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Den Bettag für heute neu entdecken

Die alte Tradition des Bettags hat ihre breite Wirksamkeit verloren. Weshalb sollte man ihn also heute noch feiern? Ein Bettag, an welchem die Schweiz verherrlicht und den Schweizer:innen Moralpredigten gehalten werden, brauchen wir nicht mehr. Aber dennoch ist die Idee des Bettages auch heute noch aktuell: Als Tag der Gewissensprüfung kann er uns anleiten zu einem gemeinsamen Tun.

«Betet, freie Schweizer, betet!» heisst es in unserer Landeshymne, welche auch ganz offiziell Eingang ins Kirchengesangbuch unter Nummer XY gefunden hat (Schweizerinnen waren damals wahrscheinlich mitgedacht). Der «Schweizer Psalm» als nationale Hymne mit seinem pathetisch-leicht überschwänglichen Text des liberalen Zürcher Protestanten Leonhard Widmer und der Melodie des Wettinger katholischen Zisterziensermönchs Alberich Zwyssig verkörpert also in sich selbst schon die Verbundenheit und gegenseitige Verwiesenheit von Kirchen und Staat, Kirchen dabei von Anfang an im Plural über die Konfessionsgrenze gedacht. In der Bezeichnung als «Psalm» nimmt er auch explizit Bezug auf die jüdisch-christliche Tradition. Folgerichtig wird der «Schweizer Psalm» an den Bettagsgottesdiensten angestimmt, in den Chorräumen vieler Kirchen weht dazu heute noch die Schweizerfahne. Viel deutlicher kann die gegenseitige Bezugnahme von Religion und Staat kaum zum Ausdruck gebracht werden.

Ohne grosses Echo

Nicht nur Fussballer haben aber heute erhebliche Mühe mit dem Schweizer Psalm, die junge und jüngere Generation weiss mehrheitlich mit ihm nicht mehr viel anzufangen. Wie sollen sie den Text deuten, verstehen, verinnerlichen? In unserer individualisierten Gesellschaft ist Religion für viele Menschen Privatsache geworden, die von Staat und Politik strikt getrennt werden müsste. Die Selbstverständlichkeit einer inneren Beziehung von Staat, «Vaterland» und Religion wird heute von vielen in Frage gestellt oder diese innere Bezogenheit sogar abgelehnt. Trotzdem blieben bis heute alle Bemühungen um eine neue Landeshymne mit weniger religionsbezogenem Text erfolglos.

Aber, machen wir uns nichts vor, eine grössere Breitenwirkung vermögen die Kirchen kaum mehr zu entfalten, vielleicht knapp noch ein Schulterzucken.

Auch an unseren Bettagsgottesdiensten nimmt vielerorts vor allem nur noch die ältere Generation teil. Bettagsmandate werden zwar in vielen Kantonen weiterhin von Regierung und Kirchen gemeinsam erarbeitet und verkündet. Von Seiten der evangelischen Freikirchen wurde am Donnerstag eine Bettagsbegegnung im Bundeshaus organisiert. Aber, machen wir uns nichts vor, eine grössere Breitenwirkung vermögen die Kirchen kaum mehr zu entfalten, vielleicht knapp noch ein Schulterzucken. Oder können Sie sich noch an ein Bettagsmandat der letzten Jahre erinnern, das die Schweiz besonders beeindruckt und bewegt hat?

Auch staatlicherseits tut man sich mit dem Erbe des Bettags, der ja vom Staat respektive den Ständen obligatorisch eingeführt wurde, schwer. Nach dem immer stärker gewordenen öffentlichen Druck haben die Kantone die früheren Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens weitgehend aufgehoben, welche einen ruhigen und besinnlichen Bettag für die gesamte Bevölkerung sicherstellen sollten. Tanz- und Sportverbote sind Geschichte, der Bettags-Sonntag verläuft für die breite Bevölkerung heute kaum anders als die anderen Sonntage im Jahr. Die «von Oben» verordnete Ruhe am Bettag wurde von vielen nur noch als öde und aufgezwungene Langeweile empfunden, die Politik gab dem nach. Auch der Staat, der den «eidgenössischen» Bettag im 19. Jahrhundert mit der Staatswerdung der Eidgenossenschaft 1848 als Mittel zur Befriedung der konfessionellen Verwerfungen nach dem Sonderbundskrieg als eidgenössischen Feiertag vorgeschrieben hatte, weiss heute offenbar nicht mehr so recht, was er mit seinem eigenen «Dank-, Buss- und Bettag» anfangen soll. Zwar halten auch in unseren Tagen nach wie vor selbst Regierungsrätinnen und -räte am Bettag Predigten, aber auch diese politischen Interventionen verhallen meist ohne grosses Echo.

