Linda Bosshart

Unerfüllter Kinderwunsch: Zwischen medizinischen Möglichkeiten und religiösen Deutungen

Der Wunsch nach einem eigenen Kind bleibt für schätzungsweise jedes sechste Paar über Monate, Jahre oder dauerhaft unerfüllt. Obwohl Wunscheltern diese Situation in der Regel als existenzielle Krise erleben, erfährt sie gesellschaftlich wenig Aufmerksamkeit. Die Fortpflanzungsmedizin scheint mit der künstlichen Befruchtung eine einfache und erfolgsversprechende Lösung anzubieten. Tatsächlich jedoch stellen die medizinischen Möglichkeiten Wunscheltern vor neue Herausforderungen, die je nach persönlichem Glauben unterschiedlich gedeutet und bewältigt werden.

Unfruchtbarkeit ist nach wie vor ein Tabuthema. Entsprechend wird häufiger über statt mit denjenigen Menschen gesprochen, die betroffen sind. Für meine qualitative Studie führte ich rund 30 Gespräche mit Wunscheltern. Ein gutes Drittel der Befragten war in christlichen Freikirchen engagiert und gehörte damit zum evangelikalen Christentum, der andere Teil bezeichnete sich als weder religiös noch spirituell. In allen Gesprächen zeigte sich schnell, dass Unfruchtbarkeit keine gewöhnliche Krankheit ist. Ein unerfüllter Kinderwunsch prägt den Alltag, die Biographie und das Identitätsgefühl auf umfassende Weise.

Soziales Umfeld: fehlende Zugehörigkeit

Mutter, Vater, ein bis drei Kinder – noch heute orientieren sich gesellschaftliche Erwartungen am Modell der bürgerlichen Kleinfamilie. Spätestens ab einem gewissen Alter oder nach der Heirat werden Menschen ohne Kinder mit der Frage nach dem Nachwuchs konfrontiert. Wer keine Kinder möchte, muss sich häufig erklären oder gar rechtfertigen. Für ungewollt Kinderlose wird die Frage „Wann ist es bei euch so weit?“ zu einer der intimsten überhaupt. Sollen sie ausweichen oder ihre Unfruchtbarkeit offenlegen? Wer sich für letzteres entscheidet, riskiert, mit gut gemeinten, aber verletzenden Kommentaren und Ratschlägen konfrontiert zu werden. Habt ihr schon einmal versucht, euch einfach mal zu entspannen und es nicht zu fest zu wollen? Vielleicht mit Akupunktur oder Yoga? Tatsächlich sind Wunscheltern in der Regel aber längst Expert:innen ihrer eigenen Situation. Die meisten von ihnen haben bereits zahlreiche medizinische wie auch „spirituelle“ Ansätze erwogen oder ausprobiert.

Für Nicht-Eltern wird es schwieriger, Anschluss zu halten.

Wenn Peers nach und nach Kinder bekommen, verlagern sich zudem die Gespräche thematisch immer weiter hin zum Thema Schlaf, Stillen und Windelmarken, örtlich auf die Krabbeldecke zu Hause und zeitlich auf den Rhythmus des kindlichen Alltags. Für Nicht-Eltern wird es zunehmend schwieriger, Anschluss zu halten. Im christlich-gläubigen Umfeld erleben sie dies häufig in noch ausgeprägterem Masse. Das Gemeindeleben ist mit Anlässen wie Kindergottesdiensten, Gemeindeferienwochen und Kindersegnungen fundamental auf die Familie ausgerichtet. Es gibt wortwörtlich «keinen Platz» für Kinderlose, auch wenn sie nicht explizit diskriminiert, theologisch «ausgestossen» oder bewusst vernachlässigt werden. Eine Frau beschrieb, schlicht nie gewusst zu haben, zu wem sie sich im Gottesdienst setzen sollte. Weder bei den Familien noch bei den jungen Singles oder bei den Senior:innen fühlte sie sich zugehörig. Ihre Andersheit wurde ihr im christlichen Umfeld besonders deutlich vor Augen geführt.

