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Roger Poltéra

Ökumene in der reformierten Diaspora ist spannend, weil …

Muss die ökumenische Zusammenarbeit vor Ort immer langweilig sein? Stimmt es, dass es oft zu Konflikten im ökumenischen Miteinander kommt? Welche Bedeutung hat die Ökumene in einem ländlichen Gebiet? Der reformierte Pfarrer Roger Poltéra erzählt aus seiner langjährigen Erfahrung in der Zusammenarbeit mit der örtlichen katholischen Pfarrei.

Es geht mir in diesem Artikel um die konkrete Zusammenarbeit zwischen einer katholischen Pfarrei und einer reformierten Kirchgemeinde in einem dörflichen Vorort einer mittelgrossen Stadt im Schweizer Mittelland. Das Dorf ist katholisch geprägt. In der Mitte des Dorfes steht eine schöne katholische Kirche. Der reformierte Bevölkerungsanteil hat vor Ort keine Kirche, sondern trifft sich in einem Kirchenraum im ersten Stock im zentral gelegenen Gemeindezentrum. Ich kann auf eine zwanzigjährige ökumenische Zusammenarbeit mit demselben Pfarreibeauftragten zurückschauen. Aus diesem Fundus schöpfe ich.

Tandemfahrt mit Folgen

Im Jahr 2011 konnte unser Dorf sein 1200-Jahr Jubiläum feiern. Anlässlich dieses Jubiläumsjahres organisierten die katholische und die reformierte Kirchgemeinde einen ökumenischen Gottesdienst auf der Wiese bei der Sporthalle. Gleichzeitig fanden am gleichen Wochenende verschiedene Veranstaltungen im Rahmen von «schweiz.bewegt» statt. So haben wir uns als Seelsorger überlegt, wie wir uns an diesem Wochenende und anlässlich dieses Gottesdienstes sportlich bewegen könnten. Wir schwingen uns in der Freizeit beide gerne aufs Fahrrad. So war die Idee schnell geboren: Wir fahren gemeinsam mit dem Tandem zum Gottesdienst und erzählen dann in der Verkündigung, was uns das Fahrrad und das Fahrradfahren über den christlichen Glauben lehren kann. 

Gesagt, getan. In der Vorwoche trafen wir uns für gemeinsame Fahrübungen. Wir wollten uns ja nicht mit einem Sturz blamieren. Und schliesslich kam der langersehnte Sonntag. Die ökumenische Gottesdienstgemeinde versammelte sich auf der Wiese bei der Sporthalle, die Bürgermusik war bereit zum Spiel. Aber die beiden Seelsorger fehlten. Einige kirchliche Behördenvertreter wurden schon nervös und fragten sich, wo die beiden Seelsorger wohl geblieben waren. Wir hatten vorgängig niemanden informiert, dass wir mit dem Fahrrad zum Gottesdienst auf die Wiese fahren werden. 

Auch Jahre später wurde diese Tandemfahrt immer wieder erwähnt.

Pünktlich begann die Bürgermusik mit dem Eingangsspiel, und dann schlug unsere Stunde: Wir setzten uns etwas abseits der Festgemeinde aufs Fahrrad, der katholische Gemeindeleiter vorne, ich als Juniorpartner hinten. Wir fuhren vom Schulhaus auf die Wiese, zogen eine Runde um die versammelte Gemeinde, hielten schliesslich vor dem improvisierten Abendmahlstisch an und stiegen gekonnt vom Tandem ab. Die Festgemeinde freute sich, überall waren fröhliche Gesichter zu sehen. Dann folgte ein unbeschwerter Gottesdienst. 

In der Folge wurden mein katholischer Kollege und ich noch Wochen später auf diesen Anlass und dieses Ereignis mit dem Tandem angesprochen. Auch Jahre später wurde diese Tandemfahrt immer wieder erwähnt. Dieses Bild der gemeinsamen Fahrt brannte sich ins kollektive Gedächtnis der Bewohner des Dorfes ein. Allen war klar: In diesem Dorf bemüht man sich um ein gutes ökumenisches Miteinander. Wir fahren im gleichen Boot, oder auf dem gleichen Fahrrad.

Ökumenische Tandemfahrt, @rogerpoltera

Wie sieht vielfältige Ökumene aus?

