Buddhismus  ·  Tod  ·  Todesrituale

Der Tod als Übergang

Der historische Buddha hat die Lehre einer beständigen Seele in der brahmanischen indischen Tradition nicht übernommen. Er erkannte, dass alles vergänglich und ohne ein inhärentes Selbst ist. Es ist der natürliche Lauf, dass alles, was entsteht, auch wieder vergeht. Die buddhistische Lehre sieht im Tod jedoch keinen Endpunkt. Was also besteht weiter, wenn wir sterben?

Die fünf Faktoren von Körper und Psyche mit Empfindungen, Wahrnehmungen, Willensimpulsen/Gefühlen und Bewusstsein bilden unsere Person. Der Körper und die mentalen Elemente sind unbefriedigend, sie sind vergänglich und bestehen nur in Abhängigkeit von anderem. Da sich die fünf Faktoren von Moment zu Moment verändern, findet der Prozess des Sterbens bereits während des Lebens statt. Ich verändere mich von Moment zu Moment. Zur Zeit des Todes werden die Veränderungen jedoch definitiv, Körper und Bewusstsein trennen sich. Der Strom sich unterscheidender Bewusstseinsmomente und der karmischen Anlagen geht als Bewusstseinsimpuls in einen neuen Körper über. Eine Metapher dafür ist das Licht, das von einer Kerze auf die andere übertragen wird. In unserer Praxis sagen wir auch, dass das, was «in diesem Leben noch nicht erledigt wurde», weitergegeben wird. 

Buddhistische Sterbebegleitung und Todesrituale 

Die buddhistische Sterbebegleitung hat das Ziel, einen friedlichen Geisteszustand, Vertrauen sowie die Erinnerung an die eigenen heilsamen Absichten und Handlungen hervorzurufen. Sie will auch die Meditationspraxis unterstützen. Ruhe und eine angenehme, positive Atmosphäre sind sehr wichtig. Der Kranke sollte getröstet, seine Zuversicht gestärkt werden. Man erinnert die sterbende Person daran, dass sie nicht ihr physischer Körper ist, dass es jetzt Zeit ist, zu fragen: Bin ich der Körper, der so leidet? Das kann dem Sterbenden helfen, sich von diesem Körper zu lösen. Auch Entspannungsübungen und die Vergegenwärtigung von Buddha Amitābha als Symbol für das, was jenseits von Raum und Zeit ist, sind hilfreich, um entspannt, ruhig und friedlich zu werden. Die Sterbenden können so alles niederlegen und ganz im gegenwärtigen Augenblick sein. Wer mit der Geisteshaltung des tiefen Vertrauens in die innere Buddha-Natur stirbt, hat die subjektive Erfahrung von «ich» und «mein» losgelassen. Das ist das Einzige, was jetzt wichtig ist. Es sollte vermieden werden, in Gegenwart der Sterbenden zu weinen, um sie nicht traurig zu stimmen. Sie sollten nicht gestört, ihr Körper nicht berührt oder bewegt werden. Da der letzte Bewusstseinsmoment das Bewusstsein in der nächsten Existenz anstösst, ist der Todes-Moment wichtig, denn er bestimmt die Art der Wiedergeburt.

Nach dem letzten Atemzug

Nach dem letzten Atemzug folgt ein innerer Sterbeprozess, den man sich als das Zusammenkommen der inneren Energien vorstellt. Auch nach dem Tod sind die Anhaftungen noch stark. Da das Hörvermögen als letztes verschwindet, werden die Verstorbenen weiter ermahnt, alles abzulegen. Sie werden daran erinnert, dass dieses Leben nun zu seinem Ende gekommen ist, dass im Prozess des Todes Unbeständigkeit erlebt wird und dass sie nicht besorgt sein sollten bezüglich der Zukunft. Der Körper sollte weiterhin während mindestens einer halbe, besser während acht Stunden nicht berührt werden. In dieser Zeit können Amitābha-Rezitationen erfolgen. Je nach Tradition werden auch Pujas durchgeführt und bestimmte Sutra-Texte rezitiert.  

Auch die Angehörigen werden gebeten, sich der Vergänglichkeit zu erinnern und die Verstorbene weggehen zu lassen.

