Lina

Gespräch mit einem Pfarrer

Mit dem Pfarrberuf verbinden viele Menschen noch immer die Vorstellung einer Tätigkeit, die weit über einen gewöhnlichen Job hinausgeht. Doch was bedeutet es heute, Pfarrerin oder Pfarrer zu sein? Ein Gespräch mit Christoph Ammann über Beruf, Berufung und den Wandel eines traditionsreichen Amtes.

Im Jahr 2024 waren in der Schweiz laut SPI St. Gallen, dem Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut, rund 1807 reformierte Pfarrer:innen im Gemeindedienst tätig. Tendenz: Es werden immer weniger und auch die Zahl der Theologiestudent:innen ist rückläufig, wie die Zahlen auf der Plattform Theologiestudium nahelegen. Einer, der diesen Beruf jedoch aktiv ausübt, ist Christoph Ammann. Wüsste ich es nicht besser, hätte ich ihn bei unserem Treffen nicht direkt als Pfarrer erkannt. Dabei tragen natürlich auch Pfarrpersonen meistens Alltagskleidung und man kann ihnen ihre Arbeit nur selten ansehen. Warum auch? Schliesslich ist Pfarrersein auch nur ein Beruf – oder steckt doch mehr dahinter?

Bild: der Kirchturm. Foto: @Lina

Ein Beruf mit Berufung

Christoph Ammann ist seit 2017 Pfarrer der reformierten Kirche in Witikon. Dort treffe ich ihn auch für ein Gespräch, in einem Raum direkt neben der Kirche. Kurz vor der Matura entschied er sich dazu, Theologie zu studieren, mit dem Wunsch, Pfarrer zu werden. «Ich fand, dass man bei diesem Beruf mit vielen Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen in Berührung kommt. Das gefällt mir.» Dabei schaut er nachdenklich. «Ich habe einen langen Weg zurückgelegt, bevor ich fand, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen sei, den Beruf auch wirklich auszuüben.» Man nimmt ihm ab, dass dieser Entscheid nicht leichtfertig gefallen ist. Inzwischen hat er schon einige Jahre Berufserfahrung.

Bild: Christoph Ammann in einem Besprechungsraum im Pfarrhaus. Foto: @Lina

Witikon hat einen dörflichen Charakter, man kennt sich, es leben viele ältere Menschen hier. Pfarrer sein – das heisst zu einem grossen Teil auch Gemeindearbeit, Begegnungen, Gespräche. In Witikon ist das spürbar und viele Leute kennen Christoph Ammann. «Ich kann an einem Samstagmorgen nicht einfach mit Pyjamahose in die Migros laufen.» Er schmunzelt beim Erzählen. «Man hat nie wirklich frei, insbesondere dann nicht, wenn andere Leute frei haben, zum Beispiel am Sonntag», stellt er fest.

Bild: Die aufgeschlagene Bibel. Foto: @Lina

Im Gegensatz zu vielen anderen Berufen ist eine Pfarrperson immer irgendwie mit ihrer Arbeit verbunden. Das kann sich in ganz unterschiedlichen Situationen zeigen: sei es eine Idee, die während eines Spaziergangs auftaucht, oder ein Gedanke für den nächsten Gottesdienst, der ihm beim Lesen in den Ferien einfällt. Christoph Ammann sieht seinen Beruf auch als Berufung, die mit grosser Leidenschaft verbunden ist. Während des Interviews hört er aufmerksam zu, legt manchmal Denkpausen ein, berichtigt seine Antworten. Man merkt sofort: Hier ist jemand, der mit Leidenschaft spricht.

Bild: Christoph Amman vor dem Taufbecken. Foto: @Lina

Welche Rolle spielt der Beruf in der Familie?

