Religiöse Gemeinschaften haben eine Botschaft, die den Menschen gut tut. Ihr Angebot ist quasi eine Wellnessoase für die Seele. Doch oft kommt es ihnen vor, als würde diese Botschaft von Medien verzerrt und ins Gegenteil verkehrt – als würde ihre Wellnessoase als Geisterbahn dargestellt. Wie also dieser Skepsis begegnen? Wie auf Medienanfragen eingehen? Worauf achten? Wie die positiven Inhalte so «kommunizieren», dass sie auch positiv aufgenommen werden?
Fathima Ifthikar (Dozentin für Wissenschaften und Sprecherin der Föderation islamischer Dachorganisationen Schweiz FIDS) und der Autor dieses Artikels (Ombudsmann des Kantons Basel-Stadt, Fachmann im Bereich Kommunikation und Konflikt) wurden damit betraut, einen Workshop für IRAS COTIS zu entwickeln, der Basiswissen und Vertrauen im Umgang mit Medien vermittelt.
Rasch war klar: An einem einzigen Nachmittag können wir nur einen winzigen Einblick in dieses weite Feld ermöglichen. Und der grösste Lerneffekt liegt immer in der eigenen Erfahrung. Die Rückmeldungen liessen am Ende den Eindruck zurück, dass uns diese «Mission Impossible» gelungen ist.
«Ich kommuniziere IMMER»
Als Einstieg wählten wir ein paar Grunderkenntnisse über Kommunikation:
– Kommunikation ist immer das Resultat von Sprache und Beziehung, beides braucht Beachtung, damit das Resultat «stimmt».
– Ich kann «nicht nicht» kommunizieren. Meine Worte vermitteln immer eine Botschaft. Auch Kleider, Gestik oder das visuelle Umfeld eines TV-Interviews sind Teil dieser «Sprache».

Bild: Worte sind die Kleider meiner Botschaft. Nicht jede Kleidung passt zu jeder Botschaft. Foto: @Thierry Moosbrugger
Die Botschaft «entsteht» beim Empfänger: Wenn ich verstanden werden will, muss ich das so tun, dass mein Gegenüber mich verstehen kann.
In der Kommunikation mit Medien zählt dasselbe wie in Konflikten: Es braucht Achtsamkeit, wie ich meine Botschaft zum Ausdruck bringe. Ich muss mich also auf Inhalt UND Sprache UND weitere Kommunikationsebene achten, damit meine Botschaft beispielsweise bei einem Interview ankommt.
(Schweizer) Medien: Weniger und mehr – schneller, lauter, schriller
Ein Grossteil der traditionellen Schweizer Medien ist in den Händen ganz weniger Besitzer:innen. Redaktionen werden zunehmend ausgedünnt, eine Folge davon: Oft werden Meldungen (z. B. von Nachrichtenagenturen) abgeschrieben und dann von anderen Medien wiederum unhinterfragt übernommen oder zugespitzt, um mehr Beachtung zu erhalten.
Internet und soziale Medien haben als medialer «Gamechanger» eine «Demokratisierung» der Verbreitung von Botschaften ermöglicht, die Schattenseite: Tempo, Dramatisierung und Oberflächlichkeit haben sich untrennbar vermischt und vervielfacht. Diese Entwicklung findet ihren vorläufigen Höhepunkt bei «News»-Influencer:innen. Nachrichten werden benützt, um mit einer Reizüberflutung an emotional aufgeladenen Bildern eine «Hinschausucht» zu bewirken.
Wir müssen die Mechanismen kennen.
Als religiöse Institution können wir uns im Kontakt mit Medien diesen Mechanismen nicht entziehen – auch Schweigen ist eben eine Botschaft. Deshalb müssen wir die Mechanismen kennen, wenn wir unsere Botschaften weitergeben möchten.