Die Trauerfeier findet gewöhnlich in einer Halle des Friedhofs oder im Tempel statt. Der Sarg oder die Urne ist aufgebahrt, ein Altar aufgebaut, den man mit einer Buddha-Figur, Blumen, Räucherstäbchen und Opfergaben dekoriert. Als Beispiel möchte ich eine Zeremonie in einer Abdankungshallen im Krematorium von Taipei erwähnen. Am «religiösen» Teil der Zeremonie nehmen ein Mönch oder eine Nonne und etwa 20 Freiwillige Helfer:innen in der schwarzen Bodhisattva-Robe teil, die feierlich Amitofo[1] rezitierend in den Raum schreiten. Dann wird das Herz-Sutra rezitiert und es folgt eine Ansprache der/des Ordinierten, in der die Verstorbene an das Bedingte Entstehen und die Leere von allem erinnert wird. Sie wird ermahnt, alles gehen zu lassen. Auch die Angehörigen werden gebeten, sich der Vergänglichkeit zu erinnern und die Verstorbene weggehen zu lassen.

Buddhistische Gedenkstätte auf dem Bremgartner Friedhof in Bern. © Christoph Knoch
Buddhistische Gedenkstätte auf dem Bremgarten Friedhof in Bern. © Christoph Knoch

Der Garten der Erinnerung

In den meisten buddhistischen Traditionen werden die Verstorbenen kremiert, aber auch Erdbestattungen sind möglich. Friedhöfe sind zwar nicht sehr wichtig, treten jedoch im Westen immer mehr in den Vordergrund, vor allem seit es buddhistische Grabfelder gibt. So wird der Buddha-Garten im Bremgartenfriedhof in Bern rege besucht und es werden Andenken, Blumen, Bilder und Räucherstäbchen vor die Buddha-Statue hingelegt. 

Für Buddhisten besteht in der Schweiz bezüglich der Bestattung keine besondere Herausforderung.

Traditionell wird die Urne in dafür bestimmten Räumen der Tempel aufbewahrt. Da steht dann auch eine Erinnerungstafel an die verstorbene Person. Es gibt auch neue Entwicklungen. In Taiwan habe ich den Garten der Erinnerung kennengelernt, auf dem die Asche direkt in ein Erdloch gekippt wird. Die Angehörigen geben Blumen und eine Handvoll Erde darüber. Keine Spur bleibt zurück, da auch keine Erinnerungstafel angebracht wird. Die verstorbene Person kehrt zurück in die Leere. Bei der Bestattung bei uns im Westen werden die traditionellen Rituale der jeweiligen Herkunftsländer zumeist stark vereinfacht und verkürzt. Sie sind nicht einheitlich. Wo möglich sind Angehörige, Laienhelferinnen und Ordinierte beteiligt. Für Buddhisten besteht in der Schweiz bezüglich der Bestattung keine besondere Herausforderung. Wer nicht auf einem buddhistischen Grabfeld bestattet wird oder die Urne in einem Tempel aufbewahren lässt, kann sich auf jedem überkonfessionellen Friedhof beisetzen lassen. 

Jenseitsvorstellungen

Buddha Shakyamuni hat gewisse Fragen nicht beantwortete, da er metaphysische Spekulationen vermied. Dazu gehörten auch Fragen nach dem Jenseits. In der historischen Entwicklung entstanden dennoch verschiedene Vorstellungen vom Jenseits.Am bekanntesten ist das Rad der Existenzen im Kreislauf von Samsara. In diesen Darstellungen finden wir zuinnerst die Ursachen für eine Wiedergeburt: Gier, Hass und Verblendung, dargestellt durch Hahn, Schlange und Schwein. Im nächsten Kreis folgen die Existenzbereiche der Götter, Halbgötter, Menschen, Tiere, hungrigen Geister, Höllenwesen, in denen wir wiedergeboren werden. Aussen wird dargestellt, was uns in diesem Kreislauf festhält: Die 12 Glieder des Abhängigen Entstehens: Unwissenheit, Gestaltungskräfte, Bewusstsein, Körper und Psyche, die sechs Sinnesorgane, Kontakt, Empfindung, Begehren, Ergreifen, Werden, erneute Geburt sowie Alter und Tod. Wir können uns die Existenzbereiche vorstellen als Bereiche, in denen sich unser Bewusstsein über verschiedene Existenzen hinweg befindet oder aber als Wesensaspekte unserer gegenwärtigen Person.

Ausserhalb von Raum und Zeit

Daneben gibt es im ostasiatischen wie auch im tantrischen Buddhismus die Vorstellung des Reinen Landes von Buddha Amitābha, «Sukhāvatī», beschrieben als eine Himmelswelt, die im Westen lokalisiert wird. Buddha Amitābhā steht für unendliches Licht und unbegrenztes Leben – für das, was ausserhalb von Raum und Zeit ist. Das Reine Land ist im Chan-Verständnis der ideale Ort zum Praktizieren. Hier üben die Wesen, um zu Bodhisattvas zu werden und dann in die Welt von Samsara zurückzukehren. Um im Reinen Land wiedergeboren zu werden, rezitiert man zu Lebzeiten und im Sterben den Namen von Buddha Amitābha mit tiefstem Vertrauen. So verinnerlicht man Buddha als nicht verschieden von der eigenen wahren Natur des Geistes, unserer Buddha-Natur. Das Reine Land liegt in uns selbst.

