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Zwischen Ritual und Intimität: Jüdische Perspektiven auf Sexualität

In ihrer Arbeit begleitet sie Paare auf dem Weg in die Ehe und spricht mit ihnen über Liebe, Intimität und Rituale. Eliane Bollag vermittelt jüdische Reinheitsgesetze und Ehetraditionen – und zeigt, wie Sexualität Teil einer spirituellen Lebensweise sein kann und Paare neue Formen von Nähe und Verbundenheit entdecken können.

Eliane Bollag unterrichtet «Taharat haMischpacha» – die Lehre der jüdischen Reinheitsgesetze. In ihrer Rolle arbeitet sie vor allem mit jungen Frauen und Paaren zusammen, die sich auf die Ehe vorbereiten wollen. Sie vermittelt ihnen die religiösen Gesetze, die im Judentum für die Ehe und die Sexualität relevant sind, und unterstützt sie dabei, diese im Alltag umzusetzen.

Ein Paar, welches in der Israelitischen Cultusgemeinde in Zürich von einem Rabbiner getraut werden möchte, wird zuerst zu Eliane geschickt, um sich mit den Reinheitsgesetzen vertraut zu machen. Dies ist eine Voraussetzung für eine Eheschliessung im Rahmen einer religiösen Trauung. Eliane vermittelt den Paaren, wie sie die religiösen Gebote im Eheleben praktizieren und ausleben können. Sie bietet Frauen, die kurz vor der Heirat stehen, die Möglichkeit, sich über die Ehegesetze, wie sie in der Thora verankert sind, zu informieren, und beantwortet Fragen rund um Ehe und Sexualität.

Die Bedeutung der Ehe im Judentum

«Selbstverständlich kennen wir die Jungfräulichkeit in der Ehe. Man kann diesen Wert hochhalten, egal wo man sich auf diesem Spektrum befindet. Man kann aber auch sagen: Nein. Es gibt keine Ächtung, der Partner muss damit einverstanden sein. Wenn es ihn oder sie stört, ist man vielleicht der falsche Partner.»

Bild: iStock, @Marco_Piunti

Für Eliane Bollag ist die Ehe ein bedeutender Bestandteil des jüdischen Lebens. Sie versteht sie als heiliges Bündnis zwischen Mann und Frau, das nicht nur der Fortpflanzung dient, sondern auch eine tiefe emotionale Verbundenheit zwischen den Eheleuten schafft. Aus der modern-orthodoxen Perspektive ist die Ehe der vorgesehene Rahmen für Sexualität. Aber es sei keine zwingende Voraussetzung, als Jungfrau in die Ehe zu gehen. Viel mehr zeigt die Realität, dass dies eine individuelle Entscheidung ist, die in der Partnerschaft getroffen wird.

Die zwei Pflichten des Mannes

Eliane erklärt uns, dass der Mann innerhalb der Ehe zwei zentrale Verpflichtungen hat: Einerseits die Pflicht zur Fortpflanzung, andererseits die Verantwortung, seine Ehefrau sexuell zu befriedigen – und zwar so, wie sie es sich wünscht. Sie hebt hervor, dass ein Vorteil dieser Regelung sein kann, dass Frauen sich dadurch tatsächlich zu Wort melden und ihre sexuellen Wünsche ausdrücken. Auch der Mann kann seine Bedürfnisse äussern, wodurch sich – idealerweise – ein Austausch auf Augenhöhe ergibt. Im besten Fall, so Eliane, führt dieser Dialog zu einer gesunden und respektvollen Beziehung.

Obwohl die Zeugung von Kindern in vielen Ehen eine wichtige Rolle spielt, betont sie, dass die Ehe nicht allein auf die Fortpflanzung ausgerichtet ist. Auch erfüllte Sexualität sei ein wesentlicher, heiliger Bestandteil des Ehelebens.

Die Ehe ist nicht allein auf die Fortpflanzung ausgerichtet.

Eliane erzählt uns, dass sie Paare berät, die Schwierigkeiten mit ihrer Sexualität im ehelichen Rahmen erleben. Vielfach weiss sie Rat. Solche Probleme, erklärt sie, können vielfältige Ursachen haben: Einerseits können dies physische Besonderheiten sein, die beachtet werden müssen. Andererseits können auch Erwartungshaltungen oder Erfahrungen zu psychischen Herausforderungen führen, die das Paar bewältigen muss.

Sex vor der Ehe

Eliane zufolge bleibt die Ehe in der Praxis vieler moderner jüdischer Menschen zentral. Im religiösen Idealfall sollte Sex ausserhalb oder vor der Ehe nicht praktiziert werden. Doch sie weiss aus Erfahrung, dass dies nicht immer der gelebten Realität entspricht. Sie erzählt von einer unverheirateten Frau in ihren Dreissigern, die bereits sexuell aktiv war. Für die junge Frau sei es in ihrer Jugend absolut normal gewesen, in einem gewissen Alter sexuell aktiv zu werden, fast so, wie es selbstverständlich sei, mit 18 Jahren den Führerschein zu machen. Rückblickend bedauerte die Frau jedoch, diesem Trend ihrer Jugend gefolgt zu sein. Sie hätte sich gewünscht, auf den passenden Partner und damit auf eine eheliche Beziehung gewartet zu haben.

Eine Frau kann auch dann sehr religiös sein, wenn sie nicht den Idealvorstellungen der Gemeinschaft entspricht.