Fortpflanzungsmedizin: Entscheidung und Hoffnung

Eine Option, die sich Wunscheltern stellt, ist der Gang ins Kinderwunschzentrum. Christlich-gläubige Menschen hadern häufig sehr lange mit dieser Entscheidung – nicht, weil ihr Glaube es ihnen grundsätzlich verbieten würde, sondern weil für sie vieles dagegen spricht. Sie fragen sich, ob sie die Erschaffung neuen Lebens – eines «Wunders» – tatsächlich so einfach auslagern und in die Hände von Mediziner:innen abgeben dürfen. Was geschieht mit der «Seele» des Kindes, wenn es «künstlich» erzeugt wird? Hinzu kommt, dass die Ehe für viele Evangelikale von enormer Bedeutung ist: Sie ist von Gott auserwählt, und es gilt sie zu pflegen.

Weil evangelikale Christ:innen in der Regel sehr gut vernetzt sind, auch in thematisch-spezifischen Kreisen, wissen sie meistens sehr genau Bescheid darüber, wie belastend die Inanspruchnahme von Fortpflanzungsmedizin auch für die Partnerschaft sein kann. So beschrieben viele von ihnen, dass neben den religiös-ethischen Fragen auch das Risiko, die Ehe aufs Spiel zu setzen, für sie schwer vertretbar ist. Um eine Entscheidung zu treffen, treten sie im Gebet immer wieder in die Interaktion mit Gott. In ihm finden sie einen tröstenden Zuhörer, der ihre Gefühle validiert und ihnen hilft, Entscheidungen zu treffen. Nicht alle gelangen dann zur gleichen Schlussfolgerung, doch viele entscheiden sich gegen die Inanspruchnahme medizinischer Hilfe.

Bild: iStock. Foto: @FXQuadro

Den nicht-gläubigen Wunscheltern präsentieren sich die medizinischen Möglichkeiten in der Regel zunächst anders. Selbst wenn auch sie teilweise ein diffuses und schwer benennbares Gefühl des Unbehagens beschrieben, dass ihr Kind nun womöglich «künstlich» erzeugt werden soll, setzen sie grosse Hoffnungen in die Fortpflanzungsmedizin, insbesondere in die künstliche Befruchtung (IVF, siehe Kasten). Der Gang ins Kinderwunschzentrum verspricht Entlastung, da Verantwortung nicht mehr allein getragen werden muss. In den Medien wird die Fortpflanzungsmedizin häufig als risikoarme und erfolgsversprechende Lösung für ungewollte Kinderlosigkeit dargestellt. So entsteht der Eindruck, Kinderlosigkeit sei – genauso wie ungewollte Schwangerschaften – medizinisch kontrollierbar und umkehrbar. Kliniken präsentieren sich mit Bildern glücklicher Paare und Babys, und in die Öffentlichkeit dringen vor allem Erfolgsgeschichten.

Enttäuschung

Umso gravierender erleben die meisten von ihnen das, was in der Realität sehr viel häufiger der Fall ist: das Scheitern reproduktionsmedizinischer Massnahmen. 2023 lag die Schwangerschaftsrate pro Behandlungszyklus in der Schweiz bei gerade mal rund 25 %. Diese Zahl wird noch niedriger, wenn man bedenkt, dass bei weitem nicht jede medizinisch bestätigte Schwangerschaft zur Geburt eines lebenden Kindes führt (vgl. Bundesamt für Statistik).

Die unerwartet niedrigen Erfolgsraten erklären sich durch die Fragmentiertheit des Prozesses und die damit verbundene hohe Fehleranfälligkeit. Er kann bei jedem Schritt scheitern: Der weibliche Körper muss richtig auf die Stimulation ansprechen, es müssen «gute» Eizellen sowie Spermien gewonnen werden können, die Befruchtung muss gelingen, die Embryonen müssen sich normgemäss weiterentwickeln, der Transfer muss glücken, der Embryo muss sich einnisten und in der Gebärmutter bleiben, bis sich eine stabile Schwangerschaft eingestellt hat, und selbst dann kann es noch zu einer Fehlgeburt kommen.

