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Warum Öko-Islam in der Schweiz noch selten ein Thema ist

Im Islam bieten sich viele Anknüpfungspunkte für eine interreligiöse, aber auch zivilgesellschaftliche Allianz in Bezug zu ökologischen Initiativen. Verbreitete Wahrnehmungen von Islam und Religion allgemein verhindern aber, dass sich diese Potentiale auch in der Schweiz voll entfalten können.

Radikalisierung, Gewalt, Verschleierung, Imame – das sind die Dauerbrenner der Islamdebatte in der Schweiz. Öko-Islam könnte hier eine willkommene Abwechslung bieten, da damit muslimische Beiträge für ein Anliegen zum Ausdruck kommen würden, das die gesamte Gesellschaft betrifft. Die ökologische Frage kann sich über Grenzen von religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen hinweg als integrierend erweisen. In Bezug auf Musliminnen und Muslime ist dies aber bislang in der Schweiz noch wenig der Fall.

Der Dachverband Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ) hat im Jahr 2016 eine Broschüre mit dem Titel «Umweltschutz & Nachhaltigkeit im Islam» veröffentlicht. Mit Koranversen wird dort aufgezeigt, wie ein verantwortlicher Umgang mit der Schöpfung aussehen kann. Es folgen konkrete Hinweise zu umweltbewusster Ernährung, Energiesparen und Abfallvermeidung. Diese pionierhafte Publikation ist Ausdruck eines zivilgesellschaftlichen Engagements und einer Mitverantwortung für das grosse Ganze.

Drei Gründe, weshalb grünes Engagement von Muslim:innen in der Schweiz relativ selten ist

Vor allem in den angelsächsischen Ländern gibt es zahlreiche derartige Aktivitäten. In der Schweiz sind sie noch relativ selten. Drei Gründe sind hierfür ausschlaggebend:

1. Islamdebatten transportieren die Erwartung, dass Musliminnen und Muslime sich zu den dort artikulierten Fragen und Themen äussern. Diese bringen den Informations- und Selbstvergewisserungsbedarf der «Mehrheitsgesellschaft» zum Ausdruck. Dabei wird vielfach erwartet, dass Musliminnen und Muslime den Nachweis liefern, inwiefern der Islam mit einer säkularen Gesellschaftsordnung vereinbar ist. Aufgrund der Verdachtsmomente, die diese Debatten prägen, ist es kaum möglich, den Kreislauf von Erwartungen zu durchbrechen. Ein stärkerer Fokus auf Öko-Islam könnte bei manchen Beobachterinnen und Beobachtern den Eindruck verstärken, Muslime und Musliminnen würden bewusst von den dringlichen an sie gerichteten Fragen ablenken und den Öko-Trend gar «islamisieren» wollen. Wenn jetzt noch das Thema Ökologie auf die Agenda käme, könnte umgekehrt aber auch der Eindruck entstehen, dass Musliminnen und Muslime zusätzlich zu allem anderen auch hier noch etwas zu leisten haben.

2. Während in den angelsächsischen Ländern die soziale und strukturelle Integration weiter fortgeschritten ist, sind muslimische Organisationen in der Schweiz noch vielfach damit beschäftigt, sich für Grundbedürfnisse einzusetzen – etwa im Bereich der Seelsorge in öffentlichen Institutionen. Eine Vielzahl von muslimischen Organisationen bieten soziale Dienstleistungen an, um damit auf Notsituationen von Jugendlichen, Asylsuchenden und Obdachlosen zu antworten. Vor diesem Hintergrund ist Ökologie fast noch ein Luxusthema, wenn die muslimischen Organisationen erst einmal die Ausgangssituation für ihre gesellschaftliche Partizipation klären müssen und mit den vorhandenen Aufgaben bereits gut ausgelastet sind. Auch der Blick auf christliche Ökoinitiativen zeigt, dass diese relativ selten sind und keineswegs zum Standardprogramm von lokalen Kirchengemeinden gehören.

In der Schweiz ist es grundsätzlich strittig, inwiefern sich Religionsgemeinschaften überhaupt an politischen Debatten beteiligen sollen.

