Magnus H.

Fussball, Glaube und ein Neuanfang

Integration ist ein viel verwendeter Begriff in Politik und den sozialen Medien. Und doch bedeutet er für jede Person etwas anderes. Für die einen geht es um Sprache oder Arbeit, für andere darum, ein neues Leben aufzubauen oder Zugehörigkeit zu finden. Doch was bedeutet Integration für jemanden, der seine Heimat verlassen und alles hinter sich lassen musste? Diese Reportage begleitet Yusef Osman, einen Flüchtling aus Syrien, in seinem Alltag. Wie gelingt es ihm, sich in kurzer Zeit, ein neues Leben aufzubauen und welche Rolle spielt sein Glaube dabei?

Die Antwort auf diese Fragen finde ich nicht in einem Buch, sondern auf dem Fussballplatz. Genauer gesagt, auf dem Platz des FC Witikon. Ich spiele seit fünfzehn Jahren bei diesem Verein, dessen Sportanlage sich an einem ruhigen Waldrand befindet. Hier werden auch Geschichten erzählt, die mehr Aufmerksamkeit verdienen. Eine davon gehört Yusef Osman.

Yusef

Yusef ist 18 Jahre alt und kommt aus Syrien. Heute lebt er mit seiner Schwester in der Schweiz. Anfangs wohnte er in einem Asylzentrum in Volketswil. Dank Joe, einem Betreuer, fand er den Weg zum FC Witikon. Als er hörte, dass Joe dort spielt, wollte er sofort auch mitmachen. Durch sein fussballerisches Talent wurde Yusef nach einem Probetraining sofort aufgenommen.

Bild: Yusef Osman. Foto: @Philipp Burckhardt

Mittlerweile ist es dreieinhalb Jahre her, seit Yusef von Syrien in die Schweiz geflüchtet ist. Eine Wahl hatte er nicht, da in Syrien seit Jahren Krieg herrscht. Seine Mutter ist noch in Syrien, sein Vater ist verstorben. Als er mir das erzählte, wollte er kein Mitleid. Er sagte es ruhig. Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Er hat sich alleine an eine komplett neue Umgebung, eine andere Kultur anpassen und eine neue Sprache lernen müssen.

Schwer war vor allem die Sprache

Er macht eine Lehre als Montage-Elektriker und lernt fleissig Deutsch. «Am Anfang war es sehr schwer, vor allem wegen der Sprache», sagt er. Er verstand nicht viel, doch sein Wortschatz verbessert sich stetig. Mittlerweile versteht er fast alles und spricht auch sehr gut Deutsch.

Dass die Sprache einer der wichtigsten Integrationsfaktoren ist, bestätigt auch ein ehemaliger Trainer von Yusef. Obwohl er und andere Flüchtlinge Deutschunterricht hatten, brachte das auf dem Fussballplatz wenig. Da die Hauptsprache Schweizerdeutsch ist, war vor allem das Verständnis entscheidend. Yusef sagt: «Wenn ich nicht Schweizerdeutsch gelernt hätte, wäre es schwierig geworden.» Er ist froh, auch den Dialekt recht schnell gelernt zu haben.

Der Deutschunterricht brachte Yusef wenig auf dem Fussballplatz.

Nicht nur für das Verständnis im Alltag, auch auf dem Fussballplatz ist das wichtig. Wenn die Trainer eine Ansprache hielten oder die Taktik erklärten, fragte Yusef direkt nach, wenn er etwas nicht verstand. «Wenn du nicht verstehst, wie der Trainer spielen will, wirst du sofort ausgewechselt», sagt Yusef.

Wenn ich mir das durch den Kopf gehen lasse, bin ich wirklich schwer beeindruckt. Als Vierzehnjähriger einfach in ein neues Land zu kommen. Man kennt niemanden, versteht die Sprache nicht, die Eltern konnten nicht mitkommen – alles ist anders.

Nach einem intensiven Training sitzen wir beide auf der Bank und unterhalten uns. Auf die Frage, ob er weiss, was die Zukunft bringen wird, sagt er: «In Syrien ist Krieg. Im Moment darf ich nicht nach Syrien reisen. Wollen würde ich es aber auch nicht. Ich bin glücklich, in der Schweiz zu sein, hier habe ich eine Zukunft.»

Sobald er den Ball berührt, blüht er auf

Da wir uns viermal pro Woche wegen der Trainings und des Matches sehen, haben wir keinen fixen Termin für das Portrait vereinbart. Durch die bisherigen Gespräche weiss ich bereits viel über Yusefs Geschichte. Nun habe ich während der Trainings meinen Fokus nochmals stärker auf ihn gelegt.

Seit drei Jahren spiele ich mit ihm. In den ersten Wochen war er sehr ruhig und zurückhaltend. Das ist er teilweise heute noch, doch sobald er den Ball berührt, blüht er auf. Er ist plötzlich aktiv und gibt Anweisungen. Seit klein auf begleitet ihn der Fussball: Auch in Syrien spielte er. Wegen des Kriegs konnte er zwar nicht immer in einem Verein kicken, doch auf den Strassen spielte er immer mit Freunden. Wenn möglich verfolgten sie jedes Spiel ihrer Lieblingsmannschaft FC Barcelona.