Auch ein:e Journalist:in ist ein Mensch
In unserem Alltag haben wir es meist mit Journalist:innen aus unserer Nähe zu tun. Ebenfalls Opfer der Digitalisierung, leben sie im Sandwich zwischen Klicks und dem Berufsethos, journalistisch einen guten Job zu machen. Journalist:innen lieben Geschichten mit «Human Touch» – da haben religiöse Gruppierungen einen Punkt, wenn wir den Kern unserer Geschichten so erzählen, dass sie eine breite Masse interessieren.
Es ist wichtig, kritische Fragen zu akzeptieren.
Journalist:innen haben meist ein Gespür dafür, wenn ihnen Halbwahrheiten erzählt oder wenn sie für eine glitzernde Werbebotschaft instrumentalisiert werden. Das weckt bei ihnen oft einen «Beissreflex». Deshalb ist es wichtig, kritische Fragen zu akzeptieren und auch mögliche Fehler einzuräumen. Gerade so mache ich mich authentisch. Ein:e Journalist:in wird mir dann meine positiven Botschaften eher glauben.
Die Medienanfrage: Cool bleiben, Chance nützen!
Jeder Medienauftritt ist die Chance, etwas Zentrales unseres Glaubens zu teilen – es hilft, sich dies immer wieder vor Augen zu führen und diese Chance so professionell wie möglich zu nützen! Trotzdem ist für Viele der Anruf einer Journalistin ein Stressmoment. Deshalb: Cool bleiben, kein:e ernsthafte:r Journalist:in erwartet eine sofortige Antwort!
Beim Interview ist Achtsamkeit wichtig.
Der erste Kontakt dient nur zur Themenklärung, um die Interviewfragen zu bitten und einen Interview-Termin zu vereinbaren. Das ist nicht unhöflich, sondern der Standard. Dann beginnt die eigentliche Arbeit: Kurzrecherche zur Journalistin, mit den wichtigen Personen in der Institution die wichtigste Botschaft entwickeln, weitere Abklärungen treffen (z. B. Bildmaterial). Beim eigentlichen Interview ist Achtsamkeit wichtig: Stimmt beispielsweise der Ort des Interviews für mich? Ebenfalls wichtig: Wenn ein Interview nicht live ist, kann ich in einer Antwort auch abbrechen und es nochmals machen.
Positive Botschaft in negativer Berichterstattung?
Das Wichtigste bei einem Medienauftritt ist meine zentrale positive Botschaft. Das soll immer die meiste Energie der Vorbereitung binden: «Was möchte ich unbedingt vermitteln? Was ist mir besonders wichtig dabei? Wie kann ich das Anliegen der Interviewerin aufnehmen? Welche Worte bringen das einfach und verständlich zum Ausdruck?»
In den Workshops zeigte das der Autor dieses Textes anhand der kritischen Anfrage eines Journalisten. In den Antworten anerkannte der Ombudsmann die Berechtigung der Frage, er stellte seine ursprüngliche Absicht dar und räumte ein, dass diese Haltung unterschiedlich gesehen werden könne, weshalb er seine Praxis überdenken würde. Diese offene Haltung hat zu viel positivem Feedback geführt, der kritische Artikel blieb eine Eintagsfliege.
Und jetzt Ihr!
Nach so viel Theorie folgte nun der ebenso erhoffte wie gefürchtete Praxisteil: Jede:r Workshopteilnehmer:in stellte sich selber eine (kritische) Frage, welche ein:e Journalist:in stellen könnte, und formulierte eine Kernbotschaft, die höchstens 30 Sekunden lang dauern sollte.
Dann kam es zum Interview vor laufender Kamera und danach zur gemeinsamen Visionierung auf der Grossleinwand. Dazu viele kleine Tipps der Workshopleitung zum Verhalten vor der Kamera und eine eigentliche «Intervision» der Workshop-Kolleg:innen. Es war eindrücklich, mit welcher Ernsthaftigkeit diese Aufgabe gelöst wurde. Und noch eindrücklicher, welche positive Energie die Teilnehmer:innen in die Kamera gaben.

