Freimaurerei zwischen Marginalisierung und Exklusivität

Im Laufe der Geschichte wurde fortlaufend neu verhandelt, welche Art des Erkennens zur Wahrheit führt. In diesem Kampf um Macht und Deutungshoheit wurden viele Gruppen marginalisiert und ausgeschlossen, da immer wieder eine einzelne Erkenntnisweise einen exklusiven Anspruch erhob. In diesem Spannungsfeld können wir auch die Freimaurerei verorten.

Ein spezifisches Streben nach Wissen prägt die abendländische Kultur wohl seit jeher. Diese ist nicht nur gezeichnet vom jeweils als wahr Erkannten, sondern auch vom Weg, der dahin führte: Erkenntnisse sind gebunden an Erkenntnisweisen, seien es wissenschaftliche, visionäre, magische, mediumistische, poetische oder andere. Wie gehen wir mit dieser Vielfalt um? Im Blick auf die europäische Geistesgeschichte zeichnen sich – plakativ gesprochen – drei Muster ab: Exklusivität, Harmonie und Pluralismus.

Exklusivität

Spätestens seit der monotheistischen Reform des Judentums im 7. Jh. v. Chr. gibt es die Vorstellung von einer einzig richtigen Erkenntnisweise. Sie entfaltet sich im Licht des einzig wahren Gottes zur ideologischen Basis hegemonialer Politik. Zu Beginn der christlichen Ära übertrug sich dieser umfassende Anspruch auf Erkenntnisart und Politik der Kirche. In der Neuzeit schliesslich erbten erst die Aufklärungsphilosophie und dann die Naturwissenschaften den exklusiven Anspruch. Erweitert um den Aspekt der Entwicklung bzw. des Fortschritts verstehen diese nun Erkenntnis als vielstimmigen, aber linearen Prozess der Annäherung an die wahre Wirklichkeit.

Harmonie

Als in der Renaissance der hegemoniale Anspruch der Kirche bröckelte, wurden neue Szenarien denkbar. In Pico della Mirandolas Vision geht die menschliche Erkenntnis durch die Geschichte schier unendlich viele verschiedene Wege – religiöse und philosophische, jüdische, islamische und christliche – doch verbinden sich alle Erkenntnisse harmonisch zum universalen, humanistischen Wissen.

Pluralismus

Mit einer Vielzahl möglicher Arten der Erkenntnisgewinnung rechnete auch Picos jüngerer Zeitgenosse Agrippa von Nettesheim, doch hielt dieser sie für unvereinbar und durchwegs unsicher. Es galt, mehrere Arten der Erkenntnis gleichzeitig zu kultivieren, ohne sie hierarchisch zu ordnen und ihre Ergebnisse zu harmonisieren. Denn alle Erkenntnisweisen sind gleichermassen weit vom klaren Blick auf die Wirklichkeit entfernt. 

Zweifellos hat das erste Szenario den Lauf der Geschichte bestimmt: Trotz des Aufbruchs der kirchlichen Hegemonie ab der Renaissance erhob schon die Aufklärung wieder den Anspruch, der einzig richtige Weg zur Erkenntnis zu sein. Und auch sie schloss wieder aus, was sich nicht fügte. Denn zur Behauptung und Verteidigung einer einzig richtigen Erkenntnisweise müssen Alternativen laufend vom Diskurs ausgeschlossen werden, indem man ihre Exponenten als Gefahr, vielfach als Verschwörer darstellt und verfolgt, für wahnsinnig erklärt, lächerlich macht oder tabuisiert.

Die Anwendung dieser vier Strategien lässt sich durch alle Epochen bis heute beobachten, von der Verfolgung der Hexen mit ihrem magischen Wissen bis zur Verspottung alternativer Heilverfahren. Kant erklärte den erfolgreichen Naturwissenschafter Emanuel Swedenborg aufgrund seiner religiösen Visionen für geisteskrank. Ebenso erging es Hölderlin aufgrund seiner poetischen Erkenntnisweise. Wer von der herrschenden Erkenntnisweise abweicht, wird zur Randständigkeit verurteilt. Doch kann man diesen Rand übertreten: Die Marginalisierten können sich zusammenschliessen, zeigen dann aber bald die Tendenz, selbst exklusive Ansprüche anzumelden und andere auszuschliessen.

Streetart © Vera Rüttimann

Reguläre Freimaurerlogen

Ein Beispiel dafür findet sich in den Gruppierungen, die sich 1717 in London auf Initiative von James Anderson zur ersten freimaurerischen Grossloge zusammenschlossen. Als schottischer Presbyterianer im anglikanischen England zählte Anderson selbst zu den Marginalisierten. Im Nachruf wird er als «abweichender Lehrer» bezeichnet[1]. Zur Konstituierung der Grossloge von England verfasste Anderson die Alten Pflichten, die fortan bestimmen sollten, was eine reguläre Freimaurerloge ist. Etliche Logen protestierten gegen die neuen Regeln, die einzelne Gruppierungen ausschlossen. Doch diejenigen «Lodges», die sich fügten, gewannen dadurch an Ansehen und Einfluss. 

Anderson war es auch, der in seinen Constitutions von 1723 die Freimaurerei mit der Herkunftslegende versah, sie stamme von den Baumeistern der Pyramiden, des salomonischen Tempels und der gotischen Kathedralen ab. Letzteres wird bis heute als historische Wahrheit behauptet. In Wirklichkeit erfüllt die Legende die Funktionen, den Freimaurern eine alte Tradition zuzuschreiben und den Anschluss an den jeweiligen Mainstream abrahamitischer Religionen zu sichern. Schliesslich treffen sich diese allesamt in Sakralbauten.