Brauchen wir diesen Bettag also noch? 

Kann in unserer individualisierten und privatisierten Welt der Bettag als kollektive Form der Besinnung und der gemeinsamen Verantwortung von Kirche und Staat, von Politik und Religion für die ganze Gesellschaft und den sozialen Zusammenhalt überhaupt noch sinnvoll sein? Oder sollten wir die Übung einfach abbrechen und uns dem Schicksal des Zeitgeistes ergeben?

Sie vermuten es vielleicht schon: Ich bin niemand, der so schnell aufgibt und die Flinte ins Korn wirft. Im Gegenteil: Wenn Gegenwind herrscht, spornt mich das an. Und doch will ich nicht einfach aus Trotz oder Sturheit an alten Ritualen und Gebräuchen festhalten, sondern mich kreativ rückbesinnen und neu besinnen auf das, was mir zentral wichtig ist.

Was wir nicht länger brauchen

Fangen wir damit an, was wir wirklich nicht mehr brauchen und kommen wir dann zu dem, was auch heute und morgen wichtig und nötig bleibt.

Was wir meiner Meinung nach nicht länger brauchen, ist ein Bettag, an dem die politischen und kirchlichen Obrigkeiten dem gemeinen Volk Moralpredigten halten und den Bürgern erklären, was sie zu tun und zu denken haben. Dieses Prinzip ist wirklich überholt und es ist gut, dass wir es überwunden haben. Stattdessen ist Dialog, gemeinsames Ringen, gemeinsames Singen und gemeinsames Beten gefragt. Bettag macht nur Sinn in einer lebendigen Gemeinschaft, in die sich alle einbringen können: Jung und Alt, Menschen mit und Menschen ohne Schweizer Pass, Arm und Reich, Gläubige jedweder Religion.

Was wir auch nicht länger brauchen, ist geschwollener Nationalstolz, frömmlerische Überhöhung des «Schweizertums» und eine Naturromantik, die die Augen vor der Wirklichkeit verschliesst.

Was wir auch nicht länger brauchen, ist geschwollener Nationalstolz, frömmlerische Überhöhung des «Schweizertums» und eine Naturromantik, die die Augen vor der Wirklichkeit verschliesst. Klar, wir dürfen stolz auf unser Land sein und dankbar, hier leben zu dürfen. Aber die Schweiz ist deshalb nicht einfach Insel der Glückseligen, die Eidgenossenschaft nicht einfach ein Paradies. Ein wenig mehr Nüchternheit, Bescheidenheit und damit auch Offenheit gegenüber dem Rest der Welt tut uns gut. Auch wenn unser Alpenfirn noch so schön scheint, das Morgenrot und das Sternenmeer noch so kräftig leuchten: der Permafrost taut auf, die Klimakatastrophe steht vor der Tür, unser Wasser ist längst nicht mehr so glaskar und das ewige Eis schmilzt jedes Jahr schneller ab. Also weniger mit stolz-geschwellter Brust die Schönheit der Schweiz besingen, dafür mehr Sorge zu ihr tragen, ihrer Natur, ihren Menschen – und zwar allen, die hier leben.

Ein religiöser Findling in einer säkularen Landschaft

Vor vier Jahren ist in der Edition NZN bei TVZ ein Buch erschienen, in dem sich viele Autorinnen und Autoren aus Theologie, Politik, Geschichtsforschung, Kirchenverantwortliche und Menschen mit nicht-christlicher Religion Gedanken über Sinn und Zukunft des Bettags machen. Der Titel lautet: «Dem Bettag eine Zukunft bereiten». Ich kann Ihnen dieses Buch nur wärmstens empfehlen.

Ralph Kunz, protestantischer Professor für praktische Theologie der Züricher theologischen Fakultät, ist einer der Autoren. Er schreibt: «Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag ist ein religiöser Findling in einer säkularen Landschaft.» (225) Das Bild gefällt mir. Der Findling stammt aus früheren Zeiten, als die Welt noch ganz anders war. Aber er ist heute noch da, er beeindruckt uns, er strahlt auch heute Stärke aus. Der Findling auf der Wiese ist einerseits Fremdkörper, andererseits gehört er dazu. Eine Herausforderung auch heute und morgen.

