Die Daten vom Bundesamt für Statistik sind eindeutig: Die Anzahl an Kirchenmitgliedern in der Schweiz ist in den letzten Jahren deutlich gesunken. Aber dies bedeutet nicht, dass die Anzahl gläubiger oder spiritueller Menschen im gleichen Ausmass abgenommen hat. Einen Zugang zu einem persönlichen Glauben zu finden, heisst oft auch: ausprobieren, verwerfen, neu beginnen. Die ehemalige Kantonsschülerin Jamelia Müller, hat Betti getroffen, die zu einem Glauben gefunden hat, der sie selbst immer wieder zu innerer Stärke ermutigt und ihr in schwierigen Phasen Ruhe schenkt.
Es ist ein milder Februarmorgen, die Sonne spiegelt sich in der Limmat. Am Limmatquai treffe ich Betti, eine 18-jährige Schülerin, im Café. Ich bin gespannt auf ihre Geschichte – denn sie hat in einer Zeit grosser Trauer einen Weg gefunden, der sie zu einem neuen Zugang zu Glauben und innerer Stärke geführt hat.
In den vergangenen Monaten hat sich bei Betti etwas Grundlegendes verändert. Sie ist in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Religion keine Rolle spielte – geprägt von Vertrauen in Wissenschaft, persönlichen Erfahrungen und weltlichen Wertvorstellungen. Doch der Tod ihrer Grossmutter, ihrer «Omi», erschütterte etwas in ihr und liess sie über vieles neu nachdenken. Bettis Geschichte zeigt, wie tief persönliche Erfahrungen den eigenen Blick auf die Welt verändern können – und dass sich dadurch manchmal auch neue Zugänge zu spirituellen Fragen eröffnen.
Betti erzählt mir mit ernster Miene: «Ich war ziemlich am Boden, bevor überhaupt irgendetwas wieder Sinn machte. Die Monate vor dem Tod meiner Oma waren sehr schwer. Ich fühlte mich verloren.» Der Verlust hat sie stark getroffen und brachte sie dazu, sich mit Fragen zu beschäftigen, die sie vorher kaum gestellt hatte. «Ich hatte Freunde, die immer wieder erzählt haben, dass ihnen ihr Glaube Kraft gibt», erinnert sie sich. «Vor allem mein Freund, der in eine reformierte Kirche geht, hat oft gesagt, dass Gott einem den Weg zeigt. Und irgendwann habe ich mich gefragt: Vielleicht gibt es diesen Weg auch für mich.»

Bild: Portrait Betti. Foto: @Jamelia Müller
Ein unerwarteter Wendepunkt
Nach dem Tod ihrer Grossmutter suchte Betti nach Wegen, mit ihrer Trauer umzugehen. «Ich habe einiges getrunken – in diesen Momenten fühlte ich mich zwar warm und geborgen, aber das hielt nie lange an», sagt sie. Auch eine Therapie hat sie ausprobiert, aber schnell gemerkt: «Das war nicht wirklich meins. Es hat sich nicht persönlich genug angefühlt.» Mit der Zeit begann sie, sich mehr mit Religion zu beschäftigen – eher tastend als geplant. Es war eine von mehreren Möglichkeiten, um mit dem umzugehen, was sie innerlich beschäftigte.
«Ich habe mir diese Bibel-App heruntergeladen», erzählt sie und schaut dabei kurz auf ihr Handy. «Am Anfang war es etwas ungewohnt, weil ich das noch nie gemacht hatte. Ich musste erst lernen, so zu beten, als würde ich mit jemandem sprechen. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass da etwas ist – wie eine Art Wärme, die mir Nähe gibt. Ich habe mich nicht mehr ganz so allein gefühlt.» Als sie mir zeigt, wie sie in stillen Momenten betet, beschreibt sie, dass sie oft nachts im Bett die Hände faltet und leise mit Gott spricht. Für Betti ist das eine persönliche Form von Verbindung geworden – etwas, das ihr hilft, zur Ruhe zu kommen und sich gehalten zu fühlen.

