Der Hexenglaube im Spannungsfeld von Religion und Verschwörungsmythen

Die neuere Forschung ist sich heute einig: Hexenverfolgungen hatten und haben weniger mit Religion zu tun als vielmehr mit Verschwörungsmythen. Diese existieren unabhängig von Religion. Ihre Inhalte verändern sich mit dem Zeitgeist und entsprechend dem vorherrschenden Weltbild. Als gesellschaftlicher Mechanismus ist die Hexenverfolgung ein Instrument der Sozialdisziplinierung im Dienst der Erhaltung gefährdeter Machtverhältnisse. 

Der Glaube an Hexen als zwischen sichtbarer und unsichtbarer Wirklichkeit lebende Wesen ist weltweit in nahezu allen Kulturen und Epochen zu finden. Meist weiblich konnotiert und mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattet, gelten sie als wandelbare und hellsichtige Geschöpfe, die natürliche und magische Kräfte im guten wie im bösen Sinn zu mobilisieren wissen und ihre Körper zwecks weiträumiger Erkundigungsflüge oder ritueller Treffen zu nächtlicher Stunde verlassen. Sie treten als Priesterinnen und Teufelsbuhlerinnen zugleich in Erscheinung, beschwören oder verwandeln sich in Schlangen und andere Tiere, mischen Medizinen und vereinen eine Vielzahl weiterer Merkmale auf sich. Versuche, ihre unsichtbare Macht in der sichtbaren Wirklichkeit zu verbildlichen haben in der Kunst spätestens seit dem 15. Jahrhundert eine eindrückliche Spur hinterlassen. Solche Abbildungen haben das gängige Hexenbild unserer sich seit mehreren hundert Jahren als aufgeklärt und säkularisiert begreifenden europäischen Gesellschaft geprägt. Sie führen heute fernab von Spiritualität und Religion in Film, Literatur und Kunst ein ebenso beschauliches, wie domestiziertes Nachleben. Bestrebungen, ein angenommenes «historisches Hexenwesen» wiederzubeleben, lassen sich dagegen auf dem Feld von Esoterik und Okkultismus beobachten.  Bewegungen wie die im England der 1950er Jahre entstandenen Wicca-Zirkel gelten in Amerika seit 1994 als staatlich anerkannte Religion und sind heute auch bei uns fester Bestandteil eines neureligiösen Angebots.

Idealisiert und verfolgt

Während die Figur der Hexe in der westlichen Welt heute vielerorts idealisiert wird, indem sie im Rahmen solcher neoreligiösen oder feministischen (Protest)bewegungen zu Ikonen des (weiblichen) Widerstandes und der Selbstermächtigung stilisiert wird, nahmen die Hexenverfolgungen andernorts auf der Welt zeitgleich dramatische Formen an. Hinrichtungen von der Hexerei bezichtigten Menschen sind aus Afrika, Teilen Lateinamerikas aber auch Indonesien, Indien, Südostasien, Papua Neuguinea und Saudi-Arabien bekannt. Im Fall von Tansania sollen zwischen 1960 und 2000 gegen 40.000 Menschen getötet worden sein, die wegen vermeintlicher Hexerei angeklagt wurden. Gemäss Wolfgang Behringer, Professor für Frühe Neuzeit an der Universität des Saarlandes, wären damit im 20. Jahrhundert mehr Menschen wegen Hexerei hingerichtet worden als während der ganzen Periode der neuzeitlichen Hexenjagd vor 300 Jahren in Europa.

