Sr. Ingrid hat sich bewusst für ein Leben im Kloster und die sexuelle Enthaltsamkeit entschieden – nicht aus Zwang, sondern aus Überzeugung. Doch was bedeutet Verzicht, wenn er freiwillig ist? Und wie passt Erotik in das Leben einer Ordensschwester? Im Gespräch erzählt sie von ihrer Haltung zu Sexualität, spiritueller Nähe und der Freiheit, den eigenen Weg zu wählen.
In ihrer Tracht wirkt sie stets ähnlich und doch hinterlässt sie ganz unterschiedliche Eindrücke. Das überrascht kaum, wenn man auf das facettenreiche Leben von Sr. Ingrid blickt. Als Moderatorin der Sternstunde Religion, Lehrerin und Ordensschwester im Kloster Ilanz vereint sie viele Rollen in sich. Sie hinterlässt den Eindruck einer mutigen und warmherzigen Frau mit grossem Verantwortungsbewusstsein – zugleich zeigt sie sich als gewitzte Person mit einem herzlichen Lachen und viel Lebensfreude. Wie all das unter ihre eine Tracht passt, erfahren wir in einem Gespräch über ihr Leben, ihre Religion und Sexualität. Dabei wird ihre eigenständige Religiosität ebenso spürbar wie ein ihr tief verwurzeltes Bedürfnis nach Bewegung, das bereits ihre Klosterwahl prägte: «Ich wollte nicht in ein Kloster eintreten, in dem es nur ein Gebäude gibt, nur einen Ort und eine Gruppe von Schwestern, mit der man von der Wiege bis zur Bahre zusammenlebt. Ich wollte Bewegung.»
Eine junge Frau, die ihre Entscheidungen allein trifft
Unser Gespräch über Religion und Sexualität findet in einem Gebäudeteil des Klosters statt, in dem Sr. Ingrid vor Jahren als Lehrerin im Internat von Ilanz unterrichtete. Heute dient dieser Ort als Haus der Begegnung – ein Raum für Bildung und Austausch, der das Kloster nach aussen öffnet.
Sr. Ingrid empfängt uns hier herzlich und ermutigt uns, alle Fragen zu stellen, die uns durch den Sinn kommen. Mit einem heiteren Lächeln stellt sie klar, dass sie als Person des öffentlichen Lebens schon eine breite Palette an Fragen gehört habe – sie sei in dieser Hinsicht «abgebrüht». Während sie spricht, wird aber auch deutlich, dass sie sich aufrichtig mit den angesprochenen Themen auseinandersetzt. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Nachdenklichkeit und Gelassenheit, die zu ihrer besonderen Ausstrahlung beiträgt?
Ihre Reaktion auf unsere erste Frage lässt auf feine Art durchblicken, wie oft sie sie wohl schon gehört hat – dennoch erzählt sie geduldig und ausführlich, wie sie Ordensschwester wurde.

Schwester Ingrid. Bild: SR Grave.
Bereits während des Gymnasiums kam sie in Südoldenburg mit Ordensschwestern in Kontakt. Doch erst nach ihrem 20. Lebensjahr begann sie, ernsthaft darüber nachzudenken, selbst diesen Weg einzuschlagen. Wie sie im Artikel «Über das ganze Leben» in der feministisch-theologischen Zeitschrift FAMA (4/2024) erwähnt, akzeptierten ihre Eltern ihre Entscheidung, auch wenn sie zunächst wenig Begeisterung für ihren Kloster-Plan zeigten. Die Idee, ins Kloster zu gehen, kam allein von ihr und entsprang einem bestimmten Gefühl.
Die Idee ins Kloster zu gehen, kam allein von ihr und entsprang einem bestimmten Gefühl.
Orientierungshilfe von aussen erhielt sie keine – es lag allein an ihr, darauf zu vertrauen und diesen Weg zu gehen. Dass das Leben als Ordensschwester den Verzicht auf Sexualität mit sich bringt, war ihr bewusst. Doch auch wenn dieser Gedanke Zweifel in ihr geweckt hätte, war ihr schon damals klar: Am Ende ist es ihr Gefühl, das sie leiten muss. So reiste sie nach Ilanz.