Immer wieder wird die Frage an mich herangetragen, warum wir, die katholische und evangelische Kirche im Dorf, nicht regelmässig einen gemeinsamen Gottesdienst feiern würden. Wir glauben doch an denselben Gott. In der Frage liegt ein Vorwurf. Dieser kommt regelmässig von Menschen, die keine Mitglieder der Kirche sind oder die eine grössere Distanz zum christlichen Glauben haben. 

Zur Verdeutlichung erwähne ich hier: Pro Jahr pflegen wir mindestens fünf ökumenische Sonntagsgottesdienste verteilt auf das ganze Kirchenjahr. Zusätzlich finden einmal pro Monat eine ökumenische Abendbesinnung, ein ökumenischer Kleinkindergottesdienst und ein ökumenisch getragener Mittagstisch statt. Es finden auch ökumenische Seniorennachmittage statt. Des Weiteren gibt es in unserem Dorf seit Jahrzehnten ökumenische Bibel- und Gebetsgruppen, die von Gemeindegliedern getragen und gestaltet werden. Man kann also sagen: Es gibt in diesem Dorf eine blühende Ökumene, seit Jahrzehnten. 

Von der Schönheit der eigenen Konfession

Es ist schön, dass es ein so gutes und wohlwollendes ökumenisches Zusammenarbeiten gibt, aber es ist auch schön, dass es einen rein katholischen und einen rein evangelischen Gottesdienst gibt. Warum? Weil jede Konfession eine eigene Schönheit hat! 

Es kommt immer wieder vor, dass ich an Freisonntagen an rein katholischen Gottesdiensten teilnehme. Ich staune immer wieder, wie ein solcher Gottesdienst zelebriert und gefeiert wird. Da gibt es einen Einzug des Pfarrers mit Ministranten und weiteren Personen, die am Gottesdienst beteiligt sind; da steht die Gemeinde bei der Lesung des Evangeliums auf; da gibt es das Kreuzzeichen, das alle Gläubigen zeichnen; die Eucharistie mit den Glocken, die im Kirchenraum und im Kirchturm läuten; da gibt es den Friedensgruss; die biblischen Worte, die die Gemeinde im Wechsel mit dem Priester spricht; da gibt es so viel zum Sehen und Hören. Wie schön!

Und dann gibt es den reformierten Gottesdienst, der ebenfalls eine eigene Schönheit hat. Normalerweise steht die Predigt im Zentrum des reformierten Gottesdienstes. Die Kirchgemeinde begegnet dem Wort Gottes in der Verkündigung. Dieses Wort Gottes ermutigt, tröstet, richtet auf, verändert, korrigiert, schenkt Zukunft und Hoffnung, dieses Wort schenkt im besten Fall eine Begegnung mit dem Auferstandenen. Wichtig ist bei einem reformierten Gottesdienst auch das gemeinsame Singen. Lieder berühren die Seele manchmal mehr als Worte, und beim gemeinsamen Singen nehmen wir wahr, dass wir nicht allein sind, sondern dass da eine Gemeinschaft ist, die mitträgt. Beim Abendmahl nimmt die Gemeinde Brot und Wein zu sich, die Gemeinde «schmeckt und sieht, wie freundlich der Herr ist» (Psalm 34,9).

Niemand kommt auf die Idee, aus zwei Familien eine Familie zu zimmern.

Beide Konfessionen haben also eine je eigene Schönheit! Und so frage ich mich: Warum soll man diese beiden Schönheiten mischen? Bekommt man dann nicht einen konturlosen Einheitsbrei, der niemanden mehr bewegt? Nein, wie schön, gibt es diese beiden Schönheiten! Wie schön, gibt es Menschen, die mit der einen oder anderen Schönheit aufgewachsen sind und diese Schönheit sehen und erleben und schmecken!

Wenn jemand fordert, die beiden Konfessionen sollen doch zusammenspannen und eine Kirche bilden, dann antworte ich: Die beiden Konfessionen sind in meinen Augen wie Geschwister. Sie haben den gleichen (himmlischen) Vater. Sie sind ihren eigenen Weg gegangen und haben ihre eigene Familie gegründet. Aber das ist noch lange kein Grund, dass man sie wieder zusammenführen soll und sie eine Familie bilden sollen. Man lässt auch jeder natürlichen Familie ihre Besonderheit. Niemand kommt auf die Idee, aus zwei Familien eine Familie zu zimmern. Würde das gut kommen?