Es ist nicht jenseits, sondern ein Erfahrungszustand, der auch in dieser Welt möglich ist.

Das letztendliche Ziel der buddhistischen Praxis ist es, zu unserer Buddha-Natur, zu Nirvana oder zur Buddhaschaft zu erwachen und uns so aus dem Kreislauf von Samsara zu befreien. Der Buddha hat gesagt, dass es möglich ist, Nirvāṇa, das Ungeschaffene und Todlose, zu erlangen. Es ist nicht jenseits, sondern ein Erfahrungszustand, der auch in dieser Welt möglich ist. Nirvana, die «eigentliche Wirklichkeit», wurde im grossen Fahrzeug[2] positiv konnotiert und führte zur Vorstellung einer letztendlichen universalen Gesetzmässigkeit, die auch als Soheit, Buddha-Natur oder als Weisheit bezeichnet wird. Das ist erfahrbar. Buddhisten glauben, dass der Buddha es erkannt und erreicht hat und dass auch wir dahin gelangen können, wenn wir dazu erwachen oder erleuchtet werden. Zu erwachen bedeutet, die drei Grundgifte von Gier, Hass und Verblendung zu überwinden und die drei Daseins-Merkmale: Vergänglichkeit (anicca), Nicht-Selbst (anatta) und Unbefriedigt-Sein (dukkha) zu erkennen und zu verwirklichen. Wir können erkennen, dass alles leer ist von einem inhärenten Wesenskern, dass alles lediglich in Abhängigkeit von anderem entsteht. 

Wie können wir uns auf den Tod vorbereiten?

Dies ist eine wichtige Frage für Buddhist:innen. Das Wissen um unsere Sterblichkeit hilft uns, das Leben zu gestalten. Unser Leben in dieser Welt ist kurz, gerade daher ist es sehr wertvoll. Wir bringen die Folgen früherer Handlung mit und können uns in diesem Leben weiterentwickeln, die in uns reifenden karmischen Samen abtragen und danach streben, um zu erwachen. Die beste Vorbereitung auf das eigene Sterben ist, den Weg der Praxis auf die beste uns mögliche Art zu gehen und in der Meditation Weisheit zu entwickeln. In Chan ist das der Weg der Bodhisattva, die gelobt hat, nicht nur sich selbst zu befreien, sondern in die Welt zurückzukehren, um die anderen Wesen auf diesen Weg zu führen. Beim bewussten Durchleben von Übergängen können wir erfahren, wie es ist, einfach hinzusehen, zu akzeptieren, zu erledigen, was es zu erledigen gibt und loszulassen.

Meditation ist eine wesentliche Vorbereitung auf den Tod. Hier lernen wir, immer im gegenwärtigen Augenblick zu sein; das ist die Essenz von Chan. Wenn wir das tun können, ohne Gedanken an die Vergangenheit, ohne Gedanken an die Zukunft, ohne von der Umgebung abgelenkt zu werden, dann sind wir auf den Tod vorbereitet. Nicht umsonst sprechen wir auch vom Sterben auf dem Kissen, wenn wir alles loslassen können. Vielleicht gelingt es uns auch, die Bindung an unseren Körper zu lockern. Ein weiterer Aspekt ist, gutes Karma bzw. Verdienst anzusammeln, um eine vorteilhafte Wiedergeburt zu erlangen. In Chan, Zen und im tantrischen Buddhismus wird auch betont, dass der Sterbeprozess selber für die Befreiung genutzt werden kann. Der durch Meditationserfahrung ruhige und klare Geist kann während dieses Prozesses seine wahre Natur erkennen. Dies führt zur Möglichkeit der bewussten Wiedergeburt zum Nutzen für andere.

Hildi Thalmann ist Meditationlehrerin in der Linie des humanistischen chinesischen Buddhismus von Meister Sheng Yen. Dr. med., früher tätig als Kinderneurologin, Master of Science of Religion. 


[1] Amitoto ist die chinesiche Aussprache von Amitabha Buddha

[2] Das grosse Fahrzeug ist eine der drei Hauptrichtungen im Buddhismus: Kleines Fahrzeug (Hinayana), grosses Fahrzeug (Mahayana), tibetischer Buddhismus (Vajrayana).

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