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Maja Fenchel

Shefijes Reise: Von Zürich nach Mekka – und zurück zu sich selbst.

Die Entscheidung, sich zu einer Religion zu bekennen, kann vieles im Leben verändern. Für manche wandelt sich der Alltag grundlegend – wie, wohin man geht, womit man sich beschäftigt oder mit wem man Zeit verbringt. Maja Fenchel, ehemalige Kantonsschülerin, hat bei Shefijee nachgefragt: Wie kam es zu ihrem Bekenntnis zum Islam – und was hat sich dadurch in ihrem Leben verändert?

Shefije steht am Fenster und schaut hinaus. Die Sonne taucht Zürich in ein kaltes Morgenlicht. In ihrer Hand hält sie eine Tasse Tee. Sie trägt ein langes, rosa Kleid und ein weisses Kopftuch. Ihr Blick wandert über die Dächer der Stadt. «Früher hätte ich nicht gedacht, dass ich mal so aussehen werde», sagt sie und lächelt.

Shefije ist 18 Jahre alt. Sie lebt in Zürich, geht zur Schule, trifft Freundinnen, scrollt durch Instagram. Und sie ist gläubige Muslima. Vor einem Jahr, im Winter 2023, reiste sie mit ihrer Familie nach Mekka. Seitdem trägt sie ein Kopftuch. «Es war eine der wichtigsten Entscheidungen meines Lebens», sagt sie. «Und sie kam nicht von heute auf morgen.»

Mekka: Eine Reise, die alles veränderte

«Die Reise nach Mekka hat alles verändert», sagt sie. Sie spricht ruhig, ihre Hände ruhen auf der Teetasse. Schon als Kind sah sie den Islam als Teil ihres Lebens. Ihre Familie fastete im Ramadan, ging an hohen Feiertagen in die Moschee, sprach Bittgebete. Doch vieles davon fühlte sich für sie wie eine Tradition an, nicht unbedingt wie eine bewusste Entscheidung. «Ich habe immer geglaubt», sagt sie. «Aber ich habe es nicht immer gezeigt.» In Mekka erlebte sie den Glauben anders. Intensiver. Überwältigend. Sie sah Menschen aus der ganzen Welt, vereint in einem Ritual, das seit Jahrhunderten gleich ist. «Es war, als wäre ich in eine andere Zeit versetzt worden», erinnert sie sich.

Bild: Shefije bei der Kaaba. Foto: @Shefije

Nach der Umrah, der kleinen Pilgerfahrt, stand sie mit ihrer Mutter, ihrem Vater und ihren Geschwistern vor der Kaaba. Um sie herum beteten Tausende. Die Stimmen vermischten sich mit den Geräuschen der Stadt. «Ich hatte Tränen in den Augen. Es war ein Gefühl von Frieden und Klarheit.» In diesem Moment fasste sie den Entschluss: Sie wollte das Kopftuch tragen. Nicht für ihre Familie. Nicht für die Gesellschaft. Sondern für sich selbst. «Es war keine impulsive Entscheidung», erklärt sie. «Ich wusste, dass es mich verändern würde.» In Mekka kaufte sie sich mehrere Tücher, probierte verschiedene Bindetechniken aus. Sie wollte, dass es sich natürlich anfühlt, nicht wie eine Verkleidung.

Bild: Shefije bei der Umrah. Foto: @Shefije

Zurück in Zürich: Ein neuer Alltag beginnt

Der erste Schultag nach der Reise war ein Sprung ins Ungewisse. «Ich war nervös», gibt sie zu. Würden ihre Mitschüler:innen sie anders behandeln? Würde sie sich ausgeschlossen fühlen? Aber dann kam die Überraschung: Viele reagierten positiv. Manche stellten Fragen, andere sagten einfach, dass sie schön aussieht. «Natürlich gibt es auch Blicke», sagt sie. «Und manchmal spüre ich Vorurteile.» Manche Lehrer:innen fragten nach, ob das Kopftuch ihre eigene Wahl sei. «Ich habe ihnen gesagt, dass es meine persönliche Entscheidung ist», erzählt sie. Sie wollte keine langen Diskussionen führen. Sie wollte einfach ihren Weg gehen. Shefije ist nicht die Einzige in ihrer Schule, die ein Kopftuch trägt. Doch sie ist eine der wenigen. In Zürich, wo viele Menschen Religion als Privatsache sehen, fällt sie auf: «Manchmal fühle ich mich beobachtet. Aber das hat auch etwas Gutes – es bringt mich dazu, noch sicherer in meiner Entscheidung zu sein.»