Das öffentliche Gedenken unserer tiefsten Quellen und Hoffnungen, die Besinnung auf das Fundament, auf dem wir stehen und uns bewegen und das wir Christinnen und Christen Gott nennen, der unser Vater und unsere Mutter ist, behält für Kunz auch aus theologischer Sicht weiterhin seinen Wert. Er schlägt vor, dass im Zentrum des kirchlichen Bettags-Gedenkens die biblische Prophetentradition stehen solle (229). Der Bettag ist also nicht zur «Versicherung und religiösen Abstützung der Macht des Staates und der Kirche» da. Stattdessen ist eine gemeinschaftliche kritische Besinnung angesichts der Nöte der Zeit, Mahnung zur Umkehr da, wo die Entwicklung in eine falsche Richtung geht, Erinnerung an die Opfer der Geschichte und die Opfer unserer Zeit, welche unsere Solidarität und Mitgefühl brauchen. 

Die Offene Kirche Elisabethen (OKE) in Basel (Schweiz) ist eine Citykirche in Basel. Seit 1994 macht sie geistliche, kulturelle und soziale Angebote fŸür alle Menschen. Eine Kirche, die sich für sozial-politische Anliegen einsetzt führt gesellschaftlich immer wieder zu Diskussionen über die Rolle der Kirchen in der Öffentlichkeit und in der Beziehung zum Staat.
Die Offene Kirche Elisabethen (OKE) in Basel (Schweiz) ist eine Citykirche in Basel. Seit 1994 macht sie geistliche, kulturelle und soziale Angebote fŸür alle Menschen. Eine Kirche, die sich für sozial-politische Anliegen einsetzt führt gesellschaftlich immer wieder zu Diskussionen über die Rolle der Kirchen in der Öffentlichkeit und in der Beziehung zum Staat. © Vera Rüttimann

Ralph Kunz erinnert in seinem Text auch an einen der berühmtesten Bettags-Mandatsschreiber, dessen Entwurf für das Bettagsmandat der Zürcher Regierung dann abgelehnt wurde, an den bekennenden Atheisten Gottfried Keller, der die biblische Substanz des Bettags besser begriffen habe als der damalige Regierungsrat. Keller beschreibt in seinem Text den Sinn des Bettags so: «Mitbürger! (…) Als die Eidgenossen diesen Tag einsetzten, taten sie es wohl nicht in der Meinung, einen Gott anzurufen, der sie vor andern Völkern begünstigen und in Recht und Unrecht, in Weisheit und Torheit beschützen solle; und wenn sie auch, wo Er es dennoch getan, in erkenntnisreicher Demut für die gewaltete Gnade dankten, so machten sie umso mehr diesen Tag zu ihrem Gewissenstag, an welchem sie das Einzelne und Vergängliche dem Unendlichen und ihr Gewissen dem Ewigen und Unbestechlichen gegenüberstellen wollten.»

Der Bettag also als Tag der Gewissensprüfung für Kirche und Staat, für Staatsbürger und Gläubige, das war das Verständnis von Gottfried Keller. Damit steht er tatsächlich in der Tradition der Propheten des Alten Testaments, die heute so aktuell ist wie vor 2500 Jahren. Diese Gewissensprüfung sollen wir als Einzelne tun, aber auch als Gemeinschaft. Und damit wird sie automatisch politisch und es macht absolut Sinn, die Gewissensprüfung mit allen gemeinsam zu tun, die in unserer Gesellschaft Verantwortung tragen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, in Kirchen und Religionen, interkonfessionell und interreligiös.

Dankbarkeit und Demut

Dankbarkeit ist das totale Gegenteil von Triumphalismus. Dankbarkeit heisst anerkennen, dass das Gelingen nicht allein in unseren eigenen Händen liegt. Es braucht auch die Hilfe anderer, das gemeinsame Bemühen, in religiöser Sprache ausgedrückt die Hilfe Gottes. Demut, ein Wort, das wir heute sehr selten gebrauchen, da es irgendwie nicht so recht in unseren Alltag zu passen scheint. Doch scheint mir, dass nur, wer demütig ist, auch dankbar sein kann für alles, was ohne eigenes Zutun an Gutem uns entgegenkommt. Diese Haltung bewahrt uns vor Übermut und Überheblichkeit und erinnert uns an unsere eigene Verletzlichkeit und Angewiesenheit auf das, was ausserhalb unserer eigenen Verfügungsgewalt ist. Ob Politik oder Religion: beide stehen immer in Versuchung, diese demütige Dankbarkeit zu vergessen.