Das Diktat des aufklärerischen Humanismus

Welcher Art die Gruppierungen waren, die sich zur Grossloge von England zusammenschlossen, wissen wir nicht, da gesicherte Quellen fehlen. Einige waren wohl Handwerkerzünfte, andere pflegten bald esoterisches, bald mehr oder weniger revolutionäres, politisches Gedankengut. Darauf lässt die Art der Regeln schliessen, die Anderson aufstellte:

«…obgleich in alten Zeiten die Maurer verpflichtet waren, in jedem Lande von der jedesmaligen Religion zu sein, so hält man doch jetzt für ratsamer, sie bloss zu der Religion zu verpflichten, in welcher alle Menschen übereinstimmen[2], und jedem seine besondere Meinung zu lassen, d.h. sie sollen gute und treue Männer sein…von Ehre und Rechtschaffenheit.»[3]

Da kommt die religiöse Toleranz zu Wort, die aber zugleich am Diktat des aufklärerischen Humanismus, in dem alle Menschen übereinstimmen sollen, ihre Grenze findet. Denn

«…wen solche Lehren nicht erfreun, vedienet nicht ein Mensch zu sein.»[4]

Der umfassende Anspruch verdankt sich dem Bemühen, die verschiedenen Erkenntnisweisen unter das eine Dach der Aufklärungsphilosophie zu bringen. Über allen Unvereinbarkeiten leuchtet das Sapere aude[5] dem pflichtbewussten Maurer auf dem Weg aus der «selbstverschuldeten Unmündigkeit» zur wahren Menschlichkeit. Dabei stehen ethische Ideale über revolutionären Ansinnen:

«Der Maurer ist ein friedfertiger Untertan der bürgerlichen Gewalt … und muss sich nie in Meuterei und Verschwörung gegen den Frieden und die Wohlfahrt der Nation einlassen.»[6]

Meuterei und Verschwörung

Hinter der Fassade der Grosslogen wirkten aber wiederholt auch Gruppen, die sich nicht an diese Regeln hielten. An der sogenannten ‘Boston Tea Party’ kam es 1773 zu einem gewaltfreien Aufstand gegen die britische Kolonialmacht. Viele Freimaurer beteiligten sich – als Mohawks verkleidet – daran, einige Schiffsladungen Tee ins Meer zu werfen. In der Bostoner Freimaurerloge St. Andrews schrieb der Sekretär angeblich ins Logenbuch, die für diesen Tag angesetzte Versammlung sei vertagt worden. Darunter setzte er ein grosses T.

In den 1970er Jahren wandelte sich die italienische Loge Propaganda due (P2) zum Kreis von Verschwörern, welche die Freimaurerei als Deckmantel für kriminelle und terroristische Machenschaften missbrauchten. Beteiligt waren Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Mafia und Geheimdienst. Eines der prominenten Mitglieder war der spätere Regierungschef Silvio Berlusconi. Zu einer Aufarbeitung des Falles kam es nie.

Im August 1917 gründete Theodor Reuss auf dem Monte Verita die Loge Libertas et Fraternitas. Er stand der Fraternitas Saturni nahe, die sexualmagische Rituale pflegte.[7] Die Libertas et Fraternitas gehörte dem ebenfalls sexualmagisch tätigen Ordo Templi Orientis an, welcher 1903 von Reuss, Aleister Crowley und anderen gegründet worden war. Prominente Mitglieder waren Mary Wigman und Rudolf Laban. Allerdings änderte die Loge ihre Rituale kurz darauf so, dass sie in die Grossloge aufgenommen wurde.

Die erste Grossloge bildete sich als ein Verbund von Marginalisierten, die sich dem hegemonialen Anspruch des religiösen Mainstreams nicht fügten. So gewannen die Logen im British Empire globale Bedeutung als Orte der Begegnung zwischen Juden, Muslimen und Christen, da sie sich explizit nicht auf Religion, sondern auf aufklärerische Ideale beriefen. Doch damit bedienten auch sie, die vormals Marginalisierten, das Szenario der Exklusivität. Zwar fanden nun Angehörige verschiedener «Hochreligionen» Zugang, doch die «Primitiven» blieben ausgeschlossen. Die Tea-Party-Aktivisten rebellierten im Mohawk-Kostüm daher auch gegen die Regeln der Loge. 

Andere Dissidenten handelten zwar nicht im Namen, aber unter dem Deckmantel der Organisation. Damit wirkt die Freimaurerei ungewollt als Vorhang, hinter dem sich mehr abspielt, als sie kontrollieren kann, für das sie aber auch nicht verantwortlich ist. Doch manchmal genügt das, was von hinter dem Vorhang durchscheint, um (Verschwörungs-)Ängste zu schüren. 

Jürg von Ins (*1953) ist Religionswissenschafter. Er lehrte in Zürich, Bern und an der FU Berlin. Publikationen: www.juergvonins.com
Anina Föhn (*1991) ist Philosophin und Latinistin. Seit ihrem Abschluss an der Universität Zürich arbeitet sie als freischaffende Autorin.


[1]London Daily Post (Mai 1739); vgl. A. Piatigorsky, Freemasonry, 1999:104

[2] Gemeint sind Juden, Christen und Muslime 

[3] Die Alten Pflichten von 1723, deutsch Leipzig 1920 S.1

[4] Sarastro in Mozarts Freimaureroper Die Zauberflöte.

[5] «Wage es, weise zu sein» (Horaz, Epist. I, 2, 40; 20 v. C.) und wurde zum Wahlspruch der Aufklärung: «Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit … Sapere aude! Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!» (Kant «Was ist Aufklärung?» 1784). Sapere aude ist auch der Name einer Zürcher Freimaurerloge.

[6] Die Alten Pflichten von 1723, deutsch Leipzig 1920, S.2

[7] Vgl. von Ins 2011:59ff.

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