiterbildungslehrgang für muslimische Seelsorge sei der entscheidende Moment gewesen, in dem er sich für diesen Weg entschied. Während der Weiterbildung habe er gleichzeitig in der bosnischen Moschee in Schlieren Kinder unterrichtet und Assistenzaufgaben für den Imam übernommen. Anschliessend ist Abduselam Halilovic mit all den Erfahrungen im Rucksack in das Feld der Seelsorge eingestiegen.
Während seiner Ausbildung und beruflichen Tätigkeit sammelte er vielfältige Erfahrungen in der direkten Betreuung von Menschen. Er erlebte bewegende Schicksale und erkannte, wie wichtig es ist, eine offene und empathische Haltung gegenüber Ratsuchenden zu bewahren. «Es gibt keine einfachen Antworten in der Seelsorge, denn jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte, seine eigenen Herausforderungen und seine eigene Glaubenswelt mit», erklärt Halilovic.

Bild: Abduselam Halilovic bei der Arbeit. Foto: @Mina Deniz
Seelsorge zwischen Religion und Alltag
«Seelsorge ist nicht nur religiöse Unterstützung, sondern oft auch psychosoziale Begleitung», betont Halilovic. Das bedeutet, dass man die Menschen auch auf der psychologischen und sozialen Ebene unterstützt. Der Inhalt des Gesprächs muss nicht zwingend strikt religiös sein; er kann auch Alltagsthemen umfassen, die eine Person belasten. Die muslimische Seelsorge richtet sich an Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen. In Spitälern sind es oft Patienten, die schwere Krankheiten durchmachen oder mit dem Tod konfrontiert sind. In Asylzentren finden Menschen durch die Seelsorge Trost, die aus schwierigen Verhältnissen geflüchtet sind und mit Unsicherheit, Traumata oder kulturellen Barrieren kämpfen. In Gefängnissen können Themen wie Schuld, Reue und gesellschaftliche Reintegration im Fokus stehen.

Bild: Ausschnitt aus dem Büro von Abduselam Halilovic. Foto: @Salome Deniz
Die muslimische Seelsorge geht weit über das rein Religiöse hinaus. Neben der theologischen Unterstützung – etwa durch Gebete oder das Lesen aus dem Koran – helfen Seelsorger:innen auch bei sozialen und psychologischen Problemen. Sie vermitteln bei Bedarf an spezialisierte Fachstellen wie Sozialdienste, Schuldenberatungen oder psychologische Betreuung weiter. Abduselam Halilovic beschreibt dies als ein Gleichgewicht zwischen religiöser Verantwortung und weltlicher Hilfestellung. «Manchmal geht es nur um den Glauben, aber oft sind es auch die alltäglichen Belastungen, die Menschen in schwierige Situationen bringen.»

Bild: Abduselam Halilovic im Interview. Foto: @Mina Deniz
Ein Tag als Seelsorger: Kein Tag gleicht dem anderen
Die muslimische Seelsorge ist eine flexible und vielseitige Aufgabe. «Es gibt keinen typischen Arbeitstag», sagt Halilovic und fährt sich mit der Hand kurz über das Kinn, ein nachdenkliches Lächeln im Gesicht. Und obwohl es die Planung des Tages einerseits erschwert, gefalle ihm und fasziniere ihn genau diese Unvorhersehbarkeit an seiner Arbeit. Ein Tag kann mit einer Teamsitzung beginnen, in der aktuelle Fälle besprochen werden, dann könnte eine Begleitung im Spital folgen, ein Beratungsgespräch im Gefängnis oder ein Notruf aus einem Asylzentrum. Oft werden Seelsorger:innen kurzfristig zu Krisen gerufen, etwa wenn ein Patient stirbt oder eine Familie mit einer schwierigen Nachricht konfrontiert wird.
In vielen Fällen sind die Gespräche tiefgehend und emotional belastend. Der Umgang mit traumatisierten Menschen erfordert Fingerspitzengefühl und Erfahrung. Wenn ein junger Mensch stirbt oder eine Familie ihr Kind verliert, sind das schwierige Situationen, in denen man lernen muss, professionell zu bleiben. Während des Interviews mit Halilovic wurde mir klar, dass Seelsorge viel mehr ist als Zuhören. Es ist eine Kunst, die richtigen Worte zu wählen, wenn es schwerfällt welche zu finden. Dabei übernehmen muslimische Seelsorger:innen drei zentrale Aufgaben:
- Gesprächsführung – Sie hören zu, führen einfühlsame Gespräche und richten den Fokus auf die Bedürfnisse der betroffenen Person.
- Islamische Rituale – Dazu können gemeinsames Gebet, das Sprechen von Bittgebeten (Dua) oder das Rezitieren des Korans, insbesondere in Krisensituationen gehören.
- Vermittlung & Unterstützung – Sie helfen, passende Anlaufstellen zu finden, z. B. Sozialdienste oder Beratungsangebote.