Hat die Kirche genug getan?

Nicht alles, was wir anpacken, gelingt auch. Der Busstag ist Gelegenheit, uns zu hinterfragen: Was läuft falsch, wo muss korrigiert werden? Wo haben wir als Kirche und als Gesellschaft dringende Probleme übersehen oder weggeschaut? Was wäre die Aufgabe einer christlichen Gemeinschaft gewesen? Dies alles kann sehr schmerzhaft konkret werden, wie die zum Teil reichlich unfair geführte Abstimmung gegen die Konzernverantwortungsinitiative gezeigt hat. Hätte die Kirche hier schweigen sollen, um die Interessen unserer Wirtschaft nicht zu gefährden, welche uns ja Steuern zahlt? Oder hätte sich die Kirche noch klarer einbringen müssen, um die Interessen der Menschen zu verteidigen, welche unter ungehemmter Verschmutzung ihrer Umwelt und unter himmelschreiender Ungerechtigkeit leiden? Für mich ist zumindest das klar: Wir können keinen Buss- und Bettag begehen, ohne uns diese Fragen zu stellen. 

Die Kirche, für die ich einstehe, diskriminiert niemanden.

Ebenso steht es um die aktuelle Auseinandersetzung um die «Ehe für alle». Über Jahrhunderte haben die herrschenden politischen Mächte homosexuelle Menschen diffamiert und ausgegrenzt. Jahrhunderte haben die Kirchen dafür die ideologischen Argumente geliefert und die Bibel, das Urzeugnis von Gottes befreiendem Handeln an den Menschen, zu einer Kronzeugin für Diskriminierung und Unterdrückung verzerrt. Dürfen wir da länger schweigen? Ich jedenfalls kann und will das nicht. Die Kirche, für die ich einstehe, diskriminiert niemanden. Die Gesellschaft, die ich mir wünsche und für die ich mich einsetze, unterdrückt niemanden aufgrund seiner geschlechtlichen Identität, seiner Hautfarbe, seiner Religion oder seiner Weltanschauung. «Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Die grösste unter ihnen aber ist die Liebe.» Mehr als diese Worte des Paulus im Korintherbrief sind dazu eigentlich nicht mehr nötig. Haben wir als Kirche und als Gesellschaft genug getan, Ungerechtigkeit zu überwinden? Auch diese Frage sollte im Zentrum jeden Buss- und Bettags stehen. 

Gemeinsames Tun, gemeinsame Feier

«Weil beten allein nicht reicht» haben wir unsere Informationskampagne über kirchliche Hilfsangebote zu Beginn des Corona-Lockdowns genannt. Das sollte natürlich keine Absage ans Gebet sein, im Gegenteil! Beten drückt aus, dass wir allein die Herausforderungen nicht bewältigen können, dass wir Hilfe ‘von oben’ benötigen, dass wir Kraft aus Quellen schöpfen müssen, über die wir selbst nicht verfügen. Gleichzeitig ermutigt das Gebet, wirklich auch zu tun, was wir können. Beten drängt aufs Tun. In betender Haltung das tun, was möglich und nötig ist. Die Corona-Pandemie hat uns auf ganz neue Weise gelehrt, was Demut heisst, was Verletzlichkeit bedeutet, wie wichtig Verantwortung füreinander ist, wie fundamental wichtig die betende und hoffende Gemeinschaft ist, welche Kraft sie für die Zukunft verströmt. Ziehen wir die aus dieser einmaligen und erschreckenden Erfahrung die richtigen Lehren – in Kirchen, Religionen und im Staat.

Ich hoffe, ich konnte deutlich machen, warum ich den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag auch heute und künftig für einen sehr wichtigen Tag halte. Ob dafür der Schweizer Psalm in der Kirche gesungen wird oder andere Lieder, ist nicht so wichtig, auch von der Fahne über dem Altar hängt nicht ab, ob wir dem Bettag neues Leben einhauchen. Viel wichtiger sind ehrliche ökumenische und interreligiöse Offenheit, die gemeinsame Gewissenserforschung und die betende Haltung, die zum gemeinsamen Tun drängt. Und, warum nicht, auch zur gemeinsamen Feier. Der Feier des Lebens, der Freude und der Dankbarkeit.

Franziska Driessen-Reding (51) ist seit 2018 Präsidentin des Synodalrats der Katholischen Kirche im Kanton Zürich (Exekutive der Körperschaft). Sie lebt mit ihrer Familie in Opfikon.

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