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Varsha Sivaseelan

Kind einer interreligiösen Beziehung 

Interreligiöse Beziehungen gelten als besonders herausfordernd – doch ist das wirklich so? Erst recht, wenn gemeinsame Kinder da sind, stellen sich viele Fragen: Welche Werte sollen mitgegeben werden? Welche Feiertage werden gefeiert? Die ehemalige Kantonsschülerin Varsha Sivaseelan hat sich vertieft mit der Frage beschäftigt, wie Kinder in interreligiösen Familien aufwachsen. Sie hat dazu mit Aziz Khalifa gesprochen, der als Sohn eines muslimischen Vaters und einer christlichen Mutter eigene Erfahrungen mitbringt, sowie mit Tabitha Walther, die selbst in einer interreligiösen Partnerschaft lebt.

Wie findet man seinen Platz zwischen zwei Religionen, wenn die Eltern unterschiedliche Glaubensrichtungen haben und nie zusammengelebt haben? Welche Herausforderungen entstehen, wenn man ohne gemeinsame religiöse Erziehung aufwächst, aber beide Wurzeln in sich trägt?

Fragen wie diese beschäftigen viele Menschen mit interreligiösem Hintergrund – so auch Aziz Khalifa. Seine Geschichte weicht von klassischen interreligiösen Partnerschaften ab, da seine Eltern getrennte Wege gingen. Doch auch ohne ein gemeinsames Zuhause blieb die Religion seines Vaters Teil seiner Identität. Gleichzeitig prägte ihn die christliche Erziehung seiner Mutter. Wie er damit umging und welchen Weg er für sich fand, darum geht es in dieser Reportage.

Zwischen zwei Welten

Aziz ist in Bern aufgewachsen, als Kind einer christlich-muslimischen Beziehung. Doch eine klassische interreligiöse Familienkonstellation erlebte er nicht: Seine Eltern lebten nicht zusammen, seine Mutter zog ihn allein gross. Sein Vater, ein Muslim aus Ägypten, spielte in seinen frühen Jahren kaum eine Rolle. So wuchs Aziz christlich auf, ohne direkten Bezug zum Islam.

Heute ist Aziz 31 Jahre alt und verheiratet. Als Vizepräsident des Islamischen Kantonalverbands Bern vertritt er muslimische Organisationen im Kanton, darunter Moscheen und Frauenvereine. Sein Weg dorthin war jedoch nicht geradlinig.

Bild: Bild von Aziz Khalifa. Foto: @Aziz Khalifa

Interreligiöse Beziehung – Was ist das?

In unserer Gesellschaft treffen Menschen mit unterschiedlichen religiösen und kulturellen Hintergründen aufeinander. Das kann unser Zusammenleben bereichern, aber auch Schwierigkeiten mit sich bringen.

Eine Partnerschaft zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen kann meiner Meinung nach eine grosse Bereicherung sein. Ich denke, dass sie es ermöglicht, neue Perspektiven kennenzulernen, den eigenen Horizont zu erweitern und sich mit anderen Glaubensüberzeugungen intensiv auseinanderzusetzen. Meiner Ansicht nach entstehen dadurch tiefere Gespräche über Werte, Traditionen und persönliche Überzeugungen. Auch für die persönliche Entwicklung halte ich eine solche Beziehung für wertvoll. Sie kann Offenheit, Toleranz und interkulturelles Verständnis fördern. Paare, die lernen, Unterschiede zu respektieren, könnten eine besonders starke emotionale Verbindung aufbauen. Zudem bietet eine interreligiöse Beziehung die Möglichkeit, Feste und Traditionen beider Kulturen mitzuerleben, was das gemeinsame Leben bereichern kann.

Trotz der Vorteile gibt es auch Schwierigkeiten. Unterschiedliche religiöse Vorstellungen könnten zu Konflikten führen. Zum Beispiel stellt sich die Frage «Wie erziehen wir unsere Kinder?», «Welche Feiertage feiern wir?» oder «Nach welchen Regeln leben wir zusammen?». Auch das Umfeld kann eine Herausforderung sein. Nicht alle Familien oder Gesellschaften stehen interreligiösen Beziehungen offen gegenüber. In manchen Kulturen wird es nicht akzeptiert, wenn jemand eine Person aus einer anderen Religion heiratet.