Bild: Bettis Bibel App. Foto: @Jamelia Müller
Ein persönlicher Dialog mit dem Unsichtbaren
Betti erzählt mir, dass sie ihren Glauben als etwas sehr Persönliches erlebt – wie ein Gespräch, das niemand mitbekommt. «Wenn ich bete, dann rede ich einfach mit Gott. Ich sage Sachen wie: ‹Gott, gib mir Kraft› oder ‹Kümmer dich um meine Oma im Himmel›», sagt sie ruhig. Es gehe ihr nicht um feste Regeln oder Abläufe, sondern darum, ehrlich zu sagen, was sie bewegt. «Mit Gott zu sprechen ist wie eine Art Aufarbeitung – einfach ganz für mich», erklärt sie. «Ich habe das Gefühl, dass er bei mir ist, eins zu eins. Anders als bei einer Therapie, wo ich dachte, ich bin einfach eine von vielen. Bei Gott ist das irgendwie persönlicher. Vielleicht hat jeder so seinen eigenen kleinen Gott.» Während sie das erzählt, wirkt sie ruhig. Man hat den Eindruck, dass dieses persönliche Gespräch mit Gott für sie eine Art Vertrautheit schafft – etwas, das ihr gut tut, gerade wenn vieles unsicher ist.

Bild: Betti beim Beten. Foto: @Jamelia Müller
Wenn der Glauben trägt – zwischen Zweifel und Vertrauen
Betti hat sich auch Gedanken gemacht, ob ihr Erleben vielleicht nur eine Art Placebo-Effekt ist. «Manchmal denke ich, vielleicht bilde ich mir das alles nur ein – so wie wenn man ein Medikament nimmt und daran glaubt, dass es hilft», sagt sie. «Aber für mich fühlt es sich echt an. Als ob wirklich jemand da ist.» Sie wirkt nachdenklich. Es scheint ihr wichtig zu sagen, dass es sich für sie echt anfühlt – auch wenn sie nicht sicher sagen kann, warum.
Ein besonderer Moment war für sie der Abend vor ihrer Autoprüfung. «Vor wichtigen Ereignissen wird mir immer kotzübel. Ich habe dann gebetet und mir vorgestellt, dass Gott mir Kraft schenkt. Tatsächlich, danach fühlte ich mich ruhiger, als hätte sich ein unsichtbarer Schleier um mich gelegt, der all meinen Stress forttrug.» Sie beschreibt die Situation, als wäre dieses Gefühl in dem Moment genau das gewesen, was sie gebraucht hat.
Zwischen Schulstress und spirituellem Neubeginn
Die Realität des Alltags lässt sich selten von den idealisierten Momenten des Glaubens trennen, und wie jede:r andere:r Schüler:in auch, ist Betti keine Ausnahme. Trotz der intensiven spirituellen Erfahrungen, die sie gemacht hat, bleibt der Schulstress ein ständiger Begleiter. Prüfungen, Bewerbungen schreiben, den Abschluss zu schaffen, fordern ihren Tribut.
Auch wenn der Glaube für Betti eine wichtige Stütze geworden ist – der Schulalltag bleibt fordernd. Prüfungen, Bewerbungen, die Matur – all das beschäftigt sie. «Wenn ich von der Schule gestresst bin, ziehe ich mich oftmals kurz zurück. Ich sage mir dann: Okay, Gott ist bei mir. Er unterstützt mich. Nicht dass ich dann immer direkt anfange zu beten, aber dieser Gedanke gibt mir schon eine gewisse Ruhe und Stärke.»
Die persönliche Suche nach Balance
Ein zentrales Thema in Bettis Erzählung ist die Balance zwischen der Unterstützung, die sich durch ihren Glauben erfährt, und der Wahrung der eigenen Individualität. In einer Welt, in der Religion oft als starres, allumfassendes Dogma verstanden wird, hebt sich Betti bewusst von diesen Vorstellungen ab.
Für Betti ist wichtig, dass sie ihren Glauben auf ihre eigene Weise leben kann. «Ich möchte nicht, dass Religion mein Leben bestimmt. Es gibt Leute, die sagen: ‹Gott hat das gesagt. Und Gott sagt, das darfst du nicht.› Das will ich nicht. Ich will meinen eigenen Weg gehen», sagt sie.
Sie erzählt, dass sie sich nicht an starre Regeln halten möchte, sondern selbst entscheiden will, was für sie stimmt. Der Glaube soll ihr Kraft geben, aber sie will selbst bestimmen, wie viel Platz er in ihrem Leben hat. «Gott legt mir den Weg vor, aber ich entscheide selbst, ob ich ihn gehe.»
Glaube muss sich gut anfühlen
Betti weiss auch um die Schattenseiten, die ein zu starrer oder dogmatischer Glaube mit sich bringen kann. Sie erzählt mir von Menschen, die sich von religiösen Regeln und Normen so sehr einengen lassen, dass sie ihre eigene Identität verlieren. «Es gibt Leute, die glauben, dass göttliche Gebote genau vorschreiben, was erlaubt ist und was nicht», erklärt sie kritisch. Diese Haltung, so betont sie, kann schnell zu einer psychischen Belastung werden. Für Betti ist es deshalb wichtig, eine gesunde Balance zu finden.
Betti hat auch Erfahrungen gemacht, die sie nachdenklich stimmen, wenn es um religiöse Regeln geht. «Es gibt Leute, die glauben, dass göttliche Gebote genau vorschreiben, was erlaubt ist und was nicht», sagt sie. «Ich finde, das kann einen auch unter Druck setzen.» Sie erzählt von einem Gespräch mit einem Bekannten, der überzeugt war: «Die Bibel verbietet es, am Sonntag zu arbeiten, also darf ich das nicht – sonst verzeiht Gott mir nicht.» Solche Begegnungen haben Betti gezeigt, dass Glaube auch verunsichern kann, wenn er zu streng verstanden wird. Für sie selbst ist es deshalb wichtig, eine Form zu finden, die ihr Orientierung gibt, aber keinen zusätzlichen Druck bedeutet.
Glaube und Meditation – Ruhe finden, Kraft schöpfen
Neben dem Beten hat Betti auch andere Wege gefunden, um zur Ruhe zu kommen. Atemübungen und Meditation gehören inzwischen zu ihrem Alltag: «Ich setze mich hin, mache Frequenzmusik an und konzentriere mich auf meine Atmung», erzählt sie. Diese Routinen helfen ihr, mit Stress umzugehen – auf eine Weise, die sich für sie genauso stärkend anfühlt wie das Gebet.
Einmal pro Woche besucht sie den Meditationskurs an ihrer Schule. Ich darf sie an einem Nachmittag begleiten: In einem ruhigen Raum sitzt Betti mit ihren Freunden auf Matten. Sie üben Atemtechniken und lassen den Tag ausklingen. Die Stimmung ist konzentriert und gelöst – man spürt, dass hier ein Ort entstanden ist, an dem viele einfach mal durchatmen können.