Hexenwahn als Verschwörungsmythos

Solche Zahlen alarmieren längst nicht mehr nur die Menschenrechtsorganisationen, sondern ziehen zunehmend auch die Aufmerksamkeit der historischen Hexen-Forschung auf sich, die sich erst bewusst werden musste, dass sie sich mit einem Thema befasst, das nur vermeintlich der Vergangenheit angehört und keineswegs abgeschlossen ist.  Gibt es Parallelen zwischen dem in Europa aufgetretenen Phänomen der Hexenjagd, das zwischen 1560 und 1630 seinen Höhepunkt erreichte? Welche Rolle spielte die Religion in diesem dunklen Kapitel der europäischen Geschichte? Ist das Kapitel Hexenverfolgung dank der europäischen Aufklärung und der damit einhergehenden Säkularisierung tatsächlich überwunden worden? In der neueren Forschung gibt es in Bezug auf diese Fragen Thesen, die nicht nur unser europäisches Selbstverständnis als aufgeklärte Transparenzgesellschaft herausfordern, sondern hilfreich sind, wenn es darum geht, die Hintergründe der heutigen Hexenverfolgungen zu verstehen. Sie nehmen die hinter Hexenwahn und Hexenglaube liegenden Strukturen in den Blick und zeigen, dass das Narrativ der Hexenverfolgung nur vordergründig in der christlichen Religion wurzelt, die magische Praktiken bekanntlich an verschiedenen Stellen in der Bibel scharf verurteilt und kritisiert. 

Suggeriert wird im Hexenhammer die Existenz von geheimen Hexensekten, die es darauf angelegt hätten, gemeinsam mit dem Teufel die göttliche Schöpfung, die menschliche Gesellschaft, die weltliche Herrschaft und die christliche Religion zu zerstören.

Vielmehr lässt sich der Hexenwahn bei näherer Betrachtung als klassisches Beispiel eines Verschwörungsmythos identifizieren, dessen Grundstein von Theologen wie Augustinus (354-430) oder Thomas von Aquin (1225-1274)  gelegt wurde. Ihre Teufelspakt-Theorien haben in der vom Dominikanermönch Heinrich Kramer (1430-1505) 1487 veröffentlichten Schrift Malleus maleficarum (dt. Hexenhammer) eine systematische Zuspitzung erfahren, bei der die buchstäbliche «Verteufelung» der Frauen ins Zentrum rückte. Suggeriert wird im Hexenhammer die Existenz von geheimen Hexensekten, die es darauf angelegt hätten, gemeinsam mit dem Teufel die göttliche Schöpfung, die menschliche Gesellschaft, die weltliche Herrschaft und die christliche Religion zu zerstören. Nichts sei auf dieser Welt wie es scheine. Nichts geschehe durch Zufall. Und: alles sei mit allem verbunden. So lautet die Kernbotschaft der Hetzschrift, die über das neue Medium des Buchdrucks rasch und weiträumig Verbreitung fand und damit mit den Indikationskriterien übereinstimmt, die für Verschwörungsmythen gelten. Jede noch so unbescholtene Person konnte demnach eine unentdeckte Hexe sein (nichts ist, wie es scheint). Bei jedem Unglück galt es zwingend eine Hexe als Verursacherin aufzuspüren (nichts geschieht durch Zufall) und jede der über Zeugenbefragungen gesammelten Begebenheiten im Leben einer Person liess sich in ein belastendes Indiz verwandeln (alles ist mit allem verbunden).   

© Vera Rüttimann

Im Dienst der Erhaltung gefährdeter Machtverhältnisse

Sinn und Zweck von Verschwörungsmythen (und damit auch des Hexenwahns) war und ist es, in Zeiten tiefster Verunsicherung und wirtschaftlicher Not, ein kohärentes und sicheres Weltbild zu entwerfen und über die Definition von Schuldigen (Sündenböcke) von den eigentlichen Problemen abzulenken. Als gesellschaftlicher Mechanismus ist die Hexenverfolgung ein Instrument der Sozialdisziplinierung im Dienst der Erhaltung gefährdeter Machtverhältnisse. Konkret bedeutete dies in der frühen Neuzeit, dass eine tief in der Krise steckende Kirche in einer von Kriegen, Krankheiten, Klimawandel und sozialer Ungerechtigkeit und politischem Wandel geprägten Zeit alte religiöse Identitäten zu stärken und aufrechtzuerhalten bestrebt war.

… immer handelte es sich um einen soziokulturellen Mechanismus, der auch dann weiter Bestand hatte, wenn das Narrativ selbst sich wandelte. 