In dieser Situation fühlen sich die Frauen häufig sehr einsam.

Jeder einzelne Schritt ist körperlich und emotional belastend und greift tief in den Alltag ein. Die regelmässigen Termine im Kinderwunschzentrum und das permanente Setzen der Spritzen verhindern es häufig, einem geregelten Arbeitsalltag nachzukommen, und so sehen sich viele Frauen gezwungen, ihre Vorgesetzten einzuweihen und auf deren Verständnis zu hoffen. Besonders belastend empfinden viele das Warten nach dem Embryotransfer – auf einen positiven Test oder die erneute Enttäuschung. In dieser Situation fühlen sich die Frauen häufig sehr einsam, selbst dann, wenn ihr Partner sie tatkräftig unterstützt.

Wenn Aufhören keine Option ist

Trotz hoher Kosten und geringer Erfolgschancen wenden sich die meisten Paare nach einem gescheiterten Zyklus nicht von der Fortpflanzungsmedizin ab. Die britische Soziologin Karen Throsby beschreibt die Dynamik als «seductive maybe-next-time promise»: Die Hoffnung, dass es beim nächsten Mal doch noch gelingen könnte und die Angst vor lebenslanger Reue. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass theoretisch endlos viele Behandlungen durchgeführt werden können, bis irgendwann das Geld ausgeht.

Wer schon einmal ganz nahe am Ziel war, versucht es eher noch einmal.

Es scheint paradox: Je höher die emotionalen, körperlichen und finanziellen Investitionen in Kinderwunschbehandlungen, desto schwieriger scheint das Loslassen vom Kinderwunsch. Frühere «Erfolge», etwa die Gewinnung «guter» Eizellen oder sogar ein positiver Schwangerschaftstest, erschweren diesen Prozess zusätzlich. Wer schon einmal ganz nahe am Ziel war, versucht es eher noch einmal. So kann die Inanspruchnahme medizinischer Hilfe dazu führen, dass sich der Wunsch nach einem Kind noch verstärkt, und wer mit den Behandlungen aufhört, fühlt sich nicht selten umso mehr, als würde er «aufgeben».

Gemeinschaft als Ressource

Viele Frauen suchen in Offline- und Online-Netzwerken den Kontakt zu anderen Frauen, die in einer vergleichbaren Situation sind. Sie empfinden es als enorm entlastend, sich mit anderen auszutauschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben – von der Angst vor der ersten Menstruation nach einem negativen Schwangerschaftstest als körperliche Manifestierung einer gescheiterten Behandlung über die schweren körperlichen Nebenwirkungen hormoneller Behandlungen bis hin zur Frage, wie man eine Fehlgeburt verarbeitet und die Kraft für einen weiteren Versuch aufbringen kann.

Diese Erfahrungen sind so existenziell und verbindend, dass sie nicht selten die Grundlage für neue Freundschaften bilden. Auch christlich-gläubige Wunscheltern tauschen sich in Netzwerken aus, teilweise sogar in noch intensiverer Form. Gerade weil das Thema in ihrer Glaubensgemeinschaft wenig Sichtbarkeit erfährt, engagieren sich viele Wunscheltern in neu gegründeten Vereinen, die die Themen Glauben und unerfüllter Kinderwunsch zusammenbringen. Hier können Fragen des persönlichen Glaubens besprochen werden, gemeinsam gebetet und sich gegenseitig Halt gegeben werden.

Für Wunscheltern ist ein unerfüllter Kinderwunsch ein enormer Kraftakt.

Unabhängig von religiöser Zugehörigkeit erschüttert ein unerfüllter Kinderwunsch also den Alltag, die eigene Biographie und die Beziehungen im sozialen Umfeld. Anders als medial vermittelt, lässt sich ein unerfüllter Kinderwunsch mit all seinen Implikationen nicht allein medizinisch behandeln, und die Fortpflanzungsmedizin stellt keine einfache oder risikoarme Antwort auf die existenzielle Krise dar, die damit einhergeht. Für alle Wunscheltern bedeutet ein unerfüllter Kinderwunsch ein enormer Kraftakt – egal, welchen Weg sie einschlagen.