Ob eine interreligiöse Beziehung funktioniert, hängt meiner Meinung nach stark von den Partnern selbst ab.

Ob eine interreligiöse Beziehung funktioniert, hängt meiner Meinung nach stark von den Partnern selbst ab. Ich denke, dass es gut funktionieren kann, wenn beide offen und tolerant sind. Problematisch wird es, wenn einer von beiden erwartet, dass der andere seine Religion ändert oder sich anpasst. Besonders wichtig ist dabei, dass beide Partner ihre Überzeugungen respektieren und Raum für die Religion des anderen lassen. Genau hier setzt die Arbeit von Tabitha Walther an.

 «Oft sind es nicht die Religionen, die trennen»

Tabitha Walther ist Teil des ZIID, einer Stiftung, die sich dem interreligiösen Dialog widmet. Ziel des ZIID ist es, das friedliche Zusammenleben zu fördern und den verschiedenen religiösen Traditionen eine Stimme zu geben.

«Oft denken Menschen, dass religiöse Unterschiede die grössten Konfliktpunkte in einer Beziehung sind», sagt Tabitha. Doch ihrer Erfahrung nach seien es vor allem persönliche und kulturelle Unterschiede, die herausfordern. Religiöse Differenzen können dann zu Schwierigkeiten werden, wenn eine Person nicht bereit ist, die Andersartigkeit des Partners zu akzeptieren.

Bild: Tabitha Walther. Foto: Tabitha Walther

Kindheit und erste Begegnungen mit Religion

Aziz’ Mutter war reformiert-christlich, jedoch nicht streng gläubig. Erst in späteren Jahren fand sie stärker zum Glauben. «Meine Mutter hat mich nie gezwungen, in die Kirche zu gehen. Wenn überhaupt, habe ich sie gefragt», erinnert sich Aziz. Religion spielte zwar eine Rolle in seinem Alltag, aber eher in einer lockeren Form: Weihnachten und Ostern wurden gefeiert, Geschenke verteilt, aber sonntägliche Kirchgänge waren selten.

Bild: Gegenstände verschiedener christlicher Traditionen. Foto: @Varsha Sivaseelan

Mit 16 liess er sich taufen, nahm am kirchlichen Unterricht teil und empfand die Konfirmation als «cool», aber nicht als zutiefst religiöses Erlebnis. Schon früh glaubte er an Gott, aber das war für ihn eher ein diffuses Gefühl als eine festgelegte Überzeugung. Besonders prägte ihn ein älteres, sehr religiöses Nachbarehepaar. «Sie haben mit mir Tischgebete gesprochen und mir aus der Bibel vorgelesen.»

Die Suche nach Antworten

Mit 18 Jahren lernte Aziz seinen Vater kennen, doch ein enger Kontakt entstand zunächst nicht. Später entschied er sich, seine Wurzeln in Ägypten zu erkunden. Dort begann er, sich mit dem Islam auseinanderzusetzen.

«Ich war eigentlich schon vorher aus der Kirche ausgetreten, aber ich habe trotzdem noch an eine höhere Macht geglaubt», erzählt er. «Ich war in einer Art agnostischer Phase, wusste, dass es etwas gibt, aber keine Religion konnte mir eine schlüssige Erklärung geben.»

Acht Monate lang forschte er intensiv über den Islam, las Bücher, sprach mit Menschen, suchte nach Antworten. Eine besondere Erfahrung sollte schliesslich alles verändern. «Ich war als Tourist in einer Moschee. Als ich dort sass, spürte ich eine innere Ruhe, die ich noch nie zuvor erlebt hatte. Das hat mich tief beeindruckt.» Diese Erfahrung führte ihn weiter auf seinem Weg. Mit 24 Jahren entschied er sich schliesslich für den Übertritt zum Islam.