3. Betrachtet man die ökologische Frage in einem umfassenden Sinn, so reichen Verhaltensänderungen von Individuen oder kleinen Gruppen nicht aus, sondern es geht auch um ökonomische Anreize, gesellschaftliche Prioritäten und politische Massnahmen. Jedoch ist es in der Schweiz grundsätzlich strittig, inwiefern sich Religionsgemeinschaften überhaupt an politischen Debatten beteiligen sollen. So wurde zuletzt von manchen Stimmen kritisch hinterfragt, ob es angebracht ist, dass sich kirchliche Gremien am Aufruf zum Klimastreik beteiligen. Bereits im Zusammenhang mit der Konzernverantwortungsinitiative wurde diese Frage kontrovers diskutiert. Gerade im Fall von nicht etablierten Religionsgemeinschaften kann ein solches Diskussionsklima zu mehr Zurückhaltung im öffentlichen Raum führen. Umgekehrt regt diese Situation aber auch zu einer Reflexion darüber an, wie sich das prophetisch-sozialkritische Erbe der monotheistischen Religionen gegenwärtig am besten zur Geltung bringen lässt.

Ökologisches Engagement muss nicht religiös begründet sein

Über diese drei Aspekte hinaus lässt sich die Suche nach einem Öko-Islam noch aufgrund eines weiteren Arguments hinterfragen, das im Übrigen auch Angehörige anderer Religionen betrifft: Musliminnen und Muslime sind mit ökologischem Engagement nicht unbedingt immer als solche sichtbar oder wollen auch nicht unbedingt als solche sichtbar sein. Angesichts vielfältiger Identitäten kann ein ökologisches Engagement von Musliminnen und Muslimen auch anders als religiös begründet und motiviert sein. Oder es zeigt sich ein Hybrid politischer, ideologischer, staatsbürgerlicher, religiöser und anderer Überzeugungen. Wenn etwa der bekannte britische Ökoaktivist Fazlun Khalid im Islam die Lösung für Umweltprobleme sieht (Khalid 1998, 17), besteht die Gefahr von Vereinfachungen und von einem wenig fruchtbaren Wettstreit darüber, welche Religion am ökologischsten ist. Solche vereindeutigenden Antworten scheinen auch wenig geeignet, einen Diskurs zu dekonstruieren und zu differenzieren, der daran krankt, dass in Bezug auf eine Personengruppe alles als «islamisch» interpretiert wird.

Naturverbundenheit und Modernekritik

Im Unterschied zu Khalids provokativem Slogan weist der Ansatz des im Iran geborenen und in den USA lehrenden Seyyed Hossein Nasr eine stärkere interreligiöse Öffnung auf. Nasr sieht in der Umweltkrise eine umfassende Krise des modernen Menschen (Nasr 1996). Für Nasr sind sich die Religionen darin einig, die Natur als heilig anzusehen. So bezieht er sich etwa auf eine christliche Mystikerin des 12. Jahrhunderts, Hildegard von Bingen, nach der der Mensch Himmel und Erde in sich trägt und von daher der Natur eng verbunden ist. Allerdings kritisiert Nasr, dass dieses Bewusstsein im Westen seit der Renaissance verloren gegangen sei. Dem modernen Anthropozentrismus hält er eine radikale Ausrichtung auf Gott entgegen. Gegenüber nicht-religiösen Positionen ist er somit grundsätzlich ablehnend, so dass für ihn kein Brückenschlag zu säkularen Umweltbewegungen möglich ist.

Nasrs scharfe Modernekritik weist sicherlich berechtigte Elemente auf. Eine Integrationsleistung kann auch darin gesehen werden, dass sich ein muslimischer Denker kritisch mit den Fundamenten der westlichen Moderne auseinandersetzt. Da seine Position jedoch in eine Fundamentalkritik umschlägt, ist sie im Kontext der Schweiz vermutlich schwer zu vermitteln. Sie könnte das Misstrauen gegenüber dem Islam noch weiter verstärken, da Islamdebatten gerade den Nachweis einer Kompatibilität mit der Moderne verlangen. Aber Nasrs Position von daher gleich völlig aus dem Diskurs auszuschliessen, würde sich ebenfalls als problematisch erweisen.