Bild: Betti bei der Meditation. Foto: @Jamelia Müller
Laut Bundesamt für Statistik gehört fast die Hälfte der 25- bis 34-Jährigen in der Schweiz keiner Religionsgemeinschaft mehr an. Doch das bedeutet nicht, dass Religion oder Spiritualität verschwinden – viele finden heute eigene Formen des Glaubens, jenseits klassischer Zugehörigkeiten. Bettis Geschichte macht erfahrbar, wie so ein Zugang aussehen kann. Ihr Glaube hat keinen festen Rahmen, aber eine klare Bedeutung in ihrem Alltag. Sie spricht mit dem, was sie ihren «eigenen kleinen Gott» nennt – manchmal im Gebet, manchmal in der Stille.
Bettis Weg zeigt, dass Glaube heute sehr unterschiedlich gelebt werden kann und dass spirituelle Erfahrungen auch ausserhalb traditioneller Strukturen ihren Platz haben. Für sie ist es ein persönlicher Zugang, der ihr Kraft gibt – ganz auf ihre eigene Art.

Bild: Betti bei der Meditation. Foto: @Jamelia Müller.
Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religion an der Kantonsschule Zürich Nord entstanden. Die Klasse hat sich im Unterricht mit der Frage beschäftigt, was Religion ist, wie Religion medial dargestellt wird und welche Rolle Stereotype und Vorurteile dabei spielen. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, wie religionswissenschaftliche Perspektiven zur Darstellung von Religion beitragen können. Dabei ging es auch um die Frage, wie man Reportagen schreibt, worauf es bei der Recherche ankommt und weshalb religion.ch sich für eine menschenzentrierte Herangehensweise entschieden hat. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte gleich in die Praxis umgesetzt.