Wie kam es zum guten Miteinander?

Warum gelingt bei uns im Dorf die ökumenische Zusammenarbeit? Der Grund liegt darin: Wir respektieren einander. In aller Unterschiedlichkeit. Mein Kollege vertritt ein eher soziales Evangelium, ich pflege eine eher pietistische Frömmigkeit. 

Wir sehen die Stärken des anderen, und freuen uns an der je anderen Stärke. Bei uns kommt noch hinzu, dass wir beide Freude an der hebräischen Sprache haben, und wir beide haben in unterschiedlichen Jahren an einer Sommerakademie in Beerscheba teilgenommen, wo wir uns im Erlernen von Ivrit geübt haben.

Wo liegen die Herausforderungen?

Auf operativer Ebene besteht ein wohlwollendes Einvernehmen. Anlässe gelingen; die Gemeinde nimmt wahr, dass unser Zusammenwirken von Respekt und Achtung geprägt wird. Aber hinter den Kulissen gibt es auch kleinere Animositäten, Auseinandersetzungen, Missverständnisse, die die Arbeit manchmal erschweren. Da wird auf Behördenebene verhandelt, ob es zulässig ist, dass die kleinere evangelische Seite aufgrund ihres kleineren Budgets einen kleineren Beitrag in die ökumenische Flüchtlingsarbeit vor Ort einbezahlen darf oder nicht. 

Da bestand vor vielen Jahren eine Uneinigkeit, ob die Kirchen einen Mittagstisch anbieten sollen oder nicht. Einzelne Behördenmitglieder der einen und der anderen Seite verstehen sich nicht besonders gut. Beim gemeinsamen Suppentag rechnen die einen die gesamten Spesen vom Reinerlös ab, die anderen leiten den gesamten Reinerlös weiter und tragen die Spesen selbst. Da gibt es genug Reibungsmöglichkeiten, wo man am gleichen Werk arbeitet.

Warum bleibt die Ökumene spannend?

In der Öffentlichkeit wird die gute Zusammenarbeit der beiden Kirchgemeinden wahrgenommen, und doch hat jede Konfession vor Ort ihr eigenes Profil, ihre eigenen Gesichter und Freiwilligen, die sich engagieren, ihre eigenen Anlässe und medialen Auftritte. So besteht trotz aller Gemeinsamkeiten, trotz aller gemeinsamen Anlässen ein gesundes Konkurrenzdenken. Wer kann einen spannenderen Anlass anbieten? Wer kann mehr Besucher zählen? Wer findet in der Öffentlichkeit mehr Beachtung? Wer wird in der Bevölkerung als lebendiger wahrgenommen? Wer spricht mehr Freiwillige an, die sich für die Kirchgemeinde engagieren? Wer ist näher an den Bedürfnissen der Gesellschaft? Wer kann das Evangelium so vermitteln, dass es verstanden wird? 

Letztlich geht es auch um eine Konkurrenz gegenüber dem konfessionslosen Bevölkerungsanteil, der immer grösser wird. Was bieten wir an, und gibt es etwas, das konfessionsfreie Menschen für die Gesellschaft tun? Aufgrund dieses Wettbewerbs und aufgrund der Nächstenliebe, die unsere christlichen Gemeinden durchdringt, ergeben sich immer wieder neue Initiativen und Projekte. Die Liebe ist erfinderisch. Beide Konfessionsteile bleiben wach. Es bleibt spannend!


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Autor:in

  • Roger Poltéra

    Roger Poltéra ist seit 2004 Gemeindepfarrer in einem Teampfarramt in einer mittelgrossen Gemeinde in der Ostschweiz. ||| Roger Poltéra ist seit 2004 Gemeindepfarrer in einem Teampfarramt in einer mittelgrossen Gemeinde in der Ostschweiz. Er ist verheiratet und Vater dreier erwachsener Kinder. Er fährt leidenschaftlich gerne Fahrrad. Und er liebt die hebräische Sprache.

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