Vor einigen Jahren ist auch Christoph Ammanns Frau Pfarrerin in Witikon geworden. Ihre drei Kinder haben also inzwischen gleich zwei Pfarrpersonen als Eltern – eine eher seltene Kombination. «Das ist natürlich speziell bei uns», erklärt er. Dadurch, dass sein Beruf und der seiner Frau im Alltag so omnipräsent sind, bekommt seine Familie viel davon mit, meint er. «Ja, manchmal kann das für unsere Kinder vielleicht auch nervig sein, wenn wir zum Beispiel gerade am Essen sind und über die Arbeit diskutieren. Aber das ist bei anderen Berufen ja im Prinzip nicht anders.»

Zu einem gewissen Grad stehen sie auch in der Öffentlichkeit: Eine Pfarrperson ist an ihrem Wohnort traditionell bekannt. «Doch nicht mehr so sehr wie früher – und weniger, als wenn man auf dem Land lebt.» Dass der Beruf zuhause potenziell konflikthaft sein könnte, kann er sich durchaus vorstellen, doch in seiner eigenen Familie bemerkt Christoph Ammann davon wenig.

Zwischen alt und neu

Das Thema Familie und der Einfluss des Pfarrerberufes darauf lassen mich im Verlauf des Gesprächs über Traditionen nachdenken. Religion und Kirche haben eine lange Tradition, manche Aspekte wirken vielleicht auch etwas altmodisch. Wie sieht Christoph Ammann das? Die Welt verändert sich stetig, wird digitaler, und das geht auch an einem Pfarrer nicht vorbei. Neue Kanäle zu nutzen, das sei wichtig, davon ist er überzeugt.

Bild: Kerze im Sand. Foto: @Lina

Stärker als die Säkularisierung fällt ihm die Individualisierung auf. Menschen gehen nicht mehr unbedingt zu einer bestimmten Uhrzeit in die Kirche, sondern «konsumieren» religiöse Inhalte dann, wenn sie Zeit dafür haben. «Und doch gewinnt das ‹Miteinander› vielleicht gerade jetzt an Bedeutung. Kirche lebt von Gemeinschaft.» Neben der Bedeutung von Kirche hat sich auch das Verhältnis zur Religion verändert, findet Christoph Ammann. «Glaube ist zu einer Option geworden. Menschen haben heute viele unterschiedliche Möglichkeiten, etwas zu glauben oder zu tun – Möglichkeiten aus aller Welt.»

Dabei wirkt er allerdings nicht pessimistisch, auch nicht, als ich ihn frage, ob das eine Bedrohung für seinen Beruf darstelle. Ja, auch in Witikon nimmt die Zahl der Mitglieder ab, bestätigt Christoph Ammann. Konkret ist das bislang jedoch kein Problem für seinen Beruf. «Wenn sich früher vielleicht 50 Kinder konfirmieren liessen, sind es heute ungefähr 10 bis 20. Dafür haben diese Kinder oft tatsächlich Lust darauf und sind nicht nur da, weil man das eben so macht.»

Gemeinsam gehen wir nach meiner letzten Frage kurz in die Kirche. Ich bitte Christoph Ammann, sich für meine Fotos kurz an verschiedene Orte zu stellen. Dabei fällt auf: Auch in Alltagskleidung steht er hier so selbstverständlich wie an einem Sonntagmorgen. In diesem Moment ist die Kirche ein Arbeitsort, jetzt gerade sind wir allerdings einfach zwei Personen, die an diesem Ort Fotos aufnehmen. Pfarrersein – das ist vieles. Vor allem aber ist es ein Beruf, den Christoph Ammann mit Freude ausübt, und diese Freude sieht man ihm – anders als seine Profession – unmittelbar an.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religionswissenschaften am Literargymnasium Rämibühl entstanden. Im Unterricht ging die Klasse der Frage nach, was eine Religion überhaupt ausmacht, wie sich die Schweizer Religionslandschaft verändert und wie Medien das Bild von Religionen prägen. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Rolle von Stereotypen und Vorurteilen. Passend dazu erhielten die Schüler:innen im Rahmen ihres Reportagenprojekts einen Crashkurs im Schreiben von Reportagen und im Fotografieren. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, welche Methoden es für eine kontextuelle Darstellung von Religionen gibt und weshalb religion.ch den Fokus auf die gelebte Religion legt. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte in die Praxis umgesetzt.


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