Fussball und Integrationsarbeit

Ein wichtiger Bestandteil für die Integration von Yusef ist auch der FC Witikon als Verein. Seit ein paar Jahren setzt der Klub verstärkt auf die Integration von Flüchtlingen. Die wichtigste Person in diesem Projekt ist Philipp Burckhardt. Er ist Sozial- und Integrationsbeauftragter beim FCW. Er investiert viel Zeit, sucht den Kontakt zu den Flüchtlingen und versucht, ihnen den Einstieg im Verein zu erleichtern. Ich habe mich einige Male mit ihm unterhalten und schnell erkannt, dass ihm das Wohlbefinden der Spieler wirklich am Herzen liegt. Er spricht mit den Spielern, erklärt Dinge und hilft, wenn etwas unklar ist. Für die meisten von uns sind es alltägliche Dinge, die für uns funktionieren, weil wir es nicht anders kennen, doch für Yusef war und ist das wertvoll und wichtig. Bis 2028 will der FC Witikon laut Integrationsprojekt bis zu 80 Geflüchtete in die Vereinsstruktur aufnehmen.

Bild: Yusef, erste Reihe ganz links, Philipp zweite Reihe, 2. von rechts. Foto: Homepage FC Witikon

Die Gebete helfen eine Routine im Alltag zu haben

Neben dem Fussball und der Ausbildung nimmt auch der muslimische Glaube einen wichtigen Platz in seinem Leben ein. Yusef ist praktizierender Muslim und legt Wert darauf, fünfmal am Tag zu beten. Das zieht er durch. Ich habe ihn gefragt, wie er das jeden Tag schafft und er meinte «Religion ist sehr wichtig für mich, da ich während des Betens für eine kurze Zeit abschalten und mich zurückziehen kann.» Das Gebet gibt ihm also eine Routine.

Er erzählte mir, dass er zuhause einen Gebetsteppich hat und sein Gebet meist dort verrichtet, um sich konzentrieren zu können. Das tägliche Gebet gehört zu den wenigen Dingen in Yusefs Leben, die konstant geblieben sind. In einem Gespräch über seine Heimat Syrien nahm ich zudem wahr, dass ihn das Gebet mit seiner Heimat verbindet. Denn auch dort betete er. Der Unterschied besteht darin, dass er das Gebet damals gemeinsam mit seiner Familie verrichten konnte.

Das tägliche Gebet gehört zu den wenigen Dingen in Yusefs Leben, die konstant geblieben sind.

Für mich ist es spannend zu sehen, dass er sich integriert hat, ohne alle «alten» Dinge wie zum Beispiel seinen Glaube aufzugeben. Denn sein Glaube wird ihn für immer mit seiner Heimat verbinden.

Yusef musst sich einen «normalen» Alltag erkämpfen

Beim FC Witikon hat er seinen Platz gefunden. Er ist Teil des Teams, lacht mit uns und regt sich bei Fehlern auf, wie jeder andere auch. Und trotzdem ist seine Geschichte eine ganz andere. Das wird mir immer wieder bewusst, wenn ich darüber nachdenke. Für mich war vieles selbstverständlich. Ich bin hier aufgewachsen. Schule, Freunde und Fussball – das war einfach normal.

Yusef musste sich den für uns normalen Alltag mit Disziplin und in kurzer Zeit selbst aufbauen. Für ihn ist dieser Ablauf inzwischen quasi auch «normal»: Er steht jeden Morgen auf, macht seinen Job als Montage-Elektriker, baut seinen Wortschatz weiter aus, kommt nach Hause, geht ins Training und nimmt sich dazwischen kurze Auszeiten für die Gebete. Das beeindruckt mich sehr und ich glaube, viele unterschätzen, wie schwierig das ist.

Bild: Yusuf auf dem Feld. Foto: @Philipp Burckhardt

Mir gehen bei den Gesprächen jedoch nicht nur positive Gedanken durch den Kopf. Wie kann es sein, dass ein Vierzehnjähriger so viel durchmachen musste? Er sieht seine Eltern nicht, ist mit seiner Schwester in ein fremdes Land geflüchtet und muss sich anpassen. Auf mich wirkt das nicht fair. Doch als Mitspieler und Kollege sind das nur weitere Gründe, Yusef Respekt zu zollen. Während ich in dieser Situation wahrscheinlich vor Wut und Verzweiflung fast geplatzt wäre, akzeptiert Yusef es einfach und macht das Beste daraus.

Nach dieser Reportage ist Integration für mich nicht mehr nur ein technischer Begriff, sondern etwas Sichtbares geworden. Es ist nicht perfekt und geschieht nicht von heute auf morgen, aber es funktioniert, wenn man dranbleibt. Yusef ist für mich kein Flüchtling, sondern ein Mitspieler und Kollege. Und jemand, vor dem ich grossen Respekt habe.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religionswissenschaften am Literargymnasium Rämibühl entstanden. Im Unterricht ging die Klasse der Frage nach, was eine Religion überhaupt ausmacht, wie sich die Schweizer Religionslandschaft verändert und wie Medien das Bild von Religionen prägen. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Rolle von Stereotypen und Vorurteilen. Passend dazu erhielten die Schüler:innen im Rahmen ihres Reportagenprojekts einen Crashkurs im Schreiben von Reportagen und im Fotografieren. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, welche Methoden es für eine kontextuelle Darstellung von Religionen gibt und weshalb religion.ch den Fokus auf die gelebte Religion legt. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte in die Praxis umgesetzt.


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Autor:in

  • Magnus H.

    Magnus H. ist Maturand am Literargymnasium Rämibühl. Diese Reportage ist im Rahmen des Ergänzungsfach Religionslehre entstanden. Magnus H. hat diese basierend auf persönlichen Begegnungen mit Yusef im Fussballverein FC Witikon geschrieben.

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