Die Beziehung zwischen Staat und Religion aus Sicht der Bahá’í

Die Rolle der Religion in der Gesellschaft wird heute von vielen Menschen in Frage gestellt und oft als Grund zur Verlangsamung des Fortschritts der Menschheit gesehen. Religion wird als Vorwand benutzt, um Kriege zu führen, um Vorurteile zu rechtfertigen, um zu trennen, anstatt zu vereinen. Die Bahá’í sehen auf Basis der Schriften ihres Glaubens in der Religion eine Quelle des Guten und der individuellen und kollektiven Transformation. Um dies zu unterstützen, besteht für den Staat die Möglichkeit, eine Religionsgemeinschaft anzuerkennen und damit aus Sicht der Bahá’í eine starke Partnerschaft zwischen Staat und Religionsgemeinschaft zu begründen, um gemeinsam positiv zum gesellschaftlichen Wandel beizutragen. 

«Religion sollte alle Herzen vereinen und Kriege und Streitigkeiten vom Angesicht der Erde vergehen lassen, Spiritualität gebären und jedem Herzen Leben und Licht bringen. Wenn Religion zu einer Ursache von Abneigung, Hass und Spaltung wird, wäre es besser, ohne sie zu sein, und sich von einer solchen Religion zurückzuziehen, wäre eine wahrhaft religiöse Handlung. … Jede Religion, die nicht eine Ursache für Liebe und Einheit ist, ist keine Religion. Alle heiligen Propheten waren wie Ärzte der Seele; sie gaben Rezepte für die Heilung der Menschheit; daher kommt jedes Heilmittel, das Krankheit verursacht, nicht von dem grossen und höchsten Arzt.» (aus den Bahá’í Schriften). Bahá’í glauben, dass alle Religionen aus ein- und derselben göttlichen Quelle stammen. Sie verstehen diese Religion Gottes als fortschreitendes Geschehen. Die Religionsstifter sind die grossen Erzieher der Menschheit. Sie legen die Massstäbe für ihre jeweilige Zeit fest und sind die treibende Kraft zu einer ständig fortschreitenden Kultur.

Staat und Religionsgemeinschaften als Partner

Wahre Religion ist eine Quelle der Liebe, des Respekts und der Einheit und letztlich sollte sie Transformation bewirken – auf individueller und kollektiver Ebene. Sie sollte die Grundlage für den Aufbau starker Beziehungen zwischen Einzelpersonen, Gemeinschaften und Institutionen in unterschiedlichen und komplexen sozialen Kontexten bilden. In der Religion sehen wir Individuen, die dazu inspiriert werden, «auf eine materielle und spirituelle Verbesserung für alle hinzuarbeiten, ihr eigenes Glück in dem der anderen zu sehen, das Lernen und die Wissenschaft voranzubringen, ein Instrument wahrer Freude zu sein und den Körper der Menschheit zu beleben.» Mit diesen Gedanken ist es klar, dass der Staat auf die Lehren verschiedener Religionen und ihrer Anhänger zurückgreifen kann, um Menschen zusammenzubringen, Verhaltensregeln zu bestimmen und Veränderungen auf der Ebene von Individuen, Gemeinschaften und Institutionen zu fördern. Die Beziehung zwischen Staat und Religionsgemeinschaften sollte die zweier Partner sein, die zusammenarbeiten, aus den Stärken des jeweils anderen schöpfen und gemeinsam zum gesellschaftlichen Wandel beitragen. 

Eine vereinigte und friedliche Welt

In Nachbarschaften und Gemeinschaften rund um den Globus arbeiten Bahá’í und Gleichgesinnte daran, die Vision Bahá’u’lláhs, des Stifters der Bahá’í-Religion, einer vereinigten und friedlichen Welt umzusetzen. Das grosse Ziel dieser Bemühungen ist es, eine Gemeinschaft und zugehörige Handlungsmuster aufzubauen, die das Prinzip der Einheit der Menschheit verkörpern: eine Einheit, in der Vielfalt als Reichtum geschätzt wird, Systeme der Vorherrschaft und Ausgrenzung abgeschafft sind, alle Völker als geistige Brüder und Schwestern angesehen werden, Arbeit im Sinne des Dienstes an der Menschheit verrichtet wird, Vorurteile abgeschafft werden und damit geistiger, sozialer und materieller Fortschritt bewirkt wird.

Diese Prinzipien und Ideale Bahá’u’lláhs spiegeln die Sehnsucht vieler Menschen wider. Doch die Gesellschaft auf diese Weise umzugestalten, sodass dies kollektiv zum Ausdruck kommt, ist eine grosse Herausforderung. Individuen, Gemeinden und Institutionen auf der ganzen Welt, die sich an Bahá’u’lláhs Lehren orientieren, stellen sich dieser Herausforderung. Sie sind bestrebt, das Licht Seiner Lehren zur Wandlung ihrer umgebenden Gesellschaft einzusetzen.