Unabhängig davon, ob in den an die Erklärungsbedürfnisse, Überzeugungen und Werte einer Zeit angepassten Narrativen die Schuld an einem Unglück ausserweltlichen Akteuren, wie Gott und dem Teufel, zugeschoben wurde oder ob diese auf innerweltliche Sündenböcke, wie zum Beispiel die Juden, projiziert wurde – auch Heinrich Kramer hat vor der Veröffentlichung des Hexenhammers gegen die Juden gehetzt – immer handelte es sich um einen soziokulturellen Mechanismus, der auch dann weiter Bestand hatte, wenn das Narrativ selbst sich wandelte. 

Keine Opfer von Religion

Die neuere Forschung ist sich deshalb heute einig: Hexenverfolgungen hatten und haben weniger mit Religion zu tun als vielmehr mit Verschwörungsmythen, die es unabhängig von dieser gibt und sich von ihren Narrativen her fortlaufend verändern. Ein Fehlschluss ist deshalb die zum Teil heute noch verbreitete Annahme, die Opfer von Hexenverfolgungen seien Opfer der Religion. Vielmehr waren und sind sie Opfer von Verschwörungstheorien. Zwar hat die auf das rationale Denken bauende Aufklärung mit ihrem Wandel vom metaphysischen zum säkularen Weltbild dafür gesorgt, dass es irgendwann unmöglich wurde, Sündenböcken die Verantwortung für Naturphänomene und Krankheiten in die Schuhe zu schieben, und durch eine allmählich erstarkende Rechtsstaatlichkeit mit Errungenschaften wie Pressefreiheit, Gewaltenteilung und Demokratie sichergestellt wurde, dass Krisen nicht mehr so einfach ausgenutzt werden konnten, um unerwünschte Personen zu beseitigen. Gleichwohl gelang und gelingt es dem die Religion kritisch beurteilenden rationalen Denken nicht, die Mechanismen, die Verschwörungsmythen zugrunde liegen, zu eliminieren.  

Dies erklärt auch, warum Hexenprozesse in Europa mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert nicht aufhörten. Vielmehr setzten sie sich weiter fort. Diese Tatsache wurde und wird bei uns zum Teil bis heute verdrängt. Weltweit betrachtet hat der Hexenwahn, wie eingangs bereits erwähnt, vielerorts gerade heute ein besorgniserregendes Ausmass angenommen. Statt auf einem durch Aufklärung und Säkularisierung definierten angeblichen Ende des Hexenwahns um 1800 liegt der aktuelle Forschungsfokus deshalb auf seiner konstanten Veränderung im Sinne eines «anthropologischen Wandels». Gearbeitet wird an epochenübergreifenden Theoriemodellen, die den Aspekt der Transformation von Verschwörungstheorien in den Vordergrund rücken. 

Der Fall Anna Göldi

Werfen wir zum Schluss einen Blick auf den Fall Anna Göldi, so zeigt es sich, dass der als letzter in die Geschichte eingegangene europäische Hexenprozess, gerade im Zusammenhang mit solchen  epochenübergreifenden Theoriemodellen, die den Aspekt der Transformation von Verschwörungstheorien in den Vordergrund rücken, von exemplarischer Bedeutung ist. Dies geht nicht zuletzt aus der neu aufgelegten und erweiterten Publikation Anna Göldi – geliebt, verteufelt, enthauptet. Der letzte Hexenprozess und die Entdämonisierung der Frau des Rechtshistorikers und Gründers der Anna Göldi Stiftung, Walter Hauser, hervor. 