Sexuelle Identität und ihre religiösen Konsequenzen
Auch wenn Sr. Ingrid ihren Weg unabhängig von den Vorstellungen anderer geht, ist ihr die Tragweite einer solchen Entscheidung bewusst. Sie erzählt von einer Mitschwester und Freundin, die sich in einen Mann verliebte und dadurch erkannte, dass ein anderes Lebensmodell besser zu ihr passte. Die Konsequenz jedoch war der Klosteraustritt der Freundin, denn gelebte Sexualität und ein Leben im Orden lassen sich nicht vereinen. Genauso konsequent sieht sie es bei homosexuellen Ordensschwestern. Wenn eine Frau mit homosexueller Orientierung ins Kloster eintritt und sich ebenso an das Gelübde der Ehelosigkeit hält, unterscheidet sich ihr Leben in dieser Hinsicht nicht von dem aller anderen Ordensschwestern.
Innerhalb der Gemeinschaft ist der Umgang mit dem Bedürfnis nach körperlicher Nähe heute offener.
Innerhalb der Gemeinschaft ist der Umgang mit dem Bedürfnis nach körperlicher Nähe heute offener als noch vor hundert Jahren. Sr. Ingrids Novizenmeisterin erzählte ihr, dass um 1900 bereits ein Händedruck als zu viel Nähe galt. Heute sind Umarmungen oder die Geste einer Hand auf der Schulter in Ordnung. Dadurch ergeben sich Grauzonen, in denen Zuneigung in unterschiedlichem Mass gezeigt und empfunden werden kann. Denn wie überall gibt es auch in der Ordensgemeinschaft Menschen, zu denen man eine engere Verbindung spürt, und andere, zu denen man weniger Zugang hat – so ist es auch für Sr. Ingrid.

Zeitweise erlebte sie auch die Schattenseite dieses Umgangs. Sie liegt in den einsamen, unsicheren Momenten und Zweifeln. Sr. Ingrid spricht offen über Gedanken, die sie manchmal beschäftigt hatten – wie es wohl wäre, einen Menschen an ihrer Seite zu haben, der sie versteht und mit dem sie über alles sprechen kann? In solchen Momenten hat sie immer wieder nach ihrem Gefühl gesucht, das ihr half, sich zu reflektieren und herauszufinden, ob sie im Reinen mit ihrem Leben und sich selbst ist.
Jesu Rolle in Sr. Ingrids Leben
Für ein Leben als Ordensschwester sieht sich Sr. Ingrid berufen – jedoch nicht durch eine göttliche Erscheinung oder eine direkte Offenbarung. Vielmehr versteht sie ihre Berufung als das Ergebnis einer vertieften Auseinandersetzung mit sich selbst. Dabei stellt sie sich die Frage, ob sie ein Leben als Ordensschwester so führen kann, wie sie es für richtig hält.
Ihre christliche Ausrichtung zeigt sich in ihrer Orientierung an der Gestalt Jesu. Seine Botschaft und gelebten Werte stehen für sie im Mittelpunkt. Mit Nachdruck plädiert sie dafür, die Bibel im historischen Kontext zu betrachten und neu auszulegen. Sie sieht die biblischen Texte als Dokumente anderer Zeiten, die nicht wortwörtlich übernommen, sondern im Lich von Jesu Liebe zu und zwischen Menschen verstanden werden sollten.
Sie plädiert dafür, die Bibel im historischen Kontext zu betrachten.
Diese Haltung widerspiegelt ihre grundlegende Orientierung an ihrem eigenen Empfinden, anstatt sich von dominanten gesellschaftlichen oder kirchlichen Stimmen leiten zu lassen. Sie ist bereit, vorherrschende Überzeugungen und Dogmen ihrer Kirche in Frage zu stellen. Innerhalb einer Institution wie der Kirche erfordert dies Mut, Entschlossenheit und auch die Bereitschaft, die eigenen Einstellungen immer wieder neu abzuwägen.
Von der Vorstellung, als Ordensschwester mit Gott verheiratet zu sein, distanziert sie sich lächelnd und beschreibt ihre persönliche Beziehung zu Gott vielmehr als eine tiefe, innere Verbindung.