Mit einer bewussten Lernhaltung entwickeln sie Programme für praktisches Handeln, in deren Mittelpunkt geistige Grundsätze wie Gleichwertigkeit, Einheit und Gerechtigkeit stehen. Durch die Förderung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, wird der Wandel des Einzelnen und der Gesellschaft vorangetrieben. Die so gewonnenen Erfahrungen fördern eine aktive und effektive Teilnahme an verschiedenen gesellschaftlichen Diskursen, wie etwa zum Klimawandel, zur Gleichberechtigung von Frau und Mann, zu Menschenrechten und zum interreligiösen Dialog.

Die Anerkennung schafft Partnerschaft

Die Bahá’í sehen die Aufgaben des Staates unter anderem in der Sichererstellung von Bildung und Erziehung für alle, wobei die Religionsgemeinschaften für die ethische Erziehung Hand in Hand mit dem Staat Verantwortung übernehmen können. Die Regelung der Infrastruktur, Recht, Ordnung und Sicherheit ist als Dienstleistung des Staates an der Gesellschaft zu betrachten. Die Bahá’í unterstützen vollumfänglich das Leitbild von IRAS COTIS worin steht:  «IRAS COTIS ist eine nationale Vereinigung von Religionsgemeinschaften und Körperschaften, die sich der Religionsfreiheit und dem friedlichen Mit- und Nebeneinander von Religionsgemeinschaften in der Schweiz verpflichtet wissen und sich für konstruktive Lösungsansätze von Problemen im Spannungsfeld von Gesellschaft, Staat und Religion einsetzen.»

Bahà’ì-Kinder treten auf an der Woche der Religionen in Lausanne.

Der mögliche Beitrag einer Religionsgemeinschaft für eine Gesellschaft kann vom Staat durch eine Anerkennung gefördert werden. Die Anerkennung schafft eine Partnerschaft, in der vertrauensvoll für das Wohl der Gesellschaft zusammengearbeitet wird. Sie kann formell, aber auch informell sein, wobei eine formelle Anerkennung eine stärkere Partnerschaft darstellt. Neben der Anerkennung ist beispielsweise die Erlaubnis, Räume zu mieten, sich auf lokaler Ebene am Leben der Gesellschaft zu beteiligen und in öffentlichen Foren eine Stimme zu erhalten, auch eine Möglichkeit, wertvolle Beiträge von Religionsgemeinschaften zu würdigen. 

Religion, welche Herzen vereint und Kriege und Streitigkeiten vom Angesicht der Erde vergehen lässt, leistet einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft.

Die formelle Anerkennung hat demnach eine positive Symbolwirkung, aber sie bestimmt nicht allein den Wert einer Religionsgemeinschaft. Was die Anerkennung der noch jungen Bahá’í-Gemeinde anbelangt, so besteht sie in verschiedenen Teilen der Welt. In Deutschland ist sie beispielsweise als Körperschaft des öffentlichen Rechts vollumfänglich anerkannt. Die Schweiz anerkennt die Bahá’í-Gemeinde zwar nicht formell, aber es besteht bereits ein partnerschaftliches Verhältnis auf verschiedenen Ebenen und demnach eine informelle Anerkennung. Diese wird die Grundlage einer künftigen formalen Anerkennung bilden, welche von den Bahá’í angestrebt und auf kantonaler Ebene aktuell beantragt wird. 

Religion, welche Herzen vereint und Kriege und Streitigkeiten vom Angesicht der Erde vergehen lässt, leistet einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft. Um diesen Beitrag zu fördern, kann ein Staat eine Religionsgemeinschaft formal anerkennen und damit zwei Partner schaffen, die mit ihren jeweiligen Stärken zusammenarbeiten und gemeinsam zum gesellschaftlichen Wandel beitragen. 

Roya Blaser aus Basel ist Vertreterin der Baha’i Schweiz im Vorstand der IRAS COTIS. Sie ist Mitglied des Lokalen Geistigen Rates der Baha’i von Basel. Sie ist diplomierte Architektin der ETH Zürich. 

Ein Gedanke zu „Die Beziehung zwischen Staat und Religion aus Sicht der Bahá’í

  • Das ist ein sehr guter Beitrag. So etwas müßte man öfters veröffentlichen. Vor allem sollte man das Davoser Wirtschaftsforun mit den Bahai-Lehren konfrontieren, da sind sie dringend vonnöten. Chef ist
    Prof. Klaus Schwab.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst diese HTML-Tags und -Attribute verwenden:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.