Der Fakt, dass der im 18. Jahrhundert bereits als antiquiert geltende Begriff der Hexe in Verhör und Gerichtsprotokoll tunlichst vermieden wurde, konnte offensichtlich von der Tatsache nicht ablenken, dass mittels zahlreicher aus der Zeit der Hexenverfolgung stammender Topoi, die die Kläger nach und nach ins Spiel brachten, gezielt eine Argumentationsstruktur geschaffen wurde, die im Wesentlichen mit derjenigen der früheren Hexenprozesse übereinstimmte. Dies dürfte dann auch der Grund dafür gewesen sein, weshalb nicht nur Journalisten wie Heinrich Ludwig Lehmann (1754-1828) und Wilhelm Ludwig Wekhrlin (1739-1792) den Prozess als Hexenprozess wiedererkannten und ihn als solchen publik machen konnten, sondern auch die Zürcher Kirche. Mit dem erstmals verwendeten Begriff des Justizmordes wurde der Fokus zugleich von nicht mehr glaubwürdigen, ausserweltlichen auf innerweltliche Machtstrukturen gelenkt. Der Versuch seitens des Klägers, Johann Jakob Tschudi (1747–1800), an die überholten Strukturen der Macht anzuknüpfen und diese im Hinblick auf die Eliminierung der Angeklagten neu zu beleben, war zwar erfolgreich, der überfällige «Entdämonisierungsprozess» der Frau, das heisst, das ausserweltliche Narrativ des Verschwörungsmythos, liess sich jedoch, wie Walter Hauser zeigt, nur mehr mit grösster Mühe aufrecht erhalten.  

Naiv wäre die Vorstellung, wie die aktuelle Gegenwart zeigt, dass der Verschwörungsmythos des Hexenwahns in der westlichen Transparenzgesellschaft ein für alle Mal überwunden worden wäre …

Das Anna Göldi Museum ist deshalb Erinnerungsort und Menschenrechtsmuseum zugleich. Es verbindet die historische Aufarbeitung des tragischen Schicksals von Anna Göldi (1734-1782) aus dem 18. Jahrhundert mit der Sensibilisierung für die oben beschriebenen Mechanismen von kultur- und epochenübergreifenden Menschenrechtsverletzungen. Hervorgehoben wird dabei die zentrale Bedeutung der europäischen Aufklärung für das Aufkommen und die Pflege einer durch das rationale Denken bestimmten Kultur und die damit verbundenen rechtsstaatlichen Errungenschaften wie Pressefreiheit, Gewaltenteilung und Demokratie, als lebendig zu haltendes und zu bewahrendes, immaterielles Kulturerbe. Naiv wäre die Vorstellung, wie die aktuelle Gegenwart zeigt, dass der Verschwörungsmythos des Hexenwahns in der westlichen Transparenzgesellschaft ein für alle Mal überwunden worden wäre, vielmehr geht es darum, sich der Errungenschaften der Aufklärung bewusst zu bleiben und an ihnen festzuhalten. Nur so kann deren Fortbestand in unserer im Wandel begriffenen digitalen Gesellschaft gewährleistet werden. 


Literatur:

Wolfgang Behringer, Sönke Lorenz, Dieter R. Bauer (Hg.), Späte Hexenprozesse. Der Umgang der Aufklärung mit dem Irrationalen,  Bielefeld 2016.

Rosmarie Beier-de Haan, Rita Voltmer, Franz Irsliger (Hg.), Hexenwahn. Ängste der Neuzeit, Berlin 2002.

Michael Butter, „Nichts ist, wie es scheint“. Über Verschwörungstheorien, Berlin 2018.

Walter HauserAnna Göldi – geliebt, verteufelt, enthauptetDer letzte Hexenprozess und die Entdämonisierung der Frau, Zürich 2021.

Werner Tschacher, Vom Feindbild zur Verschwörungstheorie. Das Hexenstereotyp, in:  Ute Caumanns /Mathias Niendorf (Hg.), Verschwörungstheorien. Anthropologische Konstante – historische Varianten, Osnabrück 2001, S. 49-74.

Ursula Helg ist promovierte Kunst- und Kulturwissenschaftlerin und Direktorin des 2017 gegründeten Anna Göldi Museums in Ennenda. Sie hat in Zürich und Wien Kunstgeschichte, Ethnologie und deutsche Literatur studiert und war anschliessend an der Universität Zürich, an der Zürcher Hochschule der Künste und an der Freien Universität Berlin in Forschung und Lehre tätig. Von 2014-2019 hat sie an der FU Berlin zum Thema Magie und Hexerei in Afrika geforscht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst diese HTML-Tags und -Attribute verwenden:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.