Interreligiöser Dialog möchte Menschen auf Augenhöhe zusammenbringen. Gleichzeitig treffen dort Menschen und Organisationen aufeinander, die sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Manche verfügen über professionelle Strukturen und langjährige institutionelle Erfahrung, andere arbeiten ausschliesslich ehrenamtlich. Einige Religionsgemeinschaften sind öffentlich-rechtlich anerkannt, andere kämpfen um staatliche oder zumindest gesellschaftliche Anerkennung. Wie kann unter solchen Bedingungen Zusammenarbeit auf Augenhöhe gelingen?
Interreligiöse Zusammenarbeit findet nie unter gleichen Voraussetzungen statt. Menschen und Organisationen bringen sehr unterschiedliche Erfahrungen, Ressourcen und gesellschaftliche Positionen mit. Einige Religionsgemeinschaften verfügen über jahrzehntelang gewachsene Strukturen, professionelle Mitarbeitende und politische Kontakte. Andere arbeiten ausschliesslich ehrenamtlich, verfügen über begrenzte finanzielle Mittel oder kämpfen um gesellschaftliche Anerkennung. Manche Akteur:innen vertreten grosse Organisationen, andere engagieren sich als Einzelpersonen. Hinzu kommen Unterschiede hinsichtlich Sprache, Bildung und religiöser Sozialisation.
Damit stellt sich auch die Frage, wer überhaupt die Möglichkeit hat, sich im interreligiösen Dialog zu engagieren. Beispielsweise jüngere Menschen verfügen oft noch über weniger institutionelle Erfahrung und finanzielle Spielräume für ehrenamtliches Engagement, obwohl ihre Beteiligung für die Zukunft des interreligiösen Dialogs zentral ist. Das interreligiöse Feld ist also von einer Vielzahl sich überlagernder Asymmetrien geprägt.
Diese Unterschiede sind historisch gewachsen und Ausdruck der unterschiedlichen Entwicklung religiöser Gemeinschaften in der Schweiz sowie ihrer jeweiligen rechtlichen, gesellschaftlichen und institutionellen Einbindung. Viele dieser Asymmetrien lassen sich nicht einfach aufheben. Auch künftig werden sich Religionsgemeinschaften hinsichtlich ihrer Grösse, ihrer Ressourcen oder ihrer gesellschaftlichen Stellung unterscheiden. Asymmetrien sind deshalb keine Ausnahme, sondern eine grundlegende Rahmenbedingung interreligiöser Zusammenarbeit.
Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn Asymmetrien betreffen nicht nur die Verteilung von Ressourcen. Sie beeinflussen auch, wer interreligiöse Projekte initiiert, wer Themen setzt, welche Erwartungen aneinander gestellt werden oder welche Vorstellungen von Religion und gelungenem Dialog selbstverständlich erscheinen. Sie prägen damit, oft unbemerkt, die Art und Weise, wie Zusammenarbeit entsteht und erlebt wird.

Bild: Es lohnt sich, genauer hinzuschauen. (Generalversammlung IRAS COTIS 2026) Foto: @Samira Spohn
Formen von Asymmetrien
Asymmetrien im interreligiösen Feld zeigen sich auf unterschiedlichen Ebenen und überlagern sich häufig. In einer konkreten Zusammenarbeit wirken deshalb meist mehrere Ungleichheiten gleichzeitig. Vier Formen erscheinen dabei besonders bedeutsam.
Institutionelle Asymmetrien
Religionsgemeinschaften unterscheiden sich erheblich hinsichtlich ihrer institutionellen Einbindung. Während einige öffentlich-rechtlich anerkannt sind und auf historisch gewachsene Strukturen, politische Kontakte oder stabile Finanzierungsmodelle zurückgreifen können, befinden sich andere Gemeinschaften noch im Aufbau oder verfügen über deutlich weniger institutionelle Unterstützung und gesellschaftliche Vernetzung. Diese Unterschiede beeinflussen unter anderem, wer über personelle Ressourcen verfügt, Projekte initiieren kann oder als Ansprechpartner:in von Behörden wahrgenommen wird.
Ressourcenasymmetrien
Ungleiche Ressourcen sind eng mit den institutionellen Unterschieden verbunden. Dazu gehören finanzielle Mittel ebenso wie verfügbare Zeit, Personal, Räume oder Zugang zu Aus- und Weiterbildungen. Auch sprachliche Kompetenzen oder Wissen über Projektmanagement, Öffentlichkeitsarbeit oder Vereinsführung können sehr unterschiedlich sein. Solche Unterschiede entscheiden wesentlich darüber, wer sich überhaupt langfristig interreligiös engagieren kann und welche Projekte realisierbar sind.