Bild: Selber machen hat meist den grössten Lerneffekt. Foto: @IRAS COTIS
Ob zur Frage von muslimischen Grabfeldern («ein Zeichen, wie schweizerisch wir uns fühlen»), einem neuen religiösen Zentrum im Nachbardorf («wir wünschen uns kritische Fragen aus der Dorfgemeinschaft») oder dem Jubiläum einer religiösen Gruppierung («wir möchten zeigen, wie wir mit Anderen zusammenfeiern») – die Antworten bestätigten eindrücklich: religiöse Gruppierungen haben einen reichen Schatz an Geschichten.
Die grösste Herausforderung waren die 30 Sekunden, und gerade die Erfahrung vor Mikrofon und Kamera haben all die theoretischen Erkenntnisse des Nachmittags ganz offensichtlich nochmals verankert und vertieft.
… und es gäbe noch viel mehr …
Die weiteren Themen konnten leider nur kurz angesprochen werden. Öffentlichkeitsarbeit ist der Teil der Medienarbeit, bei der eine religiöse Institution von sich aus auf die Öffentlichkeit zugeht und ihre eigene Sicht darstellt. Ein Medienkonzept hilft den Überblick zu erhalten und dass wir wissen, was in unterschiedlichen Situationen zu tun ist. Teil davon ist ein Krisenkommunikationskonzept: In einer Krise liegen die Emotionen oft blank, darum hilft ein Plan, der in aller Ruhe überlegt wurde.
Öffentlichkeitsarbeit ist Teil der Medienarbeit.
(Gute) Medienmitteilungen sind weiterhin eine wichtige Informationsquelle für Journalist:innen, weshalb sich Sorgfalt dabei lohnt. Medienanlässe (Pressekonferenz etc.) sind ebenfalls eine gute Möglichkeit, den Schatz der eigenen Botschaften öffentlich zugänglich zu machen. Auch hier ist die adressatengerechte Kommunikation wichtig.
Ein gelungener erster Schritt
Aus Sicht der Workshopleitung kann gesagt werden: Es war ein richtiger Schritt von den Kantonen und IRAS COTIS, diese Fortbildungstage im Bereich Medien anzubieten.
Wir sind an allen vier Tagen ausserordentlich motivierten und lernbegierigen Teilnehmer:innen begegnet, welche die vorgestellten Inhalte in der praktischen Übung bereits mit erstaunlichem Effekt umsetzen konnten. Es zeigte sich dabei auch, wie wichtig es für nachhaltiges Lernen ist, selber Erlebnisse mit den Lerninhalten zu schaffen.
Aus den vier Nachmittagen heraus nehmen wir zwei Erkenntnisse:
1. Workshops in diesem Rahmen zum Thema Medien wären für weitere Engagierte in religiösen Institutionen sinnvoll.
2. Ebenso wäre ein Fortsetzungskurs sinnvoll, der die präsentierten Inhalte vertiefen und mit den zu kurz gekommenen Themen erweitern könnte.
Religiöse Gruppen und Institutionen, die ihre wertvollen Schätze in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen, dienen einem friedlichen Zusammenleben auf Augenhöhe. Und da wir im Alltag zumeist unbewusst kommunizieren, ist eine Kommunikation, die dem Wert der Inhalte entspricht, der Königsweg – oder der Königinnenweg.
Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Interkantonalen Weiterbildungstage für Leitungspersonen und Religionsgemeinschaften. Die Weiterbildungstage waren ein gemeinsames Projekt der Kantone Bern, Basel-Stadt, Solothurn und Zürich. Die Fachmodule richteten sich nach konkreten Herausforderungen der Teilnehmenden und vermittelten direkt anwendbares Grundlagenwissen und Werkzeuge für die Praxis.