Bild: ʿAmr ibn al-ʿĀs, Moschee in Kairo. Foto: @k

Ein neues Leben als Muslim

Der Islam veränderte Aziz’ Alltag grundlegend. Er begann, sich mehr auf Selbstdisziplin zu konzentrieren, fastete im Ramadan, betete fünfmal am Tag und versuchte, ein bewussteres Leben zu führen. «Ich habe angefangen, mehr zu spenden, meine Emotionen besser zu kontrollieren und mich intensiver mit meiner Familie auseinanderzusetzen.» Sein Nachname änderte sich ebenfalls: Er nahm den Namen Aziz Khalifa an, weil er fand, dass dieser besser zu ihm passte. In dieser Zeit lernte er auch seine Frau kennen, eine Muslimin aus Marokko. Wichtig ist ihm zu betonen: «Ich bin nicht wegen meines Vaters oder wegen meiner Frau Muslim geworden. Das war meine freie Entscheidung.»

Die Reaktionen auf seinen Religionswechsel waren unterschiedlich. Sein Bruder hatte nur eine Bitte: «Verändere dich nicht.» Seine Mutter hingegen hatte Bedenken. «Für sie war es schwer zu verstehen, warum ich plötzlich fünfmal am Tag bete. Sie dachte, das sei extrem», erzählt er. Sein Vater hingegen war erfreut über seine Entscheidung. Auch in seinem Freundeskreis änderte sich etwas. «Ich habe mich mehr mit Muslimen umgeben, weil sie meine Lebensrealität eher teilen – etwa, dass ich keinen Alkohol trinke.»

Aziz erlebte, dass viele Menschen ihn aufgrund seiner Religion automatisch mit einer anderen Kultur verbanden. «Oft denken die Leute, dass ich Araber bin, weil ich Muslim bin. Aber es gibt muslimische Schweizer genauso wie jüdische, hinduistische oder buddhistische Schweizer.»

Wie er seine Kinder erziehen will

Für die Zukunft wünscht sich Aziz, seinen künftigen Kindern eine offene religiöse Erziehung zu ermöglichen. «Sie sollen selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen. Aber ich will ihnen alles erklären.» Besonders wichtig ist ihm, dass seine zukünftigen Kinder den Unterschied zwischen Religion und Kultur verstehen. «Islam ist eine Religion, die man lebt. Kultur kommt nebenbei. Das sind zwei verschiedene Dinge.»

Kinder sollten von beiden Religionen profitieren und später selbst entscheiden können.

Tabitha sieht genau darin den Schlüssel: «Kinder sollten von beiden Religionen profitieren und später selbst entscheiden können.» Sie betont, dass es essenziell sei, dass kein Elternteil den anderen ausschliesst. «Ein Kind kann idealerweise von beiden Elternteilen profitieren und sich in beiden religiösen Traditionen beheimaten, um dann zu entscheiden, welchen Weg es selbst gehen möchte.»

Offenheit als Grundlage

Zusammenfassend zeigt das Gespräch mit Tabitha, dass interreligiöse Beziehungen vor allem dann gut funktionieren, wenn beide Partner eine offene und respektvolle Haltung gegenüber der Religion des anderen haben. «Konflikte entstehen oft dann, wenn Menschen nicht akzeptieren können, dass andere anders sind.» Ein toleranter Dialog kann jedoch den Grundstein für ein gutes Zusammenleben legen.

Aziz‘ Geschichte zeigt, dass interreligiöse Beziehungen nicht nur die Partnerschaft zwischen zwei Menschen betreffen, sondern auch die Identitätssuche der Kinder prägen. Obwohl er nicht in einem klassischen interreligiösen Haushalt aufwuchs, war die Auseinandersetzung mit beiden Religionen entscheidend für seinen Lebensweg. Sein Religionswechsel zeigt, dass Identität nicht nur durch die Herkunft, sondern auch durch eigene Erfahrungen und Entscheidungen geformt wird.


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