Gelebte Ökologie: In interreligiösen und multikulturellen Gärten wird die Beziehung zur Natur gestärkt. © Vera Rüttimann
Gelebte Ökologie: In interreligiösen und multikulturellen Gärten wird die Beziehung zur Natur gestärkt. © Vera Rüttimann

Zu einem verantwortlichen Umgang mit Ressourcen verpflichtet

Andere muslimische Denker streben eine stärkere Synthese an. So erkennt der in Malaysia lehrende Mohammad Hashim Kamali – eine der wichtigsten Stimmen unter den zeitgenössischen muslimischen Gelehrten – eine Konvergenz zwischen säkularen und muslimischen Positionen zur Nachhaltigkeit (Kamali 2016). Kamali hebt hervor, dass die westliche Ökonomie auf eine spirituelle Dimension angewiesen bleibt. Zentral sind hier Weisheit und die Fähigkeit, im Sinne des universalen Allgemeinwohls voneinander zu lernen. Aus islamischer Sicht ist der Mensch auf Gott hin geordnet und der gesamten Schöpfung verbunden. Von daher ist er zu einem verantwortlichen Umgang mit allen Ressourcen verpflichtet. Hierbei kann es aber durchaus zu einem Gleichklang mit ganzheitlichen Nachhaltigkeitskonzepten kommen, die ökologische, ökonomische, soziale und spirituelle Dimensionen miteinander verbinden.

Vorurteile gegenüber Religion erschweren die Entfaltung ihrer Potentiale

Der Blick auf internationale Beiträge und Debatten zeigt, dass diese auch für den Schweizer Kontext als Bereicherung dienen können. Zivilgesellschaftliches Engagement erfordert jedoch auch gleiche oder zumindest annährend gleiche Ausgangsbedingungen, was angesichts einseitiger Debatten oftmals nicht der Fall ist. Akteurinnen und Akteure der Zivilgesellschaft müssen schliesslich in der Lage sein, mit einer Vielfalt an Positionen und Alternativen umzugehen. Säkulare und religiöse Ökoströmungen vermischen und überlappen sich in vielen Fällen. Muslimisches Engagement in diesem Bereich hat seinen Ursprung oftmals darin, dass säkulare Aktivitäten durch Symbole, Koranverse und Prophetenworte islamisch gerahmt werden, was auch Allianzen zwischen Vertreterinnen und Vertretern einer selbstkritischen Moderne einerseits und religiösen Positionen andererseits ermöglicht. Aber auch Positionen wie die von Nasr können wichtige Anstösse geben und sind Ausdruck der Konflikthaftigkeit all dieser Debatten. Und schliesslich bietet die Zivilgesellschaft einen Raum für von den Betroffenen selbst verantworteten lokale Regelungsmechanismen im Umgang mit Ressourcen, die für die Umweltwissenschaftlerin Elinor Ostrom nach dem Vorbild der Allmende einen entscheidenden Beitrag zur Lösung der ökologischen Krise leisten können (Ostrom 2015). In einer hochgradig diversen Gesellschaft müssen diese Regelungsmechanismen allerdings stärker inklusiv gedacht werden als zuvor.

Solange weite Teile der Gesellschaft jedoch ein Problem mit Religion und insbesondere mit dem Islam haben, wird es nicht einfach sein, die Potentiale eines Öko-Islams zur Geltung zu bringen. Dann bleibt es auch unmöglich zu erfahren, dass religiöse und säkulare Positionen zur Umweltfrage einander oft näher stehen als zunächst vermutet. Allen Beteiligten ist daher Neugierde zu wünschen, um im Denken und Handeln anderer etwas zu entdecken, was ihnen selbst noch fehlen könnte.


Kamali, M. H. (2016). Islam and Sustainable Development. Islam and Civilisational Renewal, 7 (1), 8-26.

Khalid, F. (1998). Islam, Ecology and the World Order. In H. Abdel Haleem (ed.), Islam and the Environment (pp. 16-31). London: Ta-Ha Publishers.

Nasr, S. H. (1996). Religion and the Order of Nature. New York/Oxford: Oxford University Press.

Ostrom, E. (2015): Governing the commons. The evolution of institutions for collective action. Cambridge: Cambridge University Press.


Hansjörg Schmid ist Professor für Interreligiöse Ethik und geschäftsführender Direktor des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft (SZIG) an der Universität Freiburg. Öko-Islam ist auch ein Thema im Masterprogramm «Islam und Gesellschaft» des SZIG.