Ein Tag zwischen zwei Welten

Wir verlassen ihre Wohnung und gehen in die Stadt. Shefije muss noch Besorgungen machen. Auf der Strasse wirkt sie entspannt. Sie grüsst einen Nachbarn, kauft Obst beim Markt, geht in eine Buchhandlung. «Mein Alltag unterscheidet sich nicht so sehr von dem anderer junger Frauen», sagt sie. Sie lacht, als sie mir zeigt, dass sie genauso gerne Netflix schaut wie alle anderen. Aber es gibt Unterschiede. Fünfmal am Tag betet sie: «Ich plane meinen Tag danach». In der Schule nutzt sie Pausen, um zu beten. Manchmal macht sie das in einem ruhigen Raum, manchmal einfach auf dem Schulhof. «Ich habe gelernt, mich nicht zu schämen.» Beim Einkaufen fällt mir auf, dass einige Menschen sie mustern. Manche blicken nur kurz, andere lassen den Blick länger ruhen. Shefije ignoriert es. «Ich weiss, dass Kopftücher in der Schweiz oft mit Unterdrückung verbunden werden», sagt sie. «Aber ich bin weder unterdrückt noch werde ich gezwungen.»

Besuch in der Moschee

Am Nachmittag gehen wir in eine Moschee in Zürich. Für mich als Atheistin ist es das erste Mal.

Bild: die Moschee. Foto: @Maja Fenchel

Wir betreten das Gebäude, ziehen die Schuhe aus. Drinnen ist es ruhig, der Teppich dämpft die Schritte. Frauen beten in einem separaten Bereich. Shefije zeigt mir, wie sie sich verbeugt, die Stirn auf den Boden legt, ihre Gebete flüstert. Ich setze mich hinter sie und beobachte.

Bild: Innerhalb der Moschee. Foto: @Maja Fenchel

Es ist eine fremde Welt für mich. Gleichzeitig wirkt alles friedlich. Keine lauten Worte, kein Druck. Nur Stille und Hingabe. Nach dem Gebet erzählt Shefije, dass sie in der Moschee immer Kraft findet. «Hier kann ich sein, wie ich bin», sagt sie. «Ohne Erklärungen.» Ich frage sie, ob sie sich vorstellen kann, jemals ohne Kopftuch zu leben. Sie überlegt kurz. «Ich weiss es nicht», sagt sie. «Für jetzt fühlt es sich richtig an. Vielleicht wird sich das ändern. Vielleicht auch nicht.»

Bild: Innerhalb der Moschee. Foto: @Maja Fenchel

Bild: Innerhalb der Moschee. Foto: @Maja Fenchel

Ein neuer Blick auf die Welt

«Seit Mekka hat sich viel geändert. Nicht nur das Kopftuch. Ich bin ruhiger geworden», sagt Shefije. Früher habe sie sich oft Sorgen gemacht, was andere denken. Heute sei ihr das weniger wichtig. Auch ihre Beziehung zu ihrer Familie hat sich vertieft. Sie spricht mehr mit ihrer Mutter über Glauben, über Traditionen, über ihre Zukunft. «Ich will ein Studium machen», sagt sie. Was genau, weiss sie noch nicht. Aber eines ist klar: Ihr Kopftuch wird sie nicht davon abhalten. Freunde haben sich nicht von ihr abgewandt, aber manche distanzieren sich. «Ich merke, dass einige sich nicht mehr so oft melden», sagt sie. «Vielleicht denken sie, ich hätte mich verändert.» Sie ist nachdenklich. Dann zuckt sie die Schultern. «Vielleicht habe ich das auch.»

Es wird dunkel, als wir uns verabschieden. Shefije zieht ihren Mantel enger um sich. Nach den Ferien wird sie aufstehen, beten, in die Schule gehen. Ihr Leben in Zürich geht weiter, mit ihrer Entscheidung, ihrem Glauben, ihrem Kopftuch. Ich laufe durch die Strassen zurück. Der Moscheebesuch hallt in mir nach. Religion ist für mich abstrakt, aber bei Shefije wirkt sie konkret, lebendig. Ich verstehe nicht alles. Aber ich verstehe sie ein Stück besser.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religion an der Kantonsschule Zürich Nord entstanden. Die Klasse hat sich im Unterricht mit der Frage beschäftigt, was Religion ist, wie Religion medial dargestellt wird und welche Rolle Stereotype und Vorurteile dabei spielen. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, wie religionswissenschaftliche Perspektiven zur Darstellung von Religion beitragen können. Dabei ging es auch um die Frage, wie man Reportagen schreibt, worauf es bei der Recherche ankommt und weshalb religion.ch sich für eine menschenzentrierte Herangehensweise entschieden hat. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte gleich in die Praxis umgesetzt.


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