Trotzdem betont Eliane, dass vorehelicher Geschlechtsverkehr keineswegs zum Ausschluss aus der religiösen Gemeinschaft führt. Eine Frau kann auch dann sehr religiös sein, wenn sie in diesem Punkt nicht den Idealvorstellungen der jüdischen Gemeinschaft entspricht.

In diesem Zusammenhang macht sie eine interessante Beobachtung: «Wir leben in einer aufgeklärten Zeit. Sex ist in aller Munde. Aber dann muss ich doch feststellen, dass gewisse Frauen kaum wissen, welcher Körperteil zur Befriedigung führt.» Diese Bemerkung zeigt, dass es in einer modernen Gesellschaft nicht nur um Offenheit gegenüber Sexualität geht, sondern auch um praktische und aufklärende Gespräche. Frauen sollen lernen, ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu verstehen.

Die Bedeutung der Nidda-Zeit

Der zentrale Bestandteil von Elianes Arbeit ist es, Frauen mit den Vorschriften für die Nidda-Zeit und dem rituellen Reinigungsprozess in der Mikwa (dem jüdischen Tauchbad) vertraut zu machen, so wie sie in ihrer Gemeinschaft gelehrt werden. Sie erklärt, dass die Nidda-Zeit mit der Menstruation beginnt und nach sieben weiteren «reinen» Tagen und dem Gang ins Tauchbad (Mikwa) endet. Während dieser Zeit gelte eine Frau in der jüdischen Tradition als «tame» – ein Begriff, den sie nicht als «unrein» im Sinne von «schmutzig» oder «schlecht» verstehen möchte.

Es geht um den Respekt vor einer spirituellen Phase, in der die Nähe zu Gott nicht möglich sei.

Eliane erklärt, dass der Begriff «tame» einen Zustand beschreibt, der bestimmte Verhaltensweisen mit sich bringt oder bestimmte Handlungen untersagt, um die spirituelle Nähe zu Gott zu wahren. Dabei gehe es nicht um Enthaltsamkeit als Verzicht, sondern vielmehr um den Respekt vor einer besonderen spirituellen Phase, in der die Nähe zu Gott nicht möglich sei.

Sie betont, dass diese Zeit eine tiefere spirituelle Dimension habe, die auch das Eheleben beeinflusse. Für viele Paare sei die Rückkehr zur Intimität nach der Nidda-Zeit eine Art Erneuerung ihrer Ehe. Einige nutzten diese Phase, um sich emotional und spirituell wieder bewusster aufeinander einzulassen und so ihre Verbindung zu vertiefen.

Der Einfluss der Nidda-Zeit auf das Sexualleben der Paare

«Viele Frauen erleben die Vereinigung nach dem Tauchbad als eine Art Erneuerung ihrer Ehe.» Die Nidda-Zeit bringt eine Phase sexueller Abstinenz mit sich. Eliane Bollag beschreibt, dass dies für viele Paare eine positive Auswirkung haben kann. Die Vorfreude auf die körperliche Vereinigung nach dieser Phase sei oft mit einem Gefühl der Erneuerung verbunden. Viele Paare nutzten diese Zeit, um andere Aspekte ihrer Beziehung zu vertiefen.

Viele Frauen erleben die Vereinigung nach dem Tauchbad als eine Erneuerung ihrer Ehe

«Ein Mensch, der seine Liebe meist auf sehr physische Weise zeigt, muss sich in dieser Zeit, die nicht physisch ist, etwas einfallen lassen, um trotzdem schöne Signale zu senden», erklärt Bollag. Durch den vorübergehenden Verzicht auf körperliche Intimität, rückten andere Formen der Kommunikation und Nähe in den Vordergrund.

Doch es gibt auch Herausforderungen. Eliane erwähnt, dass Konflikte, die in Beziehungen häufig durch körperliche Nähe entschärft werden, während dieser Zeit bewusst ausgetragen werden müssen: «Wird Sexualität aber für eine bestimmte Zeit ausgeschlossen, warum auch immer, kommt man nicht drum herum und trägt das aus».

Sie betont auch, dass diese Praxis die Beziehung auf eine neue Ebene heben kann. Viele Paare würden nach der Nidda-Zeit bewusst eine «Date-Night» einplanen, um sich wieder Zeit füreinander zu nehmen. Gerade für Eheleute, die sich in einem stressigen Alltag zwischen Beruf, Haushalt und Kindern oft wenig Raum für ihre Beziehung nehmen können, sei ein solches Ritual eine wertvolle Tradition. Besonders für Paare mit Kindern sieht Eliane in einem solchen Rendezvous eine bereichernde Möglichkeit, sich immer wieder bewusst für einander Zeit zu nehmen.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Seminars «Religion und Sexualität» an der Universität Bern entstanden. Die Studierenden beschäftigten sich mit der Frage, wie Sexualität in heutigen religiösen Diskursen konstruiert wird, welche Normvorstellungen existieren, welche Schriftauslegungen es gibt und welche Bestimmungen in unterschiedlichen religiösen Kreisen als gültig betrachtet werden. Unter der Leitung von Janina Maris Hofer unternahmen sie eine Exkursion durch die Schweiz, bei der sie fünf Personen aus verschiedenen religiösen Gemeinschaften trafen. Die Gespräche mit diesen Personen dienten als Grundlage für die Reportagen und Porträts, die nun auf religion.ch veröffentlicht werden.


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