Bild: Ausschnitt aus dem Empfangsbereich der Paulus Akademie. Foto: @Mina Deniz
Da muslimische Seelsorger:innen regelmässig mit herausfordernden und belastenden Situationen konfrontiert sind, gibt es die Supervision und die Intervision, um sie zu unterstützen. In der Supervision reflektieren sie mit einem erfahrenen Therapeuten ihre Erlebnisse und Herausforderungen. Die Intervision bietet Raum für den Austausch im Team, um schwierige Situationen gemeinsam zu besprechen, voneinander zu lernen und gestärkt in die nächsten Begegnungen zu gehen.
Neben den direkten Gesprächen ist auch die organisatorische Arbeit ein wichtiger Teil der Seelsorge. Abduselam Halilovic leitet zusammen mit weiteren Kolleginnen und Kollegen ein Team von Seelsorger:innen, das in verschiedenen Institutionen tätig ist. Dazu gehören die Koordination der Einsätze, die Weiterbildung der Mitarbeitenden und die enge Zusammenarbeit mit Institutionen wie Spitälern und Gefängnissen. Diese sind entscheidend, um eine hohe Qualität der Betreuung sicherzustellen.
Auf die Frage, was Seelsorge für ihn persönlich bedeutet, antwortet Halilovic: «Für uns Musliminnen und Muslime hat Gott viele Namen und Eigenschaften, von denen die Barmherzigkeit eine zentrale Rolle spielt. Im Koran beginnt jede Sure mit Bismillahirrahmanirrahim – ‹Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers›. Gott selbst sagt: Ruft mich als Ar-Rahman oder als Allah, ich bin euch nah. Diese Barmherzigkeit zu leben, bedeutet für mich Seelsorge: Menschen in schwierigen Situationen beizustehen, sie zu unterstützen und ihnen Hoffnung zu schenken.»

Bild: Ausschnitt aus dem Koran. Foto: @Mina Deniz
Gesellschaftliche Bedeutung und interreligiöser Dialog
Die muslimische Seelsorge ist eng mit anderen Glaubensgemeinschaften verknüpft. In vielen Institutionen arbeiten muslimische und christliche Seelsorger:innen zusammen. Abduselam Halilovic betont die enge Zusammenarbeit mit Kirchen, insbesondere im Bereich der interreligiösen Betreuung.
Die VIOZ (Vereinigung der islamischen Organisationen in Zürich) ist der muslimische Dachverband im Kanton Zürich und vertritt rund 80 % der Moscheegemeinschaften im Kanton. Von den etwa 50 Moscheen sind 40 Mitglieder der VIOZ, wodurch ein Grossteil der muslimischen Gemeinden unter einem Dach vereint ist. Zusammen mit dem Kanton Zürich hat die VIOZ den Verein Qualitätssicherung der muslimischen Seelsorge in öffentlichen Institutionen im Kanton Zürich (QuaMS) gegründet. Damit werden die Qualität und Verfügbarkeit der muslimischen Seelsorge in öffentlichen Institutionen im Kanton Zürich sichergestellt. Ein zentrales Anliegen der VIOZ ist die Förderung des interreligiösen Dialogs auf verschiedenen Ebenen. Angefangen damit, dass sich die Räumlichkeiten von VIOZ und QuaMS, wie auf dem Bild ersichtlich, in der Paulus Akademie befinden. Diese ist ein katholisches Bildungs- und Dialogzentrum. Die Nutzung der Räumlichkeiten durch verschiedene Glaubensgemeinschaften steht exemplarisch für die Zusammenarbeit zwischen Muslim:innen und Christ:innen.

Bild: Ausschnitt der Paulus Akademie. Foto: @Mina Deniz
Im Bereich der Seelsorge arbeiten sie interreligiös, von der untersten bis zur obersten Ebene, in enger Zusammenarbeit. Die Kirchen sind Teil der Begleitkommission von QuaMS. Dabei betreuen muslimische Seelsorger:innen oft auch Nicht-Muslime, ebenso wie christliche Seelsorger:innen Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen begleiten. Dies geschieht beispielsweise, weil sie die passende Sprache sprechen, sich die Situation so ergibt oder ein Kollege krankheitsbedingt ausfällt. In solchen Fällen weist man sich gegenseitig Ratsuchende zu, wodurch eine vertrauensvolle Zusammenarbeit entsteht.

Bild: Ausschnitt der Paulus Akademie. Foto: @Mina Deniz
Ein Beispiel für diese Zusammenarbeit sind gemeinsame Feiern von religiösen Festen wie Weihnachten oder Bayram. Solche Anlässe dienen nicht nur der Gemeinschaft, sondern auch als Zeichen der Offenheit und des interkulturellen Dialogs. «Wenn wir Feste gemeinsam feiern, zeigen wir, dass wir zusammenleben und miteinander tätig sein können», sagt Halilovic.
Dieser interreligiöse Dialog zeigt, wie eng Religion und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verknüpft sind. Diese Dynamik spiegelt sich auch in der demografischen Entwicklung wider, wie die Statistik zur Religionslandschaft verdeutlicht. Eine demografische Entwicklung beschreibt die Veränderung der Zusammensatzung einer Bevölkerung während eines bestimmten Zeitraumes.
Die Grafik des Bundesamtes für Statistik zeigt eine deutliche Zunahme der muslimischen Glaubensgemeinschaft im Jahr 2023 im Vergleich zu früheren Jahren. Der Anteil der islamischen Glaubensgemeinschaften in der ständigen Wohnbevölkerung ab 15 Jahren ist seit 1970 von 0,2 % kontinuierlich angestiegen und erreichte im Jahr 2023 einen Wert von 6 %. Mit dem wachsenden Anteil muslimischer Bürger:innen steigt auch der Bedarf an muslimischer Seelsorge in der Gesellschaft.

Grafik: @Bundesamt für Statistik.
Ein Blick in die Zukunft
Die Herausforderungen der muslimischen Seelsorge entwickeln sich stetig weiter. Neue gesellschaftliche Fragen wie die ethische Debatte um Organspende oder assistierten Suizid erfordern kontinuierliche Weiterbildung. «Assistierter Suizid ist islamisch betrachtet problematisch. Doch wenn eine Person sagt, dass sie das möchte, stellt sich die Frage – begleite ich sie trotzdem? Es bleibt ein Mensch mit Bedürfnissen, einer Seele und einem Herz. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, wie wir mit solchen Situationen umgehen und wie wir Betroffene bestmöglich unterstützen können», erklärt Abduselam Halilovic, seine Worte sind wohlüberlegt.

Bild: Abduselam Halilovic. Foto: @Mina Deniz
Menschlichkeit im Mittelpunkt
Die muslimische Seelsorge in der Schweiz leistet wertvolle Unterstützung an der Schnittstelle von Religion und psychosozialer Begleitung. Sie bietet Trost, Orientierung und praktische Hilfe in schwierigen Lebenssituationen. Die enge Zusammenarbeit mit anderen Glaubensgemeinschaften zeigt, dass die Seelsorge keine Grenzen kennt. Im Zentrum steht der Mensch, mit seinen Sorgen, Hoffnungen und der Suche nach Halt.
*Die Schülerin möchte anonym bleiben; ihr Name ist der Redaktion bekannt.
Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religion an der Kantonsschule Zürich Nord entstanden. Die Klasse hat sich im Unterricht mit der Frage beschäftigt, was Religion ist, wie Religion medial dargestellt wird und welche Rolle Stereotype und Vorurteile dabei spielen. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, wie religionswissenschaftliche Perspektiven zur Darstellung von Religion beitragen können. Dabei ging es auch um die Frage, wie man Reportagen schreibt, worauf es bei der Recherche ankommt und weshalb religion.ch sich für eine menschenzentrierte Herangehensweise entschieden hat. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte gleich in die Praxis umgesetzt.