Fortpflanzungsmedizin in der Schweiz: kurz erklärt
Im Jahr 2023 wurden in der Schweiz gut 2’500 Kinder geboren, deren Erzeugung in vitro geschah. Das entspricht gut 3 % aller Lebendgeburten (vgl. BAG). Doch was ist eine In-Vitro-Fertilisation (kurz IVF) genau und wer nimmt sie in Anspruch?
Je nach Schätzung ist in der Schweiz etwa jedes sechste heterosexuelle Paar über kürzere oder längere Zeit von einem unerfüllten Kinderwunsch betroffen. Bei einem Drittel der Fälle liegt der medizinische Grund beim Mann, bei einem Drittel bei der Frau, beim restlichen Drittel bei beiden Partner:innen. Die Ursachen sind vielfältig, und meistens liegt eine Kombination von ungünstigen Faktoren vor. Nicht selten können medizinische Untersuchungen kein klares Bild liefern, was der ausschlaggebende Punkt für das Ausbleiben einer Schwangerschaft ist.
Wer möchte und es sich leisten kann, nimmt medizinische Hilfe in einem Kinderwunschzentrum in Anspruch. Es gibt mehrere Technologien der sog. assistierten Fortpflanzung, am häufigsten eingesetzt wird die IVF. Dabei werden der Frau über zwei Wochen Hormone verabreicht, die in den Eierstöcken zu einer Überproduktion von Eibläschen (Follikeln) führen. In dieser Zeit muss sie sich selbst Spritzen setzen und regelmässig im Kinderwunschzentrum erscheinen, um das Follikelwachstum kontrollieren zu lassen. Mittels eines Ultraschalls und unter einer Kurznarkose werden ihr dann die reifen Eizellen entnommen. Der Mann gibt eine Spermaprobe ab, die er selbst durch Masturbation gewinnt. Bei einer «klassischen» künstlichen Befruchtung werden die Eizellen mit den aufbereiteten Spermien zusammengebracht. Häufiger jedoch wird eine Variante der IVF angewandt, die ICSI (sprich «Ixi», Intrazytoplasmatische Spermieninjektion). Dabei wird ein ausgewähltes Spermium direkt in die Eizelle injiziert. Sofern sich eine oder mehrere Eizellen befruchten lassen und sich normgemäss weiterentwickeln, findet nach drei bis fünf Tagen der Embryotransfer statt. Der Frau wird nun eine dieser sog. «Blastozysten» eingesetzt, meist ohne Narkose. Nach rund zwei Wochen lässt sich mittels Bluttest feststellen, ob sich eine Schwangerschaft eingestellt hat. Blastozysten, die in diesem Zyklus nicht zum Einsatz kommen, können kryokonserviert und für einen späteren Zeitpunkt aufbewahrt werden. Ein weiterer entscheidender Faktor sind die Kosten: Anders als in vielen europäischen Ländern beteiligen sich die Krankenkassen in der Schweiz nicht an IVF-Behandlungen. Pro Versuch ist mit mehreren tausend bis über zehntausend Franken zu rechnen. Fortpflanzungsmedizinische Hilfe steht damit ausschliesslich jenen offen, die sie sich leisten können.


Weitere Beiträge

Autor:in

  • Linda Bosshart

    Promovierte Religionswissenschaftlerin der Universität Zürich ||| Linda Bosshart promovierte am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Zürich und war Mitglied des Universitären Forschungsschwerpunktes »Human Reproduction Reloaded«. Sie publiziert zu Lebensrealitäten von Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch, Reproduktions- und Alternativmedizin sowie zu reproduktiven Verlusten.

    Zeige alle Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Du kannst diese HTML-Tags und -Attribute verwenden:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.