Soziale Asymmetrien
Interreligiöse Zusammenarbeit bringt Menschen mit unterschiedlichen Rollen und Biografien zusammen. Professionell angestellte Mitarbeitende arbeiten mit ehrenamtlich Engagierten zusammen, Vertreter:innen grosser Organisationen mit Einzelpersonen, religiöse Autoritäten mit interessierten Freiwilligen. Hinzu kommen Unterschiede zwischen Generationen – manche Gemeinschaften sind jünger, andere älter – unterschiedliche Bildungsbiografien oder auch Migrationserfahrungen. Diese verschiedenen Ausgangslagen prägen Erwartungen, Verantwortlichkeiten und Handlungsmöglichkeiten innerhalb gemeinsamer Projekte.
Symbolische Asymmetrien
Neben institutionellen, materiellen und sozialen Unterschieden prägen auch symbolische Asymmetrien die interreligiöse Zusammenarbeit. Sie betreffen die Frage, welche Religionsgemeinschaften gesellschaftliche Anerkennung geniessen, welche Perspektiven als selbstverständlich gelten und wer Deutungshoheit über Religion oder interreligiösen Dialog besitzt.
So unterscheiden sich Religionsgemeinschaften beispielsweise darin, wie vertraut sie der Mehrheitsgesellschaft sind, wie häufig und mit welchen Themen sie in den Medien präsent sind und mit welchen gesellschaftlichen Bildern und Stereotypen sie konfrontiert werden.
Symbolische Asymmetrien entscheiden darüber, wer gehört wird.
Ausserdem verfügen nicht alle Akteur:innen über dieselbe Definitionsmacht. Wer legt fest, was als gelungener interreligiöser Dialog gilt? Welche Themen stehen im Zentrum einer Begegnung? Welche Formen religiöser Praxis gelten als «gut», welche erscheinen erklärungsbedürftig? Und wer spricht überhaupt für eine Religionsgemeinschaft?
Symbolische Asymmetrien beeinflussen damit nicht nur, wer gehört wird, sondern auch welche Vorstellungen von Religion und Dialog sichtbar werden. Sie entscheiden mit darüber, welche Perspektiven als normal gelten, welche sich rechtfertigen müssen und welche Erwartungen an die beteiligten Personen herangetragen werden.
Weshalb Asymmetrien für den Dialog relevant sind
Asymmetrien werden nicht dadurch problematisch, dass Menschen oder Religionsgemeinschaften unterschiedlich sind. Problematisch werden sie dort, wo sie unbemerkt die Zusammenarbeit prägen. Sie beeinflussen, wer Verantwortung übernimmt, wer sich einbringen kann, welche Erwartungen aneinander gestellt werden und welche Formen des Dialogs als selbstverständlich gelten. Dadurch entstehen Spannungen, die häufig einzelnen Personen oder Religionsgemeinschaften zugeschrieben werden, obwohl sie Ausdruck struktureller Unterschiede sind. Nicht selten verstärken sie dadurch bestehende Vorurteile und Stereotype.
Wer gestaltet den Dialog?
Ein häufiges Beispiel betrifft die Verteilung von Verantwortung. Grössere und professionell organisierte Religionsgemeinschaften verfügen über gut ausgebildete Mitarbeitende, Infrastruktur und finanzielle Mittel. Deshalb übernehmen sie häufig die Organisation interreligiöser Veranstaltungen und Projekte. Damit tragen sie wesentlich zum Gelingen der Zusammenarbeit bei. Gleichzeitig setzen sie aber oft, vielleicht auch ungewollt, den organisatorischen und inhaltlichen Rahmen: Sie bestimmen Ort, Zeit, Ablauf und teilweise auch die Themen. Diese orientieren sich nicht selten an den Kompetenzen der Organisierenden und sind entsprechend intellektuell oder theologisch ausgerichtet.
Oft ist der Dialog intellektuell oder theologisch ausgerichtet.
Manchmal gerät dabei in Vergessenheit, dass das Gegenüber weder dieselbe Ausbildung noch dieselben Erfahrungen mitbringt. Kleinere Gemeinschaften geraten dadurch eher in die Rolle der eingeladenen Gäste als der Mitgestaltenden. Mit der Zeit kann der Eindruck entstehen, dass einige den Dialog gestalten, während andere vor allem daran teilnehmen. Dabei besteht auf beiden Seiten oft der Wunsch, die Rollen einmal zu tauschen oder gemeinsam ganz neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln.
Wer spricht für wen?
Auch die Erwartungen an die Beteiligten sind ungleich verteilt. Angehörige religiöser Minderheiten werden häufig als Vertreter:innen ihrer gesamten Religionsgemeinschaft wahrgenommen. Sie sollen den Islam, das Judentum oder den Hinduismus erklären, auf politische Ereignisse reagieren, «den Glauben der Gemeinschaft» rechtfertigen oder Missverständnisse ausräumen. Christliche Vertreter:innen können demgegenüber häufiger aus ihrer persönlichen Perspektive sprechen, ohne ihre Kirche repräsentieren zu müssen. Natürlich kennen auch Mitglieder der katholischen Kirche den Rechtfertigungsdruck nach Missbrauchsskandalen oder anderen negativen Schlagzeilen. Sie erleben ebenfalls, dass sie sich plötzlich für etwas verantworten sollen, womit sie persönlich nichts zu tun haben. Für Angehörige religiöser Minderheiten gehört dieser Rechtfertigungsdruck jedoch deutlich häufiger zum Alltag. Dadurch entstehen sehr unterschiedliche Ausgangslagen für dieselbe Begegnung.
Was verstehen wir unter Dialog?
Asymmetrien zeigen sich auch darin, dass Menschen ganz unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was interreligiöser Dialog überhaupt ist. Für manche steht das gemeinsame Gespräch über religiöse Überzeugungen im Zentrum. Andere möchten vor allem Beziehungen aufbauen, gemeinsam gesellschaftliche Verantwortung übernehmen oder Gastfreundschaft leben. Für wieder andere ist die Teilnahme am Dialog eine existenzielle Frage der Zugehörigkeit und gesellschaftlichen Anerkennung, während sie für andere in erster Linie der Horizonterweiterung oder persönlichen Bereicherung dient.
Treffen diese unterschiedlichen Vorstellungen aufeinander, ohne ausgesprochen zu werden, entstehen immer wieder Enttäuschungen. Die einen erleben einen Anlass als oberflächlich, weil religiöse Fragen kaum vertieft werden. Andere empfinden dieselbe Veranstaltung als zu theoretisch oder kontrovers. Wieder andere fragen sich, weshalb so viel diskutiert und so wenig gemeinsam gestaltet wird. Nicht selten haben am Ende die Beteiligten das Gefühl, der Dialog sei nicht gelungen – denn sie hatten schlicht unterschiedliche Erwartungen daran, was dort eigentlich stattfinden sollte.
Wer kann langfristig mitmachen?
Asymmetrien wirken sich schliesslich auch darauf aus, wer langfristig im interreligiösen Feld aktiv bleibt. Wer sich neben Beruf und Familie ausschliesslich ehrenamtlich engagiert, stösst früher an zeitliche Grenzen als Personen, deren Engagement Teil ihrer beruflichen Tätigkeit ist. Finden Sitzungen tagsüber statt oder erfordern Projekte einen hohen administrativen Aufwand, können sich manche Akteur:innen dauerhaft beteiligen, während andere nach und nach aussteigen. Langfristig prägt dies auch das Feld selbst: Sichtbar bleiben vor allem jene Organisationen und Personen, die über genügend Zeit, Personal und finanzielle Ressourcen verfügen.
Asymmetrien beeinflussen somit nicht nur einzelne Begegnungen. Sie entscheiden mit darüber, wer Verantwortung übernimmt, wer den Dialog prägt, welche Perspektiven sichtbar werden und welche Formen der Zusammenarbeit sich langfristig etablieren. Werden diese Dynamiken nicht bewusst reflektiert und gestaltet, reproduziert interreligiöse Zusammenarbeit genau jene Ungleichheiten, die sie eigentlich überwinden möchte.
Zusammenarbeit bewusst gestalten
Wer über Asymmetrien spricht, läuft Gefahr, sie ausschliesslich als Problem zu verstehen, das möglichst beseitigt werden sollte. Tatsächlich gibt es Unterschiede, die reduziert werden können und sollten. Dazu gehören beispielsweise ungleiche Zugänge zu Ressourcen, Aus- und Weiterbildung oder politische und gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten. Hier können gemeinsame Anstrengungen dazu beitragen, bestehende Ungleichheiten abzubauen.
Unterschiede sollen nicht zur Benachteiligung werden.
Gleichzeitig gehören viele Unterschiede zu einer pluralen Gesellschaft. Religionsgemeinschaften unterscheiden sich in ihrer Geschichte, ihrer Grösse, ihren Organisationsformen, ihren religiösen Traditionen oder ihrer gesellschaftlichen Einbettung. Auch Menschen bringen unterschiedliche Erfahrungen, Kompetenzen und Rollen in die Zusammenarbeit ein. Diese Vielfalt lässt sich weder aufheben noch wäre dies wünschenswert.
Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, Unterschiede zu beseitigen, sondern Zusammenarbeit so zu gestalten, dass Unterschiede nicht zu Benachteiligungen werden. Gute interreligiöse Zusammenarbeit fragt deshalb nicht: Wie schaffen wir Gleichheit? Sondern: Wie schaffen wir faire Beteiligung unter unterschiedlichen Voraussetzungen?
Handlungsempfehlungen für die Praxis
- Die Ziele und Bedürfnisse aller Beteiligten kennen und gemeinsam Projekte entwickeln, die mehreren Interessen gleichzeitig dienen. Religionsgemeinschaften engagieren sich aus unterschiedlichen Gründen im interreligiösen Dialog. Manche suchen gesellschaftliche Anerkennung, andere möchten Vertrauen aufbauen, Bildungsarbeit leisten oder gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Gute Zusammenarbeit beginnt deshalb damit, diese unterschiedlichen Ziele gegenseitig kennenzulernen und Projekte zu entwickeln, von denen möglichst alle Beteiligten profitieren.
- Verantwortung bewusst teilen und die Voraussetzungen dafür schaffen. Moderation, Gastgeberschaft oder Projektleitungen sollten nicht dauerhaft bei denselben Organisationen liegen, sondern schrittweise gemeinsam übernommen werden. Das setzt jedoch voraus, dass auch kleinere oder ehrenamtlich getragene Gemeinschaften Verantwortung übernehmen können. Dazu gehören Entschädigungen für Freiwillige, Weiterbildung oder der Aufbau professioneller Strukturen.
- Interreligiöse Zusammenarbeit als gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe finanzieren. Im Kanton Zürich unterstützen beispielsweise die öffentlich-rechtlich anerkannten kirchlichen Körperschaften auch Religionsgemeinschaften, die über keinen vergleichbaren rechtlichen Status verfügen. Dadurch können diese Mitarbeitende anstellen und sich stärker an der interreligiösen Zusammenarbeit beteiligen. Gleichzeitig wächst mit zunehmender Institutionalisierung auch die Verantwortung aller Religionsgemeinschaften, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten organisatorisch und finanziell an gemeinsamen Strukturen zu beteiligen.
- Gemeinsame statt einseitige Strukturen nutzen. Findet interreligiöse Zusammenarbeit dauerhaft innerhalb der Strukturen einer einzelnen Religionsgemeinschaft statt, prägt diese zwangsläufig die Regeln der Zusammenarbeit: von Entscheidungswegen über Finanzierung bis zur Organisationskultur. Gemeinsame Trägerschaften, beispielsweise in Form eines Vereins, schaffen demgegenüber einen institutionellen Rahmen, in dem sich alle Beteiligten mit denselben Rechten und Pflichten einbringen und gemeinsam Verantwortung übernehmen können.
- Niemanden zur Sprecherin oder zum Sprecher einer ganzen Religionsgemeinschaft machen. Niemand sollte sich für politische Ereignisse oder das Verhalten anderer rechtfertigen müssen. Allen Beteiligten dieselbe Individualität zuzugestehen – unabhängig von ihrer religiösen oder weltanschaulichen Zugehörigkeit – entlastet den Dialog und ermöglicht persönlichere Begegnungen.
- Die Rahmenbedingungen so gestalten, dass unterschiedliche Menschen teilnehmen können. Ehrenamtliches Engagement setzt Zeit, finanzielle Sicherheit und familiäre Freiräume voraus. Sitzungszeiten, Sprache, fachliche Voraussetzungen oder der organisatorische Aufwand entscheiden mit darüber, wer sich überhaupt beteiligen kann. Gute Zusammenarbeit orientiert sich deshalb nicht nur an den Möglichkeiten der bereits gut eingebundenen Akteur:innen.
- Ressourcen, Wissen und Netzwerke bewusst teilen. Wer über Erfahrung, Infrastruktur oder Kontakte verfügt, kann andere Gemeinschaften beim Aufbau eigener Kompetenzen unterstützen. Ziel sollte nicht sein, möglichst viel selbst zu übernehmen, sondern möglichst viele Akteur:innen in die Lage zu versetzen, Verantwortung zu tragen und die Zusammenarbeit aktiv mitzugestalten.