Die entscheidende Rolle der Motivation für oder gegen sexuelle Enthaltsamkeit
Während ihrer Zeit bei Sternstunde Religion lernt Sr. Ingrid die Autorin Irene Gysel kennen, die in ihrem Buch Katharina von Zimmern die Geschichte der letzten Äbtissin von Zürich aufarbeitete. Mit 13 Jahren tritt die Protagonistin in die Abtei ein und muss mit 18 ein Keuschheitsgelübde ablegen. Sr. Ingrid betrachtet ein solches, von aussen auferlegtes Zölibat kritisch. Sie findet, es sei zu viel verlangt, von einem 18-jährigen Mädchen eine Entscheidung über ihre Keuschheit zu fordern, wenn sie zuvor keine Möglichkeit hatte, sich in unterschiedlichen Kontexten kennen zu lernen.
Von Menschen ein zölibatäres Leben zu verlangen, findet Sr. Ingrid nicht richtig.
Für sie selbst jedoch ist sexuelle Enthaltsamkeit keine Einschränkung – weil sie diese Entscheidung bewusst und aus eigenem Antrieb getroffen hat. Sie wollte sich damit Zeit für sich selbst schaffen und mehr Raum für die Auseinandersetzung mit Theologie und Spiritualität gewinnen. Liegt die Motivation für sexuelle Enthaltsamkeit ausschliesslich ausserhalb von sich selbst, etwa wenn ein Amt nur unter dieser Bedingung ausgeübt werden kann, spricht sie von einem unfreiwilligen Zölibat. Eine solche Entscheidung könne dann nur mit dem Kopf getroffen werden. Auch hier betont sie, wie wichtig es sei, die eigene Empfindung wahrzunehmen und selbst zu beurteilen, ob man sich damit frei fühlt. Falls sich dieses Gefühl dauerhaft verändert, müsse man Konsequenzen daraus ziehen, um sich selbst treu zu bleiben. Von Menschen ein zölibatäres Leben zu verlangen, findet Sr. Ingrid nicht richtig.
Sexualität im religiösen Leben
In welcher Form Sexualität in ein spirituelles Leben passt, variiert von Person zu Person. Sr. Ingrids Leben ohne Partnerschaft kommt ihrem Wunsch nach einer vertieften Auseinandersetzung mit Spiritualität entgegen, doch das Thema beschäftigt sie immer wieder. Ihre Mutter habe ihre eigene Spiritualität innerhalb einer Ehe gelebt, ohne sich allzu sehr an die Regeln der religiösen Institutionen zu binden. Das habe sie an ihrer Mutter geschätzt. Gleichzeitig könne es aber auch sein, dass zwei spirituell interessierte Menschen durch ihre geteilte Sexualität eine noch tiefere Spiritualität spüren.
Für sie gehört Erotik zum Menschsein.
Für sie stehen Religion und Erotik nicht im Widerspruch. Im Gegenteil verweist sie auf die erotischen Texte der Mystikerin Hildegard von Bingen und das Hohelied der Bibel. Letzteres kann jede Schwester für sich lesen, ohne dazu die Unterweisung durch einen Priester in Anspruch zu nehmen. Sr. Ingrid sieht darin die Darstellung von Erotik zwischen zwei Menschen. Für sie gehört Erotik zum Menschsein und trägt zur Schönheit des Lebens bei. Zum Abschluss des Gesprächs gibt sie uns mit einem verschmitzten Lächeln die Hand – und fragt augenzwinkernd, ob diese Berührung nun erotisch gewesen sei.
Dieser Artikel ist im Rahmen des Seminars «Religion und Sexualität» an der Universität Bern entstanden. Die Studierenden beschäftigten sich mit der Frage, wie Sexualität in heutigen religiösen Diskursen konstruiert wird, welche Normvorstellungen existieren, welche Schriftauslegungen es gibt und welche Bestimmungen in unterschiedlichen religiösen Kreisen als gültig betrachtet werden. Unter der Leitung von Janina Maris Hofer unternahmen sie eine Exkursion durch die Schweiz, bei der sie fünf Personen aus verschiedenen religiösen Gemeinschaften trafen. Die Gespräche mit diesen Personen dienten als Grundlage für die Reportagen und Porträts, die nun auf religion.ch veröffentlicht werden. Die Serie wird eingeleitet mit einem Artikel von Rafaela Estermann zu Religion und Sexualität im Diskurs. Zum Abschluss verfasst Janina Maris Hofer einen Artikel, in dem sie die geführten Gespräche im fachlichen Kontext reflektiert und die Erkenntnisse zusammenführt.
