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Die (Un)benannten

Im Film «Die (Un)benannten» portraitiere ich Yasemin und Fatime, zwei kopftuchtragende Musliminnen aus der Schweiz. Von Beginn weg war mir klar, dass es herausfordernd sein würde, diesen beiden Frauen aus meiner Perspektive eine Stimme zu geben.

Zufälligerweise las ich während meiner Ideenfindung das Buch «Sprache und Sein» von Kübra Gümüşay. Neben vielen anderen Aspekten thematisiert sie in ihrem Buch, wie sie selbst und andere kopftuchtragende Frauen kategorisiert werden und wie ihnen somit ihre Individualität abgesprochen wird. So würden jene Frauen mit ihrem Kopftuch eine ganze Weltreligion, den Islam, repräsentieren. Das Buch von Kübra Gümüşay zeigte mir auf, wie sich kopftuchtragende Musliminnen fühlen müssen, soweit ich das aus meiner Aussenperspektive nachvollziehen kann. Das Buch inspirierte mich dazu, Yasemin und Fatime zu portraitieren und ihnen mit diesem Film ihre entzogene Individualität gewissermassen zurückzugeben. 

Yasemin unterwegs....
Yasemin unterwegs….

So liess ich die beiden Frauen einige Textstellen aus «Sprache und Sein» vorlesen. Davon abgeleitet führten wir Gespräche. Ich setzte mir zum Ziel, Yasemin und Fatime so darzustellen, dass sie nicht zur Repräsentation ihrer ganzen Religion werden. Ob mir das gelungen ist, weiss ich nicht und sollen die Zuschauenden für sich selbst entscheiden.

«Lassen Sie uns Sprache als einen Ort denken. Als ein ungeheuer grosses Museum, in dem uns die Welt da draussen erklärt wird (…) Es gibt zwei Kategorien von Menschen in diesem Museum. Die Benannten und die Unbenannten. Die Unbenannten sind die Menschen, deren Existenz nicht hinterfragt wird. Sie sind der Standard. Die Norm (…) Wie frei und unbeschwert sie sich im Museum der Sprache bewegen können, wird erst deutlich, wenn wir die zweite Kategorie von Menschen in diesem Museum betrachten: die Benannten. Sie sind zuerst einfach nur Menschen, die auf irgendeine Weise von der Norm der Unbenannten abweichen. Anomalien im Weltbild der Unbenannten. Nicht vorhergesehen. Fremd. Anders. Manchmal auch einfach nur ungewohnt. Unvertraut. Die Unbenannten wollen die Benannten verstehen – nicht als Einzelne, sondern im Kollektiv. Sie analysieren sie. Inspizieren sie. Kategorisieren sie. Katalogisieren sie. Das ist der Moment in dem aus Menschen Benannte werden. In dem Menschen entmenschlicht werden.»
Gümüşay, Kübra (2020): Sprache und Sein. 10. Auflage. Berlin: Hanser Berlin.

Lea Bloch hat an der Universität Zürich Kommunikationswissenschaften und Religionswissenschaften studiert. Sie ist Videoredaktorin beim Online Newsportal watson und arbeitet nebenbei an eigenen